Schlafen im Büro und Steve Ballmers Geschrei
Ein Kernproblem bei der Entwicklung von Windows 1.0 war das zugrunde liegende MS-DOS, genauer gesagt: die dafür entwickelten Applikationen. Wurde ein Programm auf MS-DOS geöffnet, prüfte es lediglich, wie viel Arbeitsspeicher zur Verfügung stand, und reservierte ihn sich vollständig. Das war bei einem Multitasking-System allerdings ein Problem. Schließlich wollen mehrere Programme Arbeitsspeicher nutzen.
Der Trick: Windows 1.0 sollte Programmen nur einen kleinen Teil des Arbeitsspeichers zeigen und vorspielen, dass dies der gesamte RAM sei. Mit dieser Virtual-Memory-Lösung konnte Microsoft zumindest Multitasking umsetzen.
Zusätzlich musste das Unternehmen die Software für eine ganze Reihe IBM-PCs entwickeln, die teilweise deutliche Unterschiede in ihrer Konfiguration aufwiesen. All das war für die Entwickler aber auch eine Herausforderung, ein Großteil der Belegschaft leistete teils drastische Überstunden.
Bill Gates fügte ständig neue Features hinzu
Das Management, allen voran Bill Gates, wollte zudem immer mehr Funktionen für das bereits mehrmals verschobene Windows haben. So sollte Windows 1.0 etwa eine Zeit lang Features des Macintosh kopieren, etwa statische Scrollleisten und andere Bedienelemente. Auch sollte Windows das von IBM angekündigte Topview unterstützen. Die meisten Änderungen wurden mitten in der Entwicklungszeit halbfertig verworfen.
Als auch 1985 klar wurde, dass Windows durch Gates' Feature Creep und technische Herausforderungen nicht wie versprochen im Sommer erscheinen konnte, wurde es für das Entwicklerteam knapp. Bill Gates war sauer und befahl Steve Ballmer, wohl in einem aggressiven und lauten Ton, Windows noch vor 1986 fertigzustellen. Ansonsten würde er ebenfalls seinen Job verlieren.
Ballmer war bei Microsoft bereits als impulsiver und lauter Manager(öffnet im neuen Fenster) bekannt, der Mitarbeiter in vielen Situationen durch Anschreien zu motivieren suchte. Er selbst hatte keinen technischen Hintergrund vorzuweisen und konnte deshalb – außerhalb von Schreiduellen – wohl auch nicht gut mit Entwicklerteams kommunizieren. Vier hochrangige Projektmanager wurden durch das Projekt verbraucht. Mitarbeiter kündigten oft wegen Burn-out und Überarbeitung.
Die Stunde von Gabe "Madman" Newell
Die Vision für Windows war für viele aber dann doch verlockender. Einige Entwickler nahmen die Crunch-Zeit im Jahr 1985 sogar so ernst, dass sie temporär im Büro wohnten und jede freie Minute am Code arbeiteten. Unter ihnen war der damals noch unbekannte Gabe Newell, heute CEO von Valve Software und Gründer der Spieleplattform Steam. Newell war sogar im Vergleich zu anderen Entwicklern fanatisch und bekam deshalb den Spitznamen Madman Newell verpasst.
Die Arbeit zahlte sich aus: Am 20. November 1985 veröffentlichte Microsoft Windows 1.01. Der Jubel hielt sich allerdings in Grenzen, denn offenbar wollten die Menschen keine GUI-zentrierten Arbeitsumgebungen sehen. Der Lisa war ein Fehlschlag, der Macintosh durch seinen hohen Preis nur ein Teilerfolg. Auch konnten Unternehmen wie IBM und Visicorp mit ihren GUI-Produkten nicht überzeugen.
Die Skepsis war groß, auch durch die vielen Verschiebungen und die offensichtlichen Probleme in der Entwicklung. Und dann gab es noch ein weiteres Problem: Trotz aller Anstrengungen war Windows zu anspruchsvoll für die meisten IBM-PCs der Zeit. Ihnen fehlten Prozessorleistung und Speicher, um Multitasking und Co. wirklich effizient nutzen zu können. Zudem waren Hardwarekomponenten wie Festplatten und Grafikkarten mit Farbausgabe zu dieser Zeit rar und teuer.
Durch die vielen Verzögerungen sprangen auch immer mehr Dritthersteller ab. Nach dem Release von Windows 1 gab es kaum Programme, die auf das neue System ausgelegt waren. Um diese Nachteile auszugleichen, verkaufte Microsoft Windows 1 für unter 100 US-Dollar auf dem freien Markt. Trotzdem wurde es für Microsoft schwer, Windows einer breiten Masse schmackhaft zu machen.
Zu Release eine Enttäuschung
Rein finanziell gesehen war Windows 1 kein direkter Flop. Immerhin wurden bis 1987 etwa 500.000 Exemplare verkauft. Das war aber weit von dem Erfolg entfernt, der Microsoft zum primären Anbieter für Betriebssysteme machen sollte. Sicher hätte Microsoft ohne sein Zugpferd MS-DOS, wie viele andere GUI-Unternehmen zuvor, permanente Schäden davongetragen und möglicherweise sogar schließen müssen.
Erst mit Windows 3.x, das fünf Jahre später ein verbessertes Speichermanagement und eine nutzbare GUI bot, konnte sich Windows als die favorisierte Wahl der meisten Haushalte durchsetzen. Diesen Weg ebnete vor allem der Vorgänger Windows 2.3, das zusammen mit Microsoft Excel im Jahr 1987 endlich eine weitere Verbreitung fand. Windows 95 (im Jahr 2025 30 Jahre alt geworden) sollte Jahre später das Startmenü, den Desktop und die Taskleiste so einführen, wie wir es auch heute kennen.
All das wäre durch Microsofts gesammelte Erfahrungen bei der Entwicklung von Windows 1.0 und den damit verbundenen Restrukturierungen im Konzern wohl nicht möglich gewesen. Es hätte aber genauso gut das Ende von Microsofts Marktdominanz sein können.



