20 Jahre Wikipedia: Verlässliches Wissen rettet noch nicht die Welt

Noch nie war es so einfach, per Wikipedia an enzyklopädisches Wissen zu gelangen. Doch scheint es viele Menschen gar nicht mehr zu interessieren.

Ein IMHO von veröffentlicht am
Weltweite Verteilung von Wikidata-Einträgen, denen ein Standort zugewiesen ist (2016).
Weltweite Verteilung von Wikidata-Einträgen, denen ein Standort zugewiesen ist (2016). (Bild: Addshore/CC0 1.0)

20 Jahre nach ihrem Start am 15. Januar 2001 erscheint die Online-Enzyklopädie Wikipedia wie ein Fels in der Brandung des Internets. Während die Auswüchse in sozialen Medien wie Facebook, Youtube oder Twitter immer stärker als gesellschaftliche Bedrohung gesehen werden, funktioniert die Wikipedia unverdrossen als kostenloser, werbe- und trackingfreier sowie weitgehend skandalfreier Wissenslieferant. Doch was nützt eine Enzyklopädie mit weltweit mehr als 55 Millionen Artikeln in 300 Sprachen, wenn nicht unbeträchtliche Teile der Bevölkerung sich lieber Verschwörungstheorien wie QAnon hingeben?

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Es ist daher kein Zufall, dass dem scheidenden US-Präsidenten Donald Trump in den vergangenen Tagen zwar sämtliche Social-Media-Kanäle gesperrt wurden, aber Wikipedia von den Verwerfungen nicht betroffen war. Selbst ein US-Präsident hätte als Autor nicht die Macht, Artikel in der Wikipedia in seinem Sinne zu ändern. "Seine postfaktischen Äußerungen enthalten in sehr großer Menge leicht durchschaubare Unwahrheiten", heißt es entsprechend in Trumps Wikipedia-Artikel. Der US-Präsident und seine Anhänger haben gewissermaßen eine Parallelwelt erschaffen, die fernab von einer faktenbasierten und möglichst neutralen Enzyklopädie existiert.

Wikipedia soll diskreditiert werden

Es gibt daher Bestrebungen aus entsprechenden Kreisen, die Inhalte der Wikipedia selbst zu diskreditieren. Diese Tendenz zur Selbstimmunisierung ist ein Kennzeichen von Verschwörungstheorien. Ein Beispiel dafür ist die Seite Swiss Policy Research (SWPRS), die bis zu ihrer Umbenennung im Mai 2020 Swiss Propaganda Research hieß. Dort finden sich mehrere "Analysen" zu Wikipedia, in denen es unter anderem heißt: "Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist ein integraler Bestandteil des transatlantischen Medien- und Informationssystems." Bekannt sei "die politische und geopolitische Manipulation durch Aktivisten, Regierungen und Geheimdienste".

Weiter wird ohne Angaben von Belegen behauptet: "Einflussreiche Interessensgruppen haben ihre Akteure in der Hierarchie der Wikipedia als Sichter und Administratoren platziert und können dadurch relevante Artikel gezielt bearbeiten, unerwünschte Bearbeitungen entfernen und unerwünschte Autoren sperren." Die Swiss Policy Research, die im Gegensatz zur Wikipedia völlig intransparent arbeitet und nicht einmal ein Impressum hat, verweist dabei auch auf kritische Artikel in seriösen Medien, darunter Artikel von Golem.de.

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So werden einzelne "ideologisch agierende Autoren" in bestimmte Gruppen eingeordnet wie die "Skeptiker-Bewegung" oder "Transatlantifa". Woher die Namen stammen, ist unklar. Möglicherweise bekamen die Autoren von SWPRS Ärger, wenn sie Artikel in ihrem Sinne ändern wollten. Wenn man etliche der genannten "Ideologen" persönlich kennt, fällt es erst recht schwer, solche Behauptungen ernst zu nehmen.

Defizite bleiben bestehen

Zweifellos: Die Defizite, die wir zum 15-jährigen Bestehen der Wikipedia konstatierten, wurden in den vergangenen fünf Jahren nicht prinzipiell behoben. Schon damals galt die Kritik an der Wikipedia weniger dem Produkt als den Strukturen, die sich dahinter etabliert hatten. Dazu zählt der Vorwurf, dass der Anteil an Frauen bei den Autoren weiterhin gering sei, und die meisten Texte von jungen, weißen und akademisch gebildeten Männern geschrieben würden. Zudem wird es für Einsteiger immer schwerer, die komplizierten Bearbeitungsregeln zu durchschauen und sich gegenüber den dominierenden Wikipedianern zu behaupten, die "ihre" Artikel inbrünstig verteidigen.

Dennoch erweisen sich diese Strukturen in Zeiten postfaktischer Politik als sehr robust. Das Projekt hat vieles anders und besser gemacht als die gewinngetriebenen IT-Konzerne aus dem Silicon Valley. Wie das Lexikon heute aussehen würde, wenn es vor 20 Jahren statt von Jimmy Wales von Mark Zuckerberg gegründet worden wäre, mag man sich lieber nicht ausdenken. Keine Paywall, keine Anmeldung oder Cookie-Banner, kein aufgeregtes oder schickes Layout: Die Wikipedia nervt eigentlich nur im Dezember, wenn der Spendenbanner aufpoppt.

Es bleibt zu hoffen, dass nach Ende der Trump-Ära sich viele Menschen wieder mehr auf die Fakten besinnen. Die Wikipedia ist weiterhin eine große Einladung dazu.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).

Hinweis: Der Autor schreibt seit 2004 für die Wikipedia und ist seit 2006 Mitglied im Verein Wikimedia Deutschland e.V.

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Tiles 18. Jan 2021

Woah, da rollts mir schon wieder die Fussnägel hoch. Halten wir mal fest, du hast immer...

Vögelchen 17. Jan 2021

http://de.pluspedia.org/wiki/Gerhard_Sattler_(Wikipedist_und_Klavierlehrer)

Kaiser Ming 16. Jan 2021

Ich meinte allerdings eher die Beiträge die von den Admins wieder komplett gelöscht werden.

jankapunkt 15. Jan 2021

Ja, ich lese fast nur noch die englischen Artikel weil ich schon die Haltung habe, dass...



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