Abo
  • Services:

Alphabet: Google sagt, was böse ist

Googles neuer Mutterkonzern Alphabet kehrt vom Motto "Don't Be Evil" ab. Wird Google nun böse? Nein, denn der Spruch wurde ohnehin schon immer falsch verstanden.

Artikel von Eike Kühl/Zeit Online veröffentlicht am
Ein Wandgemälde mit den Google-Gründern Sergey Brin und Larry Page
Ein Wandgemälde mit den Google-Gründern Sergey Brin und Larry Page (Bild: Thierry Ehrmann/Flickr (CC BY 2.0))

Ursprünglich war das mit dem Nicht-böse-Sein nur als Witz gemeint. Wie der Journalist Steven Levy in seinem Buch In The Plex schreibt, trafen sich 2001 leitende Google-Mitarbeiter, um das Unternehmensethos und neue Richtlinien festzulegen. Mit dabei war Paul Buchheit, der spätere Erfinder von Gmail, der die Diskussion über postkartentaugliche Werte und Pflichten ebenso ermüdend wie absurd fand. Stattdessen warf er das Motto Don't Be Evil - sei nicht böse - in den Raum. Seine Kollegen fanden es witzig, es entwickelte eine eigene Dynamik unter den Mitarbeitern und drei Jahre später tauchte der Spruch vor Googles Börsengang prominent in einem Brief an die Investoren auf. Aus einem Witz wurde somit der inoffizielle und durchaus ernst gemeinte Slogan von Google.

Stellenmarkt
  1. Bosch Gruppe, Dresden
  2. fischerwerke GmbH & Co. KG, Tumlingen

Bis jetzt jedenfalls. Am vergangenen Freitag vollzog Google die angekündigte Aufspaltung des Unternehmens. Ab sofort ist Google, gemeinsam mit seinen bekanntesten Produkten wie der Suchmaschine, Gmail und Android, ein Teil der neuen Holding Alphabet. Und in deren neuem Verhaltenskodex taucht das Motto nicht mehr auf. Stattdessen heißt es, dass alle Mitarbeiter von Alphabet und seiner Tochterfirmen "das Richtige tun" sollten (Do the Right Thing): sich an die Gesetze halten, ehrenwert verhalten und andere mit Respekt behandeln. So weit, so spießig - und genau deshalb so passend.

So bekannt Don't Be Evil in der Öffentlichkeit ist, so kritisch wurde es seit jeher intern gesehen. Der frühere CEO Eric Schmidt teilte mehrfach mit, dass der Slogan schon immer missverstanden wurde. Er sollte nie eine absolute Position darstellen, sondern vor allem interne Debatten über die Unternehmensethik hervorrufen. An anderer Stelle sagte Schmidt, er habe es nach seinem Einstieg bei Google als "die dümmste Regel überhaupt" empfunden, ganz einfach weil es keine allgemein gültige Definition von Gut und Böse gebe und die Auslegung immer im Auge des Betrachters liege. Google-Gründer Larry Page selbst sagte im vergangenen Jahr, das Unternehmen brauche vielleicht langsam mal ein neues Motto. Natürlich fühlten sich Google-Kritiker durch solche Aussagen nur bestätigt, weil sie sich auch so (miss)verstehen ließen: Wird Zeit, dass wir bei Google auch offiziell böse sein dürfen.

Google-Dialektik

Aber Don't Be Evil als Motto zeigte schon immer die Dialektik von Google als Unternehmen. Für viele Nutzer, die um die Jahrtausendwende das erste Mal online gingen, war Google das Tor ins Netz. Ein Dienst zweier Nerds aus dem Silicon Valley mit bunten, unschuldigen Buchstaben, das nichts anderes wollte, als die Informationen der Welt zu organisieren und den Menschen zugänglich zu machen. Gmail, Youtube, Maps - alles schien gemäß der Unternehmensphilosophie diesem Ziel untergeordnet.

Datenschützer, Journalisten und ganze Studien dagegen versuchten in den vergangenen Jahren regelmäßig, diesen vermeintlichen Idealismus Googles mit aktuellen Entwicklungen zu widerlegen: Die immer weitreichendere Sammlung von Nutzerdaten über sämtliche Dienste hinweg, der zwischenzeitliche Zwang zu Google+ bei Youtube, der Einstieg in verschiedene Sparten von Medizintechnik bis hin zu Robotern und die enge Zusammenarbeit mit Rüstungskonzernen und US-Behörden wurden dabei als Zeichen angeführt, dass Google sein eigenes Motto längst nicht mehr beachtet. Immer wenn es Kritik an Google gab, wurde in irgendeinem Text auf Don't Be Evil verwiesen.

In einem Essay für The Atlantic widerspricht der Autor Ian Bogost allerdings der oft geäußerten Meinung, dass sich Google vom ehemaligen sympathischen Startup zum fiesen globalen Megakonzern gewandelt hat. Seiner Ansicht nach machte Google nie einen Hehl daraus, ein profitorientiertes Unternehmen zu sein. Was Außenstehende gemeinhin als "böse" sehen, lässt sich problemlos aus Googles Binnensicht rechtfertigen. Eric Schmidt sagte dazu in einem Interview aus dem Jahr 2003: "Böse ist, wenn Sergey sagt, dass es böse ist." Oder anders gesagt: Die einzige Logik, der Google stets folgte, war die eigene.

