60 Jahre Angst vor der Bombe: Stanley Kubricks Dr. Seltsam ist wieder erstaunlich aktuell

In Hollywood kam und kommt es immer wieder vor, dass parallel Projekte entstehen, die sich des gleichen Themas annehmen. So war es auch 1964, als nicht nur Stanley Kubricks Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben in die Kinos kam, sondern auch Sidney Lumets Thriller Angriffsziel Moskau. Kubricks Film hatte die Nase vorn, was vielleicht auch daran lag, dass es im Vorfeld einen Rechtsstreit gab.
Die Basis für Kubricks Film bildet der 1958 erschienene Roman Red Alert von Peter George, einem früheren RAF-Piloten. Kubrick verschlang das Buch, wie er Dutzende von Sachbüchern über die Atombombe las und auch den Bulletin of Atomic Scientists abonniert hatte.
Ihn faszinierte (und ängstigte) die Frage danach, wie Atomkrieg aufgrund eines Fehlers oder puren Wahnsinns begonnen werden könnte. Gerade war er mit seiner umstrittenen Nabokov-Verfilmung Lolita fertig, da war ihm klar, dass er die Verfilmung von Red Alert als nächstes angehen wollte.
Grundlage für Sydney Lumets Film war der Roman Fail-Safe von Eugene Burdick und Harvey Wheeler, der zunächst im Oktober 1962 in Fortsetzungen in der Zeitung Saturday Evening Post veröffentlicht(öffnet im neuen Fenster) wurde. Die Buchveröffentlichung, die darauf folgte, war erfolgreich – der Titel hielt Einzug in den Sprachgebrauch. Er bezieht sich darauf, dass es absolute Sicherheit dabei gab, dass die atomare Macht nicht aufgrund eines Fehlers oder Fehlverhaltens entfesselt wird.
Zwei Geschichten
In der Geschichte von Red Alert geht es darum, dass ein General eigenmächtig die B-52-Bomber mit atomarer Bestückung in Richtung Sowjetunion schickt, um dort vorgegebene Ziele zu attackieren. Wie sich zeigt, gibt es keine Möglichkeit, die Bomber zurückzurufen, weswegen der US-Präsident mit dem sowjetischen Premier zusammenarbeiten muss, um den Weltuntergang zu verhindern.
In Fail-Safe führt ein Computerfehler dazu, dass ein einzelner B-52-Bomber in Richtung Moskau aufbricht. Alle Versuche, den Bomber zurückzurufen, schlagen fehl, ebenso die sowjetischen Versuche, ihn abzufangen. Wenn Moskau bombardiert wird, hat die Sowjetunion keine andere Wahl, als zurückzuschlagen – es wäre das Ende der Welt.
Darum befiehlt der von Henry Fonda gespielte Präsident, mit einem eigenen Bomber New York zu bombardieren. Nur so kann der Dritte Weltkrieg abgewandt werden.
Die Geschichten beider Romane und Filme sind sehr unterschiedlich, als die Filmrechte an Fail-Safe verkauft wurden, strengte Peter George, der Autor von Red Alert, dennoch eine Klage wegen Plagiats an, die letztlich außergerichtlich gelöst wurde. Das machte den Weg für beide Filme frei.
Beide Filme gehen der Frage nach, ob ein Präventivschlag nicht die bessere Alternative ist, wenn ein Krieg ohnehin unausweichlich scheint. In beiden Filmen drängen Generäle den Präsidenten dazu, das gesamte atomare Potenzial zu entfesseln.
Vom ernsthaften Film zur bissigen Satire
Bei Kubrick geht der von George C. Scott gespielte General Turgidson davon aus, dass nur ein begrenzter sowjetischer Gegenschlag möglich wäre und lediglich 20 bis 25 Millionen Amerikaner sterben würden.
