50 Jahre Dungeons & Dragons: Aus dem Keller vor die Kameras

Es mag ein Klischee sein, aber es ist wahr: Die Ur-Version von Dungeons & Dragons, erdacht von dem ehemaligen Versicherungsmakler und Schuster Gary Gygax und seinem Geschäftspartner Dave Arneson, entstand nicht in einem Konferenzraum. Es wurde 1973 in Handarbeit im Keller von Gygax' Haus entwickelt(öffnet im neuen Fenster) und ging vor ziemlich genau 50 Jahren - Ende Januar 1974 - erstmals in einer Mini-Auflage in den Verkauf.
Abgesehen von der Satanic Panic in den USA der 80er Jahre, im Rahmen derer unter anderem Metal-Fans und Rollenspieler als Teufelsanbeter beschuldigt wurden, flog das Spiel lange Zeit unter dem Radar der Öffentlichkeit. In der Szene fand es hingegen schnell Anklang und inspirierte unter anderem 1984 mit das bekannteste deutsche Pen-&-Paper-Rollenspiel Das schwarze Auge - einer der Erfinder war für die deutsche Übersetzung von Dungeons & Dragons zuständig gewesen(öffnet im neuen Fenster) .
Heute ist das anders. Mit der 2014 erschienenen fünften Edition ist Dungeons & Dragons, oder kurz D&D, im Mainstream angekommen, zahlreiche Filme, Bücher und Videospiele haben die Welt oder die Regeln des Rollenspielsystems bis heute als Grundlage herangezogen.
Lukrativ ist das Ganze auch noch: Rechteinhaber Hasbro verdient allein im Tabletop-Bereich, zu dem auch Magic-The-Gathering- und Dungeons-&-Dragons-Produkte gehören, mehrere Hundert Millionen US-Dollar pro Jahr.(öffnet im neuen Fenster)
Die Rollenspiel-Fan-zu-Unternehmer-Pipeline
Aus der kulturellen Bedeutung schlagen mittlerweile auch die Fans Profit. Die Demokratisierung durch Videoplattformen wie Twitch geben in der Theorie jedem die Möglichkeit an die Hand, Actual Play für Publikum zu betreiben.
Actual Play, das sind all die Formate, in denen eine Rollenspielkampagne vor einer oder mehreren Kameras oder auch nur als Podcast gespielt und aufgenommen wird, inklusive Storytelling durch den Spielleiter, Interaktionen zwischen Charakteren und dem tatsächlichen Spielen und Würfeln. Hier geht es nicht immer nur um D&D, denn Demokratisierung ermöglicht auch Vielfalt durch eigene Welten, Spielsysteme und Szenarien. Aber der Ur-Vater hat auch heute noch die größte Zugkraft.
Solche Formate gibt es seit mindestens zehn Jahren auch in Deutschland. Die Bandbreite reicht dabei von Hochglanz-Web-Serien mit Profi-Produktionsqualität über Auftragsarbeiten für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk bis hin zu locker gestreamten Spielrunden, wie man sie auch im Spielecafé um die Ecke finden würde.
Golem.de hat nachgefragt: Wie relevant sind Live-Pen-and-Paper-Runden hierzulande? Wie viel Aufwand steckt dahinter? Und was ist eigentlich mit dem Thema Diversität bei einem Hobby, das auf dem Papier immer noch von Männern dominiert wird?
Unterhaltung auch ohne Skript
Zu den dienstältesten Actual-Play-Angeboten hierzulande gehören die Live-Rollenspielrunden des 2009 gegründeten Portals Orkenspalter TV(öffnet im neuen Fenster) . Geleitet werden sowohl die Seite als auch die Spielrunden von der Autorin und Schriftstellerin Mháire Stritter, Nico Mendrek fungiert als Chefredakteur, Cutter und Kameramann.
Mendrek kam 2012 das erste Mal mit Pen & Paper auf Youtube in Kontakt und war zunächst unterwältigt. "Der Ton und das Bild waren grauenhaft und ich dachte mir: 'Das kriegen wir doch zumindest etwas besser hin'," sagt Mendrek.
