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20 Jahre San Andreas: GTA als genial gutes Gangsterepos

Kein Open-World-Spiel der Playstation-2 -Ära war so wegweisend wie GTA San Andreas . Wie spielt sich der damalige Ausnahmetitel heute?
/ Sönke Siemens
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Artwork von GTA San Andreas (Bild: Rockstar Games)
Artwork von GTA San Andreas Bild: Rockstar Games

Wirft man einen Blick auf die Top Ten der meistverkauften Spiele für die Playstation 2, so finden sich dort viele bekannte Namen: Square ist mit Kingdom Hearts (5,9 Millionen Einheiten), Final Fantasy 12 (6 Millionen) und Final Fantasy 10 (8,5 Millionen) vertreten. Namco mit Tekken 5 (6 Mio.), Konami mit Metal Gear Solid 2 – Sons of Liberty (7 Millionen) und Sony mit dem Rennspiel-Duo Gran Turismo 3 – A-spec (14,89 Millionen) und Gran Turismo 4 (11,76 Millionen).

Noch beeindruckender ist die Bilanz von Rockstar Games, die mit gleich drei Open-World-Action-Abenteuern in den Charts vertreten sind: GTA 3 (8,3 Millionen), GTA Vice City (10,5 Millionen) und schließlich GTA San Andreas.

Letzteres gilt mit 17,3 Millionen verkauften DVDs nicht nur als das erfolgreichste PS2-Spiel aller Zeiten, sondern mit der Metacritic-Durchschnittswertung 95(öffnet im neuen Fenster) (von 100) auch als eines der besten Spiele der sechsten Konsolengeneration.

Als GTA San Andreas am 26. Oktober 2004 zunächst in den USA und vier Tage später in den PAL-Regionen das Licht der Videospielwelt erblickte, studierte ich gerade Kommunikationswissenschaften an der LMU München und arbeitete nebenbei als freier Mitarbeiter für verschiedene deutsche Games-Medien.

Open-World-Spiele gehörten schon damals zu meinem Lieblingsgenre und so war es selbstverständlich, dass ich trotz meines vollen Terminkalenders einen Blick auf San Andreas warf. Dazu kam, dass ich damals mehrfach die weltgrößte Spielemesse E3 besucht und im Zuge dessen auch Los Angeles, San Francisco und Las Vegas kennengelernt hatte.

Dass sich die Spielversionen der drei Metropolen (hier Los Santos, San Fierro und Las Venturas genannt) im fiktiven US-Bundesstaat San Andreas tummelten und durch ein jeweils thematisch passendes Umland miteinander verbunden waren, machte das PS2-Spiel natürlich umso reizvoller.

Und nicht nur das: Alle drei Städte sollten laut Entwickler Rockstar North mindestens so groß sein wie das an Miami angelehnte Vice City aus dem Vorgänger der damaligen GTA-Trilogie. Technisch möglich machte das alles eine stark verbesserte Version der damals verwendeten Renderware-Engine.

Die konnte 35 bis 50 Prozent mehr Polygone darstellen und beherrschte Tricks wie Echtzeit-Reflexionen, volumetrische Beleuchtung und eine Ragdoll-Physik für getroffene Gegner. Als das Spiel dann endlich da war und ich loslegen konnte, dauerte es nicht lange, bis ich genau die Euphorie erlebte, die einen Großteil der bisherigen Testberichte geprägt hatte.

"Angefangen von der Story über die glorreiche Soundkulisse bis hin zur gigantischen Spielwelt, die in punkto Größe selbst einige Rollenspiele in den Schatten stellt, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus" , urteilte Mathias Oertel von 4Players.de(öffnet im neuen Fenster) .

GTA San Andreas: The Introduction
GTA San Andreas: The Introduction (21:18)

Er schwärmte zudem von einem der "inhaltlich durchdachtesten Action-Spiele der Softwaregeschichte, dass den Hype vollkommen rechtfertigt."

Mindestens genauso angetan waren die Print-Kollegen des Multiformat-Magazins M Games (damals noch Maniac), die eine 94-Prozent-Wertung(öffnet im neuen Fenster) zückten. "Es gibt kein Halten mehr, denn GTA San Andreas toppt alles: Kein Spiel bietet annähernd die Möglichkeiten dieses Videospiel-Meilensteins" , so Tester Raphael Fiore.

