Vom McKinsey-Direktor zum ersten Allianz-CTO

Golem.de: Nach Ihrer Zeit am Max-Planck-Institut gingen Sie zu McKinsey und stiegen dort zum Direktor auf. Dürfen Sie verraten, welchen Kunden Sie bei McKinsey betreut haben?

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Löffler: Einzelne Klienten kann ich nicht nennen, mit einer Ausnahme: die Allianz war über viele Jahre mein wichtigster Klient. Ich habe immer sehr bewusst Klienten aus verschiedenen Branchen auf allen Kontinenten beraten, das umfasst vor allem High Tech, Manufacturing, Transportation & Logistics.

Golem.de: Wie kamen Sie zur Stelle als CTO bei der Allianz Versicherung?

Löffler: Die Stelle als CTO wurde neu geschaffen und Teil meiner Aufgabe war anfangs, diese zu definieren und auszufüllen.

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Golem.de: Was genau machen Sie als CTO?

Löffler: Ich kümmere mich um die Umsetzung der Allianz-Strategie, insbesondere um das Customer Model. Das Allianz Kundenmodell (ACM) soll unser Geschäft gruppenweit vereinfachen, harmonisieren und digitalisieren. Hier transformieren wir alles, von der Produktgestaltung und Preisgestaltung bis hin zu unserem Vertriebsansatz, den Schadenprozessen und den Back-Office-Abläufen. ACM setzt bei unseren Kunden an, die keine komplexen Versicherungsprodukte mit unzähligen Varianten benötigen.

Um die digitale Transformation voranzutreiben, beschäftige ich mich mit einem sehr breiten Spektrum an Themen, von Strategie und Architektur über Delivery-Exzellenz in Projekten und Betrieb, bis zu ökonomischen Fragen und IT Sicherheit, etwa: Wie gelangt unsere Strategie in jedes unserer Produkte und wie müssen wir unsere Technologie verfeinern, um die Allianz zu einem wirklich digitalen Unternehmen zu machen?

Golem.de: Und wie sieht für gewöhnlich Ihr Arbeitstag aus?

Löffler: Ein typischer Arbeitsalltag heißt, dass ich die Strategie ausarbeiten und erklären muss, dass einzelne Projekte Entscheidungen verlangen oder Probleme an bestimmten Systemen gelöst werden müssen. Aber auch IT-Sicherheitsfragen und Entscheidungen über Budget und Ausgaben gehören dazu.

Golem.de: Sie sind jetzt seit drei Jahren CTO. Welche technischen Neuerungen konnten Sie in dieser Zeit bei der Allianz anstoßen oder umsetzen?

Löffler: Die beiden Neuerungen, die wohl den größten Einfluss haben, sind, dass wir gleich in meinem ersten Monat eine Hybrid-Cloud-Strategie mit einer Präferenz für Public Cloud und zwei strategischen Partnern etabliert haben. Davor hatten wir eine Private-Cloud-Strategie im eigenen Rechenzentrum. Und für unser Kerngeschäft haben wir eine globale Plattform, die IT Master Platform, entwickelt, die passgenau für unsere Geschäftsstrategie konfiguriert und derzeit global für alle Geschäftsfelder ausgerollt wird.

Alle Reste von Bürokratie beseitigen

Golem.de: Wie schaffen Sie denn den Spagat zwischen versicherungstypischer Bürokratie und nötiger Agilität der Tech-Branche?

Löffler: Wir arbeiten gemäß der Strategie Simplicity wins intensiv daran, alle Reste von Bürokratie zu eliminieren. Was allerdings als Spannungsverhältnis bleibt, ist, dass wir in vielen Bereichen, wie zum Beispiel Datenschutz oder auch Risiko-Management, einem Null-Fehler-Ansatz folgen müssen. Das Bananen-Prinzip vieler Tech-Player, bei dem Produkte beim Kunden reifen, können wir uns nicht erlauben. Trotzdem ist unsere IT durchaus auf dem Level führender Tech Companys.

