30 Jahre Twelve Monkeys: Einer der besten Zeitreisefilme aller Zeiten
Sieht man sich Chris Markers 28-minütigen Kurzfilm La Jetée(öffnet im neuen Fenster) (deutscher Titel: Am Rande des Rollfelds) aus dem Jahr 1962 an, würde man ihn nicht unbedingt mit Terry Gilliams 12 Monkeys in Verbindung bringen. Der Film besteht praktisch nur aus Standfotos, er ist schwarzweiß und gilt vielen, vor allem aufgrund seiner Erzählweise, als perfekter Film. So sahen das auch David Webb Peoples und seine Frau Janet Peoples, die den Auftrag hatten, das Skript für ein Remake zu verfassen.
Eine Schwierigkeit sahen sie jedoch darin, dass Markers Ideen schon in James Camerons Terminator auftauchten. Also beschlossen die Peoples, kein Remake zu schreiben, sondern die Grundidee des Kurzfilms zu nehmen und auf eine eigene, einzigartige Weise zu erkunden. Es sollte um eine Pandemie gehen, die die Welt verheert, und einen Mann, der von traumatisierenden Bildern seiner Kindheit geplagt wird. Das Skript landete dann auf dem Schreibtisch von Produzent Charles Roven.
Man kann die Geschichte simpel herunterbrechen: In einer zukünftigen Welt, die von Krankheiten verheert ist, wird ein Sträfling in die Vergangenheit geschickt, um Informationen über das künstlich erschaffene Virus zu beschaffen, das einen Großteil der Menschheit ausgelöscht hat. Diese Zusammenfassung wird dem Film jedoch nicht gerecht.
Er ist sehr viel komplexer, lässt er die Hauptfigur ständig zwischen 1995 und 2035 hin- und herspringen. Die Komplexität ergibt sich aus den Zeitsprüngen, aber 12 Monkeys wirkte damals vor allem deswegen so ambitioniert, weil es das Blockbuster-Kino jener Dekade nicht war.
Das produzierende Studio Universal war folglich zunächst skeptisch. Mehr als ein 30-Millionen-Dollar-Budget – sehr bescheiden für einen Sci-Fi-Film jener Zeit – wollte man nicht riskieren.
Das Projekt wurde verschiedenen Top-Regisseuren angeboten, aber alle lehnten ab. Roven musste also kreativ werden und dachte an einen Filmemacher, der immer wieder bewiesen hatte, dass er außerhalb des Mainstreams große Filme drehen konnte: Terry Gilliam (Time Bandits, Brazil, König der Fischer).
Ein Skript, wie gemacht für Terry Gilliam
"Als sie zu mir kamen, hatten sie es bereits mit etablierten Regisseuren versucht, doch niemand wollte das Projekt übernehmen. Offenbar verstand niemand, worum es eigentlich ging, was der Kern der Geschichte war und wie man das umsetzen sollte. Ich mochte, dass sich die Handlung in so viele unterschiedliche Richtungen entwickelte und einen in eine Art DNA-Doppelhelix der Zukunft hineinzieht", erklärte Gilliam später(öffnet im neuen Fenster).
Eigentlich wollte Gilliam Jeff Bridges oder Nick Nolte in der Hauptrolle besetzen, aber dem Studio waren sie nicht zugkräftig genug. Also schlug Gilliam Bruce Willis vor, den er schon mal wegen der Hauptrolle in König der Fischer getroffen hatte, die dann an Jeff Bridges gegangen war.
"Bruce wollte die Rolle unbedingt übernehmen, und ich war sicher, dass er dafür der Richtige wäre", sagte Gilliam(öffnet im neuen Fenster). "Wir haben darüber gesprochen, und er fragte mich: 'Glaubst du, dass ich eine Art Ballast für das Projekt werden könnte, dass ich dem Film schaden könnte?' (...) Und ich sagte: 'Ich will nicht Bruce Willis, den Superstar, sondern Bruce Willis, den Schauspieler. Du musst hierherkommen wie ein Mönch. Du musst dich in jeder Hinsicht entblößen und dich verletzlich machen.'"
