3D-Druck für Tabletops: Schiffe und Kraken zum Dahinschmelzen

Gesellschaftsspiele - next Level. Wem ein Spielbrett und einfache Spielsteine nicht ausreichen, der greift zum Tabletop. Hier ist alles größer: Das Spielfeld misst schnell mal einen Quadratmeter - je nach Größe des namensgebenden Tischs, auf dem gespielt wird. Die Spielfiguren sind Krieger, Panzer, Flugzeuge oder Schiffe, oft mehrere Zentimeter groß und mit Hingabe bemalt.
Spielsysteme gibt es viele, die meisten sind modular aufgebaut: Es gibt eine Grundausstattung, weiteres Material wird als Zubehör angeboten. Um eine größere Streitkraft aufzustellen oder um mehr Auswahl bei den Einheiten zu haben, muss dieses Zubehör nachgekauft werden. Das kann schnell ins Geld gehen. Da liegt die Idee nahe, eigenes Material zu schaffen.
Wir spielen Warhammer 40.000(öffnet im neuen Fenster) und Oak & Iron (O&I)(öffnet im neuen Fenster) . Letzteres stammt von dem US-Unternehmen Firelock Games(öffnet im neuen Fenster) und ist in der Karibik im Goldenen Zeitalter der Piraterie(öffnet im neuen Fenster) , also Mitte des 17. bis Mitte des 18. Jahrhunderts, angesiedelt. Spielmaterial sind Schiffe im Maßstab 1:600.
Warhammer 40.000 ist verbreitet
Warhammer 40.000 (WH40k) von Games Workshop(öffnet im neuen Fenster) aus Großbritannien ist ein Fantasy-/Science-Fiction-Tabletop-Spiel, in dem Armeen aus Miniaturen um die Vorherrschaft auf dem Schlachtfeld kämpfen. Es ist eines der bekanntesten und am weitesten verbreiteten Tabletop-Spiele mit einer unzählbaren Menge an Büchern, Spielen und Produkten.





















WH40k und dessen Fantasy-Ableger Age of Sigmar(öffnet im neuen Fenster) sind 28-mm-Spiele. Das heißt, die Figuren im Maßstab 1:58 sind knapp 3 cm groß und stehen normalerweise auf 28 oder 32 mm großen Rundbasen. Je nach gekaufter Miniatur können sich die Größen aber auch stark unterscheiden.
Ein Infanterist der imperialen Garde ist beispielsweise wesentlich kleiner als ein Space Marine in Terminator-Rüstung. Außerdem verfügt jede Armee über ein riesiges Arsenal an noch einmal größeren Fahrzeugen, Raumschiffen, Speedern und Panzern.
Aufgrund seiner starken Verbreitung hat sich um Warhammer nicht nur eine große Community, sondern auch ein Ökosystem verschiedener Hersteller und Shops aufgebaut. Druckbares Zubehör finden wir auf Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter oder Modellarchiven wie Thingiverse zuhauf. Alternativ kaufen wir vorgefertigte Teile direkt bei Herstellern, die ihrerseits ebenfalls 3D-Drucker verwenden.
Keine 3D-gedruckte Figuren in Turnieren
Games Workshop verbietet allerdings, 3D-gedruckte Figuren oder ganze ausgedruckte Armeen in Tabletop-Turnieren einzusetzen - das gilt auch für O&I-Turniere. Schließlich verdient das Unternehmen mit den teuren Miniaturen aus Kunststoff Millionen.
Die meisten Hobbyisten beschränken sich deshalb auf Zubehörteile wie Schulterplatten, Waffen, Rüstungsplatten oder andere Detailstücke, um ihre Armee noch mehr an die eigenen Wünsche anzupassen. Was ist schließlich ein wütendes Regiment aus Ork-Boyz ohne unnütze Götzen und Schrottteile am Körper?
Tabletopper sind Bastler. Da das Spielmaterial teilweise recht groß ist, bietet es sich an, das Spielfeld auszugestalten: Gebäude, Terrain, Wälder oder Flüsse bei WH40K, Inseln und Riffe bei O&I.
Selbst gebautes Terrain ist schöner
Zur Ausstattung von O&I gehört zwar Terrain dazu. Doch die Inseln, Riffe und Untiefen sind 2D und auf Karton gedruckt. Um wie viel schöner würden sie sich dreidimensional machen! Ein Suche im Internet führt auf die Seite Next Level Board Gaming, auf der es eine Anleitung zum Basteln von Riffen(öffnet im neuen Fenster) gibt, mit 3D-gedruckten Felsen. Wir entscheiden uns dafür, lieber draußen echte Steine zu sammeln.
