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40 Jahre Kinostart von 1984: "Wunderschön auf seine triste Art"

Unter den Verfilmungen von George Orwells Roman ist die aus dem Jahr 1984 wohl die beste: mit einer tollen Optik und herausragenden Schauspielern.
/ Peter Osteried
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Big Brother is watching you! (Bild: Capelight)
Big Brother is watching you! Bild: Capelight

Winston Smith ist ein einfacher Bürokrat. Er steht im Dienst des autokratischen Überstaates Ozeanien und weiß, dass der oberste Führer der englischen Sozialistischen Partei, der allmächtige Big Brother, jede seiner Bewegungen beobachtet. Während die totalitäre Regierung ihren Würgegriff immer fester um die Bevölkerung schließt, kreuzen sich die Wege von Julia, einem aufrührerischen Parteimitglied, und Winston. Eine gefährliche heimliche Affäre beginnt.

Smith ist die Hauptfigur in George Orwells berühmtem Roman 1984, der von einem System der totalen Überwachung erzählt. Orwell habe den Roman "unter dem Eindruck des Nazismus, des Stalinismus und der Wirtschaftspolitik der Industriestaaten während des Zweiten Weltkriegs" geschrieben, heißt es in Kindlers Literatur Lexikon(öffnet im neuen Fenster) .

Veröffentlicht wurde der Roman 1949, die bekannteste Verfilmung stammt hingegen aus dem Jahr, in dem der Roman spielt. Es war nach dem US-Fernsehfilm mit Lorne Greene ( Battlestar Galactica ; 1953), einer BBC-Adaption mit Peter Cushing (1954) und einem Kinofilm mit Donald Pleasence (1956)(öffnet im neuen Fenster) die vierte filmische Umsetzung des Romans.

Es war die bis dahin größte und aufwendigste. In die Kinos kam sie in Großbritannien im Oktober und hierzulande am 9. November 1984.

Die Idee, eine Verfilmung von 1984 exakt in diesem Jahr ins Kino zu bringen, erschien dem Regisseur Michael Radford so naheliegend, dass er zunächst dachte, jemand würde schon daran arbeiten. Sein Produzent Simon Perry hörte sich im Lauf des Jahres 1983 um und fand zunächst: nichts.

Niemand schien gemerkt zu haben, dass das Jahr der Zukunft in Orwells Buch rasch näherkam. Für Orwell schien die Zukunft noch weit weg zu sein, für Radford und Perry war sie Gegenwart.

Schnelle Produktion

Perry machte sich kundig, wer die Filmrechte an dem Stoff besaß. Sie lagen bei Marvin Rosenblum, einem Anwalt aus Chicago, der sie von Orwells Witwe wenige Tage vor ihrem Tod erworben hatte. Perry machte ein Angebot und obwohl Rosenblum zugab, dass er auf einem ziemlich schlechten Drehbuch saß, wollte er die Rechte nicht unbedingt veräußern.

Es gab Interesse von großen Filmemachern – sogar Francis Ford Coppola wurde genannt. Das Problem war: Sie alle wollten einen großen Science-Fiction-Film daraus machen, während Rosenblum eine originalgetreue Adaption vorschwebte. Das hatte er Orwells Witwe auch versprochen.

Da passte es, dass Radford und Perry dem Mann ihr Weltkriegsdrama Another Time, Another Place (1983) zeigten. Rosenblum war beeindruckt und erklärte, dass sie die Filmrechte umsonst bekommen würden, wenn sie ein gutes Drehbuch schreiben und die nötige Finanzierung aufbringen konnten.

Radford machte sich sofort daran, das Drehbuch zu schreiben, während Perry nach Finanziers suchte. Er fand einen in Richard Branson, dem Begründer von Virgin Records. Im Januar 1984 stand das Budget, die Dreharbeiten begannen im März und dauerten bis zum Juni, später gab es noch einige Nachdrehs.

Der fertige Film lag nur wenige Tage vor dem Kinostart in Großbritannien vor, aber immerhin war es ein großbudgetierter Film, der in nicht einmal einem Jahr auf die Beine gestellt worden war.

Der richtige Winston

Der Film steht und fällt mit dem richtigen Darsteller für Winston Smith. Die Wahl fiel auf John Hurt, der als erstes Opfer in Alien im Jahr 1979 weltweit bekannt geworden war.

Der Film war für ihn eine Herzensangelegenheit(öffnet im neuen Fenster) : "Ich weiß noch, dass das Buch mein Leben tiefgreifend beeinflusst hat, als ich es 1956 mit 16 Jahren las. Ich konnte mich leicht mit Winston identifizieren, da ich selbst aus dem Norden komme. Es kann eine sehr erdrückende Gegend sein."

