3D-Druck: Die Revolution muss nachsitzen
Auf der Re:publica scheint es, als sei der 3D-Druck endgültig in der Mitte der digitalen Gesellschaft angekommen. Ziemlich genau in der Mitte der großen Halle ist der Makerspace aufgebaut: Hier wird gemeinsam gebastelt, es werden Workshops abgehalten und 3D-Drucker ausgestellt. Eben genau dort, wo jeder Besucher mal vorbeikommt.
Auf den zweiten Blick sieht das alles weniger aufregend aus: Der Makerspace ist nur wenige Quadratmeter groß, die Vorträge werden von Hintergrundgeräuschen übertönt, und während vor den anderen Bühnen Hunderte Besucher sitzen, versammeln sich hier selten mehr als ein Dutzend gleichzeitig. Im Makerspace der Re:publica zeigt sich unfreiwillig die Situation, in der sich auch der 3D-Druck befindet: Irgendwie stolpert jeder mal drüber – und es ist trotzdem nur ein Randphänomen.
Dabei sollte das schon längst ganz anders sein. Seit Jahren erzählen die Medien begeistert von der neuen Technik, die schon bald alles umkrempeln wird. Autoren wie Chris Anderson und Jeremy Rifkin schreiben von einer neuen, einer dritten industriellen Revolution, in der jeder Mensch sein eigener Produzent ist. Es geht um die Demokratisierung der Kreativität und der Produktionsmittel gleichermaßen, um Deglobalisierung und Nachhaltigkeit.
3D-Druck auf dem Gipfel des Hypes
Auch Peter Troxler von der Universität Rotterdam hat in den vergangenen Jahren wohlwollende Vorträge auf der Re:publica über die kommende Industrierevolution gehalten. In diesem Jahr fragt er bloß: "Where's that Revolution?(öffnet im neuen Fenster)" Waren die Erwartungen zu hoch gesteckt oder liegen wir einfach nicht im Zeitplan?
Troxler verweist zunächst auf den sogenannten Hype-Zyklus. Den hatte das Marktforschungsinstitut Gartner in den 90er Jahren zur Einschätzung von neuen Technologien eingeführt. Von einem "Gipfel der überzogenen Erwartungen" geht es für diese in das "Tal der Enttäuschungen", und über den "Pfad der Erleuchtung" hin zum "Plateau der Produktivität". 2012 prognostizierte Gartner, dass der 3D-Druck gerade auf dem Gipfel sei und in etwa fünf bis zehn Jahren das Plateau erreichen werde.
Doch seit dem vergangenen Jahr(öffnet im neuen Fenster) unterscheidet Gartner zwischen industriellem 3D-Druck und 3D-Druck für Endverbraucher. Ersterer könnte laut Gartner bereits in zwei bis fünf Jahren produktiv sein, während die Technik für Privatpersonen sich weiterhin auf dem Gipfel der überzogenen Erwartungen befindet. Troxler fasst zusammen: Es gibt schon Fortschritte im 3D-Druck – aber eben nicht in allen Bereichen gleich große.
Knopfdrücken reicht nicht
Nun ist es aber ausgerechnet der 3D-Druck im Heimbetrieb, der im Mittelpunkt der meisten Diskussionen steht. Anbieter wie MakerBot und Ultimaker haben inzwischen erschwingliche Modelle für Endverbraucher entwickelt, doch jenseits von kleinen Ersatzteilen und Spielereien sind die Anwendungsmöglichkeiten beschränkt und die Qualität des Drucks ist noch immer mäßig. Dazu kommen technische Hürden bei der Erstellung der benötigten Baupläne. Hartmut Schwandt, Leiter des 3D-Labors an der TU Berlin, sagte dem Tagesspiegel(öffnet im neuen Fenster): "Das Problem ist das Wort Druck. Es impliziert: Ich drücke auf einen Knopf und fertig. Aber so ist es eben nicht."
Für die Community ist das kein Problem; wer nicht selbst druckt, lässt eben drucken. Websites wie die Plattform Thingiverse(öffnet im neuen Fenster) bieten bereits fertige Baupläne an, und Dienste wie 3D Hubs(öffnet im neuen Fenster), auf der Privatpersonen mit 3D-Druckern anderen Menschen für kleine Geldbeträge ihre Sachen ausdrucken, sorgen für die nötige Vernetzung.