Bei Angriffsziel Moskau argumentiert ein von Walter Matthau gespielter Wissenschaftler, dass die Sowjets nach der Vernichtung Moskaus nicht zurückschlagen werden, weil dies die gegenseitige Auslöschung bedeuten würde und der Kommunismus im Kern darauf ausgelegt ist, um jeden Preis zu überleben.
Wer zuerst zuschlägt, ist als zweiter tot
Die Idee eines Präventivschlags hatte Peter George Ende der 50er Jahre, die Fail-Safe-Autoren Anfang der 1960er Jahre, 1962 stand er tatsächlich im Raum. Es war die Kubakrise, bei der die Sowjetunion auf Kuba alles vorbereitet hatte, um dort nukleare Raketen positionieren zu können.
Präsident John F. Kennedy konnte das nicht zulassen, seine Möglichkeiten waren aber begrenzt. Ein konventioneller Luftangriff auf die Abschussvorrichtungen in Kuba wurden in Betracht gezogen, dieser hätte aber einen Gegenschlag der Sowjetunion provozieren können. Von Seiten der Generäle wurde die Möglichkeit in den Raum gestellt, dass die Kubakrise zu einem Krieg mit der Sowjetunion führt, weswegen es besser wäre, sofort einen Präventivschlag auszuführen.
Kennedy entschied sich dagegen und ließ die US-Marine eine Blockade errichten – die er eine Quarantäne nannte. Es ist Semantik, aber eine Blockade wäre ein kriegerischer Akt gewesen. Letztlich endete die Kubakrise nach 13 Tagen, als der sowjetische Premierminister die Schiffe zurückbeorderte und Kennedy sich im Gegenzug einverstanden erklärte, die in der Türkei stationierten atomaren Raketen zu verlegen.
Das war im Oktober 1962 – da war Kubrick bereits dabei, mit seinem Partner James B. Harris die Story des Films zu entwickeln. Was ihm damals vorschwebte: ein dramatischer, absolut ernsthafter Film. Harris ging weiter zu anderen Projekten, Kubrick kümmerte sich alleine um die Geschichte, und er kam auf eine Idee zurück, die er in der Zusammenarbeit mit Harris zuvor verworfen hatte: das Ganze nicht als ernsthaften Thriller, sondern als bissige Satire zu erzählen.
Drei Rollen
Da der Film nun komisch sein sollte, bot sich Kubrick die Gelegenheit, nach Lolita erneut mit einem der größten Komiker aller Zeiten zu arbeiten: dem Briten Peter Sellers, der ein wahres Chamäleon war(öffnet im neuen Fenster) . Er genoss es, in Filmen verschiedene Rollen zu spielen.
Das tat er auch bei Dr. Seltsam. Er spielt den Group Captain Mandrake, einen britischen Austauschoffizier, der versucht, General Jack D. Ripper davon abzuhalten, seinen tödlichen Plan durchzuziehen.
Dann ist Sellers noch Präsident, und er spielt Dr. Seltsam, einen Deutschen, der am Ende seine Begeisterung für den Führerkult nicht wirklich unter Kontrolle halten kann.
Ein ernsthafter Schauspieler in einer komischen Rolle
Eigentlich hätte Sellers auch noch den Piloten Kong spielen sollen, der am Ende des Films den Ritt auf der Atombombe wie ein Cowboy absolviert – es ist der wohl berühmteste Moment des Films. Aber ihm gefiel die Rolle nicht(öffnet im neuen Fenster) und passenderweise hatte er einen verstauchten Knöchel, der es ihm unmöglich machte, in das B-52-Set hineinzusteigen – so heißt es zumindest.
Um diese Rolle ranken sich ohnehin einige Legenden. So hieß es, man habe sie John Wayne angeboten, der nicht nur ablehnte, sondern gar nicht reagierte. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein erzkonservativer Mime wie Wayne diese Rolle gespielt hätte, ging gegen Null.
