Zum Hauptinhalt Zur Navigation Zur Suche

AKW-Abschaltungen: Atomkraft kann ihr wichtigstes Versprechen nicht einlösen

Kernkraftwerke sollen zuverlässig und rund um die Uhr Strom liefern. Diese Grundlastfähigkeit ist das Hauptargument für die Energiequelle. Es bröckelt.
/ Mario Petzold
113 Kommentare Auf Google folgen (öffnet im neuen Fenster)
Das Kernkraftwerk Chooz, Frankreich, musste wegen des Niedrigwassers an der Maas heruntergefahren werden. (Bild: Wikipedia/Raimond Spekking)
Das Kernkraftwerk Chooz, Frankreich, musste wegen des Niedrigwassers an der Maas heruntergefahren werden. Bild: Wikipedia/Raimond Spekking / CC-BY-SA 4.0

In Ungarn drohte am 3. August die komplette Abschaltung des einzigen Atomkraftwerks des Landes. Dies konnte knapp verhindert werden, aber die Stromeinspeisung liegt derzeit bei 170 Megawatt(öffnet im neuen Fenster) statt wie üblich bei 1.900 Megawatt.

In Rumänien musste die Armee den Weg für das Wasser zur Kühlung eines Atomkraftwerks freisprengen. Immerhin kann es mit halber Leistung weiterbetrieben werden. In der Schweiz wird gerade halb so viel Strom aus Kernenergie erzeugt wie üblich. In Frankreich stehen immerhin noch drei Viertel zur Verfügung, aber es fehlt dort die Leistung von zehn Kernreaktoren.

Hitze und Dürre in Europa zeigen, dass die Atomkraft ihr wichtigstes Versprechen nicht mehr einlösen kann. Anders als erneuerbare Energien wie Windkraft und Photovoltaik sollte die Atomkraft stets und immer verlässlich Strom liefern, absolut vorhersehbar und möglichst ausfallsicher.

Stromproduktion muss sich wandeln

Rumänien und Ungarn verließen sich ein Stück weit auf dieses Versprechen. Aktuell sind beide Ländern von Stromimporten abhängig, da praktisch keine Grundlast mehr vorhanden ist. Selbst die auch in Ungarn vorhandene Mittagsspitze durch Photovoltaik genügt nicht, um den Strombedarf zu decken. Ebenso müssen die Schweiz und Frankreich Strom in großem Umfang importieren, um den Wegfall der fest eingeplanten Energie aus der Atomkraft zu kompensieren.

In Deutschland ist davon wenig zu spüren. Das Niedrigwasser behindert zwar die Binnenschifffahrt und hat negative Auswirkungen auf die Industrie, aber gekühlt werden müssen die zahlreichen abgeschalteten Atomkraftwerke an Rhein, Donau, Weser und Elbe schon längst nicht mehr. Genauso wenig, wie Solaranlagen und Windräder auf Kühlung angewiesen sind.

Aber auch hierzulande hat die Hitze Auswirkungen. Kohle- und Gaskraftwerke müssen ebenfalls mit Flusswasser gekühlt werden, das gerade fehlt. Zudem kann auf den Flüssen weniger Kohle transportiert werden, so dass die Energieerzeugung bei Dürre sicher nicht unanfällig ist.

Vielfalt und Vernetzung entscheidend

Mehr erneuerbare Energieanlagen und mehr Speichermöglichkeiten können das Energiesystem aber hitzeresistent machen. Denn neben Gebäuden und Infrastruktur muss sich auch die Stromerzeugung an die neuen Bedingungen anpassen. Mit weniger Hitzetagen, weniger Hitzerekorden und weniger Niedrigwasser ist den nächsten Jahrzehnten erst einmal nicht zu rechnen.

Die Situation in Südosteuropa zeigt gleichzeitig auch, wie wertvoll ein europäisches Stromnetz ist, in dem zwischen den einzelnen Staaten große Mengen Energie ausgetauscht werden können. Durch dieses Netz wird weiterhin auch Strom aus Atomkraft fließen und es in Zeiten von wenig Wind und Sonne stützen. Glücklicherweise gibt es diese Dunkelflauten vornehmlich im Winter, wenn keine Notabschaltungen von AKW wegen Wassermangels und zu hoher Wassertemperaturen zu befürchten sind.

Ein wichtiges Argument für den Neubau von Kernkraftwerken oder gar den Wiedereinstieg in die Atomkraft kann so aber nicht mehr stehen bleiben: Stets verfügbar ist auch Atomstrom nicht.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)


Relevante Themen