Quantified Self: Ich tracke, also bin ich

Dort, wo die Grenzen zwischen Gesundheitswesen und Fitness verwischen, ist eine ganze Bewegung entstanden, deren Mitglieder sich nur mit einem beschäftigen: mit sich selbst. Herzfrequenz, Blutzucker, Kalorienverbrauch, Schrittzahl, Schlafverhalten – unzählige Apps machen es jedem möglich, seine Körperfunktionen zu messen und mit denen anderer zu vergleichen. Mit faszinierender Geschwindigkeit entwickelt sich diese Quantified-Self-Bewegung(öffnet im neuen Fenster) von einer Nischenerscheinung zum Mainstream. Die nötige Technik steht heute jedem zur Verfügung. Der weltweite Markt ist gigantisch, und er wächst stetig.

Die ersten Vorstöße in den Massenmarkt sehen wir schon seit einigen Jahren. Der Sportartikelhersteller Nike vermarktet mit dem Jogging-Service Nike+(öffnet im neuen Fenster) bereits seit 2006 ein massentaugliches Quantified-Self-Paket. Flächendeckend ist der große Durchbruch bislang allerdings ausgeblieben. Das ändert sich gerade. Es vergeht kaum ein Monat, in dem nicht mehrere Apps, Webservices oder tragbare Sensoren auf den Markt kommen, um unseren körperlichen Zustand und unser Verhalten in Zahlen zu fassen. Sportartikelhersteller (Nike+), Medizinversorger ( Medisana(öffnet im neuen Fenster) ), Gadgetproduzenten ( Jawbone(öffnet im neuen Fenster) ), Telefonprovider (T-Mobile, AT&T) oder Internetstartups ( Massive Health(öffnet im neuen Fenster) , Runkeeper(öffnet im neuen Fenster) ) bieten entsprechende Dienste an und konkurrieren um die besten Plätze in einem Markt, der sich im Umbruch befindet.
Den Spieltrieb wecken
Ihre Apps unterscheiden sich durch verschiedene Herangehensweisen. Stand-Alone-Apps verlassen sich auf externe Sensoren, während integrierte Systeme wie Nike+ Sensoren und die dazugehörige Software aus einer Hand liefern. Bei einigen Diensten müssen Nutzer manuell ihre Daten eingeben, wie bei Foursquare(öffnet im neuen Fenster) , während andere Services unauffällig im Hintergrund Daten sammeln wie im Falle des Fitbit.






Allen gemeinsam ist, dass sie dank digitaler Vernetzung und zunehmend günstiger Sensoren das früher recht aufwendige Erheben von Körperdaten über einen längeren Zeitraum zu einem Spaß machen, der neben Quantified Self noch weitere trendige Namen trägt: Body Tracking, Living By Numbers, Self Tracking oder Life Logging. Die Quantified-Self-Dienste sind sehr geschickt darin, den Spieltrieb anzuregen. Ob Punkte für Barbesuche gesammelt oder Freunde durch die Länge der Joggingstrecke ausgestochen werden, Gamification ist das Buzzword der Stunde.
Die Daten sammeln sich quasi von selbst
Noch vor wenigen Jahren wäre es zum Beispiel höchst aufwendig gewesen, das eigene Schlafverhalten zu untersuchen. Die nötige Ausstattung für eine ernsthafte Untersuchung gab es eigentlich nur im Schlaflabor. Heute übernimmt der Zeo diese Funktion(öffnet im neuen Fenster) , ein Gerät so klein wie ein Wecker und verfügbar für nur rund 100 Euro und damit praktisch, auch wenn der Zeo derzeit noch ein Kopfband benötigt, um die Messungen im Schlaf durchzuführen.

Bewegungssensoren, verpackt zum Beispiel in einem dekorativen Armband wie im Falle des "Up" der Firma Jawbone, werden diese Rolle zunehmend übernehmen und sich besser in den Alltag einfügen. Die Daten sammeln sich quasi selbst, alles, was nötig ist, ist ein Smartphone und der ein oder andere Sensor zum Anstecken. Unsere Gadgets werden von Spiel- und Arbeitsgeräten zu Datensammelmaschinen.
Mit Körperdaten zur Selbstverwirklichung
Der gesamte Lifestyle-Sektor suggeriert uns die Notwendigkeit, stets gesund und fit zu bleiben. Die Anbieter der Quantified-Self-Apps stützen sich auf den gesellschaftlichen Drang zur Selbstoptimierung. Das Argument: Nur wer möglichst viel über sich selbst weiß, kann effektiv an sich selbst arbeiten. Das Smartphone wird zur Verlängerung des Fitnessstudios, Daten werden ein Mittel zur Selbstverwirklichung.






Der gesellschaftliche Hang zur Fitness hat allerdings nicht nur modische Gründe, sondern auch ganz praktische. Ausgabenkürzungen im Gesundheitswesen zwingen Bürger, auf günstigere Prävention anstelle kostenintensiverer Behandlungen zu setzen, sich also fit zu halten. In Deutschland stieg die Zahl der Fitnessclub-Mitglieder(öffnet im neuen Fenster) zwischen 2005 und 2010 jährlich im Schnitt um sieben Prozent.
Mit selbstgewonnenen Daten werden wir auch autonomere Patienten. Dank Google & Co. haben Patienten ohnehin schon mehr und leichteren Zugriff auf umfassende medizinische Informationen denn je zuvor. Mit Quantified-Self-Apps können sie nun ganz konkret ihre eigenen Körperwerte messen und sind nicht nur auf die Ergebnisse des Arztes angewiesen. Die Zeiten, in der Patienten einer Arztdiagnose blind vertraut haben, sind vorbei.
Sensoren sind zuverlässiger als unser Gedächtnis
Mit unserem Verhalten konfrontiert, können wir besser informierte Entscheidungen treffen. Menschen sind schlecht darin, ihr eigenes Verhalten zu analysieren, da das Gedächtnis notorisch unzuverlässig ist. Wie viele Tassen Kaffee habe ich diese Woche getrunken, wie viel habe ich dafür ausgegeben, wie war meine Stimmung? Unser Gedächtnis ist bei Fragen dieser Art häufig überfordert, Erinnerung und Interpretation unterliegen unterschiedlichsten Filtern. Objektiv gemessene Daten können uns helfen, besser informierte Entscheidungen zu treffen, indem Zusammenhänge offengelegt werden: Verändert sich meine Stimmung und mein Schlafverhalten abhängig vom Kaffeekonsum?

