15 Jahre Speed Racer: Die CGI-Zukunft, die wir nie bekommen haben
In einer alternativen Zeitlinie hat Speed Racer für immer die Art verändert, wie Spezialeffekte im Kino eingesetzt werden. In der Realität war der Film ein Flop, der nicht einmal sein Budget wieder einspielte. Und weil das so ist, müssen wir uns heute über die schlechten Effekte in öden Marvel-Filmen streiten, während Filmproduzenten die schier unendliche Manpower und Rechenleistung in den VFX-Studios nur ausbeuten, statt ihre Möglichkeiten auszunutzen.
Speed Racer, falls es jemand schon wieder vergessen haben sollte, ist eine im Mai 2008 erschienene Anime-Verfilmung von Lana und Lilly Wachowski. Ein Carte-Blanche-Blockbuster, bei dem Warner nach dem Erfolg der Matrix-Trilogie gar nicht anders konnte, als dem Regieduo künstlerisch völlige Freiheit zu lassen. (Denn auch wenn sture Nerds seit zwanzig Jahren so tun, als würden die beiden Sequels Reloaded und Revolutions nicht existieren, waren beides amtliche Hits.)
Die filmische Umsetzung der gleichnamigen japanischen Zeichentrickserie aus den 60er Jahren überdehnt den Begriff Realverfilmung arg. An einer "realistischen" Comicverfilmung nach Art des im gleichen Jahr erschienen Dark Knight waren die Wachowskis nicht interessiert. Genau diese Vorstellungskraft fehlt dem immer effektgetriebeneren Blockbusterkino 15 Jahre später jedoch mehr, als man es damals hätte erahnen können.
Regenbogenpille statt Realismus
Denn während Nolans Joker-Film (sorry, Batman, aber du warst da echt nicht der Star) auf praktische Effekte und eine geerdete Noir-Logik setzte, schluckten die Wachowskis eine regenbogenfarbene Pille, um der echten Welt zu entfliehen. Dafür teleportierten sie die vor Greenscreens gefilmten Darsteller Emile Hirsch, Christina Ricci, Susan Sarandon und John Goodman in eine Welt jenseits selbst von Christopher Nolans Vorstellungskraft.
Die Kulissen sind oft keine Sets, sondern eine Kollage aus gerenderten 3D-Szenen, Spezialeffekten und 360-Grad-Fotos. Das erlaubt Szenenwechsel, die so elegant sind, dass selbst 1917 neidisch wird. Wer braucht versteckte Schnitte, wenn man einfach Szene auf Szene auf Szene miteinander verschmelzen lassen kann, als würden Multiversen kollidieren?
Deshalb rotiert in Speed Racer schon einmal der Kopf eines Sportkommentators durchs Bild, um von einer Actionszene zur nächsten überzublenden. Da fährt der Grundschulschwarm in Zeitlupe vorbei, während das Bokeh sich im Hintergrund in Herzchen verwandelt; die Rennstrecke wird zu einem schmelzenden Ölgemälde, während unser Held mit letzter Kraft auf die Zielgerade zuschießt.
Wo wir hingehen, brauchen wir keine Schnitte!
"Warum müsst ihr Schnitte verwenden?" , hinterfragte Lana Wachowski eines der fundamentalsten Stilmittel des Mediums. "Wir gehen in ein Kunstinstitut und in jedem Raum gibt es Gemälde, die völlig anders aussehen als in den anderen Räumen" , sagte sie. "Aber im Kino sieht alles gleich aus. Und das ist eine wirklich aggressive Zwangsjacke, ästhetisch gesehen." Schnitte? Da, wo wir hingehen, brauchen wir keine Schnitte!
Wer Speed Racer aber als knallbunten Kinderkram abtut, übersieht, wie bahnbrechend die Wachowskis mit ihren Spielzeugen umgehen. Speed Racer war expressionistisches Kino für das 21. Jahrhundert, nicht weniger als einer der visuell innovativsten Filme der letzten 20 Jahre.
