40 Jahre nach Tschernobyl: Die Ursache für den GAU liegt im System
Inhalt
Plötzlich war Tschernobyl wieder in den Nachrichten. Beim Einmarsch Russlands in die Ukraine im Februar 2022 lag die mehrere Tausend Quadratkilometer große Sperrzone rund um das havarierte Kernkraftwerk im Kriegsgebiet. Am 14. Februar 2025 beschädigte eine Kampfdrohne, mutmaßlich eine aus Russland stammende Shahed-136, die Schutzhülle des weiterhin strahlenden Reaktors. Damit hat sie laut der Internationalen Atomenergiebehörde ihre versiegelnde Funktion verloren.
Man will gar nicht darüber nachdenken, was das bedeutet, aber wegschauen geht auch nicht, denn die Explosion von Reaktorblock 4(öffnet im neuen Fenster) des AKW Tschernobyl hat einen surrealen Ort hinterlassen.
In der Mitte ein futuristischer Sarkophag, der eine weiterhin nicht genau zu beziffernde Menge an hochradioaktivem Material einschließt. Drumherum in einem 30 km großen Radius ein Gebiet, das zwar betreten werden darf, seit 2011 sogar für Touristen zugänglich war, aber mit seinen (größtenteils) verlassenen Dörfern und Städten vor allem dystopisch wirkt.
Die Strahlenbelastung ist nicht tödlich, noch nicht einmal besonders gefährlich, mit einer Einschränkung: der Aufenthaltsdauer. Radioaktive Strahlung lässt sich überall auf der Erde messen, sie schwankt zwischen 1 und 2 Millisievert pro Jahr. Nur erreicht man die Jahresdosis in der Nähe des ehemaligen Reaktors in zehn Tagen, im übrigen Gebiet in ein bis zwei Monaten.
Unsicherer Reaktor, unsicherer Betrieb
Verursacht wurde diese bisher größte Havarie eines Atomkraftwerks, die ein riesiges, auf Jahrhunderte strahlendes Gebiet zurückgelassen hat und zu einer weiterhin völlig unklaren Zahl an Todesopfern irgendwo im Bereich zwischen 4.000 und 100.000 Menschen führte, durch unsichere und fahrlässig bediente sowjetische Technik. So weit zumindest die weit verbreitete Annahme, aufgrund derer in den meisten anderen Ländern die Atomkraftwerke weiterliefen – und die allenfalls in Teilen stimmig ist.
Zwar ist es korrekt, dass die erste Generation der graphitmoderierten, wassergekühlten Siedewasser-Druckröhrenreaktoren(öffnet im neuen Fenster) einige entscheidende Nachteile hatten. Gleichzeitig konnte eine solche Atomanlage modular errichtet werden, sie war deutlich effizienter sowie leistungsstärker als andere Reaktortypen und erlaubte es, ganz dem damaligen Zeitgeist entsprechend, wesentlich einfacher waffenfähiges Plutonium zu gewinnen.
Allerdings hat der Reaktortyp keine druckdichte Sicherheitshülle, lediglich einen Deckel aus Stahlbeton und weitere Schutzsysteme gegen radioaktive Strahlung. Als noch fataler stellte sich in Tschernobyl aber heraus, dass die Kettenreaktion eines solchen Reaktors sowohl durch einen Temperaturanstieg als auch durch die Graphitspitzen an den Steuerstäben bei deren Einfahren kurzzeitig verstärkt wird.