Die weibliche Hauptrolle wurde mit Madeleine Stowe besetzt, für eine kleine, aber wichtige Rolle wurde Gilliam von seinem Casting Director Brad Pitt vorgeschlagen. Gilliam war unsicher, ob Pitt für die Rolle der richtige war, war dann aber von dessen Performance mehr als angetan. Und: Bevor der Film in die Kinos kam, wurde Pitt dank Legenden der Leidenschaft und Sieben zum echten Star. Er brachte 12 Monkeys damit zusätzliche Aufmerksamkeit.
Als Gilliam später darauf angesprochen wurde, dass der Film von Universal produziert wird, erklärte er, was ihn daran auch reizte: "Dieser Film ist von Universal – derselben Firma, die mir bei Brazil all die Probleme gemacht hat! Die Ironie war einfach zu groß, um sie mir entgehen zu lassen."
Der Mann hinter der Kamera
Wen er als Chefkameramann wollte, war Gilliam sofort klar: Roger Pratt. Mit ihm hatte er erstmals bei Die Ritter der Kokosnuss zusammengearbeitet, bei dem Gilliam auch einige Szenen inszeniert hatte. Später folgten Brazil, Die Abenteuer des Barons Münchhausen und König der Fischer.
Bei der Planung des visuellen Designs des Films griff Gilliam auf eine Vielzahl von Referenzmaterialien zurück und konzentrierte sich dabei auf die Arbeiten des Architekturkünstlers Lebbeus Woods. Gilliam beschreibt Woods als "Visionär, der diese großartigen Zeichnungen unmöglicher Architektur schafft. Seine Arbeit hatte großen Einfluss auf das Erscheinungsbild der futuristischen Sequenzen des Films".
Laut Pratt ist Gilliams Liebe(öffnet im neuen Fenster) zur Architektur, mit ihren vertikalen Linien, einer der Gründe dafür, dass alle seine Filme – einschließlich 12 Monkeys – im Format 1,85:1 und nicht anamorphotisch gedreht wurden.
Gebrauchte Zukunft
Um eine besonders einprägsame Zukunftsvision zu schaffen, holte sich Gilliam den erfahrenen Set-Dekorateur Crispian Sallis (JFK, Aliens) an Bord. Seine Aufgabe war es, eine Zukunftswelt zu gestalten, die aus Fundstücken der Zeit vor der Katastrophe besteht.
Daraus entstand ein bewusst zusammengewürfeltes Design mit ungewöhnlichen Ideen – etwa einem Schleifgerät als Türgriff oder einem Staubsauger als Taschenlampe. Bei Streifzügen durch Flohmärkte und Lager sammelten Sallis und sein Team zahlreiche Objekte aus verschiedensten Epochen, von der Renaissance bis zu den 1950er und 1970er Jahren.
In der Vorproduktion lud Gilliam Pratt mehrfach zu sich nach England ein, um visuelle Konzepte und den Stil zu besprechen. Anschließend suchte er mit Location-Manager Scott Elias und Szenenbildner Jeffrey Beecroft passende Drehorte.
Statt New York, Los Angeles oder London entschied er sich schließlich für Baltimore und Philadelphia. "Der Film sollte in der realen Welt spielen, deshalb wollten wir unbedingt an echten Schauplätzen drehen", sagte Gilliam. Zudem schätze er Dreharbeiten vor Ort, weil sie unerwartete Eindrücke liefern, die neue kreative Ideen ermöglichen.
Menschengroße Hamsterkäfige
Die Dreharbeiten begannen im Februar 1995 und dauerten drei Monate an. Gedreht wurde vor allem in Philadelphia und Baltimore.
Bevor der Sträfling Cole auf seine Erkundungsmission geschickt wird, verbringt er seine Zeit in einer knapp drei mal vier Meter großen Gefängniszelle innerhalb eines labyrinthartigen Gefängnisses der Zukunft, das Szenenbildner Jeffrey Beecroft so entwarf, dass es an eine Ansammlung menschengroßer Hamsterkäfige erinnert.
