Tag der Arbeit: Ist streiken in der agilen IT-Branche noch zeitgemäß?

Im ruhigen Deutschland wird im Jahr 2024 wieder gestreikt und viel demonstriert. Hunderttausende Gewerkschafter traten bisher für mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen in den Ausstand, Millionen sind bei den Protesten gegen Rechtsextremismus und die AfD auf die Straße gegangen. Die Jugendumweltbewegung schließt sich mit der Gewerkschaft Verdi zu gemeinsamen Aktionen zusammen.
Streiken gilt als ein demokratisches Recht. Doch ist es in der hoch innovativen IT-Branche mit wertebasiertem Auftreten, OKR, agilem Management, flachen Hierarchien, Teambuilding und recht gut bezahlten Experten überhaupt noch zeitgemäß zu kämpfen? Gerade bei ITlern, die oft keine Lust auf Gewerkschaftsbürokratie und deren Sprechblasen haben und sich stark mit ihrem Job identifizieren, wo sie über weite Strecken auch selbstbestimmt arbeiten können.
Arbeitskampf ist zum 1. Mai, dem Tag der Arbeit, offenbar nicht für jeden Thema: Beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), wo man sich sonst mit Golem.de sehr kooperativ zeigt , wollte man zu der Frage "Sind Streiks in der IT-Branche noch zeitgemäß?" nicht mit uns reden. Keine Zeit, keine Antworten, hieß es. Sonst positioniert man sich dort schon sehr eindeutig zum Thema Streik: Ende Januar 2024 warnte der BDI eindringlich vor Schäden durch Produktionsausfälle infolge des Streiks der Lokführergewerkschaft GDL.
BDA will Streikrecht einschränken
Die BDA betonte(öffnet im neuen Fenster) : "Die Streiks in der kritischen Infrastruktur sind nicht nur ärgerlich, sondern auch Wachstumsbremsen" , sagte BDA-Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter der Rheinischen Post. Allein der Streik der Lokführergewerkschaft GDL habe einen Schaden von 100 Millionen Euro täglich verursacht. Das Vorgehen der GDL, das von Verdi bei den Streiks in der Luftfahrt und von der Flugbegleitergewerkschaft Ufo seien "unverhältnismäßig" . Kampeter forderte gesetzliche Eingriffe ins Streikrecht durch die Bundesregierung.
Der IT-Branchenverband Bitkom "ist nicht Tarifpartner, erstellt rund um diese Themen auch keine Studien oder erhebt Zahlen dazu" , sagte ein Sprecher Golem.de. Also auch hier keine Aussagen zu Streiks in der ITK-Branche. Darum haben wir Gewerkschafter und linke Parteien befragt, die Streiks in der IT-Branche unterstützen.
"Es geht nicht um Gewerkschaftsfunktionäre, sondern um Selbstorganisation"
Florian Haggenmiller, Leiter der Bundesfachgruppe IKT bei Verdi, ist derzeit mit der Tarifauseinandersetzung bei der Deutschen Telekom beschäftigt. Er sagte Golem.de auf Anfrage: "Wir erleben besonders unter jungen Beschäftigten mehr Interesse an der Organisierung in der Gewerkschaft. Es ist kein Run, aber das Interesse wächst sichtbar."
Die Inflation und der Anstieg der Energiekosten machten den Menschen deutlich, dass man für mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen kämpfen müsse. Die gewerkschaftliche Arbeit bei den großen Netzbetreibern wie Telekom, Vodafone und Telefónica sei einfacher als bei den vielen kleineren IT-Dienstleistern, erklärte Haggenmiller.
Er kennt auch die Vorbehalte unter IT-Experten gegen Gewerkschaften: "Es geht nicht darum, dass hauptamtliche Funktionäre Leute zu Demonstrationen karren lassen. Es geht um Selbstorganisation."
IT-Branche: Beispiele für erfolgreiche Streiks
Streiks seien relevant wie eh und je. Das gelte auch für die ITK-Branche. "Auch hier wird gestreikt, auch hier setzen sich die Beschäftigten damit für ihr Recht auf tariflich bezahlte und sichere, gute Arbeit ein" , erklärte eine IG-Metall-Sprecherin.
Dies sei beispielsweise beim IT-Dienstleister Atos oder bei der VW-Softwaretochter Cariad geschehen. "Jüngstes Beispiel ist die im Dezember 2023 errungene Tarifbindung beim Entwicklungs- und IT-Dienstleister HCL: Schon die glaubhafte Androhung von Streiks durch Kundgebungen der Kolleginnen und Kollegen vor dem Tor haben den Arbeitgeber zum Tarifpartner werden lassen." Angestellte, Ingenieurinnen, Entwickler, Technikerinnen seien alle in der IG Metall organisiert und eine der am stärksten wachsende Mitgliedergruppe.
Linke: Streiks grundsätzlich ein legitimes Mittel
Auch für Lars Peters, Sprecher des Parteivorstands Die Linke sind Streiks grundsätzlich ein legitimes Mittel, um den Interessen einer Belegschaft Geltung zu verschaffen. "Zugleich sind sie oftmals das einzig probate Mittel, um Forderungen der Beschäftigten auch gegen den Willen der strukturell mächtigeren Arbeitgeber durchzusetzen. Meist erfolgt dies dann in Form des Kompromisses."
Die Gewerkschaft Verdi vertritt die Interessen von rund 70.000 Tarifbeschäftigten der Deutschen Telekom und befindet sich seit dem 20. März 2024 in Tarifverhandlungen mit dem Unternehmen. Die zweite Verhandlungsrunde war am 17./18. April 2024 und wurde bundesweit mit Warnstreiks über gesamte Schichten begleitet, an denen sich insgesamt rund 12.000 Beschäftigte beteiligten. Zudem versammelten sich am 15. April 2024 rund 3.000 streikende Beschäftigte zu einer Kundgebung am Verhandlungsort. Die Tarifverhandlungen werden fortgesetzt.
