Zum Hauptinhalt Zur Navigation Zur Suche

45 Jahre Walkman: Eine kleine Liebeserklärung an das Mixtape

Sonys Walkman ist längst in Frührente, aber Mixtapes leben für immer – solange das Band nicht ausleiert.
/ Daniel Ziegener
53 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Wem hast du zuletzt ein Mixtape gemacht? (Bild: Florian Schmetz)
Wem hast du zuletzt ein Mixtape gemacht? Bild: Florian Schmetz / Unsplash

Endgültig nicht mehr Anfang, sondern exakt Mitte vierzig wird heute der 1979 auf den Markt gekommene Sony Walkman. Das tragbare Kassettendeck ist damit alt genug für eine Midlife-Crisis – oder einen zweiten Frühling? Denn zumindest das Mixtape erlebt gerade anscheinend ein Comeback.

Spätestens als Steve Jobs den iPod vorstellte und im Tausch für ein paar Hundert US-Dollar mindestens eintausend Songs in unsere Hosentaschen steckte, war die Ära des Walkmans vorbei. Ja, ja, Apple hat den MP3-Player nicht erfunden, aber eben den bekanntesten und meistverkauften, aber das ist eine andere Geschichte.

Dennoch erlebten Kassettenverkäufe erst im vergangenen Jahr einen 20-Jahres-Höchststand(öffnet im neuen Fenster), der zwar nicht mit dem Vinylhype mithalten kann, aber gerade durch die Nischigkeit noch bemerkenswerter wird.

Der erste Soundtrack deines Lebens

Was die Kassette von der Schallplatte unterscheidet, ist, dass man sie selbst bespielen kann. Man ist nicht auf die vorgefertigte Trackliste beschränkt, sondern kann auch ohne großen technischen Aufwand eine eigene aufspielen – ein Mixtape eben.

Das Mixtape steht so symbolisch für die Idee einer persönlichen Playlist wie das Diskettensymbol für das Speichern am Computer, auch wenn es jedes Mitglied der Gen Z irritieren dürften, das niemals eine Diskette in der Hand hatte.

Diese Generation streamt Musik auf die Airpods im Ohr und kann sich wohl gar nicht mehr vorstellen, wie das wohl mal gewesen sein muss, ohne den Soundtrack zum eigenen Leben leben zu müssen. Der Walkman hat die Musik tragbar gemacht, das Mixtape hat sie personalisiert.

Keine KI kann das Mixtape ersetzen

Dank Streamingdiensten und Datenvolumen ist man damit heute nicht mehr auf zweimal 45 Minuten beschränkt, sondern kann auf Wunsch so ziemlich jeden Song jederzeit hören, egal wo man ist. Heute sind Mixtapes durch Spotify-Playlists ersetzt und die werden bald durch KI-Playlists(öffnet im neuen Fenster) ersetzt, droht Spotify.

Doch trotz aller Versprechen sind Algorithmen und KI das Gegenteil von Mixtapes, die Entpersonalisierung von Musik, also das Gegenteil des Mixtapes, denen damit schon wieder der Untergang droht. Denn was ist unpersönlicher als eine vom Computer zusammengewürfelte Auswahl an Songs, die man garantiert mag?

Tapes sind ein bisschen mysteriös, weil man anders als bei einer Playlist eben nicht sehen kann, welcher Song als Nächstes kommt. Der deutsche Buchpreisgewinner Tonio Schachinger beschreibt den magischen Moment, die Playlist eines Mixtapes beim ersten Hören blind zu entdecken. In seinem Roman Nicht wie ihr(öffnet im neuen Fenster) bekommt Protagonist Ivo von seiner Jugendliebe/Geliebten Mirna ein Mixtape geschickt – digital, aber als Playlist aus Dateien ohne Metadaten.

Mixtapes sind persönlicher als jede KI-Playlist

Im folgenden Kapitel geht Ivo der Frage nach, was ihm Mirna mit dieser Songzusammenstellung sagen wollte. Was die Reihenfolge der Songtexte bedeutet. Diesen Kontext der menschlichen Kuration kann keine KI jemals ersetzen. Denn davon hängt es ab, ob man jetzt frisch verliebt oder liebeskummernd mit Walking on the Moon(öffnet im neuen Fenster) im Ohr über den Gehweg schwebt.

Selbst eine Playlist zu erstellen, ob nun für sich selbst oder jemand anders, dauert länger, als einen KI-Generator anzuklicken, und noch länger dauert es, selbst ein Tape zu bespielen. Ein echtes Mixtape ist ein Statement: Diese Songs waren mir so wichtig, dass ich mir dafür Zeit genommen habe – mindestens zweimal 45 Minuten, wahrscheinlich viel mehr.

Der Walkman hat heute noch Nachfolger

Tollerweise muss man für diesen handgemachten Soundtrack heute nicht mal mehr die alten Kabelkopfhörer aus der Kabelkiste kramen und entknoten. Dank Firmen wie Fiio gibt es mittlerweile auch Bluetooth-taugliche Walkman-Nachfolger, die dann auch mit den diversen Hörstöpseln funktionieren, die man sich angeschafft hat, seit Apple und andere Smartphonehersteller die Klinkenbuchse abgeschafft haben.

Mit denen klingen die Tapes zwar nicht besser als aus einem 45 Jahre alten Walkman, aber um besser geht's bei Analog ja eh nicht, sondern um anders. Das Ritual des Deck-Aufklappens und Tape-Umdrehens gehört mit seinem mechanischen Ablauf ebenso zur Romantik des Musikhörens wie das Aufsetzen der Schallplattenspielernadel.

Der kleine Hauch Hightech in einem Abspielgerät, dessen Datenträger mit einem Kugelschreiber manipuliert werden können, macht nur um so deutlicher, wie aus der Zeit gefallen das Medium der Kassette ist.

Aus der Zeit gefallen

Aber das passt ja zu den aus der Zeit gefallenen Zeitkapseln, die Mixtapes irgendwann werden. Wo jede MP3-CD (alles legal geladen, versprochen) längst beim Umzug in den Müll geflogen ist, staubt manchmal irgendwo noch ein Mixtape in der Ecke des vorletzten unausgepackten Umzugskartons herum.

Deutschpunkterror Vol. 1 steht auf einer in krakeliger Kugelschreiberschrift betitelten Kassette, die mir neulich in die Hände gefallen ist. Das ist heute kaum noch hörbar, nicht nur, weil mein Musikgeschmack inzwischen ein anderer ist als mit fünfzehn, sondern auch, weil das Tape sicher schon damals so oft überspielt und dann so miserabel gelagert war, dass die Audioqualität sich auf verzerrtes Rauschen reduziert hat.

Und trotzdem ist es ein Zeitdokument, von dem ich weiß, wer es damals mit Songs von Slime und Schleimkeim bespielt und im Tausch dafür wahrscheinlich ein eigenes Tape bekommen hat. Was da drauf war? Weiß ich auch nicht mehr. Aber vielleicht liegt es irgendwo noch in einem Keller, um irgendwann doch mal wieder gehört zu werden.


Relevante Themen