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40 Jahre Windows 1.0: Das Windows, an dem Microsoft beinahe kaputtging

Die Entwicklung von Windows 1.0 wurde von Schreiduellen und Bill Gates' Ego geplagt. Kein Wunder, dass es um Jahre verschoben wurde.
/ Oliver Nickel
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Windows 1 ist vor allem für eines bekannt: Steve Ballmers exzentrischen Fake-Werbespot. (Bild: Microsoft/Montage: Golem.de)
Windows 1 ist vor allem für eines bekannt: Steve Ballmers exzentrischen Fake-Werbespot. Bild: Microsoft/Montage: Golem.de

Das Startmenü, die Taskleiste und ein mit Icons befüllter Desktop sind seit mehr als 30 Jahren Symbole für Windows-Betriebssysteme. Die Anfänge des am weitesten verbreiteten Betriebssystems für Heimcomputer waren allerdings wesentlich bescheidener.

Am 20. November 1985 brachte Microsoft Windows 1.0 heraus. Das war jedoch kein eigenständiges Betriebssystem, sondern eine GUI-Software für Microsofts weitverbreitetes und textbasiertes Betriebssystem MS-DOS. Trotzdem wollte Microsoft auf diese Weise die Welt der Computer mehr Menschen zugänglich machen. Das Versprechen: ein GUI-Betriebssystem, das auf Standard-IBM-PCs der Zeit laufen sollte.

Bis dato war das keine Selbstverständlichkeit. Zwar zeigte Apple mit dem Lisa bereits zwei Jahre vor Windows und anderen GUIs Konzepte wie Drag-and-Drop, verschiebbare Fenster, einen Desktop und Maussteuerung. Allerdings war der Lisa mit einem Listenpreis von 10.000 US-Dollar für den Großteil der Bevölkerung unerschwinglich.

Microsoft-CEO und -Gründer Bill Gates wusste allerdings, dass Apple bereits an einem merklich günstigeren Nachfolger arbeitete, und stellte einen Großteil der Microsoft-Belegschaft auf umfassende Neuerungen für das eigene Konkurrenzprodukt ein, den seit 1981 in Entwicklung befindlichen Interface Manager.

Vom Interface Manager zu Windows

Gates wurde dabei auch durch das 1982 vorgestellte GUI-Tool Visi-On inspiriert, das dem Interface Manager verblüffend ähnlich war. Der Microsoft-CEO machte deshalb viele Versprechungen und schwor, dass Interface Manager günstig und zugänglich werden sollten. Möglicherweise sollte die Software sogar zusammen mit MS-DOS im Paket erscheinen.

Der sperrige Begriff Interface Manager musste dafür allerdings weg. Auch der von dem Microsoft-Angestellten Jeff Raikes vorgeschlagene Microsoft Desktop, in Anlehnung an das zentrale Schreibtischelement auf dem Apple Lisa, gefiel nicht. Schließlich einigte man sich auf den vom Marketingchef Roland Hanson vorgeschlagenen Namen Windows – ein Name, der in Zukunft zum Symbol für Microsofts Aufstieg zum Quasimonopolisten werden sollte.

Das neue GUI-System sollte unter dem neuen Namen noch am 10. November 1983 vorgestellt werden. Die Entwickler hatten dabei kaum Zeit, den in letzter Minute geänderten Windows-Schriftzug überall zu ändern. Und doch zeigte das Team eine erste Preview-Version von Windows 1.0 – wohlgemerkt funktionierte das Betriebssystem zu diesem Zeitpunkt kaum.

Microsoft machte trotzdem Versprechen. So sollte Windows auf einem IBM-PC mit 192 KByte RAM und mit nur zwei Disketten laufen und für einen vergleichsweise günstigen Preis von 100 bis 250 US-Dollar verkauft werden.

Macintosh als Inspiration

1984 sah es aber erst einmal so aus, als wären diverse Konkurrenten schneller und als benötigte das neue Windows noch eine längere Entwicklungszeit. Apple brachte in diesem Jahr den Macintosh heraus – einen weiteren Computer mit GUI-zentriertem Betriebssystem. Zwar konnte Apple den in Aussicht gestellten Preis von 2.000 US-Dollar nicht ganz einhalten. Aber für 2.500 Dollar erfreute sich der Macintosh einer etwas höheren Beliebtheit – obwohl auch der nicht dominieren sollte.

Intern musste es Änderungen geben. Denn wenn Windows eines gezeigt hatte, dann, dass die Arbeit bei Microsoft ineffizient und langsam war. Nach diversen Änderungen wurde Steve Ballmer zum Chef der Betriebssystemsparte ernannt. Bill Gates sollte die generelle Strategieausrichtung bei Microsoft übernehmen, was ihm anfangs sehr missfiel. Er ließ seinen Frust vor allem am Windows-Team aus, das seine täglichen Beleidigungen ertragen musste.

Microsoft hatte tatsächlich nicht viel vorzuweisen. Externe Entwickler waren schon vor Release kaum daran interessiert, Programme für Windows zu entwickeln. So wurde der Release von 1984 erneut verschoben, auf den Sommer 1985. Das war nötig, um die recht hohen Hardwareanforderungen zu minimieren. Auch versprach vor allem Bill Gates viel zu viele Dinge auf einmal, was die Situation nicht besser machte.

Und dann war da noch ein generelles Problem: MS-DOS-Programme.

Schlafen im Büro und Steve Ballmers Geschrei

Ein Kernproblem bei der Entwicklung von Windows 1.0 war das zugrunde liegende MS-DOS, genauer gesagt: die dafür entwickelten Applikationen. Wurde ein Programm auf MS-DOS geöffnet, prüfte es lediglich, wie viel Arbeitsspeicher zur Verfügung stand, und reservierte ihn sich vollständig. Das war bei einem Multitasking-System allerdings ein Problem. Schließlich wollen mehrere Programme Arbeitsspeicher nutzen.

