3D-Druck ausprobiert: Internetausdrucker 4.0
Tiefe Nacht im Entwicklerbüro von Golem.de: Ein Fehler in der Darstellung der Webseite lässt den Entwickler nicht schlafen. Auf dem Monitor dreht er eine dreidimensionale Abbildung der Webseite, um dem Fehler auf die Spur zu kommen. Für einen kurzen Moment bricht sich die Prokrastination Bahn – und ein Gedanke blitzt auf: Warum nicht mal die Webseite in 3D drucken? Das Modell steht doch schon fertig auf dem Bildschirm.
Webseiten sind dreidimensional
Für den normalen Leser sind Webseiten zumeist eine zweidimensionale Angelegenheit. Bilder und Texte liegen auf gleicher Ebene nebeneinander. In Wahrheit liegen sie aber in einer dreidimensionalen Struktur vor, in der die Elemente der Webseite auf verschiedenen Höhenebenen liegen.
Erst dadurch wird es möglich, eine ganze Reihe von Tricks umzusetzen, um eine Webseite interaktiv zu gestalten – wie zum Beispiel die Videogalerie auf der Startseite von Golem.de oder die kleinen Infoboxen bei Google Maps. Aber auch zum Bösen lässt sich diese Funktion nutzen: Layer-Ads sind so programmiert, dass sie sich immer auf die oberste Höhenebene legen und so den eigentlichen Inhalt überdecken können.
Zum Leidwesen von Webentwicklern ist das Höhenmodell einer Webseite stets vorhanden, selbst wenn sie diese Funktion gar nicht explizit benötigen. Dazu noch ein paar unbedachte CSS-Anweisungen und schnell fehlt scheinbar eine Textbox oder der gesamte Textfluss ist verschoben, weil sich HTML-Elemente gegenseitig überlappen oder ganz verdecken.
Mit Tilt die Webseite dreidimensional betrachten
Um Problemen mit dem Höhenmodell besser auf den Grund zu gehen, gibt es bereits seit geraumer Zeit das Tilt-3D-Addon(öffnet im neuen Fenster) für Firefox. Es zeigt die HTML-Elemente der Webseite in einer dreidimensionalen Ansicht. Dieses Feature ist so praktisch, dass es mittlerweile direkt Teil der Entwicklerwerkzeuge von Firefox ist. Je nach System muss die Option aber von Hand aktiviert(öffnet im neuen Fenster) werden.
Leider bietet die 3D-Ansicht in Firefox keinerlei Exportmöglichkeit. Eine kurze Recherche aber bringt zwei erfreuliche Dinge zu Tage: Das originale Addon hat eine Exportfunktion und es funktioniert auch mit aktuellen Firefox-Versionen!
Das 3D-Modell wird exportiert
Also flott installiert und per Shift+Ctrl+M (OS X: Shift+Cmd+M) aufgerufen. Und siehe da, die Exportfunktion ist verfügbar. Ein Klick darauf, und es muss ein Verzeichnis ausgewählt werden, in dem die Daten gespeichert werden sollen – nach einem Dateinamen wird nicht gefragt.
Im ausgewählten Verzeichnis liegen nun zwei Dateien: webpage.obj und webpage.mtl. Die Mtl-Datei enthält eine Beschreibung der Materialeigenschaften. Zum Drucken sind diese Daten nicht erforderlich. Die Obj-Datei enthält hingegen die Beschreibung des 3D-Objektes, also das, was wir drucken wollen.
Bei den verwendeten Dateiarten handelt es sich um Daten im Obj-Format(öffnet im neuen Fenster), einem weit verbreiteten Dateiformat, um 3D-Objekte zwischen Programmen auszutauschen. Es wird sowohl von 3D-Animations- und Rendersoftware wie Blender(öffnet im neuen Fenster) beherrscht als auch von CAD-Programmen wie zum Beispiel FreeCAD(öffnet im neuen Fenster). Ein Großteil der heute üblichen Programme beim heimischen 3D-Druck beherrschen dieses Format glücklicherweise auch.
Aus dem Browser in den Drucker
Die Obj-Datei wird in den Slicer geladen. Dieses Programm erzeugt auf Basis des 3D-Objekts die notwendigen Maschinenkommandos (G-code(öffnet im neuen Fenster)), mit denen der Drucker gesteuert wird. Wir benutzen dafür Cura(öffnet im neuen Fenster). Es erlaubt uns per grafischer Benutzeroberfläche, nicht nur die Druckparameter einzustellen, sondern auch einfache Manipulationen am Objekt vorzunehmen, wie, die Druckgröße einzustellen.
Die Webseite wird noch ein wenig aufgehübscht
Bevor wir aber tatsächlich den Print-Button drücken, sind noch einige Verbesserungen notwendig. Die Golem.de-Startseite ist deutlich länger als breit, außerdem stört die überlange Videoleiste im oberen Teil. Beides führt zu großen Abmaßen mit viel Luft. Deshalb wollen wir noch einige Änderungen vornehmen, ohne dass der Grundeindruck der Seite dabei verlorengeht. Dazu soll die Seite etwas kürzer und insbesondere die Videoleiste auf die tatsächlich sichtbaren Videoeinträge beschnitten werden.
Um diese Änderungen durchzuführen, gibt es zwei Wege: Über ein entsprechendes Programm, um das 3D-Objekt zu bearbeiten, etwa ein CAD-Programm, oder direkt im Browser. Wir entscheiden uns für letzteres, da die Änderungen in dem Fall sauberer sind.
Wir rufen wieder die Golem.de-Startseite im Browser auf und per Rechtsklick öffnen wir mit "Element untersuchen" den Inspektor von Firefox. Darüber können HTML-Elemente ausgewählt werden, mit Rechtsklick und "Knoten löschen" wird ein ausgewähltes HTML-Element gelöscht.
Nach dem wir so die Startseite etwas reduziert haben, öffnen wir wieder das Tilt-Addon und exportieren die 3D-Ansicht erneut.
Die generierte Obj-Datei laden wir wieder in Cura, vergrößern sie noch etwas und der Druck kann beginnen.
Fazit
In einem CAD-Programm ein 3D-Objekt für den Druck zu konstruieren, findet so mancher kompliziert. Doch das ist gar nicht immer notwendig – die erforderlichen 3D-Daten, um außergewöhnliche Objekte zu erzeugen, liegen manchmal direkt vor einem.
Ein anderes Beispiel, wie ein außergewöhnlicher 3D-Druck ohne tiefgreifende Konstruktionskenntnisse, allein durch die clevere Nutzung verschiedener Programme, gelingt, zeigt Kurt Meister in seinem Blog(öffnet im neuen Fenster) mit dem Druck eines Geländereliefs.
PS: Der Bug konnte gefunden werden, während die Webseite ausgedruckt wurde.
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