Zum Hauptinhalt Zur Navigation

20 Jahre Half-Life 2: Ausnahmespiel mit bis zu 820 fps

Half-Life 2 konnte 2004 Maßstäbe setzen! Zum Jubiläum haben wir es noch mal durchgespielt – und waren erstaunt, wie gut es gealtert ist.
/ Sönke Siemens , Benedikt Plass-Fleßenkämper
60 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Artwork von Half-Life 2 (Bild: Valve)
Artwork von Half-Life 2 Bild: Valve

Mehr als zwölf Millionen verkaufte Exemplare, 40 Millionen US-Dollar Entwicklungskosten, fast 40 Auszeichnungen als Spiel des Jahres und ein Metacritic-Schnitt von 96 von 100(öffnet im neuen Fenster) Punkten. Dazu mehr als 165.000 positive Bewertungen auf Steam und eine Community, die den Titel bis heute mit Mods versorgt: Das ist die beeindruckende Bilanz von Valves Vorzeigeshooter Half-Life 2, der Mitte November seinen 20. Geburtstag feierte.

Ich erinnere mich sehr gut an die Veröffentlichung am Dienstag, den 16. November 2004. Meine Vorlesungen an der Uni waren gegen Mittag zu Ende, dann eilte ich in den nächstgelegenen Saturn in der Münchner Innenstadt, um mir für knapp 50 Euro die DVD-Version zu schnappen, nach Hause zu flitzen und mit der Installation zu beginnen.

Was mir die Verpackung nicht verriet: Um loslegen zu können, brauchte ich zwingend einen Account bei Valves damals noch kaum etabliertem Online- und Spiele-Download-Dienst Steam. Den Account habe ich heute noch – ebenso die Erinnerung an die quälend langen Wartezeiten, bis endlich alles funktionierte.

Kein Wunder, denn weltweit wollten an diesem Tag Hunderttausende in Gordon Freemans zweites Abenteuer eintauchen, was die noch unterdimensionierten Steam-Server völlig überlastete und das Herunterladen wichtiger Update-Dateien massiv verlangsamte.

Die gute Nachricht: Am nächsten Tag waren endlich alle nötigen Spieldaten da und ich konnte loslegen. Uni-Vorlesungen? Wurden komplett aus dem Stundenplan gestrichen! Was ich aber weiterhin mit Argusaugen verfolgte, waren die nach und nach eintreffenden Testergebnisse.

Der allgemeine Tenor damals: Genau wie das erste Half-Life ist auch der zweite Teil ein Meilenstein geworden, für den die renommierten Fachmagazine durch die Bank Traumwertungen zückten.

PC Games beispielsweise(öffnet im neuen Fenster) vergab sagenhafte 96 Prozent und schwärmte: "Meine Erwartungshaltung wirkte unerreichbar hoch, doch das Endprodukt hat sie locker übertroffen. Half-Life 2 setzt nicht nur neue Standards für Grafiktechnik und Physik. Mit welcher Liebe zum Detail bereits in den ersten Minuten eine Hochspannung aufgebaut wird, ist das reinste Lehrstück. Dazu kommen menschelnde Charaktere, die so glaubwürdig wirken, dass man sie am liebsten zum Kaffee einladen würde."

Und weiter: "Am meisten hat mich der abwechslungsreiche Spielablauf begeistert, jedes Kapitel überrascht mit frischen Ideen, Schauplätzen, Herausforderungen, da ist keine Sekunde Langeweile. (...) Kritikpunkte finden sich allenfalls in den Niederungen der Erbsenzählerei, mehr Team-Kämpfe und weniger Storylöcher wären nett gewesen, aber der Meisterwerk-Status ist unbestritten. Ganz großes Wow!"

Ganz ähnlich ging es den Kollegen von Gamestar: "Ob ich mit dem Luftkissenboot über brennende Barrikaden fliege, mit der Panzerfaust gegen Gunships anrenne oder mir mit den gewaltigen Stridern famose Häuserkämpfe liefere – selten stand mir beim Spielen so oft und so lange der Mund offen." Quittiert wird das Fazit mit einer Wertung von 93 Prozent.

Dass die Wertung nicht noch höher ausfiel, lag in erster Linie am damals noch fehlenden Multiplayer, den Valve dann Anfang Dezember 2004 nachlieferte. Wer sich bis dahin in Mehrspielerpartien austoben wollte, konnte dies mit dem mitgelieferten Counter-Strike Source tun.