Die Scheibenwelt von Fantasyautor Terry Pratchett unterliegt der narrativen Kausalität – Dinge passieren, damit möglichst erzählenswerte Geschichten entstehen. Die Realität von Speed Racer beugt sich hingegen den Gefühlslagen ihrer Figuren. Ist das nicht eine völlig irre Idee? Klar ist es das. Aber das sind Multimilliardäre in Superheldenkostümen ja auch.
Meisterwerke werden manchmal missverstanden
Zwischen dem Zynismus von The Dark Knight und dem Sarkasmus von Iron Man war der Zeitgeist woanders. Nicht nur das Publikum blieb aus, auch die Kritiker waren unbeeindruckt. Bei Rotten Tomatoes kommt Speed Racer gerade mal auf 41 Prozent, certified rotten. Die naive Aufrichtigkeit und kindliche Freude von Speed Racer passte irgendwie nicht in die Zeit der Finanzkrise. Aber Meisterwerke werden zu ihrer Zeit ja gerne mal missverstanden.
Die Wachowskis waren 2008 ihrer Zeit voraus. Auch wenn die Technik inzwischen viel weiter ist (heute würde Speed Racer vermutlich vor einem riesigen Bildschirm entstehen), bleibt das einzige, was an Speed Racer schlecht gealtert ist, der Abspann. In dem nennt sich das 2008 noch nicht als trans geouteten Regisseurinnenduo nämlich noch Brothers.
Dass die größten Blockbuster von Marvel und DC größtenteils in der Pre- und Postproduktion entstehen, ist heute üblich. Der Unterschied liegt darin, wie diese Möglichkeiten genutzt werden – oder eben nicht. Im Vergleich zu Speed Racer wirken selbst die inspiriertesten MCU-Werke wie Black Panther oder Thor Ragnarok wie Schwarzweiß-Stummfilme.
Klar, man muss den Maximalismus von Speed Racer nicht mögen – über Geschmack lässt sich ziemlich ergebnislos streiten, wie jeder Kommentarverlauf unter Golem.de-Artikeln über Star Trek beweist. Aber mal ganz ehrlich – würde es nicht mehr Spaß machen, sich über einen Film zu streiten, der Grenzen überschreitet, statt über die ein bisschen schlechteren Effekte im ein bisschen schlechteren neuen Antman?
Aus der Traumfabrik gibt's nur noch Fließbandproduktion
Und überhaupt, wann hat die Traumfabrik Hollywood aufgehört, weniger als unmögliche Traumwelten zu fabrizieren? Für Avengers Endgame stand ungefähr das dreifache Budget von Speed Racer zur Verfügung. Trotzdem fand der epischste Endkampf des MCU 2019 in einer braunen Kiesgrube statt. Das hätte man dann auch gleich auf einer Mülldeponie statt vor dem Greenscreen filmen können – oder noch mal einen halben Tag mehr ins Brainstorming investieren können.
Statt die Möglichkeiten der Technologie zu nutzen, um sich Unmögliches auszudenken, befreit selbst Disney seine Zeichentrickmeisterwerke in sterilem CGI von jeglicher Ausdruckskraft. Wer es für eine gute Idee hält, den König der Löwen in eine Naturdokumentation zu verwandeln, dem scheint jegliche Fantasie abhandengekommen zu sein. Wer ultrarealistische CGI-Tiere bauen will, kann besser eine echte Doku drehen.
Dass heute alles gleich aussieht, liegt auch daran, dass CGI heute weniger als kreatives Stil-, sondern als kosteneffizientes Produktionsmittel gesehen wird. Machen wollen Studios heute mehr denn je vor allem mehr von dem, was Speed Racer damals fehlte: Geld an den Kinokassen. Dass sich komplette Hintergründe austauschen lassen, dient nicht der kreativen Freiheit der Filmemacher - sondern der totalen Kontrolle der Studios.
Statt die Möglichkeiten virtueller Sets auszunutzen, werden ihre Architekten von Konzernbossen ausgebeutet. Technisch sind Filmemachern heute keine Grenzen mehr gesetzt. Die Frage ist dann doch, warum trotzdem noch immer alles gleich aussieht – und nicht öfters mal ein wunderschön-einzigartig-kontroverser Flop wie Speed Racer erscheint.
IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).
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