Afghanistan: Taliban jagen ihre Gegner auch via Netz

Über die Situation der Ortskräfte der Bundeswehr in Afghanistan wird derzeit intensiv berichtet. Dabei werden auch Fotos und Videos der Bundeswehrhelfer veröffentlicht. Für die Betroffenen kann das extrem gefährlich werden.
Denn unverpixelte Fotos und Videos von Untergetauchten, die auf eine Chance zur Flucht warten, liefern nicht nur aktuelle Steckbriefe. Oft lassen sich aus den Metadaten und Bildinhalten auch Hinweise auf den Aufenthaltsort der Interviewten entnehmen.
So hatte eine Redaktion ein Foto mit GPS-Koordinaten ins Netz gestellt. Zum Glück wurde das Bild rasch wieder entfernt. Eine Nichtregierungsorganisation hatte ein Video mit dem Hilferuf eines Journalisten veröffentlicht, dessen afghanisches Medienunternehmen für die Bundeswehr gearbeitet hat, aber zunächst die Regeln des Informantenschutzes nicht beachtet.
Bildinhalte können Verstecke verraten
Anhand der Bettwäsche und des Vorhanges konnte auf den möglichen Aufenthaltsort des Gefilmten geschlossen werden. Dazu ist eine gewisse Ortskenntnis erforderlich. Die aber haben die Taliban nach Kabul mitgebracht.
Und sie haben auch ihre Spezialkräfte für die Ermittlung von Gegnern nach Kabul geschickt. Die sind in Sachen Informationstechnik und Bildforensik ganz gut ausgebildet und ausgerüstet - das übrigens seit 20 Jahren.
Die Al-Qaida-Gruppe Bin Ladens hatte über viele Jahre hinweg sogar eine bestens aufgestellte IT-Abteilung. Den amerikanischen Militärs ist es nie gelungen, diese Abteilung völlig auszuschalten. Nach 2011 sind Teile der IT-Spezialkräfte von Al Qaida zu Taliban-Gruppen abgewandert.
Sie bauten ab 2015 zunächst die Infrastruktur für die Taliban bei Whatsapp und Telegram auf und richteten eine eigene Videoproduktion für Propagandazwecke ein, die ab 2017 auf sich aufmerksam machte. Sie erreichen die afghanische Bevölkerung damit ganz gut.
Taliban nutzen Twitter & Co.
"40 Prozent der Afghanen nutzen einen Internetzugang, 90 Prozent ein Mobiltelefon" , berichtet Afghanistan-Spezialist Emerson Brooking vom Atlantic Council im amerikanischen TV-Sender Bloomberg.
Gegenwärtig nutzen die Taliban soziale Medien und Internettechnik nicht nur für Propagandazwecke und ihre eigene Kommunikation, sondern auch, um Gegner des Taliban-Regimes aufzuspüren. Dazu werden aktuell im Netz verfügbare Videos und Fotos ausgewertet.
Daraus entstehen Fahndungsaufrufe, die per Telegram und Whatsapp an die eigenen Kämpfer versendet werden. Auch die Besatzungen der Checkpoints rund um den Flughafen in Kabul werden so mit aktuellem Steckbriefmaterial versorgt.
Analyse-Tools gibt es im Netz
Die Bilder und Videos aus dem Netz werden nicht nur mit Gesichtserkennungssoftware ausgewertet, sondern auch bildforensisch untersucht, um Hinweise auf Verstecke der Taliban-Gegner zu erhalten. Dazu werden eigene Auswertungswerkzeuge genutzt, aber auch im Netz frei verfügbare Tools.
Metadaten von Videos und Bildern werden mit Fotoforensics.com(öffnet im neuen Fenster) oder Jeffrey's Exif Viewer(öffnet im neuen Fenster) ermittelt. Ortsanalysen erfolgen mit Google Earth oder Maps. Für die reverse Bildersuche erfreut sich die russische Suchmaschine yandex.com(öffnet im neuen Fenster) großer Beliebtheit. Daneben werden auch die Dienste von tineye.com(öffnet im neuen Fenster) und Google sowie der Data Viewer von Amnesty(öffnet im neuen Fenster) genutzt.
Die Taliban nutzen eben das gesamte Arsenal, das im Netz für die Faktenprüfung zur Verfügung steht. Dazu gehören auch Wunderground(öffnet im neuen Fenster) und WolframAlpha(öffnet im neuen Fenster) zur Abfrage von Wetterdaten, um einen Aufnahmeort verifizieren zu können. Auch über die Berechnung von Sonnenstand und Schattenwurf können Orte und damit Verstecke verifiziert werden, zum Beispiel mit www.suncalc.org(öffnet im neuen Fenster) , Findmyshadow.com(öffnet im neuen Fenster) oder shadowcalculator.eu(öffnet im neuen Fenster) .
Informatiker in Diensten der Taliban
In die Methoden der Bildanalysekette des FBI haben Ausbilder des pakistanischen Geheimdienstes ISI die Taliban-Spezialkräfte eingewiesen. Die Führungskräfte der IT-Abteilung von Al Qaida waren zudem gut ausgebildete Informatiker mit Abschlüssen amerikanischer und deutscher Hochschulen. Allerdings dürfte inzwischen auch ein Generationenwechsel stattgefunden haben.
Spezielle Analysesoftware haben die Taliban laut Analytikern des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes am freien Markt eingekauft. Auf jeden Fall liegen Anzeichen vor, dass über den südostasiatischen Al-Qaida-Ableger AQIS Fachkräfte aus Sicherheitskreisen Indonesiens und Malaysias für Schulungszwecke der Taliban-Spezialfachkräfte in Sachen Informationstechnik gewonnen werden konnten. Dazu dürfte auch die Bildforensik zählen.
Bei der Identifizierung von Gegners per Gesichtserkennungssoftware und biometrischer Daten hilft nach Berichten des amerikanischen Verteidigungsministeriums zudem der pakistanische Geheimdienst ISI aus. Zuletzt war das in größerem Umfang der Fall, als die Taliban biometrische Analysegeräte namens Handheld Interagency Identity Detection Equipment des US-Militärs erbeuteten.
Pakistan hilft gern mit Know-how
Sie konnten mit dem Gerät nicht umgehen und benötigten Trainings und Handbücher. Beides wurde prompt aus Islamabad geliefert. Damit verfügen die Taliban jetzt über Identifizierungsmöglichkeiten für einen Großteil der ehemaligen Ortskräfte des US-Militärs. Ob in diesem Datenbestand auch biometrische Daten von Ortskräften der Bundeswehr vorhanden sind, ist bislang nicht geklärt.
Deshalb mahnen auch Medienwissenschaftler wie Sabine Schiffer zur Vorsicht beim Veröffentlichen von Videos und Fotos von afghanischen Ortskräften und Aktivistinnen. "Was soll dieser Steckbrief?" , fragte die Medienwissenschaftlerin zum Beispiel auf Twitter, nachdem T-Online ein Video mit unverpixelten Aufnahmen eines untergetauchten afghanischen Journalisten veröffentlicht hatte.
Die Debatte, die daraufhin stattfand, zeigt deutlich: Für einen umfassenden Quellen- und Informantenschutz muss bei Journalistinnen und Journalisten hierzulande in vielen Fällen erst noch ein Bewusstsein geschaffen werden. Und es muss vor allen Dingen viel mehr Wissen über Bildforensik und Methoden der Bildinhaltsanalyse vermittelt werden, damit in den Redaktionen eine seriöse Gefahrenabschätzung getroffen werden kann.



