Test Assassin's Creed Revelations: Serienmörder mit Routine

Zu Beginn eine weniger überraschende Spoilerwarnung: Das neue Assassin's Creed knüpft an den Cliffhanger seines Vorgängers an und endet selber mit einem solchen. Wer den bisherigen Verlauf der Geschichte nicht kennt, kann den Geschehnissen des neuen Spiels nicht folgen. Dasselbe Wissen setzt auch dieser Artikel ausdrücklich voraus, ansonsten verdirbt sich der Leser womöglich den Spaß an den drei sehr guten Vorgängerspielen.

Desmond Miles erwacht am Anfang von Assassin's Creed Revelations an einem Strand, der irgendwo zwischen der Matrix und dem Limbus aus dem Kinofilm Inception zu liegen scheint. Um sich aus den Tiefen der Systemstruktur des Animus zu befreien und wieder in seinen echten Körper zu gelangen, muss er die Verbindung zwischen seinen Vorfahren Ezio und Altair ergründen.
Die mit dem Untertitel "Revelations" versprochenen Offenbarungen und Gänsehautmomente bietet das Spiel jedoch erst im letzten Akt, wenn die Geschichten von Desmond, Altair und Ezio tatsächlich endlich schlüssig zusammenlaufen. Vorher verlangt Ubisoft dem Spieler erneut jede Menge Fleißarbeit ab, die mit dem eigentlichen Plot wenig zu tun hat. Dieses Mal soll er die Stadt Konstantinopel ums Jahr 1511 herum aus den Händen der Templer befreien und dort einen Assassinen-Orden aufbauen.
Wieder einen Aussichtsturm nach dem anderen zu erklimmen, reihenweise Geschäfte zu renovieren, Bezirk für Bezirk Hauptmänner umzubringen und freiwillige Kämpfer auf der Straße zu rekrutieren, kostet selbst treue Anhänger der Serie Überwindung, da sie genau diese sich immer wiederholenden Abläufe schon in Brotherhood zur Genüge erlebt haben. Da wirkten sie allerdings noch viel stimmiger als Gesamtgefüge konzipiert und größtenteils auch spannender präsentiert.





























Randaufgaben und optional zum Erkunden angebotene Schatzkammern waren in Brotherhood mit der Sorgfalt und dem Einfallsreichtum einer Hauptmission entworfen. In Revelations haben wir dagegen das Gefühl, selbst die Missionen der zentralen Geschichte seien reine Lückenfüller, die im besten Falle an Glanzpunkte aus den älteren Titeln erinnern. Ein Undercover-Einsatz als Barde, der Ezio all seine Gesangskünste abverlangt, erscheint beispielsweise nur wie eine kurzweilige Ulknummer im Vergleich zum Karneval in Venedig, der Spieler in Assassin's Creed 2 mit maskierten Bürgern und buntem Feuerwerk am Himmel verzaubert hatte. Historische Figuren wie der spätere Sultan Süleyman bleiben, anders als Leonardo da Vinci oder Caterina Sforza in Ezios bisherigen Abenteuern, blasse Statisten in einer viel zu zäh erzählten Verschwörungsgeschichte.
Nur online ein Mordsspaß
Gameplay-Neuerungen bietet der vierte Serienteil kaum. Mit einem Hakenschwert klettert Ezio etwas schneller und kann sporadisch verteilte Seilbahnen über Dächer benutzen. Außerdem bringt er Gegner damit im Kampf zum Stolpern. Als neue Waffenart nutzt er Bomben, die sich aus unterschiedlichen Einzelteilen und Schießpulversorten zusammenbasteln lassen. Merkbaren Einfluss auf den Spielablauf haben diese zusätzlichen Hilfsmittel nicht, denn sowohl beim Klettern als auch beim Kämpfen kommen Spieler mit den gewohnten Assassin's-Creed-Routinen nach wie vor am einfachsten voran. Geradlinig über die Dächer zu springen und sich mit gutem Timing im Konter zu üben, bleiben die zu bevorzugenden Methoden.





