Das wusste man auch im Studio, weswegen zweifelhaft ist, dass es überhaupt ein Angebot gab. Das hätte den Film auch deutlich verteuert. Man entschied sich für Slim Pickens, der großartig in der Rolle ist.
Wayne hätte das Budget gesprengt. Der Film wurde mit knapp zwei Millionen US-Dollar umgesetzt, schon die Hälfte ging an Peter Sellers. Kubrick scherzte später, dass er für das Geld drei Rollen besetzt bekam, aber eigentlich das Äquivalent für sechs Rollen ausgegeben hatte.
Aber es lohnte sich: Sellers ist in allen drei Rollen hervorragend. Er genoss auch Freiheiten, die bei Kubrick selten waren. Sellers durfte seinen Text improvisieren. Etwas, das der Regisseur nicht unbedingt mochte, den Schauspieler hier aber ermutigte, weil er wusste, dass er Schauspielgold bekommen würde, sobald Sellers sich in der Rolle verlor.
Der unfreiwillige Sturz
Großartig ist auch George C. Scott, ein ernsthafter Schauspieler, von dem man nicht gewohnt ist, dass er in komischen Rollen agiert. Kubrick wollte, dass die Figur absolut albern daherkommt. Das war Scott aber irgendwie unangenehm, er sah Turgidson als tragische Figur in einer Komödie.
Kubrick sagte Scott also(öffnet im neuen Fenster) , er solle seine Darstellung total übertreiben – zu Übungszwecken, bevor man die richtige Szene drehte. Dann benutzte der Regisseur aber all diese "Übungsszenen", was Scott nicht gerade glücklich machte. Er schwor, nie wieder mit Kubrick zu arbeiten, gab aber zumindest zu, dass der Regisseur das clever eingefädelt hatte.
Scott war so in seiner Darstellung drin, dass es einen Moment im Film gibt, der so nicht geplant war. Turgidson steigert sich gerade in eine Rede, stolpert, springt wieder auf und redet direkt weiter. Das war so nicht gedacht.
Scott rutschte wirklich aus, war aber so in der Rolle drin, dass er in der Darstellung blieb. Kubrick fand das so gut, dass er diesen Moment in den Film eingebaut hat.
Die Kameraarbeit
Der Film wurde in den Shepperton Studios in England gedreht. Für die Kameraarbeit wurde Gilbert Taylor verpflichtet. Früh war entschieden worden, den Film in Schwarzweiß zu drehen. Überhaupt gab es in den frühen 1960er Jahren einige politische Thriller wie John Frankenheimers Sieben Tage im Mai (1964), die auf Farbe verzichteten. Dominant wurde Farbe im Kino erst ab 1965, als das US-Fernsehen aufhörte, Serien in Schwarzweiß zu produzieren.
Im Jahr 2006 sagte Taylor dem American Cinematographer(öffnet im neuen Fenster) : "Der Film war damals eine einzigartige Erfahrung, da die Beleuchtung in die Kulissen integriert und nur wenig oder gar kein anderes Licht verwendet werden sollte."
Besonders fällt dies in dem von Ken Adam gestalteten War Room auf, in dem der Präsident und seine Berater versuchen, die Krise zu managen.
Schnitt – und man sieht mehrere Atombombenpilze
Mit dem glänzenden schwarzen Boden und einem runden Tisch, der von einem Ring aus weißglühenden Leuchtstoffröhren beleuchtet wird, soll das riesige Bühnenbild ein episches Pokerspiel suggerieren, bei dem es um das Schicksal der Welt geht.
Taylor fiel es vor Drehbeginn auch zu, die Luftaufnahmen zu machen, die für die Rückprojektionen vonnöten waren. Er konnte dabei auf seine eigenen Erfahrungen bei der Royal Air Force setzen und hatte freie Hand, da Stanley Kubrick ihn nicht in das Flugzeug begleitete.
