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'Kannst du mir meine Nummer schicken?'

Nach der Übernahme durch AOL entwickelte sich die ICQ-Software schneller denn je. Dateitransfer, Gruppenchats, das Erstellen von Kontaktlisten, SMS- und E-Mail-Unterstützung, auch Verschlüsselung wurden nach und nach hinzugefügt und ausgebaut. 2002 folgte die erste Version für mobile Geräte: ICQ für das Betriebssystem Symbian S60, das damals vor allem der weltweite Marktführer Nokia in seinen Handys einsetzte.

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Meine erste ICQ-Nummer war - glaube ich - noch eine der heute sagenumwobenen sechsstelligen. Doch irgendwann, es muss so um 2001/2002 herum gewesen sein, entschied ich mich aus mir heute unbekannten Gründen, eine neue anzulegen. Achtstellig, nicht mehr ganz so cool. Einige meiner Freunde wechselten in den Jahren die ICQ-Accounts so häufig wie ihre Lieblingsbands. "Kannst du mir mal meine ICQ-Nummer schicken?", war so ziemlich die erste Frage, nachdem man mal wieder seinen PC formatiert hatte. Merken konnte sie sich nämlich kaum einer.

ICQ verpasste den Sprung auf Smartphones

ICQ zeigte früh, wie groß und vielfältig das World Wide Web ist. Weil es möglich war, nach Profilen, Orten oder Namen zu suchen, ließ sich mit fremden Menschen in Kontakt treten. So lernte ich einen Jungen aus Norddeutschland kennen, der den gleichen Spitznamen im Internet nutzte wie ich - und bis heute noch eine Domain besitzt, die ich gerne hätte.

An einem anderen Tag schrieb jemand aus den USA und behauptete, eine junge Frau zu sein. Als ich skeptisch wurde, bekam ich drei Bilder von Frauen geschickt, die vielleicht mit zusammengekniffenen Augen eine gewisse Ähnlichkeit aufzuweisen hatten. Mein Chatpartner gab sich offenbar als jemand anderes aus; ich war erstmals Opfer eines Catfishing-Versuchs. Oder saß zumindest einem Troll auf. Die täglichen Kontaktanfragen russischer Spambots wusste ich dagegen schnell zu ignorieren.

Ich stritt mich auf ICQ mit Kumpels, versöhnte mich wieder. Ich flirtete mit Frauen, weil chatten weniger aufdringlich schien als das Schreiben von SMS. Ich überlegte mir minutenlang vermeintlich clevere und charmante Sätze, nur um eine Nanosekunde nach dem Absenden festzustellen, wie peinlich und beknackt sie doch eigentlich klangen. Noch so ein Phänomen, das sich mit Whatsapp nicht verändert hat.

Für den Dienst selbst begann ab 2005 der langsame Abstieg. Das Programm enthielt inzwischen Spiele, wollte mit bunten Bildern, mit Voice- und später Videochats neue Funktionen bieten. Es waren vor allem Verschlimmbesserungen, und der Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit der Internetnutzer war längst ausgebrochen. Skype warb ab 2003 ICQ viele Nutzer ab und mit der Einführung von Facebook, aber auch von Angeboten wie Myspace und dem deutschen StudiVZ ab 2006 verschoben sich persönliche Chats zunehmend weg von Messengern in die sozialen Netzwerke.

Als die Smartphones kamen, verpasste ICQ endgültig den Anschluss. Obwohl es praktisch seit Beginn an auf mobilen Geräten verfügbar war, konnte es kaum neue Nutzer finden. 2010 übernahm die russische Mail.ru-Gruppe ICQ zum Preis von 188 Millionen US-Dollar, das ebenfalls strauchelnde AOL war wohl froh, noch einen Käufer gefunden zu haben. Damals hatte ICQ noch rund 42 Millionen aktive tägliche Nutzer. Im Jahr 2013 waren es nur noch 11 Millionen. Whatsapp nutzen zum Ende des Jahres bereits 400 Millionen Menschen.

Oh du schöne Nostalgie!

Auch in meinem Freundeskreis hat ICQ seinen Reiz längst verloren. Wenn ich zu Hause an meinem PC sitze, logge ich mich dennoch jedes Mal wieder ein. Gewohnheit lässt sich nur schwer abschütteln. Gelegentlich sind noch zwei, drei andere Bekannte online. Der Großteil meiner Kontaktliste dagegen besteht aus Menschen, die ich teilweise seit Jahren noch nicht mal im echten Leben gesehen habe. In der Datenbank meines Chatprogramms Miranda kann ich Chatverläufe lesen, die mehr als zehn Jahre zurückliegen. Es sind teils peinliche, bisweilen interessante und häufig bizarre Gespräche aus einer anderen Zeit.

Der Betreiber will den Dienst angeblich so schnell nicht einstellen. In einigen Märkten wie Südamerika hat ICQ noch eine recht stabile Nutzerbasis. Und auch ich kann mich nicht trennen, zu viele Erinnerungen verbinde ich mit ICQ. Gerade vergangene Woche hat mir wieder ein alter Freund eine Nachricht geschickt. Sie bestand aus den geistreichen Worten "Bier Bier Bier", verschickt wurde sie um zwei Uhr nachts. Geantwortet habe ich ihm erst am nächsten Morgen - auf Whatsapp. Uh-oh.

 20 Jahre ICQ: Uh-oh, ich kann mich nicht trennen
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Neuro-Chef 21. Nov 2016

Ich fand's damals auch besser als heute mit dem Smartphone-Schwerpunkt. Und weil es nun...

Clown 21. Nov 2016

72875043, PW auf Anhieb richig geraten. Online war keiner ;) Hach, das waren noch...

Neuro-Chef 21. Nov 2016

Saugute Idee, ich werde nun nostalgischerweise das gleiche mit dem MSN-Ton machen :D

Neuro-Chef 21. Nov 2016

Wie blöd habe ich das damals zu Schulzeiten genutzt! Die gute, alte Zeit.. *schnief*

simonmobil 19. Nov 2016

Lediglich marginal verrückt ;) jedoch grundlegend korrekt von dir erkannt. #earth


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