20 Jahre Agiles Manifest: Die gescheiterte Rebellion

Vieles an der heutigen Agilität ist nicht mehr so, wie sich die Gründer das gedacht haben. Das heißt aber nicht, dass man sie komplett aufgeben sollte!

Artikel von Al Tenhundfeld veröffentlicht am
Für viele jüngere Menschen in der IT ist "Agile" heute eher ein Stresswort, sagt der Entwickler Al Tenhundfeld.
Für viele jüngere Menschen in der IT ist "Agile" heute eher ein Stresswort, sagt der Entwickler Al Tenhundfeld. (Bild: Pexels)

Dieser Text ist eine Übersetzung. Das Original des Softwareentwicklers Al Tenhundfeld ist hier zu finden.

Inhalt:
  1. 20 Jahre Agiles Manifest: Die gescheiterte Rebellion
  2. Das Imperium schlägt zurück
  3. Also: Schluss mit Agile?

Das Agile Manifest ist dieses Jahr 20 Jahre alt geworden - und es gibt zwei offensichtliche Fakten:

Das Label "Agile" hat sich durchgesetzt; niemand möchte als "nicht agil" bezeichnet werden.

Und: Agile Methoden, wie sie heute praktiziert werden, bleiben weit hinter den revolutionären Ideen ihrer Begründer zurück.

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Wie sind wir an diesen Punkt gekommen? Jeder sagt, dass er oder sie agil arbeitet - und doch ist fast niemand tatsächlich agil.

Es war einmal vor langer Zeit ...

Im Februar 2001 traf sich eine Gruppe von 17 Softwareexperten in der Lodge des Snowbird-Ski-Resorts in der Wasatch-Bergkette in Utah. Sie diskutierten und debattierten einige Tage lang und schrieben gemeinsam das Manifest für Agile Softwareentwicklung.

Der erste Punkt, der dabei hervorzuheben ist: Es handelte sich um Menschen aus der Praxis. Keine Projektmanager, CTOs oder Vizepräsidenten, sondern Entwickler, Programmierer, Wissenschaftler und Ingenieure. Sie haben Code geschrieben (*) und mit allen Beteiligten an der Lösung von Problemen gearbeitet. Das ist wichtig zu wissen.

(*) Ich kenne nicht die persönliche Geschichte eines jeden einzelnen Unterzeichners; aber von denen, die ich kenne, haben alle zu diesem Zeitpunkt entweder aktiv Code geschrieben oder sie haben es lange getan.

Der andere wichtige Punkt ist, dass das Agile Manifest nicht in einem Vakuum entstanden ist. Viele dieser Leute hatten bereits eine Methodik, die sie entwickelt hatten und/oder propagierten. Ich bin wegen des Zeitpunkts nicht hundertprozentig sicher, glaube aber, dass alle Methoden bereits vor "Agile" existierten: Extreme Programming, Scrum, DSDM, Adaptive Software Development, Crystal, Feature-Driven Development, Pragmatic Programming. Ich weiß, dass Ken Schwaber und Jeff Sutherland 1995 öffentlich über Scrum gesprochen haben. Und nach meiner Erinnerung begannen Kent Beck und Ron Jeffries 1996 damit, Extreme Programming (XP) bekannt zu machen.

Alle Mitglieder dieser Gruppe verfügten über große Erfahrung in der Softwareentwicklung und suchten nach Alternativen zu den dokumentationsbasierten, schwerfälligen Softwareentwicklungsprozessen, die damals vorherrschten. Den Kern des Manifests bildeten vier Aussagen über Werte:

Wir erschließen bessere Wege, Software zu entwickeln,
indem wir es selbst tun und anderen dabei helfen.
Durch diese Tätigkeit haben wir diese Werte zu schätzen gelernt:

Individuen und Interaktionen stehen über Prozessen und Werkzeugen.
Funktionierende Software steht über einer umfassenden Dokumentation.
Zusammenarbeit mit den Kunden steht über Vertragsverhandlungen.
Reaktion auf Veränderung steht über dem Befolgen eines Plans.

Das heißt, obwohl wir die Werte auf der rechten Seite wichtig finden, schätzen wir die Werte auf der linken Seite höher ein.