Übereinandergestapelt wie Bauklötze wurden diese Käfige in einem schachtartigen Bereich des Richmond-Kraftwerks errichtet. Der Raum, etwa 30 Meter hoch und 25 Meter breit, verfügte über mehrere Laufstege, die sich ideal zur Platzierung von Lichtquellen eigneten.
Für Bruce Willis war der Dreh dort nicht leicht – schon der Kälte wegen. "Die Woche begann mit Temperaturen von etwa -8 °C, gefühlt wegen des Windes rund -30 °C. Verschütteter Kaffee gefror innerhalb von fünf Minuten auf dem Boden – selbst im Inneren des Kraftwerks. Mr. Willis empfand es trotz Propanheizer und zahlreicher Filmleuchten als kalt. Er bat darum, saubere Umzugsdecken zu seiner Gefängniszelle am Set zu bringen, damit er sich zwischen den Aufnahmen hinlegen konnte", erinnerte sich Set Dresser Tom Watkins(öffnet im neuen Fenster).
Die Kälte forderte Cast und Crew alles ab. Roger Pratt erinnerte sich später, dass ursprünglich geplant war, einige Szenen später digital nachzubearbeiten, um das Ganze kälter, trister und bedrückender erscheinen zu lassen. Das war aber unnötig, wie Gilliam und er erkannten, als sie das gefilmte Material betrachteten.
Ein ungewöhnlicher Film
Terry Gilliam ist ein Filmemacher, der seine Projekte zumeist von Grund auf selbst entwickelt. "Es ist eine Sache, sich in seiner eigenen Verrücktheit zu verlieren", sagte Gilliam damals, während der Dreharbeiten, in einem Interview(öffnet im neuen Fenster), "aber sich in der Verrücktheit eines anderen zu verlieren, ist noch seltsamer".
Und anders als bei König der Fischer, wo der Autor während der gesamten Dreharbeiten am Set war und sich mit dem Regisseur austauschte, hatte Gilliam die Autoren diesmal nicht vor Ort – weshalb er begann, seiner eigenen Interpretation zu misstrauen: "Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich wohl dabei fühle, die Idee oder das Drehbuch eines anderen zu nehmen und damit zu arbeiten. Und die Dialoge sind wirklich gut."
Das Projekt sei ernster als alles, was er zuvor gemacht habe. "Das fand ich reizvoll, aber auch sehr beunruhigend, weil ich nie sicher war, ob ich langweilig wirke, nur weil alles so geradlinig ist; gleichzeitig wollte ich es aber nicht mit schrägen Einfällen aufladen, die alles verfälschen. Ich beginne mir Sorgen zu machen, dass meine Bilder von der Geschichte ablenken – dass sie die Aufmerksamkeit darauf lenken, wie clever ich bin, statt auf die Figuren und das, was in der Szene passiert."
Letztlich musste sich Gilliam darüber keine Sorgen machen. 12 Monkeys ist ein Film, der es den Zuschauern zwar nicht leicht macht, aber dennoch den Fokus ganz und gar auf die Hauptfigur und die Frage richtet, ob sie wahnsinnig ist oder nicht. Das zieht in den Film hinein, denn entweder ist Bruce Willis' Figur Cole irre, dann ist eigentlich alles gut, nur dass man dem Verfall eines Menschen zusieht – oder er sagt die Wahrheit, dann bedeutet das den Tod von Milliarden.
12 Monkeys kam am 29. Dezember 1995 in den USA und am 21. März 1996 in Deutschland in die Kinos. Er wurde von der Kritik positiv aufgenommen und spielte weltweit über 168 Millionen US-Dollar ein – durchaus ein Erfolg!
Bei der 68. Oscarverleihung erhielt er Nominierungen für den besten Nebendarsteller (Brad Pitt) und für das beste Kostümdesign. Heute ist er einer der großen Klassiker der modernen Science-Fiction und hat sogar eine eigene Fernsehserie inspiriert, die von 2015 bis 2018 lief und erstaunlich gut ist.
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