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50 Jahre Soylent Green: Bedingt prophetisch

Fast 50 Jahre nach seiner Entstehung ist der Science-Fiction -Film Soylent Green nur bedingt prophetisch. Die Dystopie ist (noch) nicht eingetroffen.
/ Peter Osteried
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Soylent Green war der letzte Film des US-Schauspielers Edward G. Robinson, der 1973 starb. (Bild: Michael Stroud/Daily Express/Hulton Archive/Getty Images)
Soylent Green war der letzte Film des US-Schauspielers Edward G. Robinson, der 1973 starb. Bild: Michael Stroud/Daily Express/Hulton Archive/Getty Images

Die 1970er Jahre waren das Jahrzehnt, in dem die Science-Fiction düsterer denn je wurde. Erstmals regte sich ein ökologisches Bewusstsein und damit auch die Erkenntnis, dass die Ressourcen dieser Welt nicht unendlich sind und der Raubbau an Mutter Erde Konsequenzen haben würde. Dem wurde auch die filmische Science-Fiction gerecht, bevor der Erfolg von Star Wars im Jahr 1977 das Genre wieder mehr in Richtung Fantasy lenkte.

Einer der besten Filme dieser kurzen Zeit, in der die Science-Fiction so kritisch wie nie zuvor war, ist Jahr 2022... die überleben wollen - heutzutage vielleicht besser unter seinem Originalnamen Soylent Green bekannt. Der Film von 1973 blickte knapp 50 Jahre in die Zukunft - eine Zukunft, die von Überbevölkerung und Ressourcen-Knappheit bestimmt ist.

40 Millionen Menschen in New York

Die Handlung spielt in einem überbevölkerten New York. Wo heute knapp neun Millionen Menschen(öffnet im neuen Fenster) leben und es in den frühen 1970er Jahren knapp acht Millionen waren, beginnt der Film damit, das Setting vorzugeben und die Bevölkerungszahl zu nennen: 40 Millionen.

Wobei "leben" ein Euphemismus ist. Die meisten vegetieren dahin, leben in Treppenhäusern und Fluren. Die wenigen, die das Glück hatten, eine Wohnung zu ergattern, müssen über all diese Menschen hinwegsteigen. Eine Metapher: Die, die etwas haben - und sei es noch so wenig - trampeln über die Habenichtse einfach drüber.

Die Zukunft ist in Soylent Green alles andere als rosig. Die Reichen leben in schönen Appartements und leisten sich Prostituierte, die Teil des Inventars sind. Sie haben echtes Essen, während das Gros der Bevölkerung von Soylent Green von etwas lebt, von dem man gar nicht weiß, was es ist.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der von Charlton Heston gespielte Polizist Frank Thorn, der den Mord an dem reichen William R. Simonson, einem Vorstandsmitglied der Soylent Corporation, untersucht. Hilfe erhält er von seinem alten Freund Sol Roth, einem hochintelligenten früheren Universitätsprofessor und Polizeianalytiker, den man gemeinhin nur "Buch" nennt. Roth erinnert sich an eine Welt, in der noch Tiere existierten und es echtes Essen gab.

Die Basis für Soylent Green bildet Harry Harrisons Roman Make Room! Make Room!, der in den USA 1966 erschien. Hierzulande kam er erstmals 1969 als New York 1999 heraus. Der Film unter der Regie von Richard Fleischer verlegt die Geschichte noch etwas weiter in die Zukunft - ins Jahr 2022.

"Soylent Green is people!"

Der Autor Harrison hatte mit dem Film nichts zu tun, seine Geschichte bildete nur die Basis, vieles wurde verändert - vom Namen der Hauptfigur über die Motivation des Killers bis hin zur großen Sterbeszene von Sol Roth, die es im Roman gar nicht gibt. Etwas anderes fehlt im Roman auch: die Enthüllung, was Soylent Green eigentlich ist.

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Knapp 50 Jahre nach der Entstehung ist es wohl kein Spoiler mehr, wenn man verrät, was es mit Soylent Green auf sich hat. Im Film wurde nämlich ein kreativer Weg gefunden, die Überbevölkerung zu nutzen, um die Bevölkerung am Leben zu halten. Denn Soylent Green ist Menschenfleisch.

