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Abstruse Tech-Bro-Pläne: High-Tech-Utopia in den Appalachen

Evangelikale Christen planen ein rechtsideologisches Utopia in den Appalachen – mit digitaler Selbstverwaltung, Kryptowährung und eigener Kirche.
/ Elke Wittich
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Irgendwo hier in den Appalachen wollen rechte Fundamentalisten ihr Utopia errichten. (Bild: J Guth via Wikimedia Commons)
Irgendwo hier in den Appalachen wollen rechte Fundamentalisten ihr Utopia errichten. Bild: J Guth via Wikimedia Commons / CC-BY-SA 3.0

Drei Monate lang hatte der Fernsehsender Newschannel in Nashville, Tennessee über gezielte Grundstückskäufe einer Gruppe rechter Fundamentalisten rund um die Kleinstadt Gainesboro recherchiert. Als der Sender Ende letzten Jahres die Ergebnisse seiner Nachforschungen veröffentlichte, zeigte sich, wie umfassend der Plan, eine eigene Community zu gründen, war – und wie weit gediehen(öffnet im neuen Fenster) .

2,4 km 2 Boden wurden gekauft, das christlich-fundamentalistisch ausgerichtete Venture-Kapital-Unternehmen New Founding hatte dazu in Partnerschaft mit einer Firma namens Ridgerunner das Joint Venture The Highland Rim gegründet(öffnet im neuen Fenster) . "Unsere Nation befindet sich mitten in einer generationsübergreifenden Migrationsbewegung hin in Kleinstädte und ländliche Gebiete" , heißt es auf der New-Founding-Webseite(öffnet im neuen Fenster) .

Entsprechend will man in der Eastern-Highland-Region zwischen Tennessee und Kentucky "in den Aufbau dicht besiedelter Gemeinden investieren, die eine natürliche, menschliche und typisch amerikanische Lebensweise fördern."

Betreiber von New Founding sind mit CEO Nate Fisher und Geschäftsführer Josh Abbotoy, der gleichzeitig Betreiber von Ridgerunner ist, zwei Männer, die immer wieder mit rechtsradikalen Statements auffielen. Zu dem Kreis gehört auch der Podcaster C. Jay Engel, regelmäßiger Autor bei einem Partner von New Founding, der evangelikalen Webseite American Reformer.

Im Juli war Abbotoy in einem Podcast von C. Jay Engel zu Gast, der von sich sagt, dass es seine Aufgabe sei, rechte Argumente zur normalisieren und "den Normalos die liberalen Schuppen von den Augen zu reißen."

Abbotoy hatte bereits im Mai 2023 getwittert: "Im Prinzip braucht Amerika einen protestantischen Franco"Francisco Franco hatte Spanien als Diktator von 1939 bis 1975 regiert und den Katholizismus zur offiziellen Religion des Landes erhoben(öffnet im neuen Fenster) .

Erlaubt sind nur "Heritage Americans"

Auch New-Founding-CEO Nate Fischer ist ein Anhänger rechter Ideen(öffnet im neuen Fenster) . So hält er die Verfassung der USA für "long gone" (auf Deutsch: veraltet) und ist ein Anhänger des "christlichen Nationalismus," einer autoritär-fundamentalistischen Strömung, die propagiert, dass die USA ein "von Christen gegründetes Land ausschließlich für Christen" seien.

Dazu passt der Pastor, der für die Seelsorge in der Community zuständig sein soll und dafür bereits eine eigene Kirche gegründet hat: Andrew Isker. Er erklärte im August 2023: "Das Konzept des 'Rassismus' war eine Kreation von Kommunisten. Ich weise dieses Framing komplett zurück."

Entsprechend gelten den Männern um Isker, Engel und Fischer nur "Heritage Americans" als die rechtmäßigen Einwohner der USA. Engel präzisierte auf Twitter: Gemeint sei "die Dominanz und Vorherrschaft europäischer Völker, ihrer Institutionen und ihrer Lebensweise."

Manifest mit Anleihen bei Mussolini

Neben diesen "Anglo-Protestanten" würden laut Engel(öffnet im neuen Fenster) auch "angepasste" Schwarze und "Ureinwohner" geduldet, sofern sie "ihre Erfahrungen nicht für politische Schuldzuweisungen instrumentalisierten," sprich nicht über Unterdrückung und Sklaverei sprechen.