Golem.de: Welches technische oder rechtliche Problem aus ihrem Berufsalltag würden sie lösen, wenn Sie einen magischen Wunsch frei hätten?

Löffler: Große, vertikal skalierende Datenbanken magisch in horizontal skalierende Architekturen zu bringen, wäre klasse. Das würde unsere Cloud-Transformation und die Konvergenz von transaktionalen und analytischen Systemen massiv beschleunigen.

Golem.de: Entwickelt Ihr Team auch selbst Software und Apps? Oder setzen Sie eher auf Akquisitionen und Kooperationen?

Löffler: Unsere Strategie ist es, Software vom Markt zu kaufen, am besten als Software as a Service (SaaS), und diese für die Allianz-Plattform zu integrieren. Wir sind exzellent dabei, Software für unser Geschäft zu integrieren und zu konfigurieren, entwickeln können führende Software-Anbieter besser.

Die einzige Ausnahme ist unser Kernversicherungssystem, Allianz Business System, ABS. Das entwickeln wir selbst, weil es Marktlösungen überlegen ist. Mit unserem Partner Microsoft stellen wir dieses System durch unsere Tochter Syncier auch Dritten als SaaS-Lösung zur Verfügung. Das ABS ist das Kernsystem, das unsere Kunden-, Vertrags- und Schadendaten verwaltet.

Coaching und Beratung für IT Profis, die sich beruflich weiterentwickeln wollen

Golem.de: Welche Programmiersprache ist für Ihre Arbeit am relevantesten und programmieren Sie noch selbst?

Löffler: Am meisten Lines of Code produzieren wir in Java und Angular. Für die Allianz programmiere ich nicht mehr selbst, das ist wohl auch besser so. Ich habe aber viel Spaß zu Hause mit kleinen Projekten wie der automatischen Gartenbewässerung.

Golem.de: Dass ein Versicherer selbst Software entwickelt und verkauft, ist sicher nicht die einzige Veränderung der Branche durch die Digitalisierung. Wie haben sich Versicherungen generell dadurch verändert?

Löffler: Die wohl wichtigste Veränderung ist, dass unsere Kunden nicht mehr zwischen Branchen unterscheiden - es genügt nicht, innerhalb der Versicherungsindustrie eine gute Kundenerfahrung zu bieten, wir müssen uns mit digitalen Marktführern aus anderen Branchen messen. Wenn ein Kunde im Einzelhandel Möbel oder Sportartikel angenehm und einfach kauft, müssen wir uns digital mit solchen Marktführern aus allen Branchen messen.

Ist der Versicherte schon gläsern?

Golem.de: Stichwort Versicherung und Data Science: Viele Menschen denken an gläserne Bürger und die Sport-App, die der Versicherung verrät, wie oft ich Joggen gehe und wie hoch ein Risiko für Folgeerkrankungen ist. Ist das "Healthy Living"-Konzept, also die Integration von Alltagsdaten in die Gebührengestaltung, bereits Realität bei der Allianz?

Löffler: Wir verfolgen sehr genau, was in den verschiedenen Märkten Kunden von uns erwarten und wie sich die rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen entwickeln. Aus technologischer Sicht sind wir schon sehr weit; was wir davon wann in den Markt bringen, ist eine Business-Entscheidung, die wir sehr sorgfältig abwägen. Für Healthy Living heißt das zum Beispiel, dass man Daten technisch nutzt, um eine gesunde Lebensführung zu belohnen.

Es ist aber eine Geschäftsentscheidung, ob man das in einem Markt auch tun möchte oder ob man möchte, dass das Kollektiv der Versicherten riskante Lebensweisen Einzelner mitträgt. Auch hängt das natürlich auch von den lokalen Regulatoren ab.

Wer viel arbeitet, ist gesünder

Golem.de: Bekomme ich künftig vielleicht keine Versicherung mehr, wenn meine Apple-Watch preisgibt, dass ich zehn Stunden am Tag am Schreibtisch sitze?

