AfriNIC: Lobbygruppe will Regeln zur IPv4-Adressvergabe ändern

Die Lobbygruppe Number Resource Society (NRS) versucht derzeit offenbar mithilfe verschiedener Druckmittel die Regeln zur IPv4-Adressvergabe massiv zu beeinflussen und langfristig so zu ändern, dass die IPv4-Adressen wie normale Vermögenswerte weiterverkauft und gehandelt werden können. Das berichtet das Magazin The Register unter Berufung auf eigene Recherchen(öffnet im neuen Fenster) .
Die NRS geht dabei so weit zu behaupten, dass die sogenannten Regional Internet Registries ( RIRs(öffnet im neuen Fenster) ) das gesamte Internet zerstören wollten. Ebenso wird deren gesamte bisherige regulatorische Struktur und deren Kontrolle etwa über die IP-Adressvergabe grundsätzlich infrage gestellt - wohl allein zum Zweck der persönlichen Bereicherung. Das legen laut dem Bericht unter anderem die Verbindung einzelner Personen von NRS zu weiteren dubiosen Geschäftspartnern und deren Tätigkeiten nahe.
Das Magazin schreibt dabei sogar, es sei überzeugt, dass die NRS wahrscheinlich "ein Vehikel für kommerzielle Unternehmen [ist], die von der von ihr selbst angestrebten Neuerfindung der Internetregeln profitieren würden." Ziel sei es dabei, die IPv4-Adressvergabe den RIRs wegzunehmen und den gesamten Prozess zu kommerzialisieren.
AfriNIC unter Druck
Laut den Recherchen von The Register beginnen die Aktivitäten von NRS mit den Problemen bei AfriNIC. Das AfriNIC mit Sitz in Mauritius ist eine der sogenannten Regional Internet Registries und unter anderem für die Verwaltung und Vergabe von IP-Adressen in Afrika zuständig. Nach massiven Problemen und Manipulationsvorwürfen rund um die Vergabe von IPv4-Adressen im Jahr 2019 sollten die Vorgänge zwar aufgeklärt werden. Das geschieht aber nicht ohne Probleme.
Die neue Führung von AfriNIC kontaktierte im Rahmen der Aufarbeitung im Jahre 2020 das Unternehmen Cloud Innovation und warf diesem einen Vertragsbruch vor. Das Unternehmen hält die Rechte an 7 Millionen IPv4-Adressen, die das AfriNIC vergeben hatte und lief Gefahr, diese verlieren zu können. Es folgte ein extrem unübersichtlicher Rechtsstreit, der unter anderem zur Sperrung des Bankkontos des AfriNIC führte und laut dem Bericht auch der Grund dafür sein soll, dass das AfriNIC derzeit keinen CEO und Vorstand besetzen kann, so the Register.
Brisant daran ist, dass der CEO von Cloud Innovation, Lu Heng, ebenfalls CEO des Unternehmens Larus ist, das wiederum das sichtbarste Mitgliedsunternehmen von NRS ist. The Register beschreibt das Vorgehen so: "Cloud Innovation hat von AfriNIC Millionen von IP-Adressen zugewiesen bekommen und vermietet sie über Larus, das eng mit der NRS verbunden ist. Sowohl Cloud Innovation als auch später die NRS betrieben intensive Lobbyarbeit gegen AfriNIC - nicht nur, um eine Rücknahme von IPv4-Adressen zu verhindern, sondern um die Registry und die Adresszuweisung insgesamt zu reformieren."
Lobbykampagne für freie IP-Adressvergabe
Parallel zu den Rechtsstreits begann die NRS eine Kampagne, bei der ISPs und AfriNIC-Mitglieder kontaktiert wurden. Der NRS wird dabei vorgeworfen(öffnet im neuen Fenster) , Falschinformationen zu verbreiten. Hinzu kommen weitere zahlreiche öffentliche Aktivitäten wie etwa Videos, in denen dem AfriNIC Korruption vorgeworfen wird. Die NRS wiederum trete dabei für eine freie und transparente Vergabe von IPv4-Adressen ein.
Noch vor wenigen Wochen habe die NRS dann öffentlich dazu aufgerufen, RIRs zu einer lediglich überwachenden Rolle herabzustufen und ISPs die Möglichkeit zu geben, selbst über IP-Adressen zu bestimmen. Ein NRS-Sprecher sagte The Register zum Ziel der Organisation in Bezug auf die IP-Adressvergabe: "Ein virtueller Marktplatz würde ähnlich wie eine Börse existieren (...) Der Preis für IPs würde je nach Angebot und Nachfrage schwanken und würde eine [dezentralisierte] Lösung für die Zukunft bieten."
Das könnte extrem lukrativ sein. Denn die Anzahl der IPv4-Adressen ist stark begrenzt und deren Vergabe unterliegt seit Jahren strengen Regeln. Da viele Unternehmen weltweit aber offenbar nicht auf IPv6 wechseln wollen oder können, wird die Nachfrage bei sinkendem Angebot immer größer. Schon vor mehr als drei Jahren ist der Marktpreis für IPv4-Adressen auf etwa 15 US-Dollar geschätzt worden, Tendenz steigend. Cloud Innovation vermietet die ihm zugewiesenen Adressen laut The Register derzeit für 2 bis 3 US-Dollar pro Jahr.