Zu den ersten Investoren gehört laut einem Bericht von Forbes(öffnet im neuen Fenster) Marc Andreesen, Mitgründer von Netscape und Entwickler des ersten Browsers Mosaic – ein rechtslibertärer Tech-Bro, dessen 2023 veröffentlichtes Techno-Optimist Manifesto an das Zukunft-Manifest des italienischen Dichters Filippo Tommaso Marinetti angelehnt ist. Marinetti sollte später Mitverfasser des ersten Manifests von Mussolinis faschistischer Partei werden.

Endziel: Ein neuer Staat?

Das Magazin Mother Jones geht davon aus, dass die Idee von der eigenen Community direkt aus dem Buch How to start a new country von Balaji Srinivasan entstammt. Dafür spricht einiges, denn Srinivasan ist ebenfalls ein bekannter Tech-Bro, war unter anderem CTO der Kryptowährungs-Handelsplattform Coinbase und Partner der Venture-Kapitalfirma Andreessen Hortowitz.

Der Appalachen-Projekt-Investor Andreessen schrieb auch das Vorwort für Balajis Buch und stellte darin fest, der Autor habe "von allen Leuten, die ich jemals traf, den höchsten Output an guten Ideen pro Minute" .

Balaji nennt seine Vision einer zunächst digitalen Community Cloud Country. Sie soll nach und nach, unter anderem durch gezielte Landkäufe, vom virtuellen sozialen Netzwerk zu einer neuen Stadt und am Ende zu einem neuen Staat führen(öffnet im neuen Fenster) .

"Wir errichten den embryonischen Staat als Open Source Projekt," schrieb er in How to start a new country. "Wir organisieren unsere interne Wirtschaft rund um Remote Work, wir kultivieren persönliche Höflichkeitsebenen, simulieren Architektur in VR und kreieren Kunst und Literatur, die unsere Werte reflektieren."

In einem Satz erklärt er seine Idee so(öffnet im neuen Fenster) : "Ein Netzwerkstaat ist eine stark vernetzte Online-Community mit der Fähigkeit zum kollektiven Handeln, die durch Crowdfunding Gebiete auf der ganzen Welt finanziert und schließlich die diplomatische Anerkennung bereits bestehender Staaten erlangt."

In der längeren Version lautet die Erklärung dagegen so: "Ein Netzwerkstaat ist ein soziales Netzwerk mit moralischer Innovation, einem Sinn für Nationalbewusstsein, einem anerkannten Gründer, der Fähigkeit zum kollektiven Handeln, einem persönlichen Maß an Höflichkeit, einer integrierten Kryptowährung, einer durch einen sozialen Smart Contract begrenzten Konsensregierung, einem Archipel aus durch Crowdfunding finanzierten physischen Territorien, einer virtuellen Hauptstadt und einer On-Chain-Volkszählung, die eine ausreichend große Bevölkerung, ein ausreichend großes Einkommen und einen ausreichend großen Immobilien-Fußabdruck nachweist, um ein gewisses Maß an diplomatischer Anerkennung zu erlangen."

Kontrolle über Städte, Bestechung der Polizei

Der Autor Gil Duran warnte 2024 in The New Republic davor, Balajis Ideen zu verharmlosen(öffnet im neuen Fenster) . In einem Interview hatte Balaji nämlich unverhohlen dazu aufgerufen, dass technikaffine Menschen Macht und Kontrolle über Städte an sich reißen sollten. Zudem regte er an, die Polizei durch verschiedene Aktionen, zu denen auch Arbeitsplatzangebote für Verwandte gehören sollten, zu bestechen.

Durch Bestechung sollten seiner Meinung nach auch für den Tech-Sektor nachteilige Gesetze verhindert werden. Die tech-affinen Stadtbewohner sollten im übrigen graue T-Shirts tragen, so dass sich die "Grays" gegenseitig erkennen könnten, und spezielle Ausweise erhalten, die ihnen Zugang zu jedem Teil dieser Städte ermöglichen sollten.

Idealerweise laufe schließlich auch die bestochene Polizei zu den Grays über und man könne gemeinsam große Gray-Pride-Märsche veranstalten. Blues, also Wähler der Demokraten, seien dagegen aus weiten Teilen der Städte ausgeschlossen.

"Um es einfach auszudrücken: Es geht um jede Menge faschistisch-schickes Cosplay," stellte Duran in seinem Artikel fest und attestierte einen "Appetit auf Autokratie."