Kubrick hasste das Fliegen, weswegen er seine Filme auch in Großbritannien drehte. Der Regisseur wollte dennoch mitreden, wie die Kameras am Flugzeug befestigt wurden, woraufhin Taylor den Piloten bat, die Maschine zu starten. Kubrick verließ fluchtartig das Flugzeug.
Taylor setzte hier auf Pan-F-34mm-Cine-Film, da der Film sehr feines Korn aufweist und dadurch sehr detailreich daherkommt. Das erlaubte es später, die Rückprojektionen größer aufzuziehen, da kein Detailverlust stattfand.
Weit involvierter war Kubrick bei den Szenen, die zeigen, wie die Soldaten die Air-Force-Basis stürmen. Taylor und Kubrick bedienten die Kameras selbst – und waren Teil der Szenerie. "Stanley konnte mit der Kamera umgehen," erinnerte sich Taylor, "also sagte ich zu ihm: 'Für diese ganze Kriegssache ziehen wir beide Kampfanzüge an, haben beide Arriflex-Kameras und gehen einfach mit den Männern hinein. Wir filmen es wie Kameraleute inmitten des Kampfeinsatzes.'"
Das verleiht diesen Sequenzen einen fast schon dokumentarischen Anstrich, der ein wunderbarer Kontrastpunkt zu den satirischen Elementen des Films ist. Taylor benutzte hier einen panchromatischen Film, der vom Militär eingesetzt wird. Er ist sehr kontrastreich und, wie Taylor später herausfand, langsam in der Entwicklung. Aber für den Look dieser Szenen war er perfekt.
Das originale Ende
Der Film endet damit, dass Dr. Seltsam sich erhebt, um dem Präsidenten zu salutieren. Schnitt – und man sieht mehrere Atombombenpilze. Das Ende der Welt. In einer frühen Version des Skripts hätte es noch Außerirdische gegeben, die am Ende die Ereignisse aus dem All beobachten.
Gedreht wurde aber auch ein anderes Ende, das wohl zu absurd gewesen wäre. Im War Room hätte es zu einer gigantischen Tortenschlacht kommen sollen. Kubrick haderte mit der Sequenz. Er hatte das Gefühl, dass sie zu sehr in Richtung Slapstick ging und schnitt sie. Zu sehen war diese Sequenz bisher nur einmal im National Film Theater in London, nachdem Kubrick verstorben war.
Auch den Titel zu finden, war offenbar alles andere als leicht. Bevor man sich für Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb entschied, waren Wonderful Bomb, The Edge of Doom, The Delicate Balance of Terror, Dr. Doomsday or: How to Start World War III Without Even Trying und Dr. Strangelove's Secret Uses of Uranus im Rennen.
Auch die Kritiker liebten den Film
Der Film sollte seine Premiere im Dezember 1963 feiern, wurde aber nach dem Attentat auf John F. Kennedy am 22. November 1963 verschoben und fand erst am 29. Januar 1964 statt. In Deutschland dauerte es noch bis zum 10. April 1964, bis der Film in die Kinos kam.
Die Kritiken überschlugen sich angesichts der brillanten Satire, die aber leicht im Halse stecken bleiben konnte. Man darf nicht vergessen: Zu jener Zeit wurde in Schulen noch geübt, was man im Falle eines Atomschlags zu tun hätte – sich unter dem Tisch verstecken und Deckung suchen.
Kubrick hatte den Schrecken des Atomkriegs in eine Farce verwandelt, aber eine, die enorm intelligent ist, weil sie den Wahnsinn eines solchen Krieges, aber auch die Gefahren, ihn ungewollt zu beginnen, in den Fokus rücken. Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben ist eine Albtraumkomödie(öffnet im neuen Fenster) , deren Relevanz in den letzten Jahren nachgelassen hatte, die nun aber wieder da ist. Kubricks Film aus dem Jahr 1964 könnte im Jahr 2024 kaum aktueller sein.