Löffler: Da würde ich mir keine Sorgen machen, statistisch gesehen sind Menschen, die viel arbeiten gesünder und leben länger als der Durchschnitt. Aber im Ernst: Es wird wohl eine Differenzierung geben: Manche Kunden werden Versicherungsprodukte präferieren, die ihr individuelles Risiko und Verhalten möglichst genau und fair berücksichtigen, beispielsweise eine defensive Fahrweise oder eine gesunde Ernährung, andere möchten lieber undifferenziert Teil eines Kollektivs sein.

Golem.de: Warum muss man eigentlich immer noch ewig rumtelefonieren, um in Berlin einen Termin beim Facharzt zu bekommen? Sollte das nicht eigentlich längst alles flächendeckend digital über meine Versicherung laufen? Arbeiten Sie an einer Lösung?

Löffler: In die Beziehung zwischen Arzt und Patient dürfen wir uns, nicht zuletzt wegen legaler und regulatorischer Limitationen, nicht einschalten. Wenn es um die Reparatur Ihres Autos geht, können wir uns da schon umfassend kümmern.

Golem.de: Welche Entwicklungen sind im Bereich Predictive Analytics - also mit Hilfe von Daten Vorhersagen zu treffen - wegweisend? Woran arbeiten Sie mit Ihrem Team gerade dahingehend?

Löffler: Am meisten Bewegung ist sicherlich im Bereich der Industrie 4.0, dort befinden wir uns bereits in der globalen Skalierung. Sehr spannend für uns ist auch künstliche Intelligenz vor der eigenen Haustüre, im IT-Betrieb. Zum Beispiel erlaubt uns Predictive Analytics die Vorhersage von Wartungsbedarf bei Industrieanlagen, die wir versichern, und ermöglicht uns so, bessere Ausfallversicherungen anzubieten. Auch in einem Rechenzentrum kann man mit Vorhersagen zum Beispiel von Lastspitzen bessere Qualität und bessere Auslastung der Systeme liefern.

Golem.de: Was sind die größten Big-Data-Herausforderungen, denen die Versicherung der Zukunft begegnen muss?

Löffler: Die Bedeutung proprietärer Daten innerhalb unserer Industrie bleibt hoch, wird aber komplementiert durch Daten Dritter und vor allem auch durch öffentlich verfügbare Daten. Das ist ein Paradigmenwechsel für die Versicherungsindustrie - traditionell war unserer proprietärer "Datenschatz" ein wichtiges Asset, jetzt entsteht Wert nur durch intelligente Nutzung und Augmentierung dieser Daten.

Nehmen Sie zum Beispiel den intelligenten Haushalt: Geräte im Haus, die bereits Daten verarbeiten, erleichtern auch die eigene Schadenprävention und -behebung.

Golem.de: Wie stehen Sie denn zu den strengen Datenschutzregeln der EU? Sind sie für eine Modernisierung der Versicherungen ein Fluch oder ein Segen?

Löffler:Größtenteils sind sie ein Segen - hohe Standards für Datenschutz sind essenziell für uns und unsere eigenen Standards sind meist noch viel höher als die gesetzlichen Vorgaben. Es ist gut, wenn sich da auch alle Wettbewerber und die Attacker aus anderen Industrien daran halten müssen.

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 Experimentieren an der Grenze des Machbaren und SinnvollenDas sind die Einstellungskriterien des Allianz-CTOs 
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plutoniumsulfat 22. Sep 2021 / Themenstart

24/7 ist als geflügeltes Wort bekannt - die 365 soll nur die Steigerung verdeutlichen...

bla 22. Sep 2021 / Themenstart

Ich hätte ja gedacht, dass es CTOs nur in Firmen gibt, die auch was mit Technik machen...

GwhE 21. Sep 2021 / Themenstart

Mich hat am meisten die Antwort Tabs verstört. Wie kann er nur, jeder vernünftige Mensch...

Spelter 21. Sep 2021 / Themenstart

Denn das macht so gut wie keiner mehr in der Allianz so wirklich. Die meisten Projekte...

Dakkaron 19. Sep 2021 / Themenstart

Jup, Ähnliches hier. Wer sich als ITler mit miesen Arbeitsumständen zu Frieden gibt...

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