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107 Jahre ungelöst: KI knackt deutschen Funkspruch aus dem Ersten Weltkrieg

Ein Autor namens prinz will mit einem KI-Modell eine deutsche Militärchiffre von 1918 entschlüsselt haben, die bislang als unlösbar galt.
/ Andreas Donath
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Ausschnitt aus dem verschlüsselten Funkspruch (Bild: scienceblogs.de)
Ausschnitt aus dem verschlüsselten Funkspruch Bild: scienceblogs.de

Ein Autor, der unter dem Namen prinz schreibt(öffnet im neuen Fenster), hat nach eigenen Angaben mithilfe eines KI-Modells einen deutschen Funkspruch aus den letzten Wochen des Ersten Weltkriegs entschlüsselt. Die Nachricht galt bislang als ungelöst. Der Bericht erschien am 17. September 2026 auf Substack und nennt OpenAIs GPT-6 Astra als Urheber der Lösung.

Der Code steht auf einer Liste mit rund 50 ungelösten Chiffren(öffnet im neuen Fenster), die das deutsche Wissenschaftsblogportal Scienceblogs.de führt. Sie reicht von Kryptogrammen, die mit Serienmördern in Verbindung gebracht werden, bis zum Voynich-Manuskript.

Die Botschaft gehört zu einer Gruppe deutscher Funksprüche, die mit dem ADFGVX-Verfahren verschlüsselt wurden. Gesendet wurde sie am 27. November 1918.

Zwei Schritte zum Geheimtext

Das ADFGX-Verfahren setzt auf zwei aufeinander aufbauende Stufen. Zuerst wird jeder Klartextbuchstabe mithilfe eines Polybios-Quadrats durch ein Paar aus den Buchstaben A, D, F, G und X ersetzt. Das Quadrat besteht aus fünf mal fünf Feldern und wird über ein geheimes Kennwort aufgebaut, wobei doppelte Buchstaben entfallen und der Rest des Alphabets die übrigen Plätze füllt.

Weil das Alphabet 26 Buchstaben zählt, das Raster aber nur 25 Felder bietet, wird das im Deutschen seltene J weggelassen und bei Bedarf durch I ersetzt. Aus M wird so etwa GG, aus U wird FD. Für sich genommen wäre diese Substitution leicht zu knacken, denn gleiche Klartextzeichen ergeben stets gleiche Geheimtextzeichen.

Deshalb folgt eine zweite Stufe, die Transposition. Der Zwischentext wird zeilenweise in eine Matrix geschrieben, deren Breite ein zweites Schlüsselwort vorgibt, in der Praxis mit 15 bis 22 Buchstaben. Anschließend werden die Spalten in der alphabetischen Reihenfolge der Schlüsselbuchstaben ausgelesen. Dadurch werden die zusammengehörigen Buchstabenpaare auseinandergerissen und landen weit voneinander entfernt im Geheimtext. Diese sogenannte Fraktionierung erhöht die Sicherheit erheblich.

Der fertige Text wird in Fünfergruppen gegliedert und per Morsecode gefunkt, wobei die fünf Buchstaben auch deshalb gewählt wurden, weil sich ihre Morsezeichen gut voneinander unterscheiden lassen. Im Feldeinsatz gingen täglich 25 bis 150 solcher Nachrichten über den Äther, und beide Kennwörter wurden nach ein bis drei Tagen gewechselt.

Die Entschlüsselung

Hunderte dieser Nachrichten wurden bereits entschlüsselt, unter anderem vom Kryptoanalytiker George Lasry(öffnet im neuen Fenster). Auch eine Liste der damals verwendeten Schlüssel ist bekannt. Trotzdem widersetzen sich mehr als ein Dutzend Botschaften bis heute einer Lösung. Eine frühere Entschlüsselung der nun dechriffierten Nachricht ist nicht bekannt, weshalb sie nicht im Trainingmaterial von ChatGPT enthalten sein kann.

Laut dem Beitrag von prinz nutzte die KI das Schlüsselwort TRUPPENVERSCHIEBUNG, das J. Rives Childs in seinem Buch The History and Principles of German Military Ciphers, 1914-1918 erwähnt.

Zunächst müssen die Buchstaben des Schlüsselworts alphabetisch sortiert werden, um die Reihenfolge der Spalten festzulegen. Das Schlüsselwort steht dann oben, darunter folgen die 170 Zeichen des Geheimtexts in Zeilen zu je 19 Zeichen. Das ergibt 8 volle Zeilen und eine Zeile mit 18 Zeichen, also 18 Spalten mit 9 Symbolen und eine mit 8. Wer die Symbole der vorangehenden Spalten zählt, erfährt, wo der Text jeder Spalte beginnt.

Liest man das Ergebnis durch das Raster, ergibt sich laut Beitrag folgender Text: "EIN ENGLISCHER KREUZER EINLIEG X SEWASTOPOL X S4STEN X EIN GESCHWADER DER X ALLIIERTEN FOLGT 26STEN X". Sinngemäß meldet die Nachricht, ein englischer Kreuzer sei am "?4." in Sewastopol eingelaufen, ein alliiertes Geschwader folge am 26. Das Fragezeichen deutet an, dass eine Ziffer des Datums unsicher blieb.

Warum die Entschlüsselung bisher scheiterte

Das Schlüsselwort war offenbar erst ab dem 9. Dezember 1918 in Gebrauch, die Nachricht wurde aber schon am 27. November gesendet. Warum diese Lücke besteht, ist unbekannt.

Die KI glich ihr Ergebnis mit historischen Quellen ab. Das Logbuch der HMS Canterbury zeigt, dass der Kreuzer am 24. November 1918 in Sewastopol eintraf. Eine weitere Logbuchzeile soll die Ankunft eines alliierten Geschwaders am 26. November festhalten. Beide Daten passen zum entschlüsselten Text.

Mehrere Punkte bleiben ungeklärt. Das Ergebnis stützt sich auf einen einzigen Blogbeitrag, von unabhängiger Bestätigung oder Peer Review ist darin keine Rede. Ob Fachleute für Kryptografie die Entschlüsselung anerkennen werden, ist noch offen.


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