Mindestens genauso angetan war Co-Tester Thomas Stuchlik. "Der neueste GTA-Teil ist ein wahrer Beziehungskiller: Selten zieht Euch ein Spiel dermaßen in den Bann und lässt Euch Sozialkontakte derart vernachlässigen. San Andreas bietet dabei fantastische Freiheiten: Egal ob Erkunden des Umlandes, Shoppen, Aufmischen der Nachbarschaft, wilde Flirtereien oder zahlreiche Minispiele wie Billard oder Triathlon – hier versteckt sich auch abseits der Missionen ein Sammelsurium an Spielspaß."

Nicht zu vergessen das Fazit von Golem.de-Rezensent Thorsten Wiesner : "GTA San Andreas ist der virtuellen Realität schon verdammt nahe – wenig andere Spiele haben es zuvor geschafft, den Spieler derart überzeugend Teil des Geschehens werden zu lassen. Je mehr Zeit man mit dem Titel verbringt, desto mehr glaubt man, selbst Bewohner von San Andreas zu sein."

Trotz aller Lobeshymnen und weltweit mehr als zwei Dutzend 100-Prozent-Wertungen gab es auch Kritik. "Auf manchen Systemen hemmen Performance-Probleme und Abstürze die Gangster-Karriere" , bemängelte beispielsweise Gamestar(öffnet im neuen Fenster) die im Juni 2005 erschienene PC-Umsetzung und wünschte sich zudem "schönere Charaktermodelle."

Dennoch: Redakteur Markus Schwerdtel war damals so begeistert, dass er die PC-Umsetzung – obwohl er die Konsolenversion bereits komplett absolviert hatte – ein zweites Mal durchspielte.

Heute für knapp zehn Euro auf Ebay zu haben

Doch wie spielt sich dieser systemübergreifend mehr als 27,5 Millionen Mal verkaufte Überflieger der Videospielgeschichte heute? Genau das möchte ich anlässlich des 20. Geburtstags von GTA: San Andreas noch einmal herausfinden.

Mehrere Versionen von San Andreas verfügbar

Zunächst anhand des Originalspiels, das Interessierte heute vor allem auf dem Gebrauchtmarkt finden. Während die PS2- und Xbox-Versionen inklusive Originalverpackung und Versand in der Regel ab etwa zehn Euro zu haben sind, bekommt man die PC-Umsetzung mit etwas Glück schon ab 4,50 Euro.

Deutlich teurer sind die zum zehnjährigen Jubiläum erschienene Classics-Versionen für die Xbox 360 und die erst 2015 veröffentlichte PS3-Adaption. In beiden Fällen läuft das Spiel dafür in 720p-Auflösung, bietet eine erhöhte Sichtweite sowie 33 freischaltbare Achievements respektive Trophäen.

Das Original als legalen digitalen Download zu finden, ist hingegen nicht mehr möglich, zumal Rockstar Games genau dieses aus allen großen Stores entfernt und durch die sogenannte Definitive Edition ersetzt hat. Was es damit auf sich hat, dazu später mehr.

Doch zurück zum Original. Das beginnt nach dem Publisher- und Entwicklerlogo mit Einblendungen der wichtigsten am Spiel beteiligten Mitarbeiter, begleitet von geschickt zusammengeschnittenen Spielszenen und dem lässigen GTA San Andreas Theme Song von Michael Hunter(öffnet im neuen Fenster) .

Von Liberty City zurück nach Los Santos

Gleich danach geht es mit der ersten von Hunderten von Ingame-Zwischensequenzen weiter. Protagonist Carl Johnson (CJ) checkt seinen Koffer am Flughafen von Liberty City im Jahr 1992 ein und verrät uns in einem Selbstgespräch, dass es nach fünf Jahren an der Ostküste an der Zeit sei, nach Hause zurückzukehren.

Ein kurzer Schnitt, und schon schnappt sich CJ sein Gepäck vom Gepäckband des Los Santos International Airport, nimmt ein Taxi und will sich nach Hause fahren lassen. Doch daraus wird nichts, denn zwielichtige Cops zwingen ihn auszusteigen, verhaften ihn, schikanieren ihn, fordern ihn zur Kooperation auf und werfen ihn aus dem Fahrzeug – ausgerechnet im Viertel seiner Erzfeinde, der Ballas-Gang.

Schon hier wird klar: Auch wenn die Charaktermodelle vergleichsweise kantig wirken, die Animationen stellenweise etwas holprig rüberkommen und in Los Santos eher wenig los ist: atmosphärisch punktet GTA San Andreas nach wie vor mit authentisch wirkenden Dialogen und typischem Ghetto-Slang.

Dazu kommen abwechslungsreichen Kameraperspektiven, schicke Beleuchtung und elf phänomenale Ingame-Radiosender, die zusammen über 150 Tracks und höchst amüsante Talk-Inhalte bieten.