Tu das Richtige - für Google

Gerade deshalb taugte Don't Be Evil nie als moralischer Kompass, sondern war die Rechtfertigung der eigenen Taten und Entwicklungen. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase wurde es zum bis heute gültigen Mantra von Technik- und Internetunternehmen, die in ihrem unbändigen Fortschrittsglauben davon überzeugt sind, dass ihre Produkte und Erfindungen immer dem Wohle der Gesellschaft dienen. Laut Bogost ist für Google die "Googleisierung" der Welt die Basis, auf der die eigene Definition von Böse gründet: Solange Entscheidungen Googles Wachstum und damit im Umkehrschluss der Gesellschaft helfen, können sie nicht böse sein. "Don't Be Evil ist quasi das 'Sei dir selbst treu' des Silicon Valley. Es ist gleichermaßen Tautologie und Narzissmus", schreibt Bogost.

Mit der mutmaßlichen Abkehr von Don't Be Evil ändert sich daran übrigens genau: nichts. Vielmehr reagiert Alphabet bloß auf die jahrelange Falsch- und Überinterpretation des alten Slogans. Kurioserweise wurde auch der designierte Nachfolger Do the Right Thing bereits in dem erwähnten Treffen aus dem Jahr 2001 erwähnt. Die Personalchefin Stacey Sullivan reagierte der Anekdote nach auf den Vorschlag Don't Be Evil mit den Worten "Können wir das nicht als 'Tu das Richtige' oder etwas Positiveres formulieren?" 14 Jahre später wird Sullivans Wunsch nun erfüllt: Tu das Richtige - das Richtige für Google.



Anzeige
Blu-ray-Angebote
  1. 5€ inkl. FSK-18-Versand
  2. (u. a. 3 Blu-rays für 15€, 2 Neuheiten für 15€)
  3. 5€ inkl. FSK-18-Versand

daarkside 06. Okt 2015

Akzeptiere ich, gut und böse sind kulturell geprägt. Aber das sind Begriffe. Habe ich...

Dwalinn 06. Okt 2015

Richtig und Falsch liegen auch immer im Auge des Betrachters, daher hat sich ja jetzt...

Moe479 06. Okt 2015

wie der AAAAAAA Schlüsseldienst? darauf fallen doch nur dumme rein!

Dragon Of Blood 06. Okt 2015

Das würde ich feiern. Die Folge wäre ja quasi offener Krieg zwischen der US und A und...


Folgen Sie uns
       


Nike Adapt BB ausprobiert

Nikes neue Basketballschuhe Adapt BB schnüren sich automatisch zu, was in unserem Praxistest sehr gut funktioniert.

Nike Adapt BB ausprobiert Video aufrufen
Klimaschutz: Energieausweis für Nahrungsmittel
Klimaschutz
Energieausweis für Nahrungsmittel

Dänemark will ein Klimalabel für Lebensmittel. Es soll Auskunft über den CO2-Fußabdruck geben und dem Kunden Orientierung zu Ökofragen liefern.
Ein Bericht von Daniel Hautmann

  1. Standard Cognition Konkurrenz zu kassenlosen Amazon-Go-Supermärkten eröffnet
  2. Amazon-Go-Konkurrenz Microsoft arbeitet am kassenlosen Lebensmittel-Einkauf

Far Cry New Dawn im Test: Die Apokalypse ist chaotisch, spaßig und hat Pay to Win
Far Cry New Dawn im Test
Die Apokalypse ist chaotisch, spaßig und hat Pay to Win

Grizzly frisst Bandit, Buggy rammt Grizzly: Far Cry New Dawn zeigt eine wunderbar chaotische Postapokalypse, die gerade bei der Geschichte und dem Schwierigkeitsgrad viel besser macht als der Vorgänger. Schade, dass die bunte Welt von Mikrotransaktionen getrübt wird.
Ein Test von Oliver Nickel

  1. Far Cry New Dawn angespielt Das gleiche Chaos im neuen Gewand
  2. New Dawn Ubisoft setzt Far Cry 5 postapokalyptisch fort

Carsharing: Regierung will Mobilitätsdienste per Gesetz stärken
Carsharing
Regierung will Mobilitätsdienste per Gesetz stärken

Die digitalen Plattformen für Carsharing und Carpooling sollen Rechtssicherheit bekommen. BMW, Daimler und VW sowie Uber & Co. stehen in den Startlöchern.
Ein Bericht von Daniel Delhaes und Markus Fasse

  1. Lobbyregister EU-Parlament verordnet sich mehr Transparenz
  2. Contract for the web Bundesregierung unterstützt Rechtsanspruch auf Internet
  3. Initiative D21 E-Government-Nutzung in Deutschland ist rückläufig

    •  /