45 Jahre Die Körperfresser kommen: Mehr Düsternis geht nicht
Spoiler-Hinweis: Auf Seite 2 verraten wir das Ende des Films. Wer es nicht wissen will, sollte dann lieber nicht weiterlesen.
Am Anfang stand die Frage nach dem Warum. Warum sollte man einen Film wie Don Siegels Die Dämonischen(öffnet im neuen Fenster) (1956) neu verfilmen? Schließlich ist der Schwarz-Weiß-Film ein Klassiker des Paranoia-Kinos.
Es herrschte also Skepsis, als Philip Kaufman sich anschickte, die Geschichte erneut umzusetzen. Er wollte aber kein Remake des Originalfilms machen, sondern eine neue Version von Jack Finneys Romanvorlage.
Tatsächlich orientierte er sich stark an dem Roman – aber auch am ersten Film. Allerdings wirkt Die Körperfresser kommen(öffnet im neuen Fenster) mit seinen tristen 70er-Jahre-Farben noch desolater und hoffnungsloser als das Original. Das passt aber ziemlich gut zu der Geschichte.
"Der Reiz bestand darin, den Film erstens in Farbe und zweitens mit einer zeitgenössischen Besetzung zu drehen und drittens zu versuchen, den Figuren eine charakterliche Tiefe zu geben, die das Original nicht hatte," erzählte Kaufman dem Hollywood Reporter(öffnet im neuen Fenster) im Jahr 2018.
Deswegen habe man die Filmhandlung auch in eine Großstadt verlegt. "Zu der Zeit, als wir den Film drehten, hatte sich die Paranoia in die Großstädte verlagert, wo sie heute wahrscheinlich mehr denn je lauert."
Sie kommen
Alles beginnt mit einem Blick ins All. Man sieht die Urform der Körperfresser und wie sie von einem Planeten zum nächsten wechseln. Wenig später bemerkt in San Francisco eine Gruppe von Freunden, dass die Menschheit nach und nach durch außerirdische Kopien ersetzt wird.
Zu erkennen sind sie nur dadurch, dass ihnen jegliche Emotion fehlt. Die Freunde versuchen, die Invasion aufzuhalten, scheitern jedoch. Das Ende ist grandios – und wer es nicht kennt, sollte sofort losziehen, sich die neue Edition holen, den Film schauen und dann hier weiterlesen.
Ein markerschütternder Schrei
Die letzte Einstellung übertrifft sogar den Originalfilm. Der Held wird am Ende von den Außerirdischen ersetzt und als eine Freundin, die sich in der von Pods, also den Körperfressern, bevölkerten Stadt verstecken konnte, sich ihm nähert, zeigt er sein wahres Gesicht – und lässt einen markerschütternden Schrei los. Diese Idee übernahm man später auch für Abel Ferraras Remake Body Snatchers(öffnet im neuen Fenster) (1993).
Für die Gestaltung des in Mark und Bein gehenden Schreis war Ben Burtt zuständig, der schon Star Wars die unvergleichlichen Soundeffekte beschert hat. Er vermengte verschiedene Elemente, der Kern des Schreis ist jedoch das Quieken von Schweinen – ein sehr schriller, beunruhigender Ton(öffnet im neuen Fenster) .
Das Sounddesign ist durchgehend hervorragend. Bei den Szenen, in denen die Körperfresser wachsen, nutzte Burtt den Ultraschallton des Herzschlags seines eigenen Babys. Faszinierend ist der Tonmix aber auch, weil er so exzellent dazu beiträgt, eine unheimliche Atmosphäre zu erzeugen. Man merkt zum Beispiel, dass im Hintergrund die von Tieren verursachten Geräusche immer weniger werden, während die mechanischen zunehmen.
Das Skript wurde von W. D. Richter geschrieben, der später auch den herrlichen Buckaroo Banzai verantwortete. Kaufman, der selbst Autor ist, war damit sehr zufrieden. Für die Kameraarbeit holte er Michael Chapman, mit dem er einen erzählerischen Code entwickelte. Denn der Film sollte farbtechnisch etwas zurückgedreht werden, um den Schatten mehr Bedrohlichkeit zu verleihen.
Die Effekte sind wichtig für den Film – auch wenn es im Grunde gar nicht viele gibt: die Sequenz am Anfang und ein paar Szenen mit den sich entwickelnden neuen Körpern. Schon der Anfang zeigt einen Planeten, auf dem alles Lebendige verschlungen wurde.
Dafür fand man in einem Kunstladen ein zähflüssiges Material für eine Handvoll Dollar je Bottich. Die Substanz wurde dann beim Tropfen gefilmt, mit einer auf dem Kopf stehenden Kamera. "Damals hatten wir noch keine digitalen Möglichkeiten. Ich mochte es, Sachen auf diese Art und Weise zu machen, improvisiert, in Echtzeit" , sagte Kaufman später. "Heute ist man mit der Digitaltechnik im Bereich der Zauberei angelangt; damals konnte ein Regisseur noch darum bitten, Dinge auszuprobieren und zu experimentieren; die Effekte waren physisch."
Nach wie vor eindrucksvoll ist auch der "Banjo-Hund" , wie der Effekt von der Crew genannt wurde. Zu Beginn des Filmes gibt es eine Szene mit einem Banjospieler und dessen Hund. Später, als Mann und Hund schlafen und kurz davor sind, überwältigt zu werden, werden die Pods beschädigt. Die Körper des Menschen und des Hundes verschmelzen dadurch auf eine verrückte Weise, was illustrieren sollte, was mit der DNA passiert, wenn bei der Übernahme des Körpers etwas schiefläuft.
