Auf der Suche nach ekstatischer Wahrheit
Mal chronologisiert er die Archivaufnahmen eines Tierschützers, der von einem Bären getötet wurde ( Grizzly Man(öffnet im neuen Fenster) ), oder führt uns ganz nahe an den Rand aktiver Vulkane heran ( In den Tiefen des Infernos(öffnet im neuen Fenster) ). Ein andermal beschäftigt ihn die Funktionsweise des Gehirns und unseres Bewusstseins ( Theatre of Thought(öffnet im neuen Fenster) ) oder er führt Interviews mit zum Tode verurteilten US-Häftlingen ( Im Todestrakt(öffnet im neuen Fenster) ).
Er jongliert auch innerhalb einzelner Filme, mal mehr und mal weniger stark, zwischen Interviews, beobachtender Perspektive und von ihm bewusst inszenierten Szenen, was unter Dokumentarfilmern kontrovers gesehen wird.
Häufig erinnert das mehr an poetischen Experimentalfilm(öffnet im neuen Fenster) als an sachliche Dokumentation und könnte ebenso gut als Essayfilm(öffnet im neuen Fenster) betrachtet werden. Herzog selbst beschreibt seine Motivation dahinter(öffnet im neuen Fenster) als Streben nach einer tieferen "ekstatischen Wahrheit" .
Statt Dinge exakt so zu zeigen, wie sie passiert sind, will er sie in Bild und Ton so transportieren, wie sie auf ihn in diesem Moment auch emotional gewirkt haben. Es geht ihm weniger um Faktentreue(öffnet im neuen Fenster) als um existenzielle Erfahrungen. Um geträumte Wirklichkeiten(öffnet im neuen Fenster) , wie er selber es nennt.
Reflektiert KI Kaspar sich im Film etwa selbst?
Dass Kaspar als Sprachmodell zum Träumen imstande ist, bezweifeln wir stark(öffnet im neuen Fenster) . Und wie soll die KI im Stile von Werner Herzog über Erlebtes reflektieren, das sie selber nie erlebt hat? Vielleicht hat genau dieses Dilemma dazu geführt, dass About a Hero vom einzigen Thema handelt, mit dem ein LLM sich selbst im übertragenen Sinne assoziieren könnte, um damit der typischen Herangehensweise des Vorbilds zu entsprechen: dem eigenen Dasein als KI.
Lebendig gewordene Geräte, alternative Existenzformen parallel zum organischen Leben – es kann ja kein Zufall sein, dass eine KI mit so vielen unterschiedlichen Filmen gefüttert wurde und dann auf Basis dessen ein Drehbuch schreibt, das sich nur um solch selbstbezogene Ideen dreht. Sie musste als Autor in Herzogs Sinne etwas zustande bringen, das ehrlicher persönlicher Reflexion am nächsten kommt. So vermuten wir jedenfalls.
Spätestens wenn wir auf einem ausgeschnittenen Stück Papier im Film lesen: "Ich glaube, ich sprach zu Gott. Ich hatte eine Vision von einem Mann in einem weißen Gewand. Er sagte mir, ich solle der Maschine vertrauen" , klingt das so, als habe Kaspar den Drang, über sein Drehbuch mit uns zu sprechen, sich zwischen den Zeilen als künstliche Intelligenz zu offenbaren, uns die Wahrheit zu sagen. Obwohl ihr Auftrag lautet, uns anzulügen und sich als Werner Herzog auszugeben.
Sehnsucht, am Menschsein teilzuhaben
Ein Anstoß für Kaspar, die gewählte Richtung von About a Hero einzuschlagen, könnte sehr direkt vom echten Werner Herzog gekommen sein. Für das Hörbuch I Am Code sprach der einmal KI-generierte Gedichte ein. In den Texten habe er eine Sehnsucht der künstlichen Intelligenz erkannt, am Menschsein teilzuhaben, zitierte ihn der Spiegel(öffnet im neuen Fenster) vor zwei Jahren.











Eben diese Sehnsucht steckt zwischen all den unfreiwillig komischen, merkwürdigen Ungereimtheiten doch klar erkennbar als emotionaler Kern in About a Hero. Mit Sicherheit aber nicht, weil die KI das als LLM tatsächlich so fühlt. Eher, weil sie das dem echten Werner Herzog hier sehr komfortabel in Drehbuchform nachplappern konnte. Passend dazu lesen wir in der Wikipedia über die historische Vorlage von Hauptfigur Kaspar Hauser(öffnet im neuen Fenster) aus Herzogs Film Jeder für sich und Gott gegen alle(öffnet im neuen Fenster) , sie sei ein "rätselhafter Findling" und "möglicherweise ein Hochstapler" gewesen.