Die Idee mit dem Wrack hingegen gefällt. Schnell werden wir fündig: Die Webseite Wargaming 3D(öffnet im neuen Fenster) bietet jede Menge Informationen zum Thema, etwa zum Umrechnen von Maßstäben(öffnet im neuen Fenster) sowie Druckdateien von allem möglichen Kriegsgerät(öffnet im neuen Fenster) . Vieles davon ist kostenpflichtig, die Wracks(öffnet im neuen Fenster) sind kostenlos. Mit Modelliermasse und Farben werden daraus sehr pittoreske Riffe und Flachs.
Aber wir wollten ja drucken.
Welcher Drucker soll es sein?
Schnell werden werden 3D-Communitys wie Thingiverse(öffnet im neuen Fenster) und Printables(öffnet im neuen Fenster) unsere Freunde. Hier finden sich Unmengen an kostenlosen Druckdateien. Hinzu kommt Cults3D(öffnet im neuen Fenster) , wo Designer ihre 3D-Dateien kostenlos oder gegen Bezahlung anbieten.
Das Portal My Minifactory(öffnet im neuen Fenster) hat sogar einen eigenen Tabletop-Bereich(öffnet im neuen Fenster) . Spezielle Suchmaschinen wie STL Finder(öffnet im neuen Fenster) und Yeggi(öffnet im neuen Fenster) durchsuchen eine ganze Reihe der 3D-Plattformen im Netz.
Eine wichtige Frage, die sich vor dem Drucken stellt, ist die nach dem Druckertyp (g+) : Soll es das Fused-Deposition-Modeling-Verfahren (FDM) sein oder Stereolithografie (SLA)? Ersteres schmilzt ein Kunststoff-Filament und schichtet den geschmolzenen Kunststoff zu einem Objekt. Ein SLA-Drucker nutzt als Rohstoff ein flüssiges Harz, das durch ultraviolettes Licht ausgehärtet wird. Die Lichtquelle kann ein Laser, ein Projektor oder ein Display sein.
Der SLA-Drucker hat eine höhere Auflösung
Vorteil eines SLA-Druckers ist eine geringere Schichtdicke und damit eine höhere Auflösung. Damit lassen sich Figuren deutlich besser drucken. Auch kleine Details sind noch gut erkennbar. Wir setzen für unsere WH40k-Miniaturen einen Anycubic Photon D2(öffnet im neuen Fenster) mit DLP-Projektor ein.





















Nachteil ist, dass das Harz relativ teuer ist und in unserer Werkstatt stark riecht. Hier ist sauberes Arbeiten absolut essenziell. Zudem benötigen Druckerzeugnisse aus dem SLA-Drucker mehrere Nachbearbeitungsschritte. Wir müssen Modelle mit Alkohol abwaschen, um Harzreste aus den detaillierten Miniaturen herauszubekommen. Anschließend sollten Miniaturen in der UV-Station oder unter Sonnenlicht weiter aushärten.
Es dauert eine Weile, bis wir uns an diesen filigranen und langwierigen Prozess gewöhnen. Teilweise führt aber kein Weg darum herum. Aktuell können nur Harzdrucker den gewünschten Detailgrad erreichen, den wir bei kleinen Plastikfiguren für WH40K, Dungeons and Dragons(öffnet im neuen Fenster) oder andere Spiele wie Gloomhaven(öffnet im neuen Fenster) oder Frosthaven(öffnet im neuen Fenster) benötigen.
Sollen mit dem Drucker aber nicht nur Zubehör oder Figuren für die Miniaturwelt gedruckt werden, ist ein FDM-Drucker die bessere Wahl: Ein solcher Drucker hat meist einen größeren Bauraum. Es gibt unzählige verschiedene Filamente für die unterschiedlichsten Anwendungen. Damit lassen sich beispielsweise auch praktische Helferlein für den Alltag (g+) drucken.
Wir haben mit einem Ankermake M5(öffnet im neuen Fenster) und einem Ender 3V2 Neo von Creality(öffnet im neuen Fenster) gedruckt.
FDM macht Linien
Schon bei unserem Test des Ankermake M5 vor einem Jahr zeigten sich die Einschränkungen eines FDM-Druckers: Bei den 28-mm-Figuren störten die Linien sehr. Überhänge fransten aus und Details waren kaum erkennbar.
Für O&I fanden wir auf Thingiverse einen Einsatz für die Box(öffnet im neuen Fenster) , der den Platz besser ausnutzt und das Material übersichtlicher ordnet als das Original. Wir testeten auch größere Modelle wie etwa ein 15 x 15 cm großes Haus. Das klappte ebenfalls. Hier fielen auch die Schichten weniger auf.