Auch Künstler haben die Technik längst für sich entdeckt: Auf der Re:publica stellen sie ihre Arbeiten vor, darunter einen Dildo-Generator(öffnet im neuen Fenster). Ein eher provokativ gemeintes Experiment als ein ernstgemeintes Geschäft, wie der junge Mann namens Wischi auf Nachfrage eines Teilnehmers zugibt; es gäbe bestimmt einfachere Möglichkeiten, einen Dildo zu gießen. Womit wir bei der entscheidenden Frage wären: Lohnt sich 3D-Druck überhaupt wirtschaftlich? Und wenn ja, für wen?
Makerspaces auf der Suche nach dem Geschäftsmodell
Auch um diese Frage geht es auf der diesjährigen Re:publica. In einem Workshop im Makerspace sollen Wege gefunden werden, Makerspaces sowohl profitabel als auch nachhaltig zu gestalten.
Die Bedürfnisse und Herausforderungen der Makerspaces sind auch die des 3D-Drucks: Es geht im Kern um die Verbreitung von Wissen, den Aufbau einer Community sowie um die Zusammenarbeit der Menschen untereinander. "Wir müssen sowohl eine finanziell gesicherte als auch eine offene Umgebung schaffen", sagt Workshop-Leiter Ahmed Bastawy, der im ägyptischen Alexandria mit Icealex einen Makerspace betreibt.
Bastawy weiß: Das ist leichter gesagt als getan. Denn auch wenn Maker- und Hackerspaces, FabLabs und Techhubs im kleinen Kreis funktionieren, sind die wenigsten in der Lage, sich selbst zu finanzieren. Investoren sind den meisten verpönt, ein Geschäftsmodell hat kaum jemand. Schließlich verheißt die Maker-Bewegung für viele auch die Freiheit von eben diesen angestaubten Ideen. Ein Raunen geht durch die Runde, als jemand vorschlägt, den Space doch einfach für viel Bares tageweise an Unternehmen zu vermieten.
Abseitig ist die Idee nicht. Die Entwicklung in Afrika zeigt bereits den Beginn der Revolution, die in den westlichen Ländern noch auf sich warten lässt. Hier hat ein Boom von Technologie-Hubs, Makerspaces und FabLabs in den vergangenen Jahren eine neue Technikszene hervorgebracht(öffnet im neuen Fenster). Bastawy spricht von einem "adaptiven Ökosystem", das sich den Bedürfnissen der jeweiligen lokalen Szene anpasst: Es sucht nach Lösungen für Probleme und neue Möglichkeiten, Güter zu produzieren, die rar sind. Kurz, es geht darum, etwas von Wert für die gesamte Community zu schaffen. Dazu ist nicht nur die Kreativität und Leidenschaft der Maker nötig, sondern eben auch die Unterstützung lokaler Unternehmen und die Expertise der "non-tech people", wie sie Bastawy nennt.
Synergien mit der Industrie
Auch Peter Troxler glaubt, dass der Erfolg des 3D-Drucks davon abhängt, wie und wann neue Wege und Synergien entstehen, um die Möglichkeiten der neuen industriellen Revolution auszuschöpfen. Und zwar nicht als Wildwuchs, wie die 3D-Druck-Szene zurzeit vielerorts gedeiht, sondern mit klaren Modellen. Als Beispiel erwähnt Troxler die Idee einer FabCity, wie sie gerade Barcelona vorantreibt(öffnet im neuen Fenster): Gemeinsam mit der Stadtverwaltung entstehen mehrere FabLabs an der Schnittstelle von Industrie und Verbrauchern, von Kreativ- und Finanzbranche.
Wie lange es nun dauert, bis der 3D-Druck und mit ihm die Makerspaces wie versprochen in der Mitte Gesellschaft ankommen? Dazu wagt Troxler keine Prognose und beendet seinen Vortrag mit den Worten: "Wir haben die Zutaten, wir haben die Visionen und die Gesellschaft, um eine solche Revolution zu starten. Aber wir leben auch in einer Zeit, in der sich diese Revolution noch nicht durchsetzen kann."
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