Nach einigem Ausprobieren geht 2014 die erste Kampagne auf Youtube live. Der Anspruch pendelt sich schnell zwischen Professionalität und Hobbytum ein. "Es muss unterhaltsam sein, aber eben doch noch eine Rollenspielrunde, wie sie tatsächlich stattfinden kann, ohne irgendwelche geskripteten Szenen oder Profi-Schauspieler," erklärt Mendrek.
Das führt dazu, dass es nicht immer ein aufwendiges Studio-Setup gibt, die Vor- und Nachbereitung der Folgen aber trotzdem zwischen vier und 20 Stunden pro Folge in Anspruch nimmt. "Bei Studiodrehs mit mehreren Kameras sitze ich lange am Schnitt," sagt der Orkenspalter-Chefredakteur. "Bei Zoom-Runden habe ich es dann einfacher und je nachdem, was ich erwarte, wie viele Leute der Mitschnitt auf Youtube erreichen wird, bereite ich den Clip dann mehr oder weniger stark mit Soundeffekten und Musik oder einem Intro auf."
Dieser Aufwand wird von eingeschworenen Fans honoriert: Bei Youtube hat Orkenspalter rund 60.000 Abos, bei Twitch, auf dem die Spielrunden live übertragen werden, sind es 22.000. Das ist weit weg von Streamer-Größen, aber genug Motivation, um weiter Inhalte für die Zielgruppe zu produzieren.
Im Auftrag von Funk, SWR und Co.
In einer anderen Liga spielen Rocket Beans mit ihren Pen-&-Paper-Formaten(öffnet im neuen Fenster) . Den bekannten Web-Sender, der aus Giga Games hervorgegangen war, gibt es seit 2012. 2014 startet unter der Leitung von Hauke Gerdes nach holprigen Anfängen die erste Live-Rollenspielkampagne namens T.E.A.R.S. Die erste Folge hat Stand heute 1,3 Millionen Aufrufe(öffnet im neuen Fenster) , die Produktionsqualität ist damals noch bescheiden.
Daran hat sich heute einiges geändert, auch in der Vorbereitung. Laut Redakteur Steffen Grziwa und Creative Director Anja Räßler wird am Anfang eine Grobidee für die Geschichte skizziert, dann werden Entwürfe für den Set-Bau und Grafikassets erstellt.
Neben Bühnen- und Grafikdesign kommen im Laufe der Produktion noch Soundeffekte, musikalische Untermalung und Lichtdesign dazu. "Meistens bereiten wir mehr vor, als am Ende genutzt wird, da wir den exakten Spielverlauf nicht vorhersehen können," sagt Räßler. "Das macht die Arbeit hinter der Kamera auch sehr spannend."
Bei Eigenproduktionen werden System und Cast nach deren Eignung für die Leitidee hinter dem Actual-Play-Konzept ausgewählt. "Die Zuschauer sollen mitfiebern bei jedem einzelnen Würfelwurf, dafür müssen sie aber verstehen, was auf dem Spiel steht und was ein guter oder schlechter Würfelwurf ist," erklärt Grziwa.
Räßler ergänzt: "Wir wollen mit unseren Pen-&-Paper-Rollenspielen auch Zuschauer ansprechen, die nicht zwingend selbst Teil einer solchen Runde waren. Ein niedrigschwelliges Regelwerk ermöglicht da einen besseren Zugang."
Zwölf Monate Arbeit für eine Staffel Live-Rollenspiel
Neben Videos für den eigenen Kanal erstellt Rocket Beans auch Formate für Auftraggeber, die klare wirtschaftliche und inhaltliche Vorgaben haben. Das macht den Prozess deutlich aufwendiger. "Zu unserem Pen & Paper Telemar im Auftrag von Funk gab es ein mehrstufiges Casting und Testspielen mit unterschiedlichen Spielern und eine aufwendige Nachbereitung der Sendung im Schnitt," sagt Grziwa.
Von der ersten Idee bis zum letzten Handgriff habe das Projekt zwölf Monate Zeit in Anspruch genommen. Für Eigenproduktionen würden rund fünf Wochen pro Staffel anfallen.
