Aereo: Kleine Antennen versetzen Fox und CBS in Panik

Die USA gilt als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, auch im Technologiebereich, da Anwender dort häufig Zugang zu innovativen Gadgets und Diensten erhalten, die in Europa und anderswo noch nicht verfügbar sind. Fernsehzuschauer, die ihre Lieblingssender online streamen möchten, dürften das allerdings anders sehen. Das ist verständlich, betrachtet man den eskalierenden Konflikt um ein US-Startup, welches das Programm frei verfügbarer TV-Sender über das Web streamt.
Aereo(öffnet im neuen Fenster) heißt der vor einem Jahr für Nutzer in New York lancierte Dienst(öffnet im neuen Fenster) , dessen Konzept Nutzern im deutschsprachigen Raum und speziell in der Schweiz bestenfalls ein Gähnen entlocken kann: Gut zwei Dutzend freie, werbefinanzierte Sender lassen sich mittels Aereo über den Browser sowie mobile Geräte streamen. 8 US-Dollar kostet das pro Monat(öffnet im neuen Fenster) mindestens – abgesehen von einem eingeschränkten Schnupperangebot. Einige Gigabyte an Cloud-Speicher, um einzelne Shows für späteres Betrachten aufzeichnen zu können, sind inklusive. Aereo ist somit ein abgespecktes, beschränktes Äquivalent von Zattoo(öffnet im neuen Fenster) , Teleboy(öffnet im neuen Fenster) oder Wilmaa(öffnet im neuen Fenster) . Es kostet mehr und bietet weniger Sender.
Physische Antennen als Ärgernis
Fast schon amüsant klingt, dass Aereo aus rechtlichen Gründen dazu gezwungen ist, jedem Nutzer eine physische, im Rechenzentrum stehende Empfangsantenne zuzuweisen, über die das terrestrische TV-Programm bezogen wird. Mit diesem Verfahren glaubt das Startup, den Pflichten des sogenannten Retransmission consent(öffnet im neuen Fenster) entgehen zu können, einer gesetzlichen Regelung, welche die Verbreitung von Fernsehkanälen über Drittunternehmen genehmigungs- und lizenzzahlungspflichtig macht.
Statt sich in schwierige Verhandlungen mit den einzelnen Stationen zu begeben und sie für die Distribution über das Netz zu vergüten, nutzt Aereo schlicht die jedem US-Bürger zur Verfügung stehende Möglichkeit des antennengebundenen Empfangs der terrestrischen, in der Regel werbefinanzierten Sender. Nur stehen diese Antennen nicht zu Hause bei den Zuschauern, sondern gesammelt bei Aereo.
Die ultimative Drohung
Diese Praxis verärgert allerdings die US-Sender. Für sie sind die Weiterleitungsgebühren, die sie von Kabelnetzbetreibern und anderen Distributeuren erhalten, neben den Werbeerlösen ein wichtiges finanzielles Standbein oder zumindest eine komfortable Einnahmequelle, die sie nicht ohne Kampf aufgeben möchten.
Nachdem ein Gericht jedoch Aereos Vorgehen jüngst als rechtlich einwandfrei eingestuft(öffnet im neuen Fenster) hat, gehen zwei führende Privatsender auf Konfrontationskurs: Fox(öffnet im neuen Fenster) und CBS(öffnet im neuen Fenster) haben angedroht, ihre frei verfügbaren terrestrischen Signale einzustellen und die eigenen Sender in nicht von Aereo erfasste kostenpflichtige Pay-TV-Angebote umzuwandeln, sollte das Startup vom Big Apple weiterhin ihre Inhalte "stehlen" – eine drastische Drohung. Denn das Verfrachten ihrer Reichweitenkanäle hinter eine Paywall würde ihnen selbst erheblichen Schaden zufügen und ist nach Aussage von Beobachtern aufgrund allerlei vertraglicher Abmachungen ein viel Zeit in Anspruch nehmendes Unterfangen.
Ein Politikum, das auch Zattoo interessiert
Indem die größten Free-TV-Anbieter der USA aufgrund des Treibens eines frechen Startups den Abschied vom terrestrischen Fernsehen androhen, machen sie den Fall zu einem Politikum und verhelfen Aereo, das für 2013 die Expansion in 22 neue Regionen plant, zu enormer Bekanntheit. Zusätzliche Brisanz erhält der Streit, weil mit dem ehemaligen Fox-CEO und Medienmogul Barry Diller, der 20,5 Millionen Dollar in Aereo investiert(öffnet im neuen Fenster) hat, nun jemand die Strukturen der US-Fernsehlandschaft infrage stellt, die er vor 30 Jahren selbst maßgeblich mitgeprägt hat.
Die Ära der Digitalisierung ist gekennzeichnet von stetigen Konflikten zwischen alt und neu, zwischen etablierten Konzernen und Startups, zwischen Besitzstandswahrern und Veränderern. Die Causa Aereo ist ein Beispiel dafür und erhitzt angesichts der ungebrochenen Liebe der US-Amerikaner zum Fernsehen besonders die Gemüter.
Interessante Entwicklung auch für Zattoo
Die Auseinandersetzung um Aereo könnte durchaus auch hierzulande Auswirkungen haben. Denn anders als in der Schweiz, dem Heimatland zahlreicher TV-Streaming-Dienste, wo die Rechtevergabe zentral über eine Verwertungsgesellschaft läuft, müssen Streamingdienste in Deutschland ebenfalls mit jedem Sender separat verhandeln.
Aufgrund einer etwas anderen TV-Landschaft mit starken öffentlich-rechtlichen Sendern, die der Weiterverbreitung nicht im Wege stehen, ist es Zattoo gelungen, hierzulande ein einigermaßen attraktives Senderportfolio zusammenzustellen, auch ohne ein Empfangsantennenmodell wie das von Aereo. Ab Sommer werden auch die bisher fehlenden Sender der RTL-Gruppe in das Liveprogramm aufgenommen. Zattoo betont zwar, die Spielregeln der Medienkonzerne befolgen zu wollen(öffnet im neuen Fenster) . Doch am Firmensitz in Zürich wird genau beobachtet, wie sich die US-Debatte weiterentwickelt und wie sie die Sicht auf die künftige Distribution von Free TV beeinflusst.



