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35 Jahre Leisure Suit Larry: Zwischen Softporn und Holzhammerhumor

Leisure Suit Larry stammt aus der Zeit, als über sexistische "Witzchen" anders gedacht wurde. Macht ein solches Adventure heute noch Spaß?
/ Andreas Altenheimer
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Artwork von Leisure Suit Larry (Bild: Assemble Entertainment)
Artwork von Leisure Suit Larry Bild: Assemble Entertainment

Computerspieler mussten lange Zeit mit Klischees kämpfen: Sie seien eigenbrötlerisch, lebten selbst mit 30 Jahren noch im Keller ihrer Eltern und hockten ständig vor dem Monitor. Zudem seien es vornehmlich Jungs, die keine Freundin haben – ein Bild, das bis heute von Parodisten aus der Mottenkiste gekramt wird.

Tatsächlich hat die Spieleindustrie selbst dazu beigetragen, dieses Vorurteil des ewig jungfräulichen Zockers zu festigen. Schließlich kam den Herstellern lange Zeit nur ein sehr einseitiges Frauenbild in den Sinn. Einfach, damit man(n) etwas Hübsches zum Angucken hat.

1987 erschien ein Adventure, das all die Klischees zu bestätigen schien: Leisure Suit Larry in the Land of the Lounge Lizards. Das Entwicklerstudio Sierra Entertainment (damals noch Sierra On-Line) hatte zuvor mit King's Quest , Space Quest und Police Quest Achtungserfolge gefeiert.

Dahinter steckten recht harmlose Abenteuerspiele, die vornehmlich von ihrer tollen Atmosphäre lebten und unter kruden Rätselideen litten.

Leisure Suit Larry hingegen war anders. Es basierte auf einem Textadventure mit dem anrüchigen Namen Softporn, das bereits seit 1981 seine Runden drehte, aber kaum Beachtung fand. Das Spielziel des männlichen Protagonisten lag schlicht und ergreifend darin, irgendeine Frau flachzulegen. Punkt.

Als der Schwerenöter laufen lernte

Der amerikanische Programmierer und Designer Al Lowe bekam den Auftrag, eine grafische Version von Softporn zu entwickeln. Er übernahm einen Großteil der Story, machte jedoch den Hauptdarsteller zur Witzfigur und nannte ihn Larry Laffer: ein 38-jähriger Loser, der bis kurzem immer noch bei seiner Mutter lebte und alle anderen Frauen nur aus der Ferne kannte.

Larry zog also los, um seine Jungfräulichkeit zu verlieren. Dazu besuchte er verruchte Orte wie eine abgehalfterte Bar, eine schmierige Diskothek oder ein piekfeines Casino. Der Humor des Spiels fiel in die Kategorie "Holzhammer mit einer Extraportion Fremdschämen" , die EGA-Grafik war ganz nett und der piepsige Sound trötete lautstark aus dem PC-Speaker.

Spätestens jetzt fragt sich jeder Leser, der noch nie etwas von diesem Adventure gehört hat: "Warum wird ausgerechnet so einem Spiel ein Jubiläumsartikel bei Golem.de gegönnt?" Ganz einfach: Weil damals wirklich JEDER, der einen PC besaß, Leisure Suit Larry gespielt hat.

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Ich gehörte ebenfalls zu diesen verirrten Geistern – wobei ich im Alter von zehn oder elf Jahren nicht wirklich wusste, was mich erwartete. Und bevor jemand fragt: Nein, ich besaß kein Originalspiel. Das habe ich meiner Sammlung erst Jahre später per Gebrauchtkauf hinzugefügt.

Leisure Suit Larry – Trailer (Wet Dreams Don't Dry)
Leisure Suit Larry – Trailer (Wet Dreams Don't Dry) (01:29)

Jedenfalls hatte ich bereits als Kind ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu diesem Larry: Auf der einen Seite hasste ich die dämlichen Rätsel, die nichts mit Logik oder Nachvollziehbarkeit zu tun hatten, und die gegen die cleveren Kopfnüsse eines Maniac Mansion (1987) oder Zak McKracken (1988) chancenlos waren.

Doch auf der anderen Seite war ich ein Junge kurz vor dem Ausbruch der Pubertät ... Wie sollte ich da der Versuchung widerstehen, zumindest meine virtuelle Jungfräulichkeit zu verlieren? Und wenn ich dafür nur einen wippenden Zensurbalken zu Gesicht bekommen würde!

Mein Verhältnis zu Larry ist heute noch eine ganze Ecke komplizierter: Inzwischen finde ich, dass dieses Spiel in vielerlei Hinsicht sexistisch und oberflächlich ist. Ähnliches gilt für die zahlreichen Nachfolger, die ich mir nach und nach zu Gemüte geführt habe. Natürlich rein aus beruflichen Gründen.