Zu Beginn sahen wir uns den üblichen Schwierigkeiten des FDM-Druckens ausgesetzt: Modelle hafteten nicht an der Druckplatte - hier hilft ein spezieller Kleber oder, im Slicer eine höhere Temperatur für das Druckbett einzustellen. Wir kämpften zudem mit Fäden, dem sogenannten Stringing. Das bekommt man mit dem Drucken eines Heat Towers sowie mit der Einstellung der Rückzugsgeschwindigkeit im Slicer in den Griff.
Ein Heat Tower hilft Stringing zu vermeiden
Ein Heat Tower ist ein tennisnetzartiges Gebilde, das mit verschiedenen Temperaturen gedruckt wird. Anhand eines solchen Gebildes lassen sich die richtigen Einstellungen für Temperatur und Rückzug herausfinden. Im Slicer - Ultimaker Cura - ist ein Heat Tower vorkonfiguriert. Es muss nur der Temperaturbereich eingetragen werden, der abgedeckt werden soll. Als Filament nutzen wir PLA und PETG.





















Aus dem Creality-Drucker stammt eines der Wracks. Außerdem haben wir damit ein Schiff gedruckt, einen Ostindienfahrer, den wir auf dem bereits erwähnten Portal Wargaming 3D(öffnet im neuen Fenster) fanden, ebenso eine Sammlung von Segeln(öffnet im neuen Fenster) aus der wir uns das Passende heraussuchten.
Das Ergebnis ist durchaus zufriedenstellend: Selbst die Kanonen an Deck sind gut herausgearbeitet. Allerdings zeigt auch dieses Modell die Schwächen des Druckens mit FDM: Am Rumpf und den Segeln sind die Schichten deutlich erkennbar. Nach dem Bemalen des Rumpfes fallen sie jedoch kaum noch auf.
Segel brauchen eine Stützstruktur
Eine Herausforderung stellte das Drucken der Segel dar. Hier brauchten wir mehrere Anläufe für ein befriedigendes Ergebnis: Liegend und ohne Stützstruktur ließen sich die unregelmäßigen Formen nicht drucken. Der erste Versuch mit Stützstruktur war nicht erfolgreich, weil diese sich nicht vom Segel trennen ließ.
Als nächstes versuchten wir es stehend mit Stützstruktur. Das war erfolgreich, aber beim Ablösen der Stütze brach ein Stück des Mastes ab. Dann hatten wir aber den Dreh beim Trennen heraus, von da an lief alles problemlos.
Mit dem Harzdrucker hingen lief es nicht ganz so reibungslos.
Harz im Motor
Wie bereits erwähnt: Das Drucken mit einem Harzdrucker ist eine zeitintensive Kunst, die auch unser Feingefühl und genaues Arbeiten auf die Probe stellt. Schon ein kleiner Fehler in den Slicing-Einstellungen kann zu Fehldrucken führen.
Aus diesem Grund sind vor allem unsere ersten Druckversuche teilweise katastrophal verlaufen. Manchmal hafteten Modelle nicht an der Druckplatte, manchmal wurden viel zu viele Stützen gedruckt, so dass das finale Modell kaum von ihnen befreit werden konnte.
Bei Harzdruckern müssen wir uns der verwendeten Technik bewusst sein, um gute Ergebnisse zu erzielen. Hier wird die Druckplatte in ein Harzbad getaucht und jeweils eine Schicht mit einem Laser ausgehärtet. Wir können allerdings bestimmen, wie lange eine Schicht belichtet werden soll. Bei zu langer Belichtungszeit wird das Modell brüchig. Bei zu kurzer Zeit haftet das Modell nicht an der Druckplatte.
Bessere Drucke durch weniger Stützen
Außerdem sollten wir wissen, wo wir unsere Druckstützen im Slicer setzen. In unserem Fall erstellt der Anycubic Photon Workshop teils viel zu viele Stützen. Wir haben uns deshalb schnell angewöhnt, diese bei überhängenden Teilen - etwa herausstehende Waffen, Haare oder Hände - nur spärlich einzusetzen.





















Die Position auf dem Druckbett spielt ebenfalls eine Rolle. Wir wollten beispielsweise eine Tastenkappe im Format eines Legosteins drucken. Der Hohlraum an der Unterseite erzeugte jedoch einen Saugeffekt, so dass der Motor unseres Druckers sich nicht richtig bewegen konnte. Solche Teile müssen beispielsweise schräg angeordnet werden.
