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Test: Opensuse 12.1 bereit für Experimente

Mit Opensuse 12.1 bieten die Entwickler ein aktuelles und stabiles Betriebssystem samt Systemd und Gnome 3.2 . Versierte Nutzer können Grub 2 oder das Dateisystem Btrfs verwenden. Mit Sax 3 hat Opensuse nun auch wieder eine GUI, um den X-Server zu konfigurieren.
/ Sebastian Grüner
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Mit Snapper wird die Systemsicherung sehr leicht. (Bild: Golem.de)
Mit Snapper wird die Systemsicherung sehr leicht. Bild: Golem.de

Als erstes fällt Nutzern von Opensuse 12.1 die Versionsnummer auf. Anwender, die Nachrichten aus dem Distributionsumfeld nicht verfolgen, werden sich wohl darüber wundern, dass 12.0 ausgelassen wurde. Die Opensuse-Gemeinschaft hat sich für ein neues Versionsschema entschieden, das wohl einzigartig in der Welt freier Software ist und auf den ersten Blick nicht trivial erscheint. Opensuse 12.1 bietet eine große Zahl aktualisierter Anwendungen und einige Software zum Ausprobieren, die zwar stabil läuft, unter Umständen aber auch das System lahmlegen könnte.

Kernel

Die Basis für Opensuse 12.1 bildet der Linux-Kernel 3.1 . In diesem sind unter anderem verbesserte Netzwerk- und Grafiktreiber integriert. So unterstützt das Rt2x00-Modul für Chipsätze von Ralink nun die sogenannte RT3572/RT3592/RT3592+Bluetooth Combo Card. Der freie Nouveau-Treiber ist in der Lage, die zur 3D-Hardwarebeschleunigung benötigte Firmware für Nvidia-Grafikkarten mit Fermi-Chipsatz zu generieren.

In den Paketquellen stehen verschiedene angepasste Versionen des Kernels bereit. Nutzer können einen PAE-Kernel installieren, ebenso wie eine Vanilla-Version, in der sämtliche Opensuse-spezifischen Patches fehlen. Für Amazons Cloud-Angebot EC2 existiert ebenfalls eine spezielle Kernel-Version.

Standard-Anwendungen

Opensuse 12.1 lässt Nutzern die Wahl zwischen mehreren Webbrowsern, etwa Firefox 7 , Chromium 17 oder Opera 11.52. Als Office-Suite wird Libreoffice 3.4 verwendet. Die aus dem KDE-Projekt stammende Calligra Suite 2.4(öffnet im neuen Fenster) kann in einer Betaversion genutzt werden. Diese Vorabversion bietet unter anderem eine bessere Importfunktion für Microsoft-XML-Formate.

Btrfs und Snapper

Das Dateisystem Btrfs(öffnet im neuen Fenster) ist das designierte Standarddateisystem von Linux. Noch gelten die benötigten Werkzeuge zum Umgang mit Btrfs aber als nicht ausgereift genug für den produktiven Einsatz. Dennoch besteht bei der Installation von Opensuse 12.1 die Option, Festplatten mit Brtfs zu formatieren. Dabei verzichten die Entwickler auf den Hinweis der experimentellen Funktion, wie er in der Installationsroutine von Opensuse 11.4 noch auftauchte. Nutzer müssen lediglich darauf achten, dass die /boot-Partition nicht mit Btrfs formatiert ist, da Grub das System sonst nicht starten kann.

Eine der herausragenden Eigenschaften von Btrfs ist die Möglichkeit, Schnappschüsse zu erstellen. Dadurch können Veränderungen des Betriebssystems aufgezeichnet und rückgängig gemacht werden. Um diesen Vorgang möglichst einfach zu gestalten, entwickelte das Opensuse-Team die Anwendung Snapper(öffnet im neuen Fenster) . Über die Kommandozeile oder ein Yast-Modul lassen sich die Unterschiede zwischen zwei Schnappschüssen einsehen und ältere Versionen des Systems wiederherstellen.

Schnappschüsse erstellt Opensuse 12.1 automatisch über regelmäßige Cron-Jobs oder auch vor dem Ausführen eines Yast-Moduls und danach. Die Funktion von Snapper überzeugt. Wir konnten unter anderem die Paketinstallation, das Anlegen von Nutzern und Konfigurationsdateien oder mit Yast veränderte Einstellungen problemlos rückgängig machen. Diese Art der Systemsicherung ist einfach und absolut überzeugend.

Boot-Prozess

Als Bootloader nutzt Opensuse 12.1 wie bereits in den vorangegangenen Veröffentlichungen die Legacy-Version von Grub. Mit dem Nachfolger Grub 2 sind die Entwickler noch nicht ganz zufrieden und verzichten deshalb auf die Integration. Grub 2 kann aber wie in Opensuse 11.4 aus den Paketquellen nachinstalliert werden. Der Umstieg auf Grub 2 glückte uns in einem kurzen Test auf Anhieb und ohne Probleme.