Das Zitat(öffnet im neuen Fenster) "Soylent Green is people!" (deutsch: "Soylent Grün ist Menschenfleisch!" ) wurde vom American Film Institute im Jahr 2005 auf den 77. Platz der Liste AFI's 100 Years ... 100 Quotes(öffnet im neuen Fenster) gewählt.

In dem Buch Omni's Screen Flights/Screen Fantasies, erschienen im Jahr 1984, stellte Harrison sich selbst die Frage, ob er mit dem Film zufrieden sei. Die Antwort lautete: "Zu etwa 50 Prozent."

Was von der Film-Dystopie heute Realität ist

Hauptdarsteller Charlton Heston war einer der wenigen großen Stars, die vor Science-Fiction nicht zurückschreckten. Denn in den 1960er und 1970er Jahren war es ein Genre, das immer etwas belächelt wurde. Mit Planet der Affen und Der Omega-Mann spielte Heston aber in zwei weiteren Klassikern mit.

Sol Roth wird von Edward G. Robinson gespielt. Soylent Green war sein 101. und letzter Film. Robinson wusste zu dem Zeitpunkt schon, dass er bald sterben würde. Er hatte Blasenkrebs und starb nur zwölf Tage, nachdem er seine letzte Szene gedreht hatte. Es war die Sterbeszene von Sol Roth, die den emotionalen Kern des Films bildet.

Charlton Heston war von Robinson besonders beeindruckt und schrieb in seinen Memoiren The Actor's Life: Journal 1956-1976: "Als wir drehten, wusste er schon, dass er sterben würde, wir aber nicht. Er hat nie einen Drehtag verpasst oder war auch nur zu spät." Robinson sei ein absoluter, hingebungsvoller Profi gewesen. "Erst jetzt weiß ich, wieso es mich so bewegte, ihn seine letzte Szene, die Sterbeszene, spielen zu sehen. Er wusste, dass dies sein allerletzter Drehtag sein würde."

Zwischen "zu melodramatisch" und "gut und wichtig"

Der Film erhielt damals eher gemischte Kritiken. Manchen wirkte er zu melodramatisch, andere fanden den gesellschaftlichen Aspekt gut und wichtig.

Soylent Green wurde als bester Science-Fiction-Film des Jahres mit einem Saturn Award(öffnet im neuen Fenster) und einem Nebula Award(öffnet im neuen Fenster) für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Nominiert war er auch für den renommierten Hugo Award(öffnet im neuen Fenster) als bester Film des Jahres, bekommen hat den Preis damals aber Woody Allens Der Schläfer.

Für das produzierende Studio Warner Bros. war Soylent Green ein Erfolg, wenn auch kein überragender. Allerdings hat sich der Film im Lauf der Jahrzehnte einen ganz anderen Status erarbeitet und gilt zurecht als einer der großen Klassiker der Science-Fiction.

Das reale 2022 ist zwar nicht so dystopisch wie das 2022 im Film, aber auch unser Planet nähert sich dem Kollaps: Da ist das starke Bevölkerungswachstum mit allen umweltschädlichen Nebeneffekten, da sind die Klimakatastrophen, da ist das Artensterben. Im Film spielt vor allem der Plankton-Schwund in den Meeren(öffnet im neuen Fenster) eine wichtige Rolle. Er ist der Grund dafür, dass Soylent Green anders hergestellt werden muss.

Soylent Green gibt es auch als Cracker

Soylent Green gibt es mittlerweile übrigens wirklich. Rob Rhinehart entwickelte es 2013 im Selbstexperiment. Es ist ein flüssiges Nahrungsmittel, das den täglichen Nährstoffbedarf eines Erwachsenen abdecken soll.

Der Name geht natürlich auf den Film zurück, er ist eine Kombination(öffnet im neuen Fenster) aus "soy" (Soja) und "lentil" (Linse). Das Ganze gibt es auch als Cracker(öffnet im neuen Fenster) - ohne Menschenfleisch.


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