Konkret sind es nur wenige Dinge, die wir wirklich erfassen können, aber genug, um daraus Bedeutung abzuleiten. Bewegungssensoren erfassen kleinste Erschütterungen, was uns über Bewegung und Zahl der zurückgelegten Schritte ebenso Auskunft gibt wie über unruhige Schlafphasen. Das im Smartphone integrierte GPS-System verrät uns, wo wir uns bewegen, erstellt also Bewegungsprofile und Karten der beliebtesten Joggingstrecken. Die Herzfrequenz informiert über Anstrengung und Erschöpfung. Allein diese drei Signale sind ausreichend für einen Großteil der derzeitigen Quantified-Self-Messungen. Hinzu kommen manuell erfasste Werte, wie die Art und Menge der Nahrungsaufnahme oder der besuchten Bars.
Sind all diese Daten schon für sich genommen aufschlussreich, so entfalten sie ihre Magie durch die miterfassten Metadaten: Wann wurden die Daten erfasst, wo, und wer war gleichzeitig anwesend? Zusammengenommen ergeben diese Informationen ein deutlich reicheres Bild.
Daten teilen
Die Quantified-Self-Bewegung legt großen Wert auf Sharing. Erst wenn die Datensätze vieler Nutzer aggregiert und in Relation gesetzt werden, entfalten sie ihr volles Potenzial. Liegt mein eigenes Schlafverhalten im Normalbereich für Menschen meines Alters und Lebensstils? Unsere Selbstvermessungsdaten zu teilen, erlaubt uns den Vergleich mit anderen und schafft einen Bezugsrahmen für unser Verhalten.

Zudem ist Sharing ein starker Motivator für Verhaltensänderungen: Wir verändern unsere Verhaltensweisen eher, wenn wir vorher unseren Mitmenschen mitgeteilt haben, dass wir die Absicht haben, etwas zu ändern. Durch Daten helfen wir unseren Freunden, uns in die Pflicht zu nehmen: Wir erzeugen selbst Gruppendruck, im besten Sinn des Wortes. Solche Verhaltensänderungen sind fester Bestandteil der meisten Therapien, und ihr Erfolg ist in der Regel nicht primär eine Frage purer Willenskraft. Vielmehr kann unser Verhalten durch Informationen beeinflusst werden.
Ein wertvolles Instrument hierfür sind Feedback-Schleifen, wie sie in der Medizin – beispielsweise in Form regelmäßiger Patientenbesprechungen – selbstverständlich sind. In einer typischen Feedbackschleife misst die App das Verhalten und konfrontiert den Nutzer mit dem Ergebnis, zeigt Handlungsoptionen und mögliche Konsequenzen auf. Das folgende Handeln wird wiederum gemessen, so dass die Feedback-Schleife in die nächste Runde gehen kann. Wenn die Schleife funktioniert, stellt sich eine schrittweise Verhaltensänderung ein.






Smartphones, Sensoren und umfassende Internetpenetration versetzen uns heute in die Lage, eine solide Datenbasis für Feedback-Schleifen zu schaffen.
Wer will unsere Daten?
Interessant sind diese Daten freilich nicht nur für uns selbst. Die Anbieter der Dienste und Apps, vom Startup bis zum Sportartikelhersteller, leben von ihnen. Mit unserem Drang zur Fitness, mit unserem Spieltrieb und dem Wunsch, mehr über uns selbst zu wissen, bedienen wir nicht nur die Anbieter der Quantified-Self-Apps, wir schaffen auch Daten, die an sich einen Wert haben und Begehrlichkeiten wecken; bei Marketingabteilungen, Krankenkassen, Regierungen, Versicherungen oder Forschern.
Die Quantified-Self-Bewegung befindet sich erst am Anfang. Weiterhin sinkende Preise für Hardware und Datentarife werden für schnelle Innovationszyklen sorgen. Die Dienste selbst werden sich dem Mainstream weiterhin öffnen und leichter zu bedienen sein. In den nächsten zwölf Monaten wird der Markt an Quantified-Self-Apps weiterhin geradezu explodieren, bevor später eine erste Konsolidierungswelle einsetzt. Wer hat einen Anspruch auf die von uns erhobenen Daten über uns selbst und wie können wir sie schützen? Diese Fragen werden uns in den kommenden Monaten beschäftigen müssen.
Peter Bihr ist Mitgründer und Geschäftsführer der Third Wave GmbH(öffnet im neuen Fenster) , einer Agentur für Onlinestrategie und Trendforschung. Er berät Organisationen zum Thema digitale Strategien. Vor Third Wave war er freiberuflich für Kunden wie Wolterskluwer, Arte, die SPD, Google, die Bertelsmann Stiftung, und Tumblr sowie öffentlich-rechtliche Sender tätig. Zudem organisierte er Events wie TEDxKreuzberg und atoms&bits. In Berlin, Potsdam und Sydney hat er Kommunikations- und Politikwissenschaft studiert. Privat bloggt er unter thewavingcat.com(öffnet im neuen Fenster) .