Den Boot-Prozess steuert der neue Initialisierungsdämon Systemd . Mit diesem hält auch das /run-Verzeichnis Einzug in die Distribution. Systemd verspricht zwar theoretisch ein schnelleres Starten des Rechners, in Opensuse 12.1 ist das aber kaum zu spüren. Sollte es zu Problemen mit Systemd kommen, können Anwender auf die altbewährten Sys-V-Init-Skripte zurückgreifen. Dazu muss lediglich der entsprechende Eintrag im Bootloader-Menü ausgewählt werden.

Oberflächen

Wie üblich stehen den Nutzern auch bei Opensuse 12.1 mehrere Desktops zur Auswahl. Mit KDE SC 4.7.2 steht die neue Version der PIM-Anwendung Kontact zur Verfügung. Kontact basiert nun auf dem Akonadi-Framework. Dieses fungiert als Zwischenspeicher für Daten aus dem Adressbuch oder E-Mails.

Mit Oyranos CMS(öffnet im neuen Fenster) bietet Opensuse nun auch eine Farbverwaltung für die KDE-Oberflächen an. Über die Anwendung Kolor-Manager(öffnet im neuen Fenster) kann eine Farbkalibrierung der Ein- und Ausgabegeräte durchgeführt werden. So können Nutzer zum Beispiel sicherstellen, dass gedruckte Bilder genau so erscheinen, wie sie auf dem Monitor zu sehen sind.

Darüber hinaus wurden sämtliche KDE-Anwendungen aktualisiert. So unterstützt der virtuelle Globus Marble eine Offline-Routenplanung und die Oberfläche des Dateimanagers wurde überarbeitet. Besitzer eines Wetabs oder anderer Geräte mit Touchoberfläche können sich über ein Repository für Plasma Active freuen. Die vor etwa einem Monat erschienene KDE-Oberfläche für Tablets lässt sich über die Paketverwaltung installieren und ausprobieren.

Gnome-Shell

Gnome-Nutzer erhalten mit Opensuse 12.1 die aktuelle Version Gnome 3.2 samt Gnome-Shell. Anders als Linux Mint verzichtet das Opensuse-Team jedoch darauf, die Gnome-Shell stark anzupassen und eine individuelle Oberfläche wie mit Gnome 2.32 anzubieten. Für Eingriffe in die Shell wird das Gnome-Tweak-Tool installiert und in den Paketquellen sind diverse Erweiterungen verfügbar.

Die zentrale Kontaktverwaltung von Gnome 3.2 greift auf die Daten des E-Mail-Clients Evolution und der Chat-Anwendung Empathy zu. Ebenso nutzt die neue Kontaktverwaltung Twitter-Konten und Google-Accounts als Datenquellen, falls diese eingerichtet sind. Somit steht in Evolution zum Beispiel ein Google-Kalender zur Verfügung.

Leichten Ärger verursacht Gnome 3.2 jedoch auf kleinen Displays. So ist zum Beispiel die Einrichtung eines E-Mail-Kontos in Evolution auf einem Netbook fast unmöglich. Denn Teile des Fensters "rutschen" aus dem Bildschirm und die Schaltflächen sind dann nicht mehr erreichbar, da ein Verkleinern des Fensters nicht möglich ist. Dieser Fehler betrifft jedoch nicht nur Opensuse 12.1 sondern alle Distributionen, die Gnome 3 einsetzen.

Neben den verschiedenen Desktops von Gnome und KDE stehen in Opensuse 12.1 auch LXDE und XFCE bereit. Die effizienten Desktops liegen in den selben Versionen vor, wie in Opensuse 11.4. Für viel Neues sorgen die Oberflächen also nicht, dafür behob das Opensuse-Team zahlreiche Fehler

Yast, Zypper und Sax

Die Alleinstellungsmerkmale von Opensuse sind das Administrationswerkzeug Yast und der Paketmanager Zypper. Neben Fehlerkorrekturen erhielt Yast auch eine überarbeitete Optik. Das Aussehen der Qt-Version von Yast lässt sich über Stylesheets beeinflussen und zeigt in Opensuse 12.1 nun grüne Fortschrittsbalken sowie grün eingefärbte Knöpfe, um Aktionen zu bestätigen oder abzubrechen.

Der Paketmanager Zypper bietet die Möglichkeit(öffnet im neuen Fenster) , bei einem Kernel-Update die alte Version erst nach einem Neustart des Systems zu löschen. Dadurch soll verhindert werden, dass durch die Aktualisierung des Kernels eventuelle auftretende Fehler zu einem Komplettausfall führen, da ja auf die alte Kernel-Version zurückgewechselt werden kann. Diese Funktion müssen Anwender derzeit noch manuell aktivieren. Das Entwicklerteam berät jedoch darüber, ob diese Option in der nächsten Version Opensuse 12.2 standardmäßig aktiviert werden soll.