Kurioserweise gefiel mir ausgerechnet das umstrittene Spin-off Leisure Suit Larry: Magna Cum Laude von 2004. Es entfernte sich zwar radikal von den alten Larry-Adventures und glich eher einer Minispielsammlung. Jedoch lebte es von derart überzogenen Dialogen sowie Situationen und hatte dadurch einen eigenwilligen Charme.

Der neue deutsche Larry

Über das grässliche Action-Adventure Leisure Suit Larry: Box Office Bust (2009) von Team 17 lege ich besser den Mantel des Schweigens, während ich heute ein Fan der beiden jüngsten Larry-Abenteuer Wet Dreams Don't Dry ( Test auf Golem.de von 2018 ) und Wet Dreams Dry Twice (2020) des deutschen Entwicklers Crazy Bunch bin.

Das hat zwei Gründe: Erstens sind die Rätsel richtig gut und zweitens funktioniert ein Großteil des Humors. Zudem sind einige der zentralen Frauencharaktere taff und selbstbewusst, was dem platten Sexismus einiges an Schärfe nimmt.

Nun schaue ich mir den Ursprung der Serie an und habe ernsthaft Angst: Ein klein wenig vor dem Spiel selbst – und davor, dass es mir am Ende vielleicht doch gefallen könnte. So komisch das auch klingen mag.

Ungewohnte Einstiegshürden

Ich starte also meine bei GOG.com gekaufte Version(öffnet im neuen Fenster) , die im Übrigen nicht den Dosbox-Emulator nutzt und dafür über ScummVM läuft. Die Engine ist speziell für alte Adventures gedacht und bietet viel mehr Einstellungsoptionen, die ich komfortabel mittels eines übersichtlich gestalteten Optionsmenüs wählen darf.

Direkt nach Spielstart stoße ich auf das erste Problem: die Altersabfrage. Al Lowe erlaubte sich damals nämlich einen kleinen Scherz und integrierte zu Beginn ein Quiz, um das Alter des Spielers zu bestätigen – nicht, dass irgendein Minderjähriger zu Schaden komme!

Allerdings hat Lowe eines nicht bedacht: Die meisten Fragen beziehen sich auf die US-Kultur der 1980er-Jahre – von der ich als Europäer damals wie heute kaum Ahnung habe. Außerdem sind einige der Scherzfragen richtig schlecht gealtert.

Bestes Beispiel: Ich soll einen Satz vervollständigen, der mit "O.J. Simpson ist ..." beginnt. Als Antwortmöglichkeit erhalte ich unter anderem "... unter Anklage" , was jedoch anno 1987 noch nicht der Wahrheit entsprach.

Tatsächlich muss ich mit "... niemand, mit dem zu scherzen ist" antworten. Das mag in einem gewissen Sinn auch stimmen, aber der geneigte Leser versteht hoffentlich mein Problem.

Schlussendlich muss ich bereits hier schummeln und mir die korrekten Antworten aus dem Netz raussuchen. Auch danach versuche ich gar nicht erst, mich ohne Lösungshilfen durch das Spiel zu beißen; schließlich habe ich bisher kein einziges Sierra-Adventure im Alleingang durchgeackert.

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"Ken Sent Me"

Zu Beginn des Abenteuers stehe ich vor der berühmten Lefty's Bar. Darin darf ich am Tresen Platz nehmen und einen Drink bestellen. Ich begebe mich auf die Toilette, gebe einem betrunkenen Kerl meinen Whisky und verrichte mein Geschäft.

Al Lowe wirbt für Larry-Remake auf Kickstarter
Al Lowe wirbt für Larry-Remake auf Kickstarter (03:58)

Zudem kann ich mich an einen der berühmtesten Sprüche der frühen Computerspielgeschichte erinnern, der an die Wände geschmiert wurde: "Ken Sent Me" – den Spruch kennt wohl jeder, der über 50 ist und damals einen PC hatte.

Beim Herausgehen aus dem Klo brüllen mir die Bargäste zu: "Der Idiot hat Toilettenpapier am Schuh kleben!" Auf diesem Niveau bewegen sich leider viel zu viele Witze in diesem Spiel.

Ich klopfe an die Tür neben dem Tresen und sage den erwähnten Spruch auf. Daraufhin darf ich eintreten, werde aber von einem Zuhälter am Weitergehen gehindert. Doch im gleichen Raum steht ein Fernseher, und dank Fernbedienung darf ich durch die Programme schalten.

Das scheint auf den ersten Blick nichts zu bringen, weil nur langweilige Schnulzen oder Dokus laufen. Doch plötzlich, nach dem achten (!) Umschalten, flimmert ein Porno über den Bildschirm und der Zuhälter ist abgelenkt.