Am 19. April 2024 fand die dritte Verhandlungsrunde zwischen Verdi und IBM statt. Die Tarifverhandlungen zwischen Verdi und der früheren IBM-Dienstleistungssparte Kyndryl wurden am 20. März 2024 in der zweiten Runde von den Vorständen für gescheitert erklärt.
Die drei aktuellen Spotlights zeigen laut Peters, "dass sowohl gewerkschaftliche Organisierung und Interessenvertretung als auch Streiks in der IKT-Branche nach wie vor eine Rolle spielen. Beim Beispiel Telekom hat die Unternehmensleitung bislang noch kein verhandlungsfähiges Angebot vorgelegt. Den Beschäftigten bleibt somit nichts anderes übrig, als mit Warnstreiks ihre Forderungen zu unterstreichen."
Ohne das Druckmittel der Arbeitsniederlegung in Form von Warnstreiks hätten die Beschäftigten nichts in der Hand, um sich "gegen die Verweigerungshaltung der Arbeitgeber zu wehren" , meinte Peters.
Auch ein Teil der Belegschaft kann etwas bewirken
Auch ein teilweiser Produktions- oder Dienstleistungsstopp bewirke finanzielle Einbußen für den Arbeitgeber und unterstreiche die Entschlossenheit der Belegschaft, für ihre Interessen einzustehen. "Dadurch erhöht sich der Druck auf die Arbeitgeber, Verweigerungshaltungen aufzugeben und eine Kompromissorientierung einzunehmen" , sagte Peters.
Die Linke befürworte mit den Gewerkschaften die Ausweitung des Streikrechts auch auf Beamte und Beamtinnen. "Außerdem fordern wir das Recht auf politischen Streik. Im Übrigen ist der politische Streik in den 27 EU-Staaten nur in Deutschland und Dänemark ausgeschlossen" , sagte Peters.
Auch selbstständige Streiks sind in Deutschland nicht legal und können zur fristlosen Kündigung führen, wie die Fahrradkuriere bei Gorillas in Berlin im Jahr 2022 erfahren mussten.
Für Alrun Kaune-Nüßlein von der Rosa-Luxemburg-Stiftung ist es ein Teil der Unternehmensstrategie gegen Gewerkschaften, sich über vermeintlich altbackene Rituale wie den Arbeitskampf lustig zu machen. "In den USA ist zum Beispiel eine anti-gewerkschaftliche Haltung weit verbreitet. Und doch gibt es seit einigen Jahren einen gewerkschaftlichen Aufbruch. Die Tech-Worker haben Unternehmen wie Kickstarter, Grindr, Activision oder Google gewerkschaftlich organisiert und bessere Löhne und Arbeitsbedingungen durchgesetzt."
Gewerkschaftsrituale bringen wenig
Ernst nehmen solle man aber, wenn Beschäftigte und Aktive das Gefühl haben, dass Gewerkschaftsarbeit nur noch aus Ritualen ohne große Wirkung besteht, erklärte Kaune-Nüßlein. In Berlin haben Beschäftigte zum Beispiel die Tech Workers Coalition(öffnet im neuen Fenster) gegründet, um sich - unter dem gemeinsamen Dach von Verdi und IG Metall - zu vernetzen und sich bei Betriebsratsgründungen gegenseitig zu unterstützen.
Von der Gewerkschaft bekommt man bei so einer Gründung nur Unterstützung, wenn genügend Aktive auch Mitglieder in der Gewerkschaft sind.
Bei Team- und Projektarbeit, flachen Hierarchien, Obstkörben und Tischkickern fühlt man sich oft als große Familie. Kaune-Nüßlein sagte: "Allerdings sehen immer mehr Kolleginnen und Kollegen in den Tech-Unternehmen, dass der Obstkorb in der nächsten Auftragsflaute wieder verschwindet und letztlich der Chef darüber entscheidet, wann und wie die Arbeit getan wird."
Daher lohne es sich, gemeinsam für Betriebsräte und Tarifverträge zu kämpfen. Auch Minderheiten, vor allem, wenn sie besonders wichtig für das Unternehmen sind, könnten in Streiks etwas durchsetzen. Grundsätzlich sei es aber erfolgversprechender, wenn die Mehrheit der Belegschaft hinter den Streikzielen steht.
"Dahin zu kommen, ist harte Arbeit. Aber warum sollte es in der IT-Branche nicht klappen, ähnliche Standards wie in der Industrie in Deutschland durchzusetzen?" , bemerkte Kaune-Nüßlein. Auch dort sei die Verankerung von Gewerkschaften und die Akzeptanz von Betriebsräten über viele Jahre erkämpft worden.
Sich gegen Druck von oben wehren
Eine Gewerkschafterin aus einem IT-Betrieb sagte Golem.de zum Thema Streik: "Wer hat wegen willkürlicher Entscheidungen seines Chefs nicht schon ohnmächtig die Faust geballt? Wenn man zu oft fundiert widerspricht, enden die flachen Hierarchien und man wird gemobbt. Wer wünscht sich nicht zumindest Tariflohn mit Urlaubs- und Weihnachtsgeld, während der Chef ein Vielfaches verdient, und das meist gut ausgeruht in Meetings, während wir unter Zeitdruck Code schreiben, Server konfigurieren oder technische Hintergründe erklären?"
Warum sich also nicht mit den Kollegen zusammensetzen und überlegen, ob man auch mal streiken könne, um Druck aufzubauen gegen deren Übermacht, meinte sie. Das sei besser für das Selbstwertgefühl des Teams als jede Tablet-Rallye.