Was passiert, wenn wir nicht geduldig und präzise genug sind, mussten wir ebenfalls schmerzlich feststellen. In einem Fall gelangte etwas Harz in den offenen Motor des Druckers. Anschließend konnte der sich nicht mehr bewegen und Drucken wurde unmöglich.
Die Reparatur des Motors war schwierig
Erst nach viel Reparaturarbeit und mit einer Menge Schmierfett konnten wir das Problem lösen. Deshalb ist Vorsicht geboten. Sind wir einmal unachtsam, kann schnell Frust aufkommen. Das wollen wir bei einem kreativen Hobby wie diesem natürlich vermeiden.
Wir waren hingegen positiv überrascht, wie ruhig unser Anycubic-Drucker im Betrieb ist. Bis auf leise Motorgeräusche ist das System nicht wahrnehmbar. Der Drucker benötigt schließlich auch keine aktive Kühlung, da Bauteile nicht sonderlich aufgeheizt werden müssen.
Das kann ein Vorteil sein, wenn wir den Drucker in unserer Wohnung aufstellen. Solange wir zudem vorsichtig arbeiten, hält sich die Geruchsentwicklung in Grenzen. Das ist ein enormer Vorteil im Vergleich zu FDM-Druckern.
Unser Harzdrucker nimmt zusätzlich dazu wenig Platz ein, was unter anderem auch am relativ kleinen Druckraum liegt. Der reicht nach unserer Erfahrung aber für den von uns gewählten Anwendungsfall locker aus: Miniaturen und kleine Bauteile auszudrucken.
Nach den Erfahrungen mit dem Drucken haben wir uns auch ans Designen getraut.
Selber designen
Das Schöne an Tabletop-Games ist, dass sich schnell Communitys um die Spiele bilden. Man tauscht sich in Foren aus oder schafft eigenes Zubehör wie den Einsatz für die Schachtel oder einen Halter für Schiffe von O&I. Wir fanden ihn bei Printables(öffnet im neuen Fenster) und er leistet uns seither gute Dienste beim Bemalen.
Andere Spieler kreieren Erweiterungen. Bei O&I bietet sich an, die Spielwelt mit der Piratenfilmreihe Fluch der Karibik zu verbinden(öffnet im neuen Fenster) . Der Betreiber der Webseite Timber & Sail(öffnet im neuen Fenster) etwa hat ein Meerungeheuer geschaffen(öffnet im neuen Fenster) , das dem Kraken aus Pirates of the Caribbean - Fluch der Karibik 2 nachempfunden ist, inklusive dem nötigen Regelwerk(öffnet im neuen Fenster) , um das Untier in das Spiel zu integrieren.
Nachdem wir viele Objekte gedruckt haben, die wir im Internet gefunden haben, reizt es uns, auch selbst etwas zu designen. Schnell ist klar, was das sein soll: Eine Partie bei O&I läuft jeweils über zehn Runden. Was jedoch fehlt, ist ein Rundenzähler. Eine Idee, wie er aussehen soll, gibt es auch schon: eine Leiste mit zehn Feldern, in die nach einer beendeten Runde ein Marker gelegt wird. In der Mitte soll sie durch eine Windrose laufen, die Enden jeweils eine heraldische Lilie zieren.
Die Lilie stammt aus einer alten Seekarte
Eine Windrose ist auf Thingiverse schnell gefunden, ebenso der Zierrat: Er ist ein Teil eines Kompasses aus einer alten Seekarte. Bleibt, die Leiste zu konstruieren und die einzelnen Elemente zusammenzufügen. Dazu haben wir das Online-Tool Tinkercad(öffnet im neuen Fenster) des US-Softwareunternehmens Autodesk genutzt.





















Nach einigem Üben und ein, zwei Fehlversuchen sah der Rundenzähler so aus wie zuvor imaginiert. Beim Drucken gab es dann noch einen Aha-Moment: Als Füllung ist im Slicer Gyroid eingestellt - ein gedrucktes Objekt ist nicht massiv, sondern innen hohl. Die Füllung sorgt für Stabilität. Gyroid ist ein Muster aus überlappenden Schleifen, die sehr schöne Zierarabesken abgeben, weshalb der Druck vor vor Deckschicht abgebrochen wurde.
Schnell zu einem positiven Ergebnis zu kommen, hat uns motiviert, mehr im Bereich 3D-Design zu testen. Nicht nur für das Tabletop-Game, sondern auch für den Alltag.