Die Produktion fertigte eine Maske des Banjospielers an, um sie dem Hund aufzusetzen – und das Ergebnis ist verblüffend. Das Bild, das auf diese Weise entstand, hat so manchen Zuschauern Albträume beschert.
Sutherland, Goldblum, Nimoy
Für die Hauptrolle war schnell Donald Sutherland gesetzt. Er erhielt für seine Arbeit eine Gage von 200.000 US-Dollar, bei der übrigen Besetzung befand man sich eher im Bereich von etwa 25.000 Dollar – das galt für Brooke Adams, aber auch für Jeff Goldblum und Leonard Nimoy. Letzterer spielt Dr. David Kibner, einen prominenten Psychologen.
Zur damaligen Zeit war Nimoy alles andere als eine Top-Besetzung. Star Trek war seit fast einem Jahrzehnt vorbei, der erste Kinofilm kam erst 1980. Entsprechend spielte er häufiger Nebenrollen. Die Rolle in Die Körperfresser kommen ist jedoch eine seiner besseren, weil die Figur nicht nur ambivalent, sondern auch vielschichtig angelegt ist.
Mit dabei ist zudem Veronica Cartwright, die im Jahr darauf ein Opfer des Alien (1979) werden sollte (und Jahre später in Invasion(öffnet im neuen Fenster) , der vierten Verfilmung des Romans aus dem Jahr 2007, dabei war).
Der Gastauftritt
Etwa nach einer halben Stunde gibt es einen kurzen Gastauftritt von Kevin McCarthy. Er war der Hauptdarsteller in Die Dämonischen. Am Ende dieses Films läuft er durch die Stadt und schreit Autofahrer an, dass sie die nächsten sein werden. In Die Körperfresser kommen läuft er ebenfalls auf der Straße herum.
Das hat zu dem Irrglauben geführt, der Film sei ein Sequel von Die Dämonischen: Kevin McCarthy habe seine Figur Miles Bennell wieder gespielt, der seit Langem versuche, die Menschen vor den Pod People zu warnen. Das war aber nie so gedacht, weswegen McCarthy im Nachspann nur als Running Man und nicht als Miles Bennell aufgeführt ist.
Es gab noch einen weiteren Gastauftritt, der aber nicht einmal im Abspann aufgeführt wird. Am Anfang ist Robert Duvall zu sehen, der sich zuvor bei einem Dreh mit Kaufman angefreundet hatte und das Set besuchte. Ohne Gage und Namensnennung spielte er diese kleine Rolle.
Am Anfang des Films ist er als Priester auf einer Kinderschaukel zu sehen. Im weiteren Verlauf des Films taucht er nicht mehr auf, die hier erzeugte Stimmung ist jedoch so unheimlich, dass man wohl davon ausgehen muss, dass der Priester einer der ersten ersetzten Menschen ist.
Die neue Edition – und das neue Ende
Im Lauf der Jahre gab es Die Körperfresser kommen häufiger in Heimkinomedien, das Mediabook von Capelight(öffnet im neuen Fenster) ist aber besser als alle Ausgaben davor. Hier ging man erstmals auch an den Ton heran, so dass der Film auch in der deutschen Fassung mit DTS-HD MA 5.1 besser denn je klingt.
Auf Blu-ray und 4K-UHD sieht das Bild auch besser aus, darüber hinaus gibt es eine Bonus-Blu-ray mit vielen Extras. Auf der Hauptdisk befinden sich die Audiokommentare von Philip Kaufman sowie von Ulrich von Blum und Patrick Bennat. Außerdem sind hier auch die Trailer zu finden.
Auf der Bonusdisk gibt es Interviews mit Brooke Adams, W. D. Richter, Komponist Denny Zeitlin, Schauspieler Art Hindle sowie mit Ben Burtt und Soundeditor Bonnie Koehler. Außerdem kommt auch der Jack-Finney-Experte Jack Seabrook zu Wort – ein besonders interessantes Gespräch, weil er den Film natürlich durch die Augen des Liebhabers des Romans sieht.
Außerdem gibt es noch eine Podiumsdiskussion der Filmemacher Norman J. Warren und Ben Wheatly mit dem Schriftsteller Kim Newman. Ein Making-of und weitere Featurettes befassen sich mit der Kameraarbeit und den Spezialeffekten.
Das Ende
Kaufman war immer klar, dass er seinen Film mit einem düsteren, hoffnungslosen Ende versehen wollte. Das galt umso mehr, nachdem er mit Don Siegel gesprochen hatte. Der wollte Die Dämonischen auch negativ enden lassen, aber das Studio zwang ihm eine halbwegs hoffnungsvolle Schlussszene auf.
Im Skript von Die Körperfresser kommen gab es zunächst auch ein etwas glücklicheres Ende. Donald Sutherland als Matthew steht inmitten einiger Körperfresser, man hält ihn auch für einen, aber dann nickt er der von Veronica Cartwright gespielten Nancy zu – ein Hoffnungsschimmer, aber nicht das Ende, das Kaufman wollte.
Darum drehte er es gar nicht, damit das Studio es nicht gegen seinen Willen nutzen konnte. Ihm war klar, dass der Schrei das Publikum packen würde. Er hat sich nicht geirrt. Dieser Schrei – das ist einer der ikonischen Momente der Science-Fiction-Filmgeschichte und unvergesslich.
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