Zum Hauptinhalt Zur Navigation

Apple Newton Messagepad: Apples Handheld ohne Jobs-Garantie

Das Messagepad war Apples erstes Handheld – und hat einen schlechten Ruf. Unser Test zeigt allerdings, dass das PDA-Konzept seiner Zeit voraus war.
/ Tobias Költzsch
15 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Das Messagepad von Apple (Bild: Martin Wolf/Golem.de)
Das Messagepad von Apple Bild: Martin Wolf/Golem.de

Bei den Begriffen Apple Newton oder Apple Messagepad dürften nicht wenige an die Zeichentrickserie Die Simpsons denken: In einer Folge notiert einer der Schulrowdys auf seinem neuen Gerät Newton die Worte "Beat up Martin" . Daraus macht die Handschrifterkennung "Eat up Martha" . Die Szene spiegelt eine gängige Meinung zu Apples erstem Handheld wider: Die Schrifterkennung funktionierte nicht, das Gerät gilt allgemein als Flop.

Vorgestellt wurde das Messagepad vor 30 Jahren: Ende Mai 1992 wurde es nach fünfjähriger Entwicklungszeit präsentiert, bis zum Marktstart sollte noch ein weiteres Jahr vergehen. Zum Jubiläum haben wir uns das Gerät genauer angesehen und festgestellt, dass viel mehr in ihm steckt als seine in Verruf geratene Handschrifterkennung. Das Gerät vereint zahlreiche clevere Ideen, die für die damalige Zeit(öffnet im neuen Fenster) revolutionär waren.

Wir haben uns das erste Messagepad ( Modell H1000(öffnet im neuen Fenster) ) besorgt und wurden positiv überrascht. Nicht nur fühlt sich der PDA dank einiger Softwarefunktionen ziemlich modern an. Auch die Verbindung zu einem Windows-PC mit einem selbstgebauten Kabel funktioniert reibungslos und ist komfortabel.

Newton ist nicht gleich Messagepad

Zunächst einmal etwas Grundsätzliches: Das Messagepad wird gemeinhin auch als Newton bezeichnet. Newton ist allerdings ursprünglich der Name des Betriebssystems, das Gerät selbst ist das Messagepad. Apple selbst nahm es mit der Unterscheidung allerdings nicht so genau: In der Dokumentation wird das Messagepad auch als Newton bezeichnet. Neben Apple gab es einige weitere Unternehmen, die PDAs mit Newton OS herausbrachten, Apples Auswahl ist allerdings am größten. Unser Modell ist das H1000, auf dem Newton OS 1.3 läuft – wir wissen nicht genau, ob es sich um ein aktualisiertes OMP (Original Message Pad) oder um das Messagepad 100 handelt. Die Modelle sind bis auf die Betriebssystemversion bei Auslieferung baugleich.

Apple Newton Messagepad ausprobiert
Apple Newton Messagepad ausprobiert (03:34)

Das Messagepad ist voll auf die Bedienung mit dem mitgelieferten Stift ausgelegt. Zwar reagiert der Bildschirm auch auf Eingaben mit dem Fingernagel, das ist im Alltag aber zu ungenau. Das Display ist resistiv, eine kapazitive Erkennung gibt es nicht – entsprechend auch kein Multitouch. Dargestellt werden 336 x 240 Punkte in Schwarz-Weiß.

Eine Hintergrundbeleuchtung gibt es nicht, die Displayinhalte sind entsprechend schwer zu erkennen, der Bildschirm ist auch wenig blickwinkelstabil. Wie alle Messagepads läuft das H1000 mit einem ARM-610-Prozessor mit 20 MHz. Wirklich flink ist das System für heutige Verhältnisse nicht, aber absolut brauchbar. Zu seinem Erscheinen waren Reaktionsschnelligkeit und Nutzerfreundlichkeit noch weit davon entfernt, zur Norm(öffnet im neuen Fenster) zu werden.