Der Trick: Windows 1.0 sollte Programmen nur einen kleinen Teil des Arbeitsspeichers zeigen und vorspielen, dass dies der gesamte RAM sei. Mit dieser Virtual-Memory-Lösung konnte Microsoft zumindest Multitasking umsetzen.

Zusätzlich musste das Unternehmen die Software für eine ganze Reihe IBM-PCs entwickeln, die teilweise deutliche Unterschiede in ihrer Konfiguration aufwiesen. All das war für die Entwickler aber auch eine Herausforderung, ein Großteil der Belegschaft leistete teils drastische Überstunden.

Bill Gates fügte ständig neue Features hinzu

Das Management, allen voran Bill Gates, wollte zudem immer mehr Funktionen für das bereits mehrmals verschobene Windows haben. So sollte Windows 1.0 etwa eine Zeit lang Features des Macintosh kopieren, etwa statische Scrollleisten und andere Bedienelemente. Auch sollte Windows das von IBM angekündigte Topview unterstützen. Die meisten Änderungen wurden mitten in der Entwicklungszeit halbfertig verworfen.

Als auch 1985 klar wurde, dass Windows durch Gates' Feature Creep und technische Herausforderungen nicht wie versprochen im Sommer erscheinen konnte, wurde es für das Entwicklerteam knapp. Bill Gates war sauer und befahl Steve Ballmer, wohl in einem aggressiven und lauten Ton, Windows noch vor 1986 fertigzustellen. Ansonsten würde er ebenfalls seinen Job verlieren.

Ballmer war bei Microsoft bereits als impulsiver und lauter Manager(öffnet im neuen Fenster) bekannt, der Mitarbeiter in vielen Situationen durch Anschreien zu motivieren suchte. Er selbst hatte keinen technischen Hintergrund vorzuweisen und konnte deshalb – außerhalb von Schreiduellen – wohl auch nicht gut mit Entwicklerteams kommunizieren. Vier hochrangige Projektmanager wurden durch das Projekt verbraucht. Mitarbeiter kündigten oft wegen Burn-out und Überarbeitung.

Die Stunde von Gabe "Madman" Newell

Die Vision für Windows war für viele aber dann doch verlockender. Einige Entwickler nahmen die Crunch-Zeit im Jahr 1985 sogar so ernst, dass sie temporär im Büro wohnten und jede freie Minute am Code arbeiteten. Unter ihnen war der damals noch unbekannte Gabe Newell, heute CEO von Valve Software und Gründer der Spieleplattform Steam. Newell war sogar im Vergleich zu anderen Entwicklern fanatisch und bekam deshalb den Spitznamen Madman Newell verpasst.

Die Arbeit zahlte sich aus: Am 20. November 1985 veröffentlichte Microsoft Windows 1.01. Der Jubel hielt sich allerdings in Grenzen, denn offenbar wollten die Menschen keine GUI-zentrierten Arbeitsumgebungen sehen. Der Lisa war ein Fehlschlag, der Macintosh durch seinen hohen Preis nur ein Teilerfolg. Auch konnten Unternehmen wie IBM und Visicorp mit ihren GUI-Produkten nicht überzeugen.

Die Skepsis war groß, auch durch die vielen Verschiebungen und die offensichtlichen Probleme in der Entwicklung. Und dann gab es noch ein weiteres Problem: Trotz aller Anstrengungen war Windows zu anspruchsvoll für die meisten IBM-PCs der Zeit. Ihnen fehlten Prozessorleistung und Speicher, um Multitasking und Co. wirklich effizient nutzen zu können. Zudem waren Hardwarekomponenten wie Festplatten und Grafikkarten mit Farbausgabe zu dieser Zeit rar und teuer.

Durch die vielen Verzögerungen sprangen auch immer mehr Dritthersteller ab. Nach dem Release von Windows 1 gab es kaum Programme, die auf das neue System ausgelegt waren. Um diese Nachteile auszugleichen, verkaufte Microsoft Windows 1 für unter 100 US-Dollar auf dem freien Markt. Trotzdem wurde es für Microsoft schwer, Windows einer breiten Masse schmackhaft zu machen.

Zu Release eine Enttäuschung

Rein finanziell gesehen war Windows 1 kein direkter Flop. Immerhin wurden bis 1987 etwa 500.000 Exemplare verkauft. Das war aber weit von dem Erfolg entfernt, der Microsoft zum primären Anbieter für Betriebssysteme machen sollte. Sicher hätte Microsoft ohne sein Zugpferd MS-DOS, wie viele andere GUI-Unternehmen zuvor, permanente Schäden davongetragen und möglicherweise sogar schließen müssen.

Erst mit Windows 3.x, das fünf Jahre später ein verbessertes Speichermanagement und eine nutzbare GUI bot, konnte sich Windows als die favorisierte Wahl der meisten Haushalte durchsetzen. Diesen Weg ebnete vor allem der Vorgänger Windows 2.3, das zusammen mit Microsoft Excel im Jahr 1987 endlich eine weitere Verbreitung fand. Windows 95 (im Jahr 2025 30 Jahre alt geworden) sollte Jahre später das Startmenü, den Desktop und die Taskleiste so einführen, wie wir es auch heute kennen.

All das wäre durch Microsofts gesammelte Erfahrungen bei der Entwicklung von Windows 1.0 und den damit verbundenen Restrukturierungen im Konzern wohl nicht möglich gewesen. Es hätte aber genauso gut das Ende von Microsofts Marktdominanz sein können.


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