Trotz hoher Arbeitsintensität ist und bleibt das Live-Rollenspiel laut eigener Aussage einer der Hauptbestandteile des Web-Senders. "Durch Pen & Paper sind viele Menschen erst auf Rocket Beans TV aufmerksam geworden. Wir können, glaube ich, behaupten, dass wir einen erheblichen Anteil an der gestiegenen Popularität des Genres im deutschsprachigen Raum beigetragen haben," sagt Räßler.
Laut Grziwa lockt zum Beispiel das 2017 gestartete und jüngst wiederbelebte Morriton Manor immer noch rund 30.000 Zuschauer in den Livestream. Die organisieren sich auch zu inoffiziellen Watch-Parties, erstellen Fan-Art und steuern die Kampagnen zum Teil über die Chatfunktion der Videoportale mit. Das sei laut Grziwa und Räßler ein wichtiger Aspekt ihrer Arbeit: Der Austausch mit den Menschen, die ihre Formate tatsächlich konsumieren.
Auf den Spuren von Critical Role
Die Community ist auch essenziell für Alexander Karnstedt und sein Projekt Dice Actors(öffnet im neuen Fenster) . Das Actual-Play-Format wird derzeit von rund 400 Menschen bei Patreon unterstützt, der dazugehörige Youtube-Kanal hat 13.000, der Twitch-Account 2.000 Follower.
An diesen Zahlen will sich Karnstedt aber nicht messen lassen. "Wir definieren Erfolg anhand dessen, was wir von unserer Community zurückbekommen, und nicht anhand der Abo-, View- oder Bilanzzahlen," sagt Karnstedt, der zur Schulzeit Das Schwarze Auge spielt, im Studium als Spielleiter mit Dungeons & Dragons in Berührung kommt und eigentlich Lehrer und Dirigent ist. "Ich hatte das Bedürfnis, meine pädagogischen Künste auch auf Tischrollenspiele anzuwenden," erklärt er. "Der Weg, einen Youtube-Kanal mit D&D-Tutorials zu starten, war quasi unausweichlich."
Nach dem Start seines Kanals Abenteurergilde kommt Karnstedt auch mit Critical Role in Kontakt. Die US-Gruppe gibt es seit März 2015 und ist trotz im Vergleich mit großen Twitch-Streamern bescheidenen Zahlen mittlerweile zu einer lukrativen Firma geworden.
Das Kollektiv aus bekannten Synchronsprechern, das seine Spielrunden im Studio vor gebauter Kulisse als lebendiges Hörspiel inszeniert, nimmt beispielsweise 2019 bei Kickstarter elf Millionen US-Dollar für eine eigene Animationsserie ein(öffnet im neuen Fenster) - das zu dem Zeitpunkt am höchsten gefundete TV- und Filmprojekt auf der Crowdfunding-Plattform.
Wochenenden gehören dem Rollenspiel
2020 entwickelt Karnstedt die Idee, ein deutsches Critical Role aufzuziehen, und geht auf Spielersuche. Er kontaktiert als erstes die Youtuberin und Synchronsprecherin Strawbellycake alias Rieke Werner, die beispielsweise die Stimme von Arielle in der Live-Action-Neuverfilmung des Disney-Klassikers übernommen hatte, diese streut Karnstedts Anfrage in ihrem Kollegenkreis.
Nach einigen Testrunden und Vorarbeit geht die erste Episode von Dice Actors im August 2022 live. "Wir haben viel Eigenkapital investiert, um die technische Produktion auf ein in der Branche seltenes Level zu bringen," sagt Karnstedt. "Dadurch, dass wir in Person und, aufgrund unserer Kontakte, in einem tatsächlichen Synchronstudio aufnehmen können, ist nicht nur der technische Standard ein besonderer, sondern wird auch das Spielgefühl eingefangen, das an unserem Spieltisch herrscht."
Aufgenommen wird Dice Actors jeweils an einem Wochenende im Monat, wobei vier Episoden entstehen. Karnstedt bereitet im Vorfeld Orte, Charaktere und Situationen vor, arbeitet an Miniaturen und Kampfsets und verbringt zusammen mit dem Team allein vier Stunden mit dem Aufbau.