In der Hand liegt unser Messagepad recht gut, das Gerät ist allerdings mit fast 500 Gramm schwer. Angesichts des Veröffentlichungszeitpunktes dürfte der PDA aber als durchaus kompakt angesehen werden. Am oberen Rand ist ein PCMCIA-Steckplatz eingebaut, in dem bei unserem Gerät eine Speicherkarte steckt.

Der Stift befindet sich in einer Halterung am rechten Rand. Dort sind auch der Lade- und ein DIN-Anschluss für externe Geräte und Verbindungskabel eingebaut, dazu später mehr. Der Ein-Schalter ist am linken Rand verbaut, oben gibt es noch einen Infrarot-Blaster – bei unserem Gerät mit Sharp-Protokoll(öffnet im neuen Fenster) , das nicht mit IrDA(öffnet im neuen Fenster) kompatibel ist. Sharp stellte die Messagepads im Auftrag von Apple her.

Das Gerät kommt mit einigen vorinstallierten Anwendungen wie einem Kalender, einer Adressdatenbank, einem Taschenrechner, einem Kalkulationsprogramm und der Möglichkeit, E-Mails und Faxe zu verschicken. Herzstück ist aber die Notizfunktion, die standardmäßig auf dem Hauptbildschirm dargestellt wird.

Die anderen Anwendungen rufen wir über eine Art Taskleiste auf, die sich unter dem Display befindet. Dort können wir die Karteikarten, den Kalender sowie einen Ordner mit weiteren Programmen aufrufen. Geöffnete Programme lassen sich über ein kleines X am rechten unteren Rand schließen, daneben gibt es Optionen zur Texterkennung und zu den Funktionen der einzelnen Anwendungen. Dieses Bedienprinzip ist intuitiv und praktisch und fühlt sich in der Nutzung durchaus modern an. Auch die Sounds, die unsere Aktionen begleiten, vermitteln uns ein vertrautes Gefühl.

Apple setzte Fokus auf Handschrifterkennung – leider

Zum schlechten Ruf des Messagepads dürfte wohl Apples Fokussierung auf die Notizen und die Handschrifterkennung beigetragen haben: Apple hatte im Vorfeld viel versprochen, für die meisten Nutzer war das Ergebnis nach der Auslieferung der ersten Modelle aber enttäuschend. Das ist durchaus verständlich: Auch wir hatten bei unseren ersten Notizen mit der Erkennung zu kämpfen. Alternativ lassen sich Notizen auch über eine kleine Tastatur eingeben. Die Handschrift kann auch gar nicht umgewandelt werden – dann funktioniert das Messagepad tatsächlich wie ein Notizblock.

Einfach als Schrott lässt sich die Handschrifterkennung aber nicht abtun. In ihr steckt mehr, als man zunächst denkt. Zuallererst lassen sich falsch erkannte Wörter mit dem Stylus antippen, woraufhin Alternativvorschläge genannt werden. Dort taucht bei uns meist das korrekte Wort auf, was angesichts des Alters der Software und unserer Krakelschrift durchaus beeindruckend ist. Außerdem lernt das auf der Erkennungssoftware Calligrapher basierende System im Laufe der Zeit, Wörter zuverlässiger zu erkennen.

Dieser Effekt stellt sich allerdings erst nach einigen Wochen ein – ein Umstand, den Apple so nicht kommuniziert hat und der bei zahlreichen Käufern sicherlich zu Frust über das Messagepad geführt hat. Vorteil des von Apple verwendeten Systems: Anwender müssen anders als bei späteren Palm-Geräten(öffnet im neuen Fenster) , die ab 1996 erschienen, keine eigene Schrift(öffnet im neuen Fenster) einüben. Dafür dauert die Umwandlung in Text auch länger und ist – vor allem anfangs – eben nicht sonderlich treffsicher.