Und die erste Gameplay-Aktion der Story-Kampagne zaubert mir auch nach 20 Jahren wieder ein breites Grinsen ins Gesicht. Statt die neue Stadt zu Fuß zu erkunden, schwinge ich mich zunächst auf ein wendiges BMX, trete kräftig in die Pedale und düse kreuz und quer durch die Hood, bis ich mein trautes Heim in der Grove Street erreiche.

Kaum drinnen, nimmt die Geschichte Fahrt auf. Von meinem Bruder Sean erfahre ich, dass Mama Johnson in einem Bandenkrieg ermordet wurde und unsere Gang in letzter Zeit viel wertvolles Territorium an die Konkurrenz verloren hat.

Haufenweise Hauptmissionen und Nebenaktivitäten

In den ersten Aufträgen der genau 100 (!) Missionen umfassenden Kampagne gilt es dann, die Schlagkraft der Grove Street Families wiederherzustellen und dabei auch weitere Hinweise zum Tod von CJs Mutter aufzudecken.

Für Abwechslung ist auf jeden Fall gesorgt. Wenn ich nicht gerade 100 über die ganze Stadt verteilte Graffiti meiner Rivalen mit der Spraydose überziehe, flöße ich anderen Gangmitgliedern mit dem Baseballschläger Respekt ein, mische mich in Drive-by-Shootings ein oder versuche, mein aufgemotztes Auto bei einem Low-Rider-Treffen zur Musik tanzen zu lassen.

Ergänzend dazu sorgen das Ausräuchern von Ballas-Verstecken, der Schlagabtausch mit einem SWAT-Team und dessen Hubschrauber, Wettfahrten durch Downtown Los Santos oder der Überfall auf einen fahrenden Zug trotz niedrig aufgelöster Texturen und für heutige Verhältnisse nicht sonderlich clever agierender KI-Gegner für beste Open-World-Gangster-Unterhaltung.

Das Schöne an GTA San Andreas: Kaum habe ich mich an einem größeren Schauplatz satt gesehen, schickt mich das Story-Autoren-Trio Dan Houser, James Worrall und DJ Pooh schon zum nächsten Szenario. Nach einem Rauswurf in Los Santos lerne ich zum Beispiel erstmals die Badlands kennen und erledige dort allerlei Handlangerjobs (Tanklaster und Mähdrescher entführen, Wettbüros in die Luft sprengen).

Danach geht es weiter in die hügelige Küstenmetropole San Fierro, die San Francisco nachempfunden ist, wo die Macher 27 weitere Missionen auftischen – inklusive Abfackeln einer Drogenfarm mit dem Flammenwerfer und Spritztouren auf der von der Golden Gate Bridge inspirierten Gant-Brücke.

Es folgen Abstecher in die Wüste (nebst genialer Jetpack-Mission!), ein riesiges Aufgabenpaket im verruchten Las Venturas (was für ein cooler Casino-Überfall!) und schließlich die Heimkehr nach Los Santos.

Gute steuerbare Netflix-Fassung

Spielerisch geht das alles auch nach 20 Jahren noch ziemlich gut, egal ob ich zu Fuß unterwegs bin oder eines der über 180 Fahrzeuge steuere. Hinzu kommen witzige Gameplay-Ideen, die damals wie heute für Gesprächsstoff sorgen.

Wer beispielsweise bei Burger Shot, Cluckin' Bell, Rusty Brown's Ring Donut und Co ständig Fast Food in sich hineinstopft, muss sich nicht wundern, wenn CJ wenig später ordentliche Fettpolster ansetzt, die ihn langsamer laufen lassen und am Erklimmen von Mauern und Zäunen hindern.

Wenn ich dagegen zu wenig esse und kaum trainiere, verliert CJ Muskelmasse und kämpft schlechter. Kurzum: Auf die Balance kommt es an!

Aber auch das Respekt-System sowie die Tatsache, dass sich CJs Fähigkeiten (Waffen-Handling, Ausdauer) kontinuierlich weiterentwickeln sowie die organisch in die Welt integrierten Nebenaktivitäten (Überfälle, Feuerbekämpfung, Downhill-Rennen, Arbeit im Steinbruch, Import-Export-Aufträge usw.) zeigen, wie komplex die offene Spielewelt von San Andreas schon damals war.

Wer es etwas ruhiger angehen möchte, kann sich neu einkleiden, sich an vier Arcade-Automaten vergnügen, Pferdewetten abschließen oder im Casino spielen. Die Möglichkeiten sind gigantisch, und das ist ein weiterer Grund, warum mich dieses GTA auch zwei Jahrzehnte nach seinem Erscheinen noch stundenlang fesselt.