Aber auch Golem.de-Rezensent Thorsten Wiesner war hellauf begeistert . "Wer meckern will, findet durchaus kritikwürdige Punkte an Half-Life 2: Die inhaltlichen Unterschiede zum Vorgänger sind nicht wirklich groß, die KI ist verbesserungswürdig, und die Außenareale werden oft künstlich beschränkt und eingeengt. Davon abgesehen ist dieses Spiel aber die ultimative Action-Herausforderung für den PC schlechthin!"

Die Zusatzepisoden sind integriert

Zum runden Geburtstag von Half-Life 2 will ich es wissen: Wie spielt sich das eigentlich heute? Um diese Frage zu beantworten, greife ich auf die deutsche Steam-Version(öffnet im neuen Fenster) zurück. Diese kostet regulär 9,75 Euro, wurde aber anlässlich des 20-jährigen Jubiläums für einige Tage komplett kostenlos angeboten und danach im Rahmen weiterer Rabattaktionen für gerade einmal 97 Cent verkauft.

Was in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben soll: Anlässlich des Jubiläums hat Valve die bisher separat auf Steam erhältlichen Erweiterungen Episode One von 2006 und Episode Two von 2007 in das Hauptspiel integriert, wo sie als separater Punkt im Hauptmenü auftauchen.

Half-Life 2 RTX, An RTX Remix Project – Nova Prospekt Trailer
Half-Life 2 RTX, An RTX Remix Project – Nova Prospekt Trailer (01:21)

Hinzu kommt: Wer das Hauptspiel durchgespielt hat, kann ab sofort direkt mit Episode One und Episode Two weitermachen. Fans erleben die Geschichte in der aktualisierten Version also in einem Rutsch.

Und nicht nur das: Neben dutzenden kleinen und großen Detailverbesserungen (korrigierte Beleuchtung, fehlende Sprites etc.) enthält diese feingetunte Geburtstagsversion auch integrierte Steam-Workshop-Unterstützung sowie Audiokommentare des Entwicklerteams, in denen interessante Designfragen und mehr besprochen werden.

Wer sich alles anhören möchte, sollte allerdings etwa dreieinhalb Stunden einplanen. Kurzum: Valve betreibt hier einen Fan-Service, von dem sich andere Entwickler eine dicke Scheibe abschneiden können!

Die deutsche Synchro trifft den Ton nicht immer

Damit wir es nicht vergessen: Wer als Sammler das Spiel lieber in physischer Form haben möchte, schaut sich zum Beispiel bei Ebay um. Dort ist die gebrauchte DVD-Version inklusive Versand derzeit schon für drei bis zehn Euro zu haben.

15 Stunden Action-Feuerwerk

Vorhang auf für mein Hands-on, das ich im Gegensatz zu damals nicht auf einem 720p-Bildschirm, sondern auf einem 32 Zoll großen 4K-Monitor erlebe. Das damalige Grafikbrett sieht in dieser Auflösung auch heute noch erstaunlich gut aus und läuft je nach installierter Grafikkarte mit Bildraten im dreistelligen Bereich.

Wer stolzer Besitzer einer Geforce RTX 4090 ist, kann sich beispielsweise über durchschnittliche Bildraten von rund 820 fps in 4K freuen und (einen entsprechenden Monitor vorausgesetzt) den zweiten Teil sogar in 8K genießen.

Kaum auf "Neues Spiel" geklickt, muss ich allerdings die Stirn runzeln, denn die deutsche Sprachausgabe des mysteriösen G-Man in der Introsequenz (ich stürzte mich damals auf Englisch ins Vergnügen) wirkt gemessen an heutigen AAA-Standards ziemlich aufgesetzt und unnatürlich.

Leider sind auch viele andere Charaktere im Deutschen nicht optimal getroffen: Wachmann Barney klingt ein bisschen wie ein Teenager, der auf supercool macht, Alyx Vance hat einen latent US-amerikanischen Akzent und die Stimme von Dr. Isaac Kleiner kommt zwar sympathisch, aber irgendwie auch ulkig rüber. Also verzichte ich auf die deutsche Synchro, wechsle auf den englischen Originalton und fange von vorne an.

Gute Entscheidung, denn jetzt passen die beklemmende Endzeitatmosphäre und die an sich gut geschriebenen Dialoge wie die Faust aufs Auge und ich kann endlich voll eintauchen in eine Story, die Shooter-Kenner rund 13 bis 15 Stunden vor den Bildschirm fesselt und vor allem zwei Schlagworte ganz groß schreibt: Abwechslung und Interaktivität!