Eine neue Hoffnung

Vom Jahr 2021 aus gesehen ist es leicht, viel in der modernen Softwareentwicklungspraxis für selbstverständlich zu halten. 2001 waren diese Ideen jedoch sehr radikal.

Wie, Sie möchten mit der Entwicklung der Software beginnen, bevor alle Anforderungen gesammelt und alle einzelnen Funktionen bestimmt wurden? Das ist doch verrückt!

Handbuch für Softwareentwickler: Das Standardwerk für professionelles Software Engineering

Ein Punkt, der oft vergessen wird, ist dass Agilität in ihren Anfängen offen und sehr deutlich gegen das Management gerichtet war. Ken Schwaber zum Beispiel hat sein Ziel, alle Projektmanager loszuwerden, klar formuliert - nicht nur, um sie aus seinen Projekten zu bekommen, sondern um den Berufsstand komplett aus unserer Branche zu verbannen.

Agilität und das PMI (Project Management Institute)

"Wir haben festgestellt, dass die Rolle des Projektleiters bei komplexer, kreativer Arbeit kontraproduktiv ist. Die Denkweise eines Projektleiters, repräsentiert durch den Projektplan, schränkt die Kreativität und Intelligenz aller anderen Projektbeteiligten auf die des Plans ein, anstatt die Intelligenz aller zur bestmöglichen Lösung der Probleme zu nutzen."

(Ken Schwaber, Unterzeichner des Manifests und Scrum-Mitbegründer)

Scrum Master hatten damals so gut wie keine Befugnisse und keine Stimmrechte bei Problemen. Sie waren dienende Anführer, die das Team abschirmten und Blockaden aus dem Weg räumten, aber das Team nicht leiteten. Bei XP war es ähnlich. Wenn ich mich recht erinnere, gab es bei XP ursprünglich Tracker und Coaches, die eine ähnliche, unterstützende Aufgabe hatten.

Alistair Cockburn, Unterzeichner des Manifests sowie Erfinder der Crystal-Methode und der hexagonalen Architektur, hat kürzlich einen wunderbaren, aufschlussreichen Beitrag zu diesem Thema verfasst, in dem er unter anderem diese Idee (sinngemäß) darlegt:

"Scrum hat in feindlichem Gebiet eigentlich einen guten Deal abgeschlossen:

  • Das Management hatte zwölfmal im Jahr die Möglichkeit, nach jedem Sprint die Richtung zu ändern.
  • Die Teams hatten einen ganzen Monat lang Zeit, in Ruhe und ohne Unterbrechungen oder Richtungswechsel zu arbeiten und nachzudenken.
  • Die Teams durften festlegen, was sie im Laufe des Monats tun würden (und was nicht), ohne dass das Management eingriff.

Keine Führungskraft hat jemals ein besseres Angebot erhalten.
Kein Entwicklerteam hat je ein besseres Angebot erhalten."

Ich bin zertifizierter Scrum Master, arbeite seit über 15 Jahren in agilen Teams und habe viele der gängigen Bücher zu diesem Thema gelesen. Doch niemand hat die Idee so deutlich und prägnant formuliert (noch mal Cockburn):

"Scrum wurde erfunden, um in feindlichen Umgebungen zu funktionieren. Es ist ein Vertrag zwischen den drängenden Managern und den Entwicklern, die Zeit zum Nachdenken und Entdecken brauchen."

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Cerdo 19. Sep 2021 / Themenstart

Das eigentliche Original lautet (nach Gedächtnisprotokoll) "If that guy has any way of...

baaaam 14. Sep 2021 / Themenstart

deine genannte seite von Niels Pflaeging hat seinen zenit schon lange überschritten (ist...

NoGoodNicks 04. Sep 2021 / Themenstart

Bei gutem Projektmanagement ist das eher 3-5, keine 10. Aber der Sprung ist doch...

Dakkaron 03. Sep 2021 / Themenstart

Da kommt der 2. agile Leitsatz zur Hilfe: Das führt dann dazu, dass man als Entwickler...

Michels 02. Sep 2021 / Themenstart

"dass er oder sie" Nach "jeder" folgt stets "er". Praktischerweise ist der Ausdruck...

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