9-Euro-Ticket: Per ICE wenigstens schneller aus dem Funkloch

Ich wollte mit vier Regionalbahnen und dem 9-Euro-Ticket in acht Stunden von Berlin nach Hessen fahren. Und habe in Potsdam aufgegeben.

Ein Erfahrungsbericht von Lennart Mühlenmeier veröffentlicht am
Berliner Hauptbahnhof am Morgen des 3. Juni 2022
Berliner Hauptbahnhof am Morgen des 3. Juni 2022 (Bild: Lennart Mühlenmeier/Golem.de)

Bei jeder Kuh einen Speedtest machen! Das ist mein Plan, als ich am Freitagmorgen zum Berliner Hauptbahnhof aufbreche. Mit dabei: mein Laptop, ein Notizbuch und die BVG-VBB-Umweltkarte, die ich im Abo habe und die nun ein 9-Euro-Ticket ist.

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Außerdem habe ich Fakten zum Breitbandausbau im Gepäck, die ich zuvor nachgelesen habe. Die Brandenburger CDU wollte beispielsweise Funklöcher nicht zwangsweise schließen lassen, sondern Konzernen Fördermittel bereitstellen. Ich möchte ausprobieren, ob das geht: im Internet arbeiten und günstig mit der Regionalbahn durch die Republik reisen zugleich.

In den Regionalbahnen RE 1, 10, 9 und 30 soll es von Berlin nach Marburg an der Lahn gehen. Hoffnungsfroh zwänge ich mich zwischen die begeisterten Reisenden über den Bahnsteig in den RE 1 nach Magdeburg. Einige der - wie ich vermute - Studenten freuen sich lautstark über die günstige Reise nach Hause, nach Köln oder Münster.

Einen Sitzplatz kann ich nicht ergattern. Ich stehe an der Tür dicht gedrängt an die Mitreisenden. Die Klimaanlage funktioniert nicht bei 25 Grad Celsius Außentemperatur. Außerdem kriecht Panik hoch.

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Ich war im Jahr 2010 bei der Loveparade in Duisburg, bei der 21 Menschen starben. Alle Teilnehmer wurden damals durch einen engen Tunnel zu dem Gelände geführt. Wie ich es rekonstruieren konnte, ging ich dreißig Minuten vor dem Unglück durch eben diesen Tunnel. Menschenmengen vertrage ich seither schlecht, wie sicher auch viele andere Menschen.

Was für eine idiotische Idee, zum Wochenende hin am dritten Tag des 9-Euro-Tickets mit dem Zug fahren zu wollen! Wie soll ich so arbeiten? Nach einer knappen halben Stunde in der überfüllten Bahn steige ich aus. Ich fahre zurück nach Berlin.

"Beeinträchtigungen am Berliner Hbf"

In der Bahn gen Berliner Hauptbahnhof, die sehr viel leerer ist, versuche ich unter Zeitdruck, auf ein ICE-Ticket zumindest nach Kassel-Wilhelmshöhe zu klicken. Eine Kuh gibt es auf der Strecke zwar nicht zu sehen und für einen Speedtest habe ich keine Zeit, das Internet funktioniert trotzdem nicht.

Mein Handy empfängt nur Edge und das Wi-Fi ruckelt wie verrückt. Ich brauche fast die gesamte Fahrt, um das Ticket zu kaufen. Währenddessen kommt kurz die Schaffnerin und fragt: "Na alles da? Jeder hat ein 9-Euro-Ticket?" Sehr witzig.

Zurück am Hauptbahnhof, die Reise dauert bereits eine Stunde, gehe ich zum Gleis 14, von wo aus der auserkorene ICE nach Kassel fahren soll. Dort drängen sich immer noch die Menschen. An den Rolltreppen zu den Gleisen für die Regionalbahnen kontrollieren mittlerweile Mitarbeiter der Security den Zutritt. "Achtung, es kommt zu Beeinträchtigungen im Bereich Berlin Hbf", heißt es in den Banderolen der Anzeigen. Ja, ach was!

Flucht in den ICE

Im ICE Richtung Kassel-Wilhelmshöhe bin ich für 84 Euro wenigstens schneller draußen aus dem Funkloch als mit dem RE. Im Zug laufen immer wieder uniformierte Soldaten an mir vorbei - wie wohl an jedem Reisetag, schenkte doch Ursula von der Leyen ihren Soldaten Freifahrten für die Bahn. Das "kostenlose Bahnfahren in Uniform" wurde vom Verteidigungsministerium als großer Erfolg verkauft.

Es freut mich, dass mit dem 9-Euro-Ticket nun auch wir Normalsterblichen bedacht werden. Noch mehr freut mich aber, dass ich im ICE nun einen Sitzplatz, WLAN und Ruhe zum Arbeiten habe.

In Kassel angekommen sprinte ich vom Gleis des ICEs zu der Regionalbahn, die mich weiter nach Marburg nimmt. Im RE 30 ist sichtlich weniger los als in dem RE, in dem ich am Morgen noch saß. Dort klappe ich noch einmal den Laptop auf und mache Notizen.

Verkehrsminister Wissing freut sich über sieben Millionen verkaufte Tickets und eine Entlastung von Pendlern. Wäre ich heute morgen Pendler gewesen, mir wäre nicht einmal ein Lacher rausgekommen. Und auch so war's nur mittellustig.

Meine Bilanz: Unnötige Fahrerei, Gedränge, 84 Euro extra und kein einziger Speedtest aus dem RE, dafür eine angenehme Fahrt im ICE. Vielleicht sollte sich der Minister eher an den erfolgreichen Reisen als den verkauften Tickets messen lassen. Ganz zum Schluss meiner RE-Fahrt sehe ich dann doch noch eine Kuh. Einen Speedtest mache ich nicht mehr.

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chellican 07. Jun 2022

Mich schon. Ich hätte erwartet, dass die Kapazitäten aufgestockt werden. Das Problem von...

LH 05. Jun 2022

Das ist kein Berliner Phänomen sondern in Redaktionen in ganz Deutschland zu beobachten.

LH 05. Jun 2022

So einfach ist es nicht. Viele Regionen sind schlicht schwierig abzudecken, besonders...



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