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Als die Minidisc versuchte, ein MP3-Player zu sein

Derweil konnte die Audio-Minidisc gewisse Erfolge verbuchen, allerdings nahm der Druck massiv zu – mit MP3, CD-Brennern und nicht zuletzt den aufkeimenden Tauschbörsen Napster, Limewire und Co. Warum aufwändig per Klinke oder Toslink Audio auf Minidisc spielen, wenn die Musik gratis frei Haus auf den Rechner und danach auf superbillige CD-Rohlinge wandern konnte?

Gleichzeitig kamen die ersten MP3-CD-Player für Stereoanlagen und im Car-Hifi-Bereich auf, die versprachen, hunderte Songs auf einer einzigen Disc abspielen zu können. Und dann kamen auch noch die ersten MP3-Player auf den Markt, zunächst aufgrund der noch sehr hohen Preise für Speicherkarten aber mit sehr beschränktem Volumen.

Die Minidisc geriet erneut ins Hintertreffen, weshalb Sony den Standard erneuerte: Mit NetMD (2001) konnte Musik erstmals per USB-Anschluss auf Minidisc-Player – natürlich nur solche, die den Standard unterstützten – überspielt werden. Sony als Auch-Plattenfirma setzte dazu aber aus Gründen des Kopierschutzes nicht einfach auf den Mac-Finder oder Windows-Explorer, nein: Man hielt es in der Firmenzentrale in Tokio für eine gute Idee, eine weitere proprietäre Schicht in Form der Verwaltungssoftware Sonic Stage einzuziehen, die MP3- und andere Audiodateien für den Player in Sonys natives ATRAC-Format konvertierte. Das war zeitaufwändig und bei Musikfans zurecht unbeliebt, da das Tool alles andere als zuverlässig war und die Player unnötig einschränkte.

Der iPod versetzt der Minidisc den Todesstoß

Immerhin: Die Minidisc war jetzt reif, wie ein MP3-Player genutzt zu werden, mit deutlich höheren Kapazitäten, sowie als Speicherkarten-Player und mit deutlich besserer Stoßsicherheit als die damals gängigen mobilen MP3-CD-Player. Sony hatte zudem noch den kommenden HiMD-Standard, mit einem Gigabyte Speicher für Daten und Musik, im Ärmel. Player und Datenträger waren erschwinglich und funktional sinnvoll, weil sie zum Beispiel oft eine Mikrofonbuchse besaßen. Die Minidisc hatte damit 2004 endlich den Reifegrad erreicht, der nötig gewesen wäre, um dem Format zehn Jahre zuvor zum Erfolg zu verhelfen.

Dummerweise war inzwischen auch Apple wieder da, bereit, auf den bereits rasenden MP3-Zug aufzuspringen und in Stimmung, die Musikwelt zu verändern. Der erste iPod schlug ein wie eine Bombe: Mit 5 Gigabyte Speicher und "1.000 Songs in der Tasche" war er den meisten Mitbewerbern – und natürlich der Minidisc – überlegen. Es gab nur drei Gründe, warum er nicht auf der Stelle die Welt der mobilen Musikplayer umkrempelte: den Preis, den seltenen Firewire-Anschluss und die Tatsache, dass er nur mit dem Mac funktionierte.

Der Rest ist Geschichte: Apple stellte die Startprobleme ab, iTunes erschien Ende 2003 für Windows und machte den iPod damit auch für PC-Nutzer interessant. Zudem konnte Apple die Speichergrößen deutlich erhöhen und mit dem iPod Mini einen günstigen Einstiegspunkt etablieren.

Sonys Minidisc-System konnte an dieser Stelle nicht mehr mithalten: Sony selbst setzte nun auch auf MP3-Player im iPod-Stil. 2013 war nach über 20 Jahren endgültig Schluss: Sony produzierte 2013 den letzten Minidisc-Player, 2025 lief auch die Medienproduktion aus.

Totgesagte leben länger

Die Minidisc hatte stets das Problem, nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Aufgrund der technischen Fortschritte wäre sie heute aber ohnehin obsolet. In Anbetracht der Widrigkeiten – starke Konkurrenz, unkluge Produktpolitik, schlechtes Marketing – ist es im Nachgang erstaunlich, dass sich das System über 20 Jahre am Markt halten konnte und bei vielen Usern bis heute nostalgische Gefühle weckt. Insgesamt verkaufte allein Sony 22 Millionen Minidisc-Geräte, hauptsächlich in Japan und Europa, denn in den USA war der Standard nie sonderlich erfolgreich.

Bis heute gibt es eine engagierte(öffnet im neuen Fenster) Community(öffnet im neuen Fenster), die alte Minidisc-Player am Leben hält(öffnet im neuen Fenster) und sogar Software wie Web Minidisc Pro(öffnet im neuen Fenster) oder NetMD Wizard(öffnet im neuen Fenster) für die späteren USB-Player entwickelt. Wer noch einen Player im Schrank hat, sollte dort einmal vorbeischauen. Denn eines muss man der Minidisc lassen: Schlecht war sie nicht.

Christian Rentrop ist freier Technikjournalist.


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