Auch er habe, wie Winston, eine Entscheidung treffen müssen. "Wie komme ich aus diesem bedrückenden Ort heraus? Ich wusste nicht einmal, was ich tun wollte oder konnte, ich wusste nur, dass ich rausmusste. Es schien ein völlig unmöglicher Traum zu sein."

Für den Part seines Gegenspielers wurde Richard Burton verpflichtet. Er war im Gegensatz zu Hurt nicht die erste Wahl: Paul Scofield, Rod Steiger, Sean Connery und Anthony Hopkins waren die Favoriten. Und sie waren Stars, wohingegen Burton jahrelang nicht mehr im Kino zu sehen gewesen war.

Aber es zeigte sich, dass er perfekt für den Film war. Die Rolle von Winstons Widersacher packte ihn derart, dass er zur Hochform auflief.

Richard Burtons letzter Film

Perry sagte das auch dem Magazin People(öffnet im neuen Fenster) : "Er [Richard Burton, Anm. d. Red.] nahm die Rolle sehr ernst, so wie er schon lange keinen Film mehr ernst genommen hatte. Wir machten uns Sorgen um ihn, als er mit uns arbeitete. Er war nicht krank, aber er wirkte sehr gebrechlich. Er trank keinen Tropfen und ging früh ins Bett."

Burton habe das Team "lächerlich jung" gefunden und die Vorstellung gemocht, an der neuen Welle des britischen Filmemachens beteiligt zu sein. "Richard fesselte uns mit seinen Geschichten über Victor Mature und Elizabeth Taylor, die er E.T. nannte. Er schien sich eingelebt zu haben und zu einer Art Erneuerung seiner selbst zu kommen. Er war in eine andere Phase seines Lebens eingetreten."

Kein großer Erfolg

Neben den Schauspielern hält auch die Optik des Films Besonderes bereit: Michael Radford, der Kameramann Roger Deakins zu dem Projekt gebracht hatte, wollte den Film erst in Schwarzweiß drehen, aber die Geldgeber waren dagegen. Stattdessen verwendete Deakins eine Filmentwicklungstechnik namens Bleach-Bypass(öffnet im neuen Fenster) , um den unverwechselbaren verwaschenen Look der Farbaufnahmen des Films zu erzeugen.

1984 ist ein seltenes Beispiel dafür, dass diese Technik bei jeder Filmkopie angewendet wird und nicht nur bei den Zwischennegativen oder Zwischenpositiven. Da das Silber in der Kopie erhalten bleibt und das Labor nicht in der Lage ist, das Silber zurückzugewinnen, sind die Kosten zwar höher, aber das erhaltene Silber verleiht dem projizierten Bild Tiefe. Radford und Deakins konnten vielleicht nicht Schwarzweiß drehen, der Film kommt einem Monochrom-Look jedoch so nahe, wie es mit Farbe möglich ist.

Die Dreharbeiten fanden in und um London herum statt. Faszinierenderweise ist der Zeitraum von April bis Juni auch der, den Orwell in seinem Roman abdeckt. Die Ereignisse eines bestimmten Tages konnten so an eben diesem Tag gedreht werden.

1984 debütierte in den USA im Dezember 1984 – damit kam der Film im Jahr darauf für die Academy Awards infrage. Aber es gab nicht einmal eine Nominierung. Auch bei anderen Preisverleihungen wurde der Film weitestgehend ignoriert.

Allan Cameron wurde zumindest für einen BAFTA Award nominiert – für das gelungene Produktionsdesign. Ein Erfolg war der Film auch an der Kinokasse nicht. Er hat 5,5 Millionen britische Pfund gekostet, in den USA aber nur acht Millionen US-Dollar eingespielt.

Zu schwere Kost fürs Publikum?

Die Kritiken waren durchgehend gut, aber dass die Zuschauer nicht kamen, lag auch daran, dass 1984 alles andere als ein leichter Film ist. Vincent Canby von der New York Times(öffnet im neuen Fenster) meinte: "Wunderschön auf seine triste Art, alles andere als leichte Unterhaltung."

Der Film erfasst die Essenz des Romans. Das macht ihn so exzellent, aber eben auch unnahbar. Wer ihn sehen will, dem ist eine in diesem Jahr erschienene Edition zu empfehlen, die in 4K-Restaurierung den entsättigten Look des Films genau einfängt.


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