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40 Jahre Spielekonsolen: Ralph Baer und die Entdeckung des Punktes

Es ist wie Magie, sagt Ralph Baer , und meint damit die heutige Technik. Dabei war er selbst ein Zauberkünstler. 1972 erschien sein Odyssey-System - der Vorgänger aller Spielekonsolen .
/ Steve Haak , Daniel Pook
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Ralph H. Baer und Bill Harrison (Bild: Youtube.com/Screenshot: Golem.de)
Ralph H. Baer und Bill Harrison Bild: Youtube.com/Screenshot: Golem.de

Seine Vorgesetzten beim US-Militärzulieferer Sanders waren nicht begeistert, als Ralph Baer von seiner Idee erzählte. Man könne Fernsehgeräte interaktiv nutzen? Er verschwende die Zeit des Unternehmens, teilten sie ihm mit. Aber der gelernte Fernsehtechniker wusste es besser. Baer ahnte, dass sich mit den TV-Geräten noch mehr anstellen lassen würde. Millionen Menschen hatten in den siebziger Jahren einen Fernseher in ihren Wohnzimmern stehen. Das TV-Gerät als kommunikative Einbahnstraße? Das sah Ralph Baer anders.

Ralph Baer über die Geburt der Spielkonsolen - Reportage
Ralph Baer über die Geburt der Spielkonsolen - Reportage (04:48)

Sätze enden mit einem Punkt - die Geschichte der Videospiele beginnt damit

Zusammen mit seinen Kollegen Bill Harrison und Bill Rusch ließ er einen eingeblendeten Punkt auf dem Fernseh-Bildschirm hin und her wandern. Dazu brauchte es ein Steuergerät. Besser wären doch zwei Punkte und zwei Steuergeräte, dachten sich die Techniker. Dann könne man sich gegenseitig auf dem Bildschirm verfolgen. Und wenn man noch einen dritten Punkt hinzufüge, dann könne man den ersten Punkt mit den anderen Punkten von einer Seite zur anderen spielen.

Insgesamt entwickelten die beiden Bills zusammen mit Ralph Baer sieben Heimkonsolen-Prototypen. Den letzten nannten sie Brown Box. Da sich sein Arbeitgeber nicht für den Kasten interessierte und ein solches Gerät auch nicht von einer Rüstungsfirma vertrieben werden konnte, suchte Baer nach anderen Unternehmen. Mehrere Verhandlungen scheiterten. Die Box mit den vielen Dioden, Transistoren und Widerständen wollte niemand haben.

Magnavox war der Retter in der Not

Schließlich interessierte sich doch noch jemand dafür: Bill Benders(öffnet im neuen Fenster) hatte eine Präsentation der Konsole gesehen und war begeistert. Als er wenig später beim Elektronikkonzern Magnavox(öffnet im neuen Fenster) angestellt wurde, erzählte er der Unternehmensleitung davon. Die ließ sich von seiner Begeisterung anstecken. Magnavox ließ das Gerät mit einem anderen Gehäuse produzieren und vermarktete es ab 1972 unter dem Namen Odyssey(öffnet im neuen Fenster) . Anfangs kostete das Gerät 100 US-Dollar. Hierzulande kam es ein Jahr später unter dem Namen Odyssee heraus.

Magnavox Odyssey - Fernsehwerbung von 1973
Magnavox Odyssey - Fernsehwerbung von 1973 (00:29)

Um die 28 Spiele attraktiver zu gestalten, wurden Folien mit beigelegt. Diese konnten über den Bildschirm gehangen werden. So entstand eine farbige Spielfläche, die bei jedem Spiel verändert werden konnte. Mit ein paar hunderttausend verkauften Einheiten war die erste Videospielkonsole zwar kein Verkaufsschlager. Das Odyssey legte aber den Grundstein für weitere Systeme und Spiele. Atari(öffnet im neuen Fenster) -Gründer Nolan Bushnell(öffnet im neuen Fenster) holte sich zum Beispiel für sein Spiel Pong(öffnet im neuen Fenster) die Idee bei der Konkurrenz.

Der rastlose Pionier

Ralph Baer war zwar zufrieden mit seinem Odyssey. Aber es müsste doch noch interaktiver gehen, dachte er. Und so entwickelte er seine Brown Box unter dem Namen All Purpose Box(öffnet im neuen Fenster) (Ein Gerät für jeden Zweck) weiter. Mit der Bezeichnung nahm es Baer nicht so genau. Für ihn sollte die Box eine Handvoll wesentliche Aufgaben erfüllen, der Rest würde sich dann schon finden.

Ralph Baer stellt 1973 seine All Purpose Box vor
Ralph Baer stellt 1973 seine All Purpose Box vor (05:35)

Zusätzlich zur Spielfunktion sollte die Box auch das Homeshopping erleichtern. Dazu baute Baer Kassettenrekorder, Mikrofon und Telefonhörerstation ein. Mit Hilfe des Mikrofons wurde der TV-Ton auf die Kassette übertragen. Später sollte die Aufnahme per Telefon an Firmen gesendet werden können. Dazu musste der Telefonhörer auf die Box gelegt werden. Anrufbeantworter bei den Unternehmen sollten die Bestellung automatisch aufzeichnen. Impulse Buying nannte Baer das. Umgesetzt wurde die Idee damals nicht. Heute ist das elektronische Einkaufen in weiterentwickelter Form übers Internet für viele Menschen selbstverständlich.

Baer sah für seine Brown Box noch eine weitere Verwendungsmöglichkeit: Schüler und Studenten sollten damit spielend lernen können. In einem Film aus den frühen siebziger Jahren stellte Baer sein Home-Study-Konzept vor. Mit Hilfe eines Light Pens(öffnet im neuen Fenster) sollten Antworten auf mathematische Fragen als richtig oder falsch markiert werden können. Auch das blieb nur ein Konzept. Auszeichnung für die Erfindung der ersten Videospielkonsole

Ralph Baer entwickelte noch ein anderes bekanntes Spielzeug. Das hierzulande unter dem Name Senso(öffnet im neuen Fenster) bekannte Gedächtnisspiel erfand er Mitte der siebziger Jahre. Bei dem Spiel müssen vier verschiedenfarbige Tasten in einer bestimmten Reihenfolge gedrückt werden. Diese wird vorher durch Töne angegeben.

Ralph Baer hat mit seiner Idee der interaktiven Fernsehnutzung den Grundstein für eine Milliardenindustrie gelegt. Der 90-jährige lebt in den USA, er wurde 2006 vom damaligen US-Präsidenten George W. Bush für seine Leistungen im Bereich der Videospiele mit der National Medal of Technology ausgezeichnet . Das ist die höchste Auszeichnung der USA für Leistungen im Technikbereich.

Das Computerspielemuseum Berlin(öffnet im neuen Fenster) hat seit Jahren engen Kontakt zu Ralph Bear. Vergangene Woche fand dort anlässlich des 40-jährigen Odyssey-Jubiläums ein Videochat mit dem Erfinder statt. Baer erzählte, wie er seine Brown Box entwickelte und welche Schwierigkeiten es dabei gab. Ein Nachbau des Geräts befindet sich übrigens auch im Computerspielemuseum Berlin. Dort ist auch das Odyssey ausgestellt.


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