Half-Life 2 RTX, An RTX Remix Project – Announce Trailer
Half-Life 2 RTX, An RTX Remix Project – Announce Trailer (01:09)

So kann ich beispielsweise schon in den ersten Spielminuten so ziemlich alles aufheben, was in und um den Bahnhof von City 17 herumliegt. Von Getränkedosen und Bierflaschen über Bücher und Pappkartons bis hin zu großen Holzkisten und brennbaren Fässern. Was zunächst wie ein nettes Gimmick aussieht, wird bald in Form von Puzzlepassagen geschickt mit dem Gameplay verwoben.

Richtig platzierte Kisten werden beispielsweise zu Treppen, die zu höher gelegenen Ebenen führen, während geschickt geworfene Fässer die gefräßigen Barnacles, die mit klebrigen Zungen von der Decke hängen, sehr effektiv ablenken – oder gleich in die Luft sprengen.

Später im Spiel darf ich sogar einen riesigen Hafenkran samt Hochleistungsmagnet bedienen, um meinen Offroad-Buggy von einem Levelbereich in den nächsten zu befördern. Diese und viele andere Physik-Knobeleien lockerten den Spielablauf schon damals ungemein auf und machen auch heute noch richtig Spaß.

Ähnlich verhält es sich mit den Kämpfen gegen einen kontinuierlich wachsenden Fundus an Gegnertypen. Anfangs muss ich diverse Überwachungsdrohnen, Combine-Soldaten niederen Ranges oder besagte Barnacles mit wuchtigen Brecheisenschlägen oder präzisen Pistolenschüssen niederstrecken.

Später bekomme ich es mit schlurfenden Headcrab-Zombies, insektenartigen Ameisenlöwen, springenden Rollminen, zielsuchenden Geschütztürmen und diversen Combine-Spezialeinheiten zu tun, denen ich mit MG, Pulsgewehr, SMG, Magnum, Armbrust oder Granaten eine deftige Abreibung verpasse. Im Duell mit fliegenden Kanonenbooten oder den schwer bewaffneten, dreibeinigen Strider-Einheiten ist indes der Raketenwerfer die beste Wahl.

Die Gravity Gun als perfekte Ergänzung zum Physik-Gameplay

Das Waffen-Highlight von Half-Life 2 ist und bleibt aber der von einem außerirdischen Xen-Kristall angetriebene Nullpunkt-Energiefeld-Manipulator(öffnet im neuen Fenster) , vielen besser bekannt als Gravity Gun. Mit ihrem Traktorstrahl beliebige Objekte aus der Umgebung wie kiloschwere Betonblöcke oder rasiermesserscharfe Sägeblätter anzusaugen, um sie kurz darauf mit enormer Wucht auf Gegner zu schleudern, zaubert mir auch zwanzig Jahre später noch ein breites Grinsen ins Gesicht.

Je intensiver ich mich erneut mit den Waffen beschäftige, desto mehr fallen mir die schon damals nicht zu leugnenden Schwächen der Feind-KI auf. Vor allem die Combine-Soldaten stellen sich leider ziemlich dämlich an.

Erstklassiges Leveldesign – trotz vergleichsweise linearer Welt

Anstatt mich (wie die Spezialeinheiten im ersten Half-Life) als Gruppe taktisch klug zu umzingeln und mich immer wieder mit Granaten aus der Reserve zu locken, stürmen die Combine oft schnurstracks auf mich zu und versuchen dabei, möglichst viel Schaden anzurichten. Ein Manko, das leider auch die höheren Schwierigkeitsgrade und die zuletzt veröffentlichten Updates nicht behoben haben.

VR-Mod: Mittendrin statt nur dabei

Dass mich die wankelmütige KI aber nur bedingt stört, liegt nicht zuletzt am bis heute famosen Leveldesign von Half-Life 2. Denn zum einen sind die Abschnitte so geschickt aneinandergereiht, dass ich stets das Gefühl habe, mich – abgesehen von den heute dank SSD nur noch wenige Sekunden dauernden Ladeunterbrechungen – nahtlos durch eine riesige, wenn auch größtenteils lineare Welt zu bewegen.

Zum anderen gelingt es Valve meisterhaft, mich in schöner Regelmäßigkeit mit neuen Szenarien zu konfrontieren. Nach Abstechern in verschiedene Bereiche der weitläufigen City 17 düse ich beispielsweise auf einem von Rebellen notdürftig zusammengeschraubten Luftkissenboot durch die brackigen Gewässer eines verschlungenen Kanalsystems voller Schleusen und Rampen, das meine grauen Zellen gegen Ende mit einem genialen Auftrieb-Puzzle auf Trab hält.

