WDR-Moderator: Domian erhebt Zensurvorwürfe gegen Facebook

Es ist eine kleine Wundertüte, die Jürgen Domian(öffnet im neuen Fenster) fünfmal die Woche öffnet. In seiner nächtlichen Call-in-Sendung, die zeitgleich im WDR-Fernsehen und im Radiosender 1live ausgestrahlt wird, erzählen Menschen schon mal, dass sie gerne Sex mit 60 Kilogramm Hackfleisch haben. Aber es gibt auch ernste Geschichten. Einmal sprach Domian mit einem Mädchen, das von satanischen Eltern großgezogen wird.
Regelmäßig geht es bei Domian um Liebe, Trennung, um Krankheit und Tod – für die härteren Fälle sitzt ein Psychologenteam im Hintergrund, das die Anrufer nach dem Gespräch betreut. Im vergangenen Herbst rief ein Fan des 1. FC Köln an, der auf Facebook eine Hetz-Seite gegen den Spieler Kevin Pezzoni gründete(öffnet im neuen Fenster) . Die Hass-Attacken führten so weit, dass der Spieler seinen Vertrag beim Zweitligisten auflöste.
Domian ist überall. Er redet im Radio, spricht im Fernsehen, twittert und auf Facebook(öffnet im neuen Fenster) hat er mehr als 63.000 Anhänger. Und die sind gerade hautnah bei einem Kleinkrieg dabei, den der WDR-Talker mit dem sozialen Netzwerk ausficht. Denn Jürgen Domian wirft Facebook vor, einige seiner Einträge(öffnet im neuen Fenster) sowie die darunter stehenden Kommentare gelöscht zu haben. In Windeseile verbreiteten sich die Vorwürfe im Internet. Das Posting, veröffentlicht am Montagabend, wurde innerhalb von zwölf Stunden bereits mehr als 22.000 Mal geteilt.
Konkret geht es dem Eintrag zufolge um einen Beitrag zum neuen Papst, der laut Domian folgende Passage enthielt: "Manche Menschen wachsen mit und in ihrem Amt. Und so werden wir uns vielleicht noch über Franziskus wundern. Hoffen wir es! Geben wir ihm eine Chance! In einem halben, spätestens einem Jahr wissen wir mehr."
Für Facebook offenbar nicht tragbar. Das soziale Netzwerk teilte dem WDR-Talker mit, das Papst-Posting entspräche nicht den Richtlinien von Facebook. Domian mutmaßt: "Stein des Anstoßes ist wohl mein kritischer Beitrag zu dem Auftritt des erzkonservativen Katholiken Martin Lohmann bei Günther Jauch. Diesen Beitrag haben immerhin 1,1 Millionen Menschen gelesen."
Abtreibungsdebatte bei Jauch und Lanz machte Domian sauer
Lohmann, Chefredakteur des privaten katholischen Fernsehsenders K-TV, hatte in der ARD-Talkshow von Günther Jauch gesagt(öffnet im neuen Fenster) , Abtreibung sei eine schwere Sünde, auch wenn die Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung entstanden sei. Auch ein Auftritt des konservativen Katholiken in einer ZDF-Sendung von Markus Lanz erregte den Ärger von Domian. "Was für ein Bullshit" , kommentiert Domian auf Facebook und warf Lohmann vor, "missionarischen Durchfall" zu verbreiten.
Das Posting ist in seiner Timeline nicht mehr zu sehen, über eine URL, die auf der Seite des socialmediawatchblog(öffnet im neuen Fenster) zu finden ist, kann der Eintrag noch aufgerufen werden(öffnet im neuen Fenster) . Domian schreibt hierzu: "Offensichtlich aber haben fanatische Kirchenanhänger bei Facebook so viel Wind gemacht, dass man dort eingeknickt ist. Das finde ich ausgesprochen erschreckend. Übrigens sind auch meine Posts zur Homo-Ehe verschwunden. Aber wen wundert das nun noch?"
So schreibt es Domian – und Facebook gibt sich kleinlaut. In einer Reaktion an SZ.de spricht eine Facebook-Sprecherin von einem "(menschlichen) Fehler" . Dieser sei "ärgerlich und bedauernswert" , aber "leider nicht rückgängig zu machen" . Es handele sich aber um "keine Zensur" . Konkret schreibt Facebook(öffnet im neuen Fenster) : "In dem Bemühen, die vielen Reports von Nutzern, die wir jeden Tag erhalten, schnell und effizient zu bearbeiten, schaut sich unser User Operations-Team Hunderte von Tausenden von Reports zu Inhalten jede Woche an, und wie man erwarten könnte, machen wir gelegentlich einen Fehler und blockieren einen Inhalt, den wir nicht hätten sollen. Unsere Reporting-Systeme sind dafür entwickelt, Menschen vor Missbrauch, Hass-Rede und Mobbing zu schützen und es ist bedauernswert, dass gelegentlich Fehler gemacht werden, wenn solche Reports bearbeitet werden. Und wir wissen, dass dies frustrierend sein kann, wenn wie in diesem Fall, solch ein Fehler passiert."
Domian hat angekündigt, in der nächsten Zeit nichts mehr zu posten, um "die Dinge zu klären. Auch um zu vermeiden, dass meine Texte wieder gelöscht werden."
Nachtrag vom 20. März 2013, 8:25 Uhr
Domian, der zunächst ankündigte, erst einmal nichts mehr auf Facebook zu posten, um "die Dinge zu klären" , hat inzwischen die Entschuldigung von Facebook akzeptiert. Er schreibt auf seinem Profil:
"Ihr Lieben, Facebook hat sich entschuldigt. Ich nehme die Entschuldigung an. Und euch danke ich für die überwältigende Unterstützung. Das hat mich sehr beeindruckt. Gemeinsam also kann man viel bewirken. Eine gute Erfahrung. Immerhin haben mittlerweile 2,7 Millionen Menschen meinen Protest-Text gelesen. Ich hoffe, dass Facebook in Zukunft grundsätzlich und allen Usern gegenüber vorsichtiger, fairer und transparenter auftritt."
Angefügt hat er den papstkritischen Kommentar, den Facebook einst löschte. Um 7:25 Uhr, zehn Stunden nachdem das Posting online ging, war er noch zu lesen.