Starke Bearbeitungsfunktionen bei der Texteingabe

Welches Potenzial in der handschriftlichen Eingabe steckt, zeigen allerdings die Bearbeitungsfunktionen. Zu löschende Elemente, ganz gleich ob umgewandelter Text, handschriftliche Notizen oder Formen, lassen sich wie auf einem Blatt Papier durchstreichen und werden dann gelöscht. Falsch transkribierte Buchstaben lassen sich korrigieren, indem der korrekte Buchstabe darübergeschrieben wird.

Umbrüche und Leerzeilen lassen sich mit spitzen Klammern einfügen. Wollen wir in bestehenden Text ein neues Wort einfügen, können wir auch dies mit einer größeren Klammer tun. Drücken wir die Stiftspitze länger auf das Display, wird der Markierungsmodus aktiviert. Wir können dann Wörter, Sätze, Absätze und auch Formen markieren und verschieben oder kopieren. Formen wie Dreiecke oder Kreise lassen sich in der Gestalt anpassen. Diese Markierungsfunktionen waren für 1993 revolutionär und vermitteln uns eine ausgesprochen zeitgemäß wirkende Bearbeitung.

Auch die Kopierfunktion fühlt sich für uns modern an: Markierte Inhalte können wir mit dem Stift in die linke obere Ecke ziehen. Dort werden sie quasi geparkt, während wir das Programm wechseln können. In einer anderen Anwendung können wir die Inhalte aus der Ecke in das Programm ziehen und einfügen. Selbst für heutige Verhältnisse ist das eine ungemein praktische und nutzerfreundliche Funktion.

Verbindungskabel Marke Eigenbau funktioniert

Unsere Notizen, Kalendereinträge und Adresskarten können wir mit einem Mac oder einem Windows-PC synchronisieren, indem wir das Messagepad mit einem speziellen Kabel anschließen. Einer der Kritikpunkte an den ersten Messagepads war, dass dieses Kabel nicht mitgeliefert wurde – Nutzer mussten es zusätzlich kaufen. In unserem Set war die Software enthalten, nicht aber das passende Kabel. Wir haben uns mithilfe einer Anleitung(öffnet im neuen Fenster) ein Verbindungskabel zu einem Windows-PC gebaut, das zwar nicht den ästhetischen Vorgaben Apples entsprechen dürfte, erstaunlicherweise aber direkt funktioniert hat.

Die Verbindung mithilfe der Newton-Connect-Software auf unserem Thinkpad mit Windows 95 erfolgt reibungslos. Die Synchronisierung der wenigen Daten benötigt aufgrund der langsamen Datenübertragungsgeschwindigkeit allerdings einige Minuten. Die Daten können anschließend abgespeichert werden. Auch Änderungen können wir vornehmen und sie wieder mit dem Messagepad synchronisieren. Mit diesem Prinzip griff Apple bereits 1993 den kommenden PDAs der späten 1990er Jahre vor.

Über Newton Connect können wir auch neue Anwendungen auf das Messagepad spielen. Im Laufe der Jahre erschienen Tausende Programme(öffnet im neuen Fenster) für die verschiedenen Messagepads und Newton-OS-Versionen – von praktischen Hilfsprogrammen über E-Books bis hin zu Spielen. Wir haben uns unter anderem ein Buch, einen Tetris-Klon, Mah-Jongg, Breakout und weitere Programme installiert. Mit einer derartigen Auswahl wären wir 1993 wahrscheinlich die Könige in der Nachbarschaft gewesen. Auch dass es Mitte der 1990er möglich gewesen wäre, mit einer Karte auf dem Messagepad zum Beispiel durch San Francisco zu laufen, erscheint uns heute geradezu futuristisch.