Andrew Isker und die Whitleyville Reformation Church

Auch der schon erwähnte evangelikale Pastor Andrew Isker war in der Vergangenheit öfter mit antisemitischen, rassistischen, frauenfeindlichen Ansichten aufgefallen. Unter anderem hatte er in einem Podcast erklärt, für Juden sei "kein Platz in den USA," da das Land Jesus gehöre. Auch den Begriff "jüdisch-christlich" lehnt er ab, da er für Pluralismus und Säkularismus stehe – beides sei aber mit dem christlichen Nationalismus unvereinbar, der ethnische Homogenität verkörpere.

Auf Twitter schrieb er 2023, er hasse keine Juden, aber "ihre Religion ist buchstäblich blasphemisch und christenfeindlich." Auch anderen Religionen steht er nicht sehr wohlwollend gegenüber(öffnet im neuen Fenster) , im Juli 2024 etwa nannte er Menschen aus Indien verächtlich "Kuh-Anbeter" .

Frauenfeindlichkeit als Kirchenkonzept

Isker und seine Glaubensgenossen halten zudem nichts von Gleichberechtigung. Die Whitleyville Reformation Church propagiert vielmehr ein sogenanntes "traditionelles Familienbild," in dem Männer das Sagen haben. Frauen spielen in dieser patriarchalen Einstellung untergeordnete Rollen, Berichten zufolge ist die Mitgliedschaft in seiner Kirche derzeit auch nur Männern möglich.

Am 20. Juni 2024 erregte eine angebliche Studie Iskers Zorn, nach der die Wahrscheinlichkeit, dass Männer mit College-Ausbildung einen Gottesdienst besuchten, größer sei als unter Frauen mit College-Ausbildung. "Es ist fast so, als lebten wir in einer Gynokratie," begann er seinen Rant gegen Gleichberechtigung und Gesetze, die Frauen auch im Beruf Chancengleichheit garantieren. Er wisse nicht, wie man "das alles wieder in die Büchse der Pandora zurückstecken" könne.

"Keine große Zivilisation hat einfach eines Tages beschlossen, die meisten ihrer Frauen in lausige Männerimitationen zu verwandeln und dann jeden Aspekt des öffentlichen Lebens darauf auszurichten. Das ist wirklich beispiellos." Allerdings werden selbst im Hinterland lebende konservative US-Amerikanerinnen kaum das Verlangen danach haben, auf Küche, Kinder und Kirche reduziert zu werden und ihr Leben von Männern bestimmen zu lassen.

Sozusagen ein Kirchen-Start-up

Auf der Webseite sind mittelalterliche religiöse Gemälde und Bilder jahrhundertealter Kirchen und Kirchenfenster zu sehen, allerdings ist die Whitleyville Reformation Church bislang nicht einmal im Besitz eines eigenen Gotteshauses(öffnet im neuen Fenster) . Langfristig soll ein Gebäude auf einem Ridgerunner-Grundstück entstehen, bislang trifft sich die Gemeinde, von der nicht bekannt ist, wie viele Mitglieder sie hat, an einem unbekannten Ort.

So tech-affin sich die an der potenziellen Entwicklung und Vermarktung des Fundi-Utopias beteiligten Unternehmen geben, so wenig userfreundlich präsentiert sich die Kirche: Unter der Rubrik Sermons sind insgesamt neun Predigten verlinkt, die Andrew Isker zwischen Dezember 2024 und Februar 2025 hielt.

Während laut veröffentlichter Liturgie eigentlich auch gemeinsames Singen und laute Gebete der Gläubigen unabdingbarer Bestandteil der Gottesdienste sind, ist davon auf den angebotenen Audio-Mitschnitten nichts zu hören. Videos gibt es nicht – und daher auch keine Möglichkeit, sich über die Zahl der bei den Predigten Anwesenden zu informieren (und nein, es gibt auch kein Login für Gemeindemitglieder).

Die auf den Audio-Mitschnitten zu hörenden Hintergrundgeräusche lassen keinerlei Rückschlüsse auf die Zahl der Anwesenden zu: Hin und wieder hustet ein Mann, manchmal quengelt ein Kleinkind, das ist aber auch schon alles.

Was macht eigentlich dieses Gainesboro aus?

"Komm uns besuchen" , heißt es auf der Webseite der Whitleyville Reformation Church(öffnet im neuen Fenster) , ohne allerdings zu verraten, wo genau sich dieses "Leuchtfeuer für die Region Jackson County, Tennessee" überhaupt befindet.

