25 Jahre Jet Set Radio: Segas grooviges Graffiti-Spektakel
Ende der 1990er Jahre tobte ein erbitterter Konsolenkrieg zwischen drei japanischen Firmen. Während Sony noch immer seine erste Playstation verkaufte, arbeitete das Unternehmen bereits am Nachfolgemodell PS2, das am 2. März 1999 der Weltöffentlichkeit vorgestellt wurde.
Nintendo begeisterte seine Fangemeinde derweil mit ersten 3D-Spielen für seine Nintendo-64-Konsole. Titel wie Super Mario 64 (1996), Golden Eye 007 (1997), The Legend of Zelda – Ocarina of Time (1998) und Banjo-Kazooie (1998) setzten in ihren Genres Maßstäbe.
Aber auch Sega, das mit seiner ersten eigenen 3D-Konsole Saturn gescheitert war, hatte den Kampf noch nicht aufgegeben und versuchte, mit dem technisch fortschrittlichen Dreamcast und neuen, mutigen Marken wie Crazy Taxi oder Shenmue Boden gutzumachen.
Eine weitere dieser neuen Serien war Jet Set Radio, das ab Mitte 1999 beim jungen japanischen Studio Smilebit heranreifte. Ursprünglich unter anderem als Adventure und Rollenspiel konzipiert, entwickelte sich der von Masayoshi Kikuchi koordinierte Titel schnell in eine ganz andere Richtung, die eng mit den damaligen Entwicklungen in der japanischen Popkultur verknüpft war.
"Es gab eine Menge Dynamik und Energie sowie pulsierende Farben. Es war eine Zeit, in der Dinge mit reizenden Charakteren sehr populär waren, während gleichzeitig Musikrichtungen wie Big Beat, Rock und die DJ-Kultur fusionierten. Zudem erlebte Hip-Hop ein Revival", erinnerte sich der damalige Art Director Ryuta Ueda in einer Dokumentation, die der späteren HD-Fassung beiliegt.
Zu Beginn fehlten dem Projekt jedoch eine klare Gameplay-Vision sowie echte Alleinstellungsmerkmale. "Mit Hilfe der Trial- und Error-Methode und auf Basis von simplen Zeichnungen entwarfen wir ein spaßiges Game, in dem man einfach nur eine Stadt erkundet", rekapitulierte Spieldirektor Masayoshi Kikuchi.
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Diese ersten Entwürfe verärgerten Kikuchis Vorgesetzte jedoch sehr und führten dazu, dass das rund 25-köpfige Team das Kern-Gameplay noch einmal grundlegend überarbeitete und sich dabei stark von Sonys Rhythmusspiel Parappa the Rapper inspirieren ließ.
Dass man im finalen Jet Set Radio bewusst gegen Normen und Obrigkeiten rebellierte, war unter anderem auf David Finchers populären Film Fight Club aus dem Jahr 1999 zurückzuführen. Auch dieser Film hält sich mit Gesellschaftskritik und Übertreibungen nicht zurück.
Um visuell aufzufallen und sich vom Einheitsbrei abzuheben, setzte Smilebit auf die in der Spielebranche noch kaum bekannte Rendering-Technik Cel-Shading. Sie lässt bewegte 3D-Charaktere und -Objekte durch harte Schatten und klare Umrisse wie 2D-Cartoon-Animationen erscheinen. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen und sorgte bereits zur Ankündigung des Spiels auf der Tokyo Game Show 1999 für Furore.
Auch zur Erstveröffentlichung am 29. Juni 2000 in Japan fiel das Feedback der Kritiker positiv aus, wenn auch nicht so euphorisch wie zur Veröffentlichung in den USA am 31. Oktober 2000 unter dem Namen Jet Grind Radio, bei der viele bekannte Medien Traumwertungen vergaben.
Ob Official Dreamcast Magazine (100 Prozent), IGN (9,6/10), Gamespot (9/10) oder Gamepro (90 Prozent): Die Tester liebten den Titel, in dem sie auf Inlineskates durch das an Japans Hauptstadt angelehnte Tokyo-to bretterten, während sie mit Spraydosen markierte Wände taggten und nebenbei versuchten, Polizeieinheiten und später auch SWAT-Teams aus dem Weg zu gehen.
Die Fachmedien waren aus dem Häuschen
Doch auch zum Europa-Release am 24. November 2000 fiel das Medienecho sehr positiv aus. David Mohr vom Konsolenmagazin M Games(öffnet im neuen Fenster) (damals noch Maniac) vergab Deutschlands damals höchste Wertung (92 Prozent) und schrieb: "Die Straßen und Hinterhöfe strotzen nur so vor Details: Fußgänger hüpfen erschrocken zur Seite, Autos hupen und fast jedes Objekt fordert zu akrobatischen Einlagen auf."
