Linux 1.0 beginnt professionell mit einer Pressekonferenz
Torvalds selbst organisierte mit der Unterstützung von Mitstreitern eine Art Pressekonferenz zur Vorstellung von Linux 1.0 an der Universität von Helsinki in Finnland, wo er inzwischen als Tutor neben seinem Studium jobbte. Lars Wirzenius, früher Wegbegleiter und Kommilitone von Torvalds, beschreibt dies in einer Erinnerung so:
"Im Frühjahr 1994 hatten wir das Gefühl, dass Linux abgeschlossen war. Fertig. Es gab nichts mehr hinzuzufügen. (...) Wir beschlossen, die Version 1.0 freizugeben, und organisierten eine Veranstaltung zur Veröffentlichung. Die finnische Computerpresse wurde eingeladen und ein Fernsehsender schickte sogar ein Team." Viel Aufmerksamkeit für das Hobbyprojekt eines Studenten. Doch auf dem Weg dahin hatte Torvalds bereits Unterstützung aus Universitäten weltweit und von Entwicklern bei großen Softwareunternehmen erhalten, sogar von Microsoft-Angestellten.
Laut Wirzenius beschrieb Torvalds schon damals das, was Linux letztlich aus wirtschaftlicher Perspektive zum Erfolg verhalf. Denn die Nutzung einer der damals zahlreich vorhandenen kommerziellen Unix-Varianten war meist prohibitiv teuer. Torvalds scherzte damals demnach, dass es schlicht günstiger gewesen sei, sein eigenes System zu schreiben – eine vergleichsweise banale, aber dennoch revolutionäre Erkenntnis.
Schon zum Ende seines Studiums bewies Torvalds damit eine beeindruckende Weitsicht und eine Haltung zu Unternehmensinteressen sowie zu seinem Projekt, die nicht nur Linux, sondern die gesamte Internetwirtschaft bis heute als Vorbild prägen.
Kommerzielles Linux ohne Torvalds
Schon kurz nach dem Start von Linux als Open-Source-Projekt gründeten sich mit SLS, das in Slackware aufging, und Debian bereits 1992 und 1993 große Linux-Distributionen, die die von Torvalds geschaffene und hauptverantwortlich betreute Software einer breiteren Masse zugänglich machen wollten.
Auf die Idee, mit Linux ein günstiges Unix-artiges System kommerziell anzubieten, sprangen im Jahr 1994 damals kleine und noch völlig unbekannte Unternehmen auf, die bis heute als Inbegriff des Linux-Distributors gelten: Red Hat und Suse. Beide Unternehmen verfolgen seit inzwischen rund 30 Jahren ein offensichtlich weiterhin erfolgreiches Geschäftsmodell. Damals gab es aber auch noch weitere Unternehmen wie VA Research, die versuchten, Server-Hardware mit vorinstalliertem Linux auf den Markt zu bringen, aber längst wieder verschwunden sind.
Auch wenn der Markt dafür zunächst noch klein war, zeichneten sich schnell das Potenzial und auch die Machbarkeit dieser Idee ab. So portierte Torvalds selbst sein Linux-System auf die Alpha-Architektur von DEC. Das Unternehmen bot Unix-Workstations (Digital Unix) mit seiner eigenen CPU-Architektur an, was das wohl dominante Server- und Workstation-Geschäftsmodell in den 1990er Jahren abseits von Windows auf Intel-PCs war .
Zusätzlich zu DEC waren in diesem Bereich folgende Unternehmen ähnlich aufgestellt: Sun mit Solaris auf Sparc-CPUs, HP mit HP-UX auf PA-RISC-CPUs, IBM mit AIX unter anderem auf Power- und PowerPC-CPUs oder SGI mit IRIX auf zugekauften MIPS-CPUs. Hinzu kommen weitere kommerzielle und als proprietäre Software vertriebene Unix-Systeme, allen voran Unixware und der SCO Openserver. Letzterer fand extrem weite Verbreitung auch bei großen US-amerikanischen Unternehmen.
Das frei verfügbare Linux von Torvalds, das mithilfe einer Community auf verschiedene Architekturen portiert werden konnte und anders als die aufgezählten Unix-Varianten bei einer ähnlichen Funktionalität kostenfrei ist, ist ein klarer Angriff auf das Geschäftsmodell der aufgeführten Unternehmen.
Das wiederum schuf aber das Potenzial für andere Milliardenunternehmen überhaupt erst; das gilt was nicht nur für Distributoren wie Red Hat. So entstand der Vorläufer von Google schon 1997 auf Linux-Systemen, was auch später nie geändert wurde. Als Hardware nutzte das Google-Team anfangs günstige Standardware. Ähnlich setzte Facebook von Anfang an auf Linux-Server mit freier Software, ebenso Amazon oder Netflix.
Heute wissen Beobachter und Kenner, dass Torvalds alles andere als diplomatisch agiert und sich auch weiterhin lieber auf technische Probleme stürzt als zwischen Unternehmen und deren Befindlichkeiten zu vermitteln. Das dürfte als Student kurz vor seinem Abschluss mit einer wachsenden Berühmtheit in interessierten Kreisen nicht anders gewesen sein und führte zu einem wegweisenden Entschluss.