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Meinung: Silicon City - ein Event, das keines war

Artikel veröffentlicht am , Angela Gruber

Silicon City Berlin
Silicon City Berlin
Durch eine kleine Kreuzberger Nebenstrasse rauschten Mittwochabend die Taxis hin und her und spuckten Männer aus der Venture-Capital-Szene in dunklen Armani-Wollmänteln und mit dunkelroten Krawatten hinaus auf die Straße und hinein in einen dunklen Gewerbehof zu den deutschen eBays (alando.de). Passanten bleiben stehen und gaffen. In einer Kneipe wird die Gardine beiseite geschoben. Ein Mischling schifft an den Straßenbaum. Das Fernsehen ist da. Silicon-City , die Vereinigung der Berliner Internet-Gründerszene hat zum größten deutschen Gipfeltreffen zwischen Internet-Start-ups und Risikokapitalfirmen eingeladen und alle kommen.

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Aber den Taxis entsteigen auch junge Entrepreneure und solche, die es erst werden wollen- in dunklen Armani-Wollmänteln und dunkelroten Krawatten. Für einen einzigen kleinen Moment lang sind sie alle friedlich vereint, Kapitalsucher und Kapitalgeber.

Das bis in den zweiten Stock mit lauter Wollmänteln und fröstelnden Trägern völlig verstopfte Treppenhaus veranlasst eine dunkelrote Krawatte zu dem Kommentar: "Ich dachte, das mit dem Schlangestehen ist vorbei". Oben angekommen, wird ein jeder per Handschlag von Oliver Samwer, dem Mitinitiator und Sprecher von Siliconcity.de, begrüßt und darf mit einem kachektischen Filzstift seinen Namen und anderes Unverwechselbares auf bereit gelegte Klebeetiketten kritzeln. Ab jetzt gehört er dazu und wird in die Freiheit entlassen. Die Armanimäntel und gebürsteten Lederjacken landen derweil auf einem völlig unansehnlichen Knuppelhaufen in der Ecke.

Um den Begrüßungsflur herum und rein ins Allerheiligste.... und dann -nichts. Stundenlang. Nur Gedränge, Ellenbogen in der Magengegend, Beulen im Sakko und schmerzende Schuhabdrücken auf den BrooksBrothers des Nachbarn. Keine Ansprache, keine Begrüßung, kein "Tach, schön dass Ihr alle da seid!" Mehrere hundert Männer und auffallend wenig Frauen drängen sich völlig konfus durch drei Räume und verwinkelte Flure.

16-Jährige mit geradem Scheitel und leichtem Bartflaum sprechen hartnäckig auf verwirrte Jung-Entrepreneure ein, die sie für Venture-Capitalisten halten. Zwei resolute Kauffrauen aus Leipzig wollen unbedingt ihre Idee eines virtuellen Escort-Services an den Mann bringen. Zaghaft hingeworfene Cashflow-Bilanzen. Die Gründer und Mitarbeiter von alando.de hetzen in ihren weißen T-Shirts, auf denen nicht Werbung für die Mietwagenfirma alamo gemacht wird, und karierten Hemden durch die Räume. Businesspläne fliegen durch die Luft. Ein Stockseriöser erzählt einem anderen Stockseriösen den vorletzten Harald-Schmidt-Witz: "Wann darf man einer Türkin ins Gesicht spucken? Hey, Mann, wenn ihr Bart brennt!" Leises Geflüster über Fakten des nächsten Big Deals. Die Risikokapitalgeber von TechnologieHolding und Wellington hocken derweil äußerst sparsam an herbeigeschafften Biergartentischen, auf denen Blätter mit hingekritzelten Firmennamen liegen, und warten auf Kundschaft. Wie sagte Jerry Yang, der Gründer von Yahoo, "Das Ganze trägt noch immer chaotische Züge." Richtig. Kein Bier, kein Wein. Mineralwasser aus Pappbechern. Die gesammelten Kernkompetenzen der Start-ups flüchten kollektiv auf den Etagenflur und rauchen. Nach 2 Stunden wird Pizza auf Blech gereicht und verschmiert das Kaschmirsakko.

Die Freaks, die unter ihren Cubicles hausen, deren Seed kurz vor dem "Running-out-of-money" steht, der übernächtigte Kampf mit einem neuen Konkurrenten, der Zweifel, die Sorge, die neue Idee, der "Nudist on the Late Shift"- sie waren nirgendwo zu sehen, nur CashCows und noch ein Mee-too-Business.

Nach 4 Stunden und leeren Visitenkartenschächtelchen ist alles vorbei. Die Wollmäntel hasten zurück in ihre Hotels. Die beiden sächsischen Kauffrauen müssen zurück nach Leipzig. Der Mischling dreht die letzte Runde. Kreuzberg hat wieder Ruhe.



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