Ähnlich enthusiastisch äußerte sich Christian Daxer vom Multiformat-Magazin Video Games(öffnet im neuen Fenster): "Geniale Präsentation gepaart mit viel Spielwitz, Areale, die man stundenlang erkunden kann, coole Mucke und Sprachausgabe sowie nette Gimmicks – was wollt ihr mehr?"
Der Dreamcast im Einsatz
Kritik gab es hier in erster Linie am Umfang: "Leider ist das Spiel an sich etwas kurz geraten, schon nach wenigen Tagen werdet ihr den Abspann sehen." Video Games vergab damals einen Platin-Award und eine Wertung von 90 Prozent.
Auch bei der Fun Generation reichte es für eine Goldmedaille und eine 90er-Wertung, wenngleich der Test im Heft lediglich eine Seite einnahm. Chefredakteur Mark Liebold urteilte: "Jet Set Radio ist von Kopf bis Fuß durchgestylt. Sei es das Gameplay oder die Grafik, alles ist perfekt aufeinander abgestimmt."
Mega Fun war ebenfalls sehr angetan, vergab 89 von 100 Punkten sowie einen Gold-Game-Award. "Jet Set Radio ist ein Spiel, bei dem jedem Sega-Fan das Herz höher schlagen sollte. Innovatives Gameplay, ständig neue Herausforderungen und nicht zuletzt der motivierende Schwierigkeitsgrad machen diesen Titel zu einem Fest für Hardcore-Gamer."
Praxischeck mit der Dreamcast-Fassung
Doch kann das Original auch heute noch die Faszination ausüben, die es vor 25 Jahren im wahrsten Sinne des Wortes "versprüht" hat? Um das herauszufinden, habe ich nach mehr als zwei Jahrzehnten meinen Sega Dreamcast wieder aus dem Schrank geholt und ein paar Runden gespielt.
Erste Erkenntnis: Gut, dass ich meine VGA-Box nie verkauft habe und für genau solche Zwecke noch einen Monitor mit passendem VGA-Anschluss besitze! Denn erst so kommt die knallige Cartoon-Optik von Jet Set Radio optimal zur Geltung.

Auch der funkige Soundtrack von Hideki Naganuma geht dank Liedern wie Sneakman, Everybody Jump Around, Electric Toothbrush und Rock It On noch voll ins Ohr – so sehr, dass ich während der Recherche für diesen Artikel anfing, die komplette Jet-Set-Radio-Playlist auf Spotify rauf- und runterzuhören.
Doch nun zum eigentlichen Spiel. Es macht tatsächlich auch nach einem Vierteljahrhundert noch reichlich Spaß, ist in einigen Bereichen aber weniger gut gealtert als erhofft. Vor allem die Steuerung wirkt für heutige Verhältnisse streckenweise etwas unpräzise – insbesondere, wenn man zuletzt viel Zeit mit der Neuauflage von Tony Hawk's Pro Skater 3+4 verbracht hat.
Hinzu kommt eine streckenweise suboptimale Kameraführung, die regelmäßiges Nachjustieren erfordert. Auch die Ladezeiten der Dreamcast-Disk-Fassung sind für Gamer, die SSDs mit hohen Geschwindigkeiten gewohnt sind, zuweilen etwas anstrengend.
Zusammen mit den Laufwerkgeräuschen der Konsole sorgen sie jedoch für ein wohliges Retro-Nostalgiegefühl, das kein Emulator in dieser Form reproduzieren kann. Hat man sich erst einmal eingespielt, bekommt man schnell wieder Lust, alle 16 Missionen der Storykampagne nacheinander abzuhaken.
Einsteiger greifen besser zum Xbox-Sequel
Ich persönlich war so schnell im Jet-Set-Radio-Groove drin, dass ich mir noch am selben Abend den Xbox-Nachfolger, den ich damals nie gespielt hatte, auf Ebay bestellte. Das Sequel hört auf den Namen Jet Set Radio Future, spielt im Jahr 2024 und folgt einem sehr ähnlichen Grundkonzept wie der Vorgänger. Allerdings sind die Areale deutlich größer und wirken teilweise offener.
Wieder gilt es, sich einer Inlineskater-Bande namens GGs anzuschließen und das eigene Revier durch das Versprühen von Graffitis an vorgegebenen Orten abzustecken. Für Abwechslung sorgen Wettrennen gegen andere Gangmitglieder, die Jagd nach verborgenen Flaggen und regelmäßige Konfrontationen mit den örtlichen Sicherheitskräften.
Im Gegensatz zum Dreamcast-Original gelingt der Einstieg hier deutlich schneller, da die Steuerung optimiert, die Kameraführung verbessert und das Grinden vereinfacht wurden. Das Nachzeichnen von vorgegebenen Mustern mit dem Analogstick entfällt komplett und kann nun mit einem simpleren Knopfdruck erledigt werden.