Immerhin ist am Ende der Webpage eine Büroadresse vermerkt: 404 E Hull Ave in Gainesboro, Tennesee. Auf Google Maps entpuppt sich das Büro als 1978 erbautes einstöckiges Backsteingebäude mit zwei Eingängen, der rechte gehört oder gehörte zu einem Anwaltsbüro. Wahrscheinlicher ist, dass in dem an WC-Häuschen auf deutschen Autobahnrastplätzen erinnernden Bau auch die Immobilienfirma Ridgerunner residiert, die ihren Standort ebenso wie die Whitleyville Reformation Church nicht direkt auf ihrer Webseite preisgibt.

Am 4. November, einen Tag vor der Präsidentschaftswahl, postete der X-Account von Ridgerunner jedenfalls ein verräterisches Foto(öffnet im neuen Fenster) . Unter dem Text "Howdy aus dem Ridgerunner-Hauptquartier in Gainesboro, TN" ist ein Foto von besagtem Backsteingebäude zu sehen, an dem gleich drei US-Flaggen und ein Plakat angebracht sind, auf dem die Namen von Trump und Vance stehen, verbunden mit dem Slogan "Make America great again."

Das wahrscheinliche Hauptquartier von Immobilienfirma und Kirche liegt immerhin zentral, gleich an einer zweispurigen Straße, die durch den Ort führt. Viele Attraktionen gibt es dort nicht zu sehen, ein paar kleinere Läden, ein leerstehendes Lebensmittelgeschäft, eine Pizzeria, zwei Apotheken, eine Bibliothek, eine Bank und einige Kirchen später ist Gainesboro auch schon zu Ende. Die Straße führt in ein ausgedehntes Waldgebiet, an dessen durch einen Fluss begrenzten Ausläufern mutmaßlich die neue Community entstehen soll.

Viel mehr gibt es über Gainesboro nicht zu erzählen – außer, dass dort 1970 ein Hollywood-Film namens I Walk the Line gedreht wurde, in dem Gregory Peck und Tuesday Weld die Hauptrollen spielten und für den Johnny Cash seinen gleichnamigen Song komponierte.

Rund 930 Einwohner hat die Kleinstadt, die in den 1770er Jahren ein populäres Jagdgebiet war. 92,7 Prozent der Gainsboroer sind Weiße, 27,8 Prozent der erwachsenen Einwohner und 49 Prozent der Kinder leben unter der Armutsgrenze.

Gainesboro macht gegen christliche Tech-Bros mobil

So sehr Gainesboro auf den ersten Blick wie ein typisches Redneck-Städtchen wirkt, so eindeutig positionierte sich die Mehrheit der Einwohner bereits gegen die Pläne von Andrew Isker und Co(öffnet im neuen Fenster) . Bei einem improvisierten Town-Hall-Meeting zeigten sich die Anwesenden kämpferisch(öffnet im neuen Fenster) : Für Rassismus, Hass und Frauenverachtung sei in Gainesboro kein Platz, sagten sogar lokale Repräsentanten der Republikaner. Auf Betreiben weiterer Anwohner veröffentlichte der lokale Historiker Mark Dudney ein Video(öffnet im neuen Fenster) , in dem er unter Verweis auf die Geschichte der Stadt den fundamentalistischen Tech-Bros eine klare Absage erteilt.

Zur Ablehnung der Einwohner von Gainesboro dürfte auch beigetragen haben, wie unverblümt die Akteure in aller Öffentlichkeit ihre Übernahmepläne präsentiert hatten. Auch ein von den Siedlungsfans voreilig eingerichteter X-Account der Republikaner Gainesboro trug nicht dazu bei, das Misstrauen zu zerstreuen. Und dass Isker Ende März in der Talkshow des Rechtsradikalen Tucker Carlson über die Communitypläne sprach(öffnet im neuen Fenster) , machte die Sache nicht besser.

Was bedeutet der Firmenname Ridgerunner?

Das Wort "Ridgerunner", deutsch "Gratwanderer", steht nicht nur für die Bewohner der bergigen Gebiete im Südosten der USA wie beispielsweise den Appalachen. Es ist auch die offizielle Bezeichnung für Menschen, die auf dem Appalachian Trail, also in dem ausgedehnten Naturgebiet, arbeiten und dort beispielsweise Wanderer mit Rat und Tat betreuen.