Dateisystem mit Suppe

Newton OS selbst war ein interessantes Betriebssystem: Es basierte auf C++ und verwendete ein höchst eigenwilliges Dateisystem, das auf sogenannten Soups aufbaut. Es gibt keine einzelnen Dateien, stattdessen werden Daten wie in einer Datenbank in Sammlungen gespeichert – den Soups. Um die Daten wieder aufzurufen, werden seitens des Betriebssystems Anfragen an die Soups geschickt, die in Cursor Objects resultieren. Mit deren Hilfe können Kopien der individuellen Einträge in den Soups abgerufen werden. Nach Bearbeitung der kopierten Daten werden die Originaldateien in den Soups damit überschrieben. Newton OS war auf Energie- und Speichereffizienz ausgelegt.

Über den DIN-Anschluss des Messagepads könnten wir auch ein Modem anschließen, über das sich Faxe und E-Mails versenden lassen. Ebenfalls möglich ist der Anschluss eines Druckers, den wir direkt mit dem Messagepad ansteuern könnten. Diese Funktionen machten es zu einem guten Arbeitsgerät für unterwegs – wenn man denn mit der Eingabe klarkam.

Tatsächlich scheiterte Apple mit seinen Newton-OS-PDAs wohl auch an der schlechten Publicity, die die Geräte aufgrund der Texterkennung zu Beginn erhielten. Spätestens ab Newton OS 2.0, vorgestellt im März 1996, funktionierte die Erkennung wesentlich zuverlässiger und besser. Spätere Messagepad-Modelle bekamen zudem eine Display-Hintergrundbeleuchtung – unser Modell hingegen lässt sich nur bedienen, wenn ausreichend Licht auf den Bildschirm scheint.

Retten konnten die Neuerungen die Produktserie nicht: Kurz nachdem Steve Jobs Ende 1997 wieder die Leitung von Apple übernommen hatte, stellte er die Entwicklung der Messagepads ein. Die Gründe waren wohl vielfältig: Zum einen war Jobs Zeit seines Lebens davon überzeugt, dass ein Touchscreen mit dem Finger bedient werden müsse und nicht mit einem Stift – eine Annahme, die sich durch den Erfolg der iPhones und iPads wohl bestätigt hat.

Jobs und Sculley waren Gegenspieler – zum Nachteil des Messagepads

Zum anderen waren Jobs und sein Vorgänger John Sculley, der die Einführung der Messagepads verantwortete, nicht gerade beste Freunde. Sculley hatte die Entwicklung der PDAs und von Newton OS stark gefördert. Drittens dürften die Messagepads angesichts der prekären finanziellen Lage Apples in den 1990er Jahren keinen ausreichenden Umsatz gebracht haben. Der Preis für die Geräte war recht hoch: Das erste Messagepad startete zu einem Preis von 900 US-Dollar, was heute mehr als 1.800 US-Dollar entspricht.

Das Potenzial des Messagepads Anfang der 1990er Jahre erscheint uns im Nachhinein als sehr groß – vor allem wenn man in der Rückschau betrachtet, dass Apple dem großen PDA-Boom deutlich voraus war. Den Begriff des Personal Digital Assistant hat übrigens auch Apple geprägt, er geht direkt auf John Sculley zurück. Bezeichnend ist zudem, dass sich Elemente von Newton OS in späteren Produkten Apples wiederfinden, etwa die Animation beim Öffnen von Ordnern, die audiovisuelle Bestätigung beim Anklicken von Icons und – ironischerweise – auch die Stiftbedienung.

Das erste Messagepad war bei seinem Marktstart im Jahr 1993 wohl noch nicht ausgereift. Hätte sich Apple noch bis 1995 Zeit gelassen und die Handschrifterkennung optimiert, hätte das Gerät einen nachhaltigeren Eindruck auf die Tech-Welt hinterlassen.

Mit den bereits 1993 vorhandenen Funktionen bei der Textbearbeitung und der Synchronisation wäre das Messagepad zwei Jahre später mit besserer Textumwandlung und vielleicht einer Hintergrundbeleuchtung immer noch seiner Zeit voraus und besser nutzbar gewesen. Wer weiß, welchen Weg Apple dann in den 2000ern genommen hätte – und ob wir heute anstelle eines iPads ein Messagepad verwenden würden.


Relevante Themen