Seit Opensuse 11.2 wird der X-Server automatisch konfiguriert. Vorher konnten Anwender das Werkzeug Sax einsetzen, um diesen manuell an die vorhandene Hardware anzupassen. Im Rahmen eines GsoC-Projektes entwickelte Manu Gupta(öffnet im neuen Fenster) eine Reinkarnation des Tools. Mit Sax 3 lassen sich der Monitor, die Tastatur, die Maus und ein Touchpad konfigurieren. Aber auch hier ist Vorsicht geboten. Ein zu spielerischer Umgang mit Sax 3 kann zu einer fehlerhaften Konfiguration des X-Servers führen, so dass dieser nicht mehr startet. Für diesen Fall bietet Sax 3 jedoch ein Ncurses-GUI, so dass die Fehler wieder behoben werden können.

Paketquellen

Schon seit der Einführung von Opensuse 11.4 steht Nutzern auch ein Rolling-Release-Repository zur Verfügung. Dieses wird im Rahmen des Tumbleweed-Projektes(öffnet im neuen Fenster) gepflegt, das Kernel-Maintainer Greg Kroah-Hartman initiiert hat. Opensuse Tumbleweed wird nun als komplett angesehen, da es fast alle Pakete umfasst, die Opensuse anbietet.

Das Repository Contrib, das eine Erweiterung der Hauptquelle darstellte, wird mit Opensuse 12.1 nicht mehr angeboten, da viele der darin enthaltenen Anwendungen entweder in die Hauptquellen aufgenommen wurden oder in die Quellen von Gnome und KDE. Das Repository für KDE 3 wird nun auch wieder offiziell unterstützt und bietet KDE 3.5.10 mit diversen Patches, zum Beispiel aus dem Trinity-Projekt(öffnet im neuen Fenster) .

Für Entwickler und Fazit

Opensuse 12.1 ist eine der ersten Distributionen überhaupt, in der auch in Go programmiert werden kann. Die von Google-Mitarbeitern entwickelte Programmiersprache soll schneller sein als andere und ist noch nicht in einer finalen Version erschienen .

Geschriebener Code kann mit LLVM 3 und Clang(öffnet im neuen Fenster) kompiliert werden. Clang unterstützt auch die Möglichkeit, Code unter Opensuse 12.1 für die ARM-Architektur zu erzeugen. Opensuse 12.1 selbst wurde mit GCC 4.6.2 kompiliert. Die Compiler-Sammlung liegt ebenfalls als Paket in den Quellen.

Qt-Entwickler können dank Qt 4.7.4 nun auch mit QtQuick Anwendungen entwickeln. In QtQuick ist die Skriptsprache QML enthalten, mit der GUI-Elemente erzeugt werden können. Darüber hinaus kann GTK+ 3.2 verwendet werden, ebenso wie Glib 2.30

Über ein spezielles Cloud-Repository können Nutzer von Opensuse 12.1 auch Eucalyptus(öffnet im neuen Fenster) , Opennebula(öffnet im neuen Fenster) und Openstack(öffnet im neuen Fenster) einsetzen. Wer Onlineapeicherdiensten wie Dropbox keine persönliche Daten anvertrauen möchte, kann Owncloud 2 verwenden. Neben Dokumenten können mit Owncloud auch Kalender gespeichert oder Musik mit dem Streamingserver Ampache über das Netzwerk verteilt werden.

Fazit

Opensuse 12.1 ist ein stabiles Betriebssystem mit aktueller Software. Mit kleinen Änderungen wie dem neuen Aussehen von Yast und einem komplett überarbeiteten Artwork ist Opensuse auch optisch ansprechend. Die Integration von Systemd verursacht kaum Fehler, bringt aber leider auch keinen spürbaren Geschwindigkeitszuwachs beim Starten des Betriebssystems.

Experimentierfreudige Nutzer können Grub 2 oder auch Btrfs mit Snapper ausprobieren und die Vorteile genießen, die der Bootloader und das Dateisystem mit sich bringen. Die Entwickler raten dabei jedoch ausdrücklich zur Vorsicht. Mit Tumbleweed erweitert das Opensuse-Projekt sein "Produktspektrum" und zielt damit auf weitere Nutzergruppen. Das einzige, was Tumbleweed nun noch fehlt, um als wirkliches Rolling-Release zu gelten, sind regelmäßig veröffentlichte ISO-Images.

Eine Übersicht über die Neuerungen in Opensuse 12.1(öffnet im neuen Fenster) bietet das Projekt-Wiki, ebenso wie eine Liste der Pakete(öffnet im neuen Fenster) in der Hauptquelle. Installationsabbilder für DVDs und CDs für 32-Bit- und 64-Bit-Systeme stehen ab sofort zum Download(öffnet im neuen Fenster) bereit. Kostenpflichtige Versionen(öffnet im neuen Fenster) von Opensuse sind ebenfalls erhältlich.


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