In Kombination mit den weitläufiger designten Levels, der höheren Geschwindigkeit, dem Ausbleiben von Zeitlimits beim Erkunden der Umgebung und den weniger aggressiven Gegnern als im ersten Teil entsteht schnell ein Flow, der dem des anspruchsvolleren Originals überlegen ist.
Empfehlenswertes HD-Remaster und unser Fazit
Kurz gesagt: Wer Segas Retro-Perlen nachholen möchte, aber entspannter durchstarten will, greift am besten erst einmal zu Jet Set Radio Future für die Xbox. Das Spiel ist zudem etwas günstiger als Jet Set Radio für die Dreamcast.
Unser Tipp für Sparfüchse: Am besten nach dem Kombipaket aus Jet Set Radio Future und Sega GT 2002 Ausschau halten. Microsoft bot es im Oktober 2002 beim Kauf der ersten Xbox als kostenlose Dreingabe an.
Auch wir entschieden uns für diese Version und zahlten auf Ebay unterm Strich gerade einmal 11 Euro. Einzeln und mit Anleitung und Verpackung ist Jet Set Radio Future hingegen ab etwa 25 Euro zu haben.
Beim Dreamcast-Oldie sieht es anders aus: Hier werden für eine originalverpackte Version in der Regel 40 Euro und mehr fällig. Wer eine der seltenen White-Label-Promo-Disks haben möchte, die Sega damals in erster Linie zu Presse- und Marketingzwecken verschickte, wird ab etwa 35 Euro fündig. Dann hat man allerdings weder Verpackung noch Handbuch noch eine der ikonischen, an zwei Stellen aufklappbaren Spielehüllen.
2012 erschien zudem ein HD-Remaster(öffnet im neuen Fenster) mit besserer Grafik, das vom katalanischen Portierungsspezialisten Blitworks entwickelt wurde. Dadurch wurde das Spiel auch digital für PS3, Xbox 360, PS Vita, Windows, iOS und Android zugänglich gemacht.
Ferner wurde die Kamera optimiert, es wurden Bonustracks aus Jet Set Radio Future hinzugefügt, ein Widescreen-Modus, Entwicklerkommentare, Fan-Graffiti sowie Erfolge und ein Online-Ranglistensystem.
Doch schon drei Jahre später verschwanden die Mobile-Versionen wieder aus den Stores. Die Xbox-360-Fassung wurde im Februar 2023 aus dem Xbox-Store entfernt und ist seit dem 6. Dezember 2024 auch bei Steam nicht mehr verfügbar. Sega selbst nannte dafür keine Gründe. Es wird jedoch spekuliert, dass auslaufende Lizenzen und Segas Pläne für ein Reboot damit zusammenhängen könnten.
Stichwort Reboot: Bei den Game Awards 2023 wurde er zusammen mit Neuauflagen anderer Sega-Klassiker wie Golden Axe, Streets of Rage, Crazy Taxi und Shinobi tatsächlich angekündigt und auch schon kurz in Bewegung gezeigt.
Abgesehen von Shinobi – Arts of Vengeance, das am 29. August 2025 erschien, wartet die Community jedoch schon seit über zwei Jahren auf weitere Informationen zu den Neuauflagen.
Fazit: eine denkwürdige Marke, die vieles in Gang setzte
Sowohl Jet Set Radio als auch Jet Set Radio Future sind auch heute noch fantastische Spiele, die auf den entsprechenden Retrokonsolen viel Spaß machen. Wegweisend bleibt aber vor allem der erste Teil, der sich letztendlich über eine Million Mal verkaufte und dem Cel-Shading-Stil in der Gamesbranche zum Durchbruch verhalf.
Er inspirierte viele andere Spiele zu diesem Look, darunter Nintendos Action-Adventure-Meilenstein The Legend of Zelda – The Wind Waker (2003) für den Gamecube.
Dass die Musik einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat, zeigt die Existenz eines gleichnamigen Online-Radiosenders, der seit Januar 2016 nonstop unter https://jetsetradio.live streamt – inklusive Anti-Rokkaku-Meldungen, die am unteren Bildrand durchlaufen.
Doch auch der Gameplay-Mix aus Skaten und Sprayen fand bereits mehrere Nachahmer. Hervorzuheben ist hier insbesondere das im Herbst 2023 veröffentlichte Bomb Rush Cyberfunk von Team Reptile. Der fetzige Soundtrack des Spiels beinhaltet sogar einige Titel von Hideki Naganuma und kann auf Steam 98 Prozent positive Nutzerwertungen vorweisen – aus einem Pool von über 11.900 Reviews.
Kein Wunder, dass das niederländische Studio mit Hyperfunk bereits einen nicht minder stylischen Nachfolger angekündigt hat. Ein Grund mehr für Sega, das Reboot weiter voranzutreiben!