Definitive Edition aktuell Teil jedes Netflix-Abos

Zunächst am TV-Bildschirm, dann am Smartphone. Letzteres eher zufällig, denn bei der Recherche für diesen Artikel fiel mir auf, dass die Definitive Edition des Spiels – neben der von GTA 3 und GTA: Vice City – Teil meines Netflix-Abos ist.

Also gleich installiert und durchaus Spaß gehabt, denn die Umsetzung bietet ein cleveres Touchscreen-Interface, das sich dynamisch an die jeweilige Spielsituation anpasst. Möchte ich beispielsweise einen Sportwagen klauen, genügt ein Klick auf das Fahrzeugsymbol, sobald ich in der Nähe bin.

Alternativ kopple ich meinen PS5-Dualsense-Controller oder jedes andere Bluetooth-Gamepad und steuere CJ ganz entspannt per Analogstick durch San Andreas. Wichtig: Wer selbst Netflix-Abonnent ist und San Andreas auf dem Handy oder Tablet ausprobieren möchte, braucht viel freien Speicherplatz – 7,35 GByte, um genau zu sein.

Wer sich hingegen die für PC, PS4, PS5, Xbox One, Xbox Series X/S und Nintendo Switch erhältliche Grand Theft Auto: The Trilogy – The Definitive Edition zulegen möchte, sollte Vorsicht walten lassen, denn diese Version wird ihrem Namen leider nicht wirklich gerecht.

Zwar sind das zusätzliche Waffenrad, das automatische Anvisieren von Gegnern und die häufiger platzierten Speicherpunkte sinnvolle Ergänzungen. Auch die Beleuchtung, die Texturen und die Weitsicht wurden gegenüber dem Original leicht verbessert.

Ein großer Grafiksprung wie beispielsweise bei der Definitive Edition von Mafia ist allerdings nicht zu erwarten. Schon gar nicht, was die Charaktermodelle und Animationen angeht. Diese wirken nach wie vor kantig, hölzern und in vielerlei Hinsicht einfach nicht mehr zeitgemäß.

Schade auch, dass beim Soundtrack der Definitive Edition einige Songs einfach wegrationalisiert wurden, die Spielmechaniken so gut wie gar nicht optimiert wurden und sogar Bugs hinzugekommen sind, die im Original gar nicht vorhanden waren.

GTA San Andreas – Grafikvergleich iOS vs. PC
GTA San Andreas – Grafikvergleich iOS vs. PC (02:58)

Hinzu kommt der überhöhte Preis von 60 Euro, den zumindest Rockstar im eigenen Store(öffnet im neuen Fenster) für die physische Version von The Trilogy verlangt. Wer sich auf den einschlägigen Preisvergleichsportalen genau umsieht, findet die Spielesammlung aber schon ab rund 20 Euro. Noch bis zum 12. November 2024 ist das Spiel in Playstation Plus (Extra und Premium) enthalten.

Fazit: Wir brauchen ein echtes Remake!

Spielerisch hat GTA: San Andreas kaum etwas von seiner Faszination eingebüßt. Wer noch einmal authentisch in das Gangsterepos eintauchen möchte, dem sei das PS2-Original beziehungsweise die Xbox- oder PC-Version ans Herz gelegt.

Im Gegensatz zur überteuerten Definitive Edition fehlen hier weder Songs im Soundtrack noch wird das Gameplay durch neue Bugs ruiniert, die es vorher nicht gab.

Um neue Zielgruppen für den Klassiker zu begeistern, sollte sich Rockstar Games aber spätestens nach dem Release von GTA 6 mit ausreichend Personal und einer klaren Vision an eine echte Neuauflage wagen und sich dabei an Titeln wie dem überarbeiteten Demon's Souls, The Last of Us Remastered, dem Remake von Resident Evil 2 oder Final Fantasy 7 Remake orientieren.

Wie so etwas aussehen könnte, sieht man derzeit bereits auf Youtube, wo sich der Youtuber 12th Hour die Mühe gemacht hat, den Anfang des Spiels mit moderner Grafik in Szene zu setzen. Das Ergebnis ist beeindruckend(öffnet im neuen Fenster) . Aber auch das von Teaserplay entworfene, mithilfe der Unreal Engine 5 realisierte Konzept eines GTA San Andreas 2(öffnet im neuen Fenster) kann sich sehen lassen.

Mitarbeit: Benedikt Plass-Fleßenkämper


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