4G/5G: 1&1 startet sein Mobilfunknetz mit einer Halbwahrheit

Erst kürzlich hat 1&1(öffnet im neuen Fenster) erklärt, "als einziger Mobilfunk-Netzbetreiber in Deutschland auf Antennen von Huawei" zu verzichten. Das stimmt aber nicht ganz, denn ohne Roaming mit Tausenden Huawei-Antennen wäre ein Netzbetrieb für 1&1 unmöglich.
Hinzu kommt, dass 1&1 Mobilfunk von der Bundesnetzagentur die Versorgungsauflage hatte, bis Anfang des Jahres 1.000 5G-Stationen zu errichten. Doch am 3. Januar 2023 gab es nur drei oder fünf Antennen, es fehlten also 995 oder 997. Ralph Lenkert, der für Die Linke im Beirat der Bundesnetzagentur sitzt, sagte im Gespräch mit Golem.de, dass "man sich im Beirat wünscht, dass gehandelt wird. Ich fürchte nur, dass die vorhandenen Strafen zu gering sind."
Bis 1&1 eigene 5G-Antennen gebaut hat, ist der Anbieter für viele Jahre auf ein Fremdnetz angewiesen. Im Mai 2021 trafen Telefónica Deutschland und 1&1 deswegen nach langen Verhandlungen eine Roaming-Vereinbarung.
Wenn das Netz von 1&1 Mobilfunk nicht verfügbar ist – also praktisch überall – sollen die über elf Millionen Mobilfunkkunden von 1&1 per Roaming ins Telefónica-Netz wechseln können. Der Umzug der elf Millionen "auf unser Netz beginnt im Herbst 2023 und soll dann innerhalb eines Zeitraums von zwei Jahren erfolgen" , erklärte Mehrheitsaktionär und Konzernchef Ralph Dommermuth im März 2022.
Es gibt kein Zurück, denn die Bundesnetzagentur hat den Termin festgelegt, bis zu dem 1&1 Mobilfunk als MVNO (Mobile Virtual Network Operator) in fremden Netzen auftreten darf: Spätestens bis Ende des Jahres 2023 muss der Vertrieb hier beendet werden. "Jedwede Geschäftstätigkeit als Diensteanbieter" sei ab Ende des Jahres 2025 einzustellen, erklärte die Behörde am 21. Oktober 2022.
Nach Informationen, die Golem.de vorliegen, besteht das Mobilfunknetz von Telefónica/O2 im RAN zu rund 50 Prozent aus Antennen von Huawei und zu 50 Prozent von anderen Herstellern wie Nokia. Die Technik an den Funkmasten nennt man RAN. Der spanische Konzern Telefónica setzt in Deutschland auf eine sogenannte Dual-Vendor-Strategie, bei der der Split bei etwa 50/50 liegt. Genauere Zahlen sind nicht bekannt.
Bei der Deutschen Telekom und Vodafone ist es nicht anders, dort rüsten Huawei und Ericsson aus. Bei der Telekom liegt Huawei bei weit über 50 Prozent.
Roaming-Vereinbarung bis maximal 2034
Die Nationale-Roaming-Vereinbarung von 1&1 Mobilfunk mit Telefónica Deutschland läuft zunächst bis 30. Juni 2025, kann aber bis 2029 und erneut bis 2034 verlängert werden. Der Beginn des Roamings ist parallel zum Start des eigenen Mobilfunknetzes von 1&1 Mobilfunk festgelegt. Die Kunden erhalten dann Zugang zum 5G-Netz des vierten Betreibers sowie in noch nicht ausgebauten Gebieten Zugriff auf das 2G- und 4G-Netz von Telefónica.
Telefónica sieht die Nutzung der Huawei-Antennen offenbar nicht kritisch. Telefónica Deutschland hat bereits im Jahr 2019 in einem Papier an Bundestagsabgeordnete die Position des Unternehmens zu chinesischen Spionagevorwürfen und Huawei deutlich gemacht.
"Die einzigen bekannten Sicherheitsvorfälle in Mobilfunknetzen, in die Staaten involviert waren, gehen auf die USA zurück" , heißt es darin. Und weiter: "Seit 2013 wissen wir, dass die NSA Datenströme, die nachgelagert hinter den Internetzugangsnetzen der Netzbetreiber im deutschen Internet Backbone DE-CIX zusammenlaufen, teilweise vom BND erhalten hat. Zudem hat die NSA Daten, welche durch Überseekabel in die USA geroutet wurden, abgefangen, hieran war kein chinesischer Geheimdienst beteiligt."
Huawei sei ein wichtiger Akteur und führend im Bereich der Forschung und Entwicklung. "Dem gegenüber stehen die vergleichsweise geringen Investitionen in Forschung und Entwicklung (F&E) bei europäischen Telekommunikations-Ausrüstern. Zuletzt gab der chinesische Hersteller sogar deutlich mehr für F&E aus als Nokia und Ericsson zusammen" , erklärte Telefónica.
Huawei sei sowohl Qualitäts- als auch Preisführer im Markt. Zudem sei die Hardware von Huawei in der Regel energieeffizienter als die der anderen Hersteller.
Telefónica setzt bereits länger All-in-One-Mobilfunkantennen von Huawei ein, die alle genutzten Frequenzbänder und Mobilfunkstandards unterstützen . All-in-One ist gefragt, denn Netzbetreiber müssen für 5G im Bereich 3,6 GHz zusätzliche Antennen auf Hausdächern und Mobilfunkmasten installieren. Doch die Masten können nur ein bestimmtes Gewicht tragen und neue Antennenstandorte sind schwer zu finden.
Die All-in-One-Antennen von Huawei versorgen sämtliche Frequenzbänder von den reichweitenstarken Frequenzen wie 700 MHz (5G), 800 MHz (4G) und 900 MHz (2G) bis hin zu den 3,6-GHz-Frequenzen. Auch eine Kombination der Frequenzbänder (Carrier Aggregation) soll so einfacher zu realisieren sein, damit der Mobilfunkbetreiber künftig höhere Datenraten für sein 5G-Netz anbieten kann. Telefónica Deutschland braucht schließlich für das Roaming von 1&1 -Mobilfunk ein sehr leistungsfähiges Netz.