Ein neu eingeführtes Tower-Defense-Minispiel bei der Verteidigung von Assassinen-Hauptquartieren ist zu anspruchslos, um als befriedigende Abwechslung im Meuchelmörder-Alltag durchzugehen. Besser funktionieren Desmonds Erinnerungen an seine eigene Vergangenheit, die durch Sammelobjekte freigeschaltet werden. Aus der Egoperspektive lösen Spieler hier Rätsel, die Elemente aus Portal und Minecraft kombinieren. Leider gibt es davon nur eine Handvoll recht kleiner Level. Auch Passagen mit Altair sorgen für willkommene Abwechslung, wenn auch meist nur für eine Viertelstunde.
Mit viel Freiheit durchs belebte Konstantinopel zu Klettern, funktioniert nicht besser oder schlechter als man es von den anderen Spielen der Serie kennt. Das und viele grafisch schöne Ausblicke hat Relevations zu bieten. Sehenswürdigkeiten wie die Hagia Sophia wurden imposant nachgebaut und lassen sich bis zur Spitze erklimmen, von wo aus die große Weitsicht der Ubisoft-eigenen Engine einen Blick über die Stadt zulässt. Mit der Vielfalt und hohen Dichte interessanter Sehenswürdigkeiten der Rom-Kulisse aus Brotherhood kann Konstantinopel jedoch bei weitem nicht mithalten.
In den von uns getesteten Konsolenversionen zeigten sich häufig Pop-ups und die ein oder andere merkwürdige Animation, etwa wenn Gegner vom Dach gestoßen wurden. Auch das kennen Spieler von Assassin's Creed so schon seit Jahren. Das positive Gesamtbild überwiegt zwar weiterhin, sichtbare Verbesserungen und Optimierungen der bewährten Technik scheint Ubisoft allerdings nicht vorgenommen zu haben.

Mehr hat sich dagegen im erneut sehr guten Multiplayermodus getan. Eine neue Deathmatchvariante verzichtet beispielsweise auf eine Radaranzeige, lässt dafür auf den abwechslungsreich gestalteten Karten keine computergesteuerten Figuren erscheinen, die den individuellen Charaktermodellen der Spieler gleichen. Hier gilt es also nun verstärkt, sich nicht auf Bildschirmanzeigen zu verlassen und stattdessen die nahe Umgebung mit eigenen Augen nach dem nächsten Mordopfer abzusuchen. Auch Teamspiele im Stile klassischer Capture-the-Flag-Partien gehören nun zum Multiplayerangebot. Ein Fortschritt im Mehrspielermodus offenbart auch zusätzliche Informationen über die Templer-Organisation Abstergo.
Assassin's Creed: Revelations ist am 15. November 2011 über Ubisoft für Xbox 360 und Playstation 3 erschienen. Es hat ohne inhaltliche Kürzungen eine USK-Freigabe ab 16 Jahren erhalten. Die PC-Version des Spiels soll am 1. Dezember 2011 in den Handel kommen.
Fazit
Revelations ist das erste Assassin's Creed, das nur noch Bewährtes bietet, ohne gelungene Verbesserungen mitzuliefern. Das gilt sowohl für die Technik als auch für die Spielmechanik. In Bezug aufs Missionsdesign und die Atmosphäre hat der Titel im Vergleich zum tollen Brotherhood sogar ein paar Rückschritte gemacht.
Obwohl das Spiel im Schatten seines Vorgängers insgesamt enttäuscht, bietet es grundsätzlich durchaus gute Unterhaltung. Es enthält im soliden Maße alles, was der Name Assassin's Creed verspricht und belohnt mit seinem letzten Akt für viele Stunden routinierter Arbeit, die bis dahin im schön gestalteten Konstantinopel angefallen sind.
Als fader Beigeschmack bleibt trotzdem das Gefühl, erstmals ein eher überflüssiges Kapitel der Reihe vor sich zu haben. Was Revelations in Bezug auf die alles umfassende Hauptgeschichte erzählt, hätte mit Sicherheit auch als einstündiger Einstieg in ein richtiges Assassin's Creed 3 funktioniert. Und so umfangreich das Spiel auf dem Papier auch sein mag, so generisch und abgenutzt sind doch viele der aus den Vorgängern wiederholten Sandbox-Aktivitäten mittlerweile, im nunmehr dritten und laut Ubisoft glücklicherweise auch letzten Abenteuer mit Ezio Auditore da Firenze.