Wenig später darf ich mich in einem geheimen unterirdischen Labor umsehen (wo mir Alyx zum ersten Mal die Gravity Gun anvertraut), mit einem Riesenroboter namens Dog Basketball spielen, ein schaurig-schönes, von Zombies heimgesuchtes Bergarbeiterdorf namens Ravenholm kennenlernen und später Eli Vance aus einem Gefängniskomplex namens Nova Prospekt befreien.

Stichwort Eli Vance: Da dieser auch in Valves VR-Prequel Half-Life: Alyx prominent auftaucht, beschließe ich gegen Ende meiner unterhaltsamen Retro-Reinspielrunde, etwas auszuprobieren, was ich eigentlich schon seit rund zwei Jahren tun wollte: endlich die VR-Mod zu Half-Life 2 installieren(öffnet im neuen Fenster) .

Entwickelt vom Source VR Mod Team, wurde diese erstmals am 16. September 2022 veröffentlicht und hat seitdem große Wellen geschlagen. Zu Recht, denn das Herzblut, das in diese Gratis-Modifikation geflossen ist, ist schlichtweg atemberaubend und sie ist zu Recht ein VR-Dauerbrenner auf Steam.

Das fängt schon damit an, dass ich nicht mehr durch simples Anvisieren und Tasteneingaben mit der Umgebung interagiere, sondern mit Freemans virtuellen Händen. Dosen in Mülleimer werfen, Kisten anheben, Schränke öffnen – all das funktioniert in VR sehr intuitiv.

Will ich dagegen meine Pistole nachladen, muss ich erst per Knopfdruck den leeren Clip auswerfen, dann manuell mit der freien Hand ein frisches Magazin nachschieben und schließlich einmal am Schlitten der Waffe ziehen. Andere Waffeninteraktionen sind ähnlich aufwendig gestaltet und vermitteln ein tolles Mittendrin-Gefühl.

Genial: Sogar ein komfortabler Teleportmodus ist seit einiger Zeit in der Mod enthalten. Ich selbst bin jedenfalls nach etwa zehn Minuten so begeistert, dass ich beschließe, den Rest meines zweiten Half-Life-2-Playthroughs komplett in VR zu absolvieren.

Fazit: Toll gealtert – aber wie geht's weiter?

Nach meiner Zeitreise zurück ins Erzähluniversum von Half-Life 2 bin ich überrascht, wie gut der zwei Jahrzehnte alte Shooter vor allem spielerisch gealtert ist. Noch heute sprüht praktisch jeder Abschnitt vor Kreativität und coolen Ideen.

Egal, ob Gravity Gun, Robo-Sickekick, die Zombie-Stadt Ravenholm, die cleveren Physik-Puzzles, die schweißtreibenden Kämpfe gegen haushohe Strider oder das dramatische Ende des Hauptspiels: Half-Life 2 ist wie ein Barnacle, der einen packt und nicht mehr loslässt.

Gleiches gilt für die beiden DLC-Erweiterungen, die (wie eingangs erwähnt) seit dem letzten Update direkt in das Gesamtpaket integriert wurden und das Hauptspiel gekonnt um etwa neun bis zehn Stunden spannendes Gameplay erweitern.

Doch Vorsicht: Wer sich bis zum Ende durchgekämpft hat, wird sich nichts sehnlicher wünschen als die nie veröffentlichte dritte DLC-Episode. Doch auch hier hat Valve vorgesorgt und erklärt gegen Ende der kürzlich veröffentlichten „Half-Life 2: 20th Anniversary Documentary, warum die in der Arktis angesiedelte Erweiterung nie das Licht der Welt erblickte – Einblicke in prototypisches Gameplay, eine interessante neue Waffe namens Ice Gun und einen morphenden Blob-Feind inklusive.

Was bleibt, ist viel Nostalgie, Respekt und Begeisterung für Valves liebevollen Umgang mit seiner Kult-Marke und eine gesunde Portion Hoffnung, dass wir Half-Life 3 früher oder später doch noch zu Gesicht bekommen.

Das wiederum würde zu einem Insider-Leak eines gewissen Gabe Follower passen , der behauptet, dass sich der dritte Teil bereits seit Jahren in Entwicklung befinde, in der sogenannten Xen-Welt spiele, die verschiedene Dimensionen miteinander verbinde und spielerisch einen starken Fokus auf die Manipulation der Schwerkraft lege.

Ob der Leaker mit seinen Aussagen recht hat? Sie klingen durchaus plausibel, aber wir würden unseren Gaming-PC samt VR-Brille noch nicht darauf verwetten.

Mitarbeit: Benedikt Plass-Fleßenkämper


Relevante Themen