Eine dritte Bedeutung von "Ridgerunner" ist dagegen nur in Virginia, Arkansas, Tennessee und dem östlichen Oklahoma seit den Zeiten der Prohibition gebräuchlich: Die Gratwanderer waren (und sind vielleicht noch) diejenigen, die die Produkte der sogenannten Moonshiners, also der illegalen Schnapsbrenner, von den abgelegenen Produktionsstätten zu den Kunden brachten.

Dass Josh Abbotoy seine Firma so benannt hat(öffnet im neuen Fenster) , soll wohl bestimmte Emotionen wecken: Neben Naturverbundenheit (beziehungsweise der Verbundenheit zu ausschließlich amerikanischer Natur) und der Hoffnung, zu einer gleichgesinnten Community zu gehören, steht es für die weitgehende Ablehnung des Staats und seiner angeblich die Freiheit seiner Bürger einschränkenden Gesetze – wie das Verbot, selbst Schnaps zu brennen.

Dabei haben die staatlichen Vorschriften gesundheitliche Vorteile, denn neben Methanol-Vergiftungen können auch andere Gesundheitsrisiken entstehen. Noch in den achtziger Jahren wurden bei der Analyse von Moonshine-Proben im Bundesstaat Georgia potenziell gefährliche Konzentrationen von Schwermetallen wie Arsen, Blei, Kupfer und Zink gefunden, von zwölf Arsen-Vergiftungsfällen hatte sich dort mehr als die Hälfte direkt auf kontaminierten illegalen Schnaps zurückführen lassen.

Noch in den 2010er Jahren wurde offiziell davor gewarnt, dass die Rohrverbindungen von als Kondensatoren verwendeten Heizkörpern Blei freisetzen können, was unter anderem zu schweren Nierenerkrankungen führen kann.

Viele ungeklärte Fragen

Ob das Projekt ein Erfolg wird, ist derzeit natürlich völlig unklar. Niemand weiß, wie groß die Zielgruppe ist – und selbst wenn es Zigtausende evangelikale Tech-Bros gäbe, heißt das natürlich nicht automatisch, dass sie sich auch alle danach verzehren, in die Appalachen zu ziehen.

Möchte jemand, der einen anstrengenden und fordernden Job in der Tech-Industrie hat, wirklich nebenher noch den Bau eines Hauses in einem eher abgelegenen ländlichen Gebiet planen und umsetzen? Und sich dazu an den vielen kleinen und großen Entscheidungen, die laut den Vordenkern für den Aufbau der Community getroffen werden müssen, beteiligen? Plus das eigene Leben sozusagen einer Kirche und einer Vision opfern?

Internationale Anerkennung? Eher nicht

Dass es auf dem zur Parzellierung vorgesehenen Gebiet eine alte Farm gibt, heißt noch lange nicht, dass die – so vorhandenen – Wasser- und Stromanschlüsse beliebig ausgebaut werden können, ganz zu schweigen von adäquaten Abwasserkanälen. Dass Versorger, Baufirmen und Zulieferer die Grundstücke überhaupt erreichen können, wirkt zudem beim Blick auf die Karte des Gebiets höchst unwahrscheinlich.

Und das sind nur die kleinen Hindernisse auf dem Weg zum eigenen evangelikalen Staat. Zu den größeren gehört unter anderem, dass die gesetzgeberische Freiheit dort endet, wo die Gesetze des Bundesstaates und des Landes gelten – oder des Countys, mit dessen Einwohnern es man sich beeindruckend schnell verscherzt hat.

Auch die Sache mit der internationalen Anerkennung dürfte schwieriger werden als propagiert, denn derzeit gibt es kein Land, in dem evangelikaler Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und allgemein Verachtung anderer Religionen sowie die Unterdrückung von Frauen gleichermaßen geschätzt werden.

Nur ein Plan, bei dem einige sehr reich werden und andere abzocken?

Andererseits könnte die gezielte Ansiedlung rechter Wähler zu demoskopischen Veränderungen führen. Eindeutige Berechnung solcher möglichen Auswirkungen gibt es jedoch noch nicht – zumal in derartige Kalkulationen auch einfließen müsste, dass Wahlberechtigte nur an einem Ort ihre Stimme abgeben können und jeder Umzug in die Appalachen einen Republikaner-Wähler weniger anderswo bedeutet.

Vielleicht ist das Ganze – siehe Trumps Merchandising – in Maga-Kreisen nicht unüblich, aber auch nur ein Plan, bei dem einige Menschen sehr reich werden und andere sich am Ende abgezockt fühlen.


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