35 Jahre Sid Meier's Railroad Tycoon: Vom Zugmuffel zum Eisenbahner
Als Sid Meier's Railroad Tycoon im Jahr 1990 erschien, war ich elf Jahre alt. Ich mochte zwar Wirtschaftssimulationen wie Hanse oder Die Fugger sowie Fußballmanagerspiele wie den Bundesliga Manager, hatte jedoch mit Zügen herzlich wenig am Hut.
Dieser Mangel an Wissen und Sachverstand sorgten dafür, dass ich Railroad Tycoon gnadenlos verschmähte: Es war mir zu störrisch, zu hässlich, zu komplex und vor allem zu langweilig!
Die Fachpresse überschlug sich seinerzeit hingegen mit Lob und Höchstwertungen. Max Magenauer vom PC Joker(öffnet im neuen Fenster) etwa vergab 90 von 100 Prozentpunkten.
Er stellte es auf ein Level mit den ganz großen Simulationen dieser Zeit: Es sei ein echter Meilenstein und stehe "in Sachen Komplexität, Spielspaß und Suchtfaktor (...) Klassikern wie Pirates, Sim City oder Populous um keinen Millimeter nach."
Für Heinrich Lenhardt von der Powerplay(öffnet im neuen Fenster) war Railroad Tycoon nicht weniger als "brillant hoch drei und ein heißer Anwärter auf den Titel Spiel des Jahres 1990" .
Wer den Klassiker heute selbst ausprobieren möchte, kann das problemlos tun. Das Spiel ist als Freeware- und als Browser-Version verfügbar(öffnet im neuen Fenster) . Ich habe mich für die Browser-Variante entschieden, hatte aber Probleme mit der Tastatur.
Mein Tipp: Wenn der Schienenbau nicht funktioniert, die Numlock-Taste gedrückt halten und anschließend die Gleise über die Karte ziehen. Bei weiteren Fragen ist auch das Originalhandbuch im Netz(öffnet im neuen Fenster) zu finden, in dem sowohl die Prämisse als auch die Bedienung ausführlich erklärt werden.
Aufbau eines Wirtschaftsimperiums
In Railroad Tycoon geht es grundsätzlich darum, als Chef einer Eisenbahngesellschaft möglichst viel Geld zu verdienen. Das Spiel bietet vier Szenarien mit variierenden Startpunkten, Karten und damit verbundenen Zugmodellen: England (1828), Europa (1900) sowie die Westküste (1866) und die Ostküste (1830) Nordamerikas.
Railroad Tycoon gibt sich dabei betont authentisch. So treffe ich auf der üppigen Europakarte beispielsweise auf Orte wie Köln oder Nürnberg mitsamt der umliegenden Industrie.
Zwar starte ich jede Partie mit einer Million Dollar Kapital, jedoch bestimmen die Szenarien auch den Schwierigkeitsgrad: Mitteleuropa etwa ist aufgrund der vielen, teils eng zusammenliegenden Städte ein vergleichsweise dankbares Startgebiet.
Doch der erste Blick auf die virtuelle Landkarte ist ein echter Kulturschock. Bereits im Jahr 1990 sah Railroad Tycoon nicht gerade ansprechend aus, und auch 35 Jahre später fällt es schwer, die grobpixelige Karte mitsamt der blockigen Industriegebäude liebevoll durch die rosarote Retrobrille zu betrachten.
Die Simulation ist nicht wirklich hübsch, auch wenn die Animationen, etwa wenn ein Zug einen Bahnhof verlässt oder beim Bau einer Eisenbahnbrücke, durchaus atmosphärisch sind.
Nicht schön, aber gut
Aber: Auch wenn sich Railroad Tycoon natürlich nicht so luxuriös spielt wie moderne City-Builder oder Wirtschaftssimulationen, kann ich seinen Reiz heute definitiv nachvollziehen. Nachdem ich mich mit der bescheidenen Technik abgefunden habe, finde ich Gefallen an der Logistiksimulation.
So baue ich schnell erste Schienen und Bahnhöfe. Gerade das Anlegen von Gleisen geht erstaunlich intuitiv von der Hand. Sogar diagonales Bauen ist möglich – eine Funktion, die unlängst als große Neuerung in Anno 117 gefeiert wurde.
Erboste Aktionäre und ein positives Fazit
Ganz anders hingegen die Kartennavigation: Das ständige Springen zwischen der Detailansicht zum Bauen und den erweiterten Zoomstufen ist heute fummelig, war damals aber technisch revolutionär.
Das Spiel gibt mir sehr direktes Feedback über Erfolge und Misserfolge: Schicke ich Züge blind von einer Stadt in die nächste, bleiben die Waggons leer und ich erhalte keine Einnahmen. Ich muss also die Bedürfnisse und Voraussetzungen der Städte berücksichtigen und Warenketten erzeugen.
Durch den Bau eigener Industrieanlagen beispielsweise für Stahl oder Stoff kann ich sie sogar weiter anheizen. Wie komplex die Spielerfahrung ist, kann ich übrigens zu Beginn einer Session bestimmen.
Hier lege ich fest, wie schnell und hartnäckig die Computerkonkurrenz agieren soll und ob Züge miteinander kollidieren können. Wenn Letzteres aktiviert ist, muss ich das Netz auch mit Signalen versehen, damit es nicht zu größeren Katastrophen kommt.
Ich bin wirklich beeindruckt von der Detailtiefe des Spiels. Die Warenketten sind klar und logisch strukturiert, auch haben Feinheiten wie das Gefälle im Terrain Einfluss auf die Effektivität meiner Streckenführung.
In Railroad Tycoon muss ich ohnehin vieles im Voraus planen. Flüsse sind beispielsweise keine Hindernisse, erfordern aber den kostspieligen Bau von Brücken. Ich sollte mir also frühzeitig überlegen, ob die angedachte Route diese Investition rechtfertigt.
Alternativ könnte ein längerer Umweg vielleicht dennoch die bessere Option sein. Bahnhöfe erweitere ich beispielsweise mit Lagern für bestimmte Waren oder mit Wartungsgebäuden.
Schließlich reagieren meine Aktionäre ausgesprochen sensibel. Als meine erste Strecke von Köln nach Brüssel floppt, sinkt der Wert meines Unternehmens sofort. Die Verknüpfung von Unternehmenserfolg und Finanzwelt funktioniert ausgesprochen gut. Auch die Computerkonkurrenz schläft indes nicht und baut mit fortlaufender Spielzeit ebenfalls Bahnnetze aus.
Fazit: Hier ist noch Zug drin!
Die Stunden mit Railroad Tycoon haben mir deutlich mehr Spaß gemacht als erwartet. Würde ich das Spiel jetzt aber weiterempfehlen? Nein, wahrscheinlich nicht. Railroad Tycoon ist ein tolles Spiel, allerdings merkt man ihm sein Alter doch deutlich an.
Die meisten werden vermutlich durch die veraltete Technik sowie die umständliche Kartennavigation abgeschreckt. Mir hat dieser Retro-Ausflug aber Lust auf mehr Zugspiele gemacht.
Es ist gut möglich, dass ich mir in den kommenden Wochen einen der Nachfolgeteile vorknöpfe. Falls also jemand weitere Empfehlungen und Tipps für mich hat, gerne in die Kommentare schreiben!