Die Aufbereitung beinhaltet, wie auch bei anderen professionelleren Formaten, Erstellung von Artwork sowie Video- und Audio-Postproduktion. Die Kosten dafür sind vom Crowdfunding gedeckt, Gewinne wirft Dice Actors nicht ab. Sollte das Projekt noch erfolgreicher werden, will das Team erst mal ein eigenes Studio finanzieren.
Der Keller, die Männerdomäne
Was auffällt, ist, dass bei allen Projekten verhältnismäßig viele Menschen beteiligt sind, die nicht dem klassischen Rollenspiel-Nerd-Klischee entsprechen, das in vielen Medien auch heutzutage noch bemüht wird.
Will heißen: Sowohl bei Rocket Beans als auch bei Orkenspalter TV und Dice Actors gibt es mindestens weibliche Beteiligung in jeder Runde. Laut einer Umfrage zum Thema aus dem Jahr 2022(öffnet im neuen Fenster) , die von sieben deutschen Rollenspielverlagen in Auftrag gegeben wurde, ist das allerdings nicht die Regel.
Dort wurde neben einer Spielerbefragung auch eine für die deutsche Bevölkerung nach Geschlecht, Alter, Wohnort und Bildungsstatus repräsentative Befragung durchgeführt. Bei dieser wussten 48 Prozent aller Teilnehmer, was ein Tabletop-Rollenspiel ist, bei den Frauen waren es 39 Prozent.
Ausprobiert hatten ein derartiges Spiel 28 Prozent der weiblichen Befragten gegenüber 48 Prozent der Männer. Bei der Umfrage unter Menschen, die aktiv Tabletop-Rollenspiele spielen, sind die Ergebnisse noch deutlicher: 80 Prozent der Teilnehmenden waren Männer, was aber auch mit dem Umfragendesign und der Art der Teilnehmerakquise zusammenhängen könnte.
Diversitätsbemühungen zwischen organischer Einbindung und Quasi-Quote
Anja Räßler von Rocket Beans wehrt sich jedenfalls gegen das Bild, das dadurch gezeichnet wird. "Die Wahrnehmung als traditionell männliches Hobby bildet nicht die Realität ab. Das haben wir vor allem gemerkt, als wir das Casting durchgeführt haben," sagt Räßler. "Wir hatten genauso viele Bewerberinnen wie Bewerber. Actual-Play-Angebote bieten die besten Voraussetzungen, um Diversität in der Szene abzubilden."
Nico Mendrek von Orkenspalter versucht die Spielrunden bewusst "zumindest mit 50 Prozent Nicht-Cis-Hetero-Männern" zu besetzen - weil es für ein harmonischeres Spiel sorge, obwohl es für die Szene laut ihm nicht repräsentativ sei. Und Karnstedt will Diversität durch die organische Einbindung gerade von Nicht-Spieler-Charakteren schaffen, statt eine Quote zu forcieren.
"Wir ziehen es vor, Diversität zu zeigen, anstatt sie zu predigen, weshalb wir es üblicherweise auch nicht zu einem großen Thema machen," erklärt der Dice-Actors-Spielleiter.
Die Bemühung, Menschen vor die Kameras zu holen, mit denen sich nicht nur eine Hälfte der Bevölkerung identifizieren kann, scheint sich zu lohnen. Egal, ob das repräsentativ für die gesamte Szene ist oder nicht.
Denn allen drei Projekten gemein ist das fast durchgängig positive Feedback, das sie von ihren Fans erhalten. Einige werden durch die Live-Rollenspielrunden motiviert, selbst mehr Pen & Paper zu spielen, andere starten direkt ihre eigenen Formate.
Immerhin braucht es dafür nur eine Spielrunde mit der passenden Chemie, eine Kamera und einen Twitch-Account. Auch 50 Jahre nach der ersten Ausgabe von Dungeons & Dragons ist Pen & Paper also noch quicklebendig - und hat auch in Deutschland noch Wachstumspotenzial abseits etablierter Formate.



