30 Jahre Linux 1.0: Zwischen Kommerz, Weltherrschaft und Antihaltung
Ohne kommerziellen Einsatz von Linux wäre die aktuelle Welt der IT-Industrie undenkbar. Die Kernel-Community entzieht sich aber beharrlich üblicher Verwertungslogik – dank Gründer Linus Torvalds.
In einem kleinen Vorort von Portland, im US-Bundesstaat Oregon, steuert ein Mann Mitte 50 von seinem Homeoffice aus eines der wohl wichtigsten kommerziell genutzten Softwareprojekte der Welt. Ohne die Arbeit von Linus Torvalds an dem von ihm gegründeten Linux-Kernel wäre die IT-Industrie weltweit nicht mehr vorstellbar. Dass es dazu kommen würde, dachte der damalige Informatikstudent bei der Vorstellung seines Hobbyprojekts im Jahr 1991 sicher nicht. Doch schon mit der Veröffentlichung von Linux 1.0 vor genau 30 Jahren begann der kommerzielle Siegeszug von Linux – und damit auch eine ganz eigene Art der Kommerzialisierung.
- 30 Jahre Linux 1.0: Zwischen Kommerz, Weltherrschaft und Antihaltung
- Linux 1.0 beginnt professionell mit einer Pressekonferenz
- Linux als neutrale Instanz
Denn anders als bei vielen anderen großen Softwareprojekten gibt es für den Linux-Kernel kein einzelnes Unternehmen, das als Hauptsponsor auftritt und die Mehrheit der Entwickler bezahlt, um die Richtung des Projekts vorzugeben. Stattdessen setzt sich die Kernel-Community weiter aus zahlreichen einzelnen Entwicklern zusammen, die für jeweils eigene Bereiche zuständig sind und gemeinsam an einem Gesamtprodukt arbeiten.
Dennoch werden auch diese Entwickler inzwischen mehrheitlich bezahlt und sind oft bei milliardenschweren Unternehmen für eben diese Arbeit angestellt. Der Linux-Kernel erfüllt also einen Zweck, der der gesamten IT-Industrie sehr viel Geld wert ist, und läuft auf Milliarden unterschiedlicher Geräte von Embedded-Einsätzen in Waschmaschinen über Autos, Flugzeuge und die klassischen Internet-Infrastruktur bis hin zu Supercomputern. Torvalds und damit auch das Linux-Kernel-Projekt bleiben dabei aber eine neutrale Instanz, die sich oft Marktmechanismen und dem Druck einzelner Hersteller widersetzt.
Torvalds und die Community gegen den Rest der Welt
Berühmt berüchtigt in diesem Zusammenhang ist der weltweit bekannt gewordene Stinkefinger von Torvalds, der gegen GPU-Hersteller Nvidia gerichtet war. Der Grafikkartenhersteller sei die schlimmste Firma überhaupt, was die Zusammenarbeit mit den Kernel-Entwicklern angehe, sagte Torvalds vor mehr als zehn Jahren und bezog sich damit unter anderen auf deren proprietären Treiber. Inzwischen hat aber auch Nvidia den Weg für freie Linux-Treiber geebnet.
Doch auch abseits dieser großen und bekannten Ausfälle gibt es immer wieder klare Standpunkte der Community, die selbst positiv gestimmten Unternehmen und ihren Entwicklern mitunter das Leben schwer machen können. Für Diskussionen sorgen dabei nicht nur immer wieder Streite über die Unterstützung proprietärer Module. In der jüngeren Zeit des fortschreitenden KI-Hypes gab es jahrelang andauernde Auseinandersetzungen zur Frage, ob und wie die Treiber dafür in den Linux-Kernel aufgenommen werden.
Die Kritik ist dabei teilweise harsch und für Außenstehende oft unverständlich. Entwickler berichteten, dass diese sich zermalmt fühlten. Der interne Umgang miteinander und die Behandlung durch Torvalds führte zu fundamentaler Kritik an der Community, zum Rücktritt langjähriger Entwickler oder auch heute noch zu unüberbrückbar scheinenden Streiten mit Security-Entwicklern. Auch die erst kürzlich begonnene Vergabepraxis für CVE-Nummern für Sicherheitslücken durch die Kernel-Community birgt Potenzial für Streit.
Bezeichnend an all diesen zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen, die vor etwa fünf Jahren in einer Pause von Torvalds und neuen Verhaltensregeln für die Community gipfelten, ist, dass diese öffentlich ausgetragen werden und keinem einzelnen Unternehmen zum Vorteil dienen. Oft beschleicht Beobachter wie den Autor dieses Textes das Gefühl, dass es dabei auf Seiten der Unternehmen und ihrer Entwickler keine Gewinner und nur Verlierer gibt – zum Wohle des Erhalts der organisch gewachsenen Community.
Pack schlägt sich, Pack verträgt sich
Würden derartige Diskussionen, dazu noch über Jahrzehnte, von einem einzelnen Unternehmen nach außen dringen, würde dieses wohl auch noch das letzte bisschen Restvertrauen der IT-Industrie verlieren, vermutlich schon bald keine Kunden mehr haben und schlicht von der Bildfläche verschwinden. Paradoxerweise geht die Linux-Community immer gestärkt aus diesen Streiten hervor.
Und auch die Streite der unzähligen Linux-Unternehmen untereinander und mit der Konkurrenz haben der von Torvalds geführten Linux-Community nicht spürbar nachhaltig geschadet. Exemplarisch dafür dienen die SCO-Klagen, von denen Red Hat und Suse ebenso betroffen waren wie IBM oder Novell. Auch gibt es seit Jahrzehnten immer wieder verschiedene Patent- und Urheberrechtsstreitigkeiten und nicht zuletzt knallharte wirtschaftliche Konkurrenz. Das zeigt sich aktuell bei Red Hats Umgang mit Quellcode und einer Gegeninitiative von Suse, Oracle und CIQ (Rocky Linux), wovon auch Community-Projekte betroffen sind.
Trotz all dieser Streite finden immer wieder alte und neuen Unternehmen ihren Weg zu Linux, das inzwischen eine der wichtigen Grundlage moderner IT ist. Oder anders ausgedrückt: An Linux führt eigentlich kaum noch ein Weg vorbei. Spätestens zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Linux 1.0 muss Torvalds klar gewesen sein, dass aus seinem Hobby, das in den Augen des damals noch jungen Entwicklers niemals etwas so Großes und Professionelles wie das GNU-Projekt werden sollte, doch diese riesige kommerzielle Community werden könnte. Und Torvalds richtete sich und die Community auf eben diese Gegebenheiten frühzeitig ein.
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| Linux 1.0 beginnt professionell mit einer Pressekonferenz |










dass ihr immer wieder abseits der News, Themen aus einer anderen Perspektive betrachtet...
ist eigentlich unvorstellbar. Ohne wäre Unix heute immer noch eine propietäre...
Hätten diese Arschgeigen den Laden nicht so verranzt. "Wir werfen die Indianer raus und...
Linux ist ein Kernel, der konsequent und kompromisslos die Nutzung eines unixoiden OS...
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