Fabrikneuer Larry Laffer

Nun ist der Weg zur Prostituierten frei, die im Hinterzimmer der Bar ihre Brötchen verdient. Allerdings weiß ich ganz genau, was passiert, wenn Larry sich einfach auszieht und zu ihr ins Bett steigt.

Er würde sich eine Geschlechtskrankheit einfangen, vor der Bar tot umkippen und in einer unterirdischen Fabrik von einem neu gebauten Larry ersetzt werden. Letzteres ist eine der originelleren Ideen von Al Lowe, die für die damalige Zeit grafisch halbwegs liebevoll umgesetzt wurde.

Glück im Spiel, Pech in der Liebe

Mir bleibt also nichts anderes übrig, als die Bar zu verlassen und ein Taxi zu rufen. Ich lasse mich zum Casino fahren, wo ich unter anderem Geld gewinnen kann – entweder beim Blackjack oder an einem Einarmigen Banditen.

In beiden Fällen handelt es sich um langweilige Glücksspiele, wobei der Verlust meines gesamten Vermögens direkt das Spiel-Aus bedeutet. Ich komme also nicht drumherum, regelmäßig zu speichern und zu laden, was sehr schnell sehr langweilig wird.

Immerhin finde ich im Casino noch einen Ausweis, mit dem ich Zutritt in die Diskothek Lost Wages erhalte. Dort lerne ich eine Dame namens Fawn kennen, die beim ersten Anblick alles andere als glücklich dreinschaut.

Doch kein Problem für Larry Laffer: Er weiß, wie man eine Frau rumkriegt! Man schenkt ihr einfach Pralinen, Blumen sowie einen Diamantring und zack, schon will sie ihn heiraten ...

Ich komme kaum noch aus dem Kopfschütteln heraus und gebe der Dame obendrauf 100 Dollar, damit sie beim Standesamt einen Termin für eine Schnellhochzeit bucht. Die wickele ich ab, treffe meine frischgebackene Ehefrau in der Liebessuite des Casinos, besorge noch etwas Wein und ... werde von ihr ans Bett gefesselt sowie um fast mein gesamtes Geld beraubt.

Die Lektion: Frauen lassen sich mit billigen Geschenken ködern, sind sich nicht zu schade für eine Schnellhochzeit und wollen letztlich nur an meine Kohle. Das ist selbst für die 1980er starker Tobak.

Ansonsten darf ich mit der Prostituierten schlafen, sofern ich mich per Kondom vor Geschlechtskrankheiten schütze, verführe eine Vorzimmerdame mit einem Aphrodisiakum, nur damit sie augenblicklich hochgradig erregt zu ihrem Freund rennt, und bekomme schlussendlich mein Happy End mit Eve, der ich einfach einen Apfel schenken muss. Danach gibt es noch ein Feuerwerk und das Spiel ist beendet.

Fazit: Aus der Zeit gefallen

Leider ist Leisure Suit Larry in the Land of the Lounge Lizards nicht gut gealtert. Es ist langsam, sexistisch und größtenteils erschreckend humorlos. Grafik und Sound wurden schon anno 1987 kritisiert, weshalb ich dringend zum VGA-Remake von 1991 rate.

Das gibt es ebenfalls über GOG und macht zumindest in Sachen Präsentation was her. Die Story ist hier allerdings so problematisch wie im Original.

Eine weitere, via Kickstarter finanzierte Neuauflage erschien 2013: Bei dieser hat Al Lowe immerhin spielerisches Feintuning betrieben und einige Rätsel eine Spur logischer gestaltet. Des Weiteren darf ich eine weitere Frau "verführen" (natürlich ohne Erfolg), und das gesamte Abenteuer ist synchronisiert.

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Natürlich sollte man die ganze Geschichte von Leisure Suit Larry augenzwinkernd betrachten – und Al Lowe weiß vermutlich auch, dass weder Männer noch Frauen so plump sind, wie sie hier dargestellt werden. Aber für eine Parodie über Sex und Liebe sind die meisten Witze einfach nicht lustig genug.

Und seien wir ehrlich: Wir haben das Spiel damals nicht wegen des Humors gespielt. Es ging um den Sex! Der wippende Zensurbalken beim Besuch der Prostituierten war DAS zentrale Thema, weil er einerseits zu den wenig amüsanten Stellen gehörte und man sich andererseits zumindest im Geiste vorstellen konnte: Larry hat hier gerade seinen Spaß.

Nur ist das vorpubertäres Denken aus grauer Vorzeit, mit dem ich als erwachsener Mann nichts mehr anfangen kann. Und ich glaube kaum, dass ich Leisure Suit Larry irgendwann meinen Kindern empfehlen möchte.

Mitarbeit: Benedikt Plass-Fleßenkämper


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