Hacker als Lobbyarbeiter

Die Bastler hegten eine Hassliebe zum postbetriebenen BTX-Netz, einer Art Vor-Internet, dessen Inhalte aber stark reglementiert wurden. Besonders rieben sie sich an der Behauptung, das neue Netz sei völlig sicher. Das stimmte nur, solange alle Nutzer brav das taten, was die Konstrukteure vorgesehen hatten. Doch am Abend des 19. November 1984 machten Hamburger Hacker etwas Ungeplantes: Sie schickten sinnlose Nachrichten an die BTX-Seite der örtlichen Sparkasse, bis deren Speicher voll war - und Passworte im Klartext ausspuckte. Eine sechsstellige Summe wurde auf das CCC-Konto gebucht und dann öffentlichkeitswirksam zurückgegeben. Das heute journal berichtete. Es war der erste PR-Coup des Clubs.

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Respektlose Schwachstellen-Finder, dieses Bild bestimmt bis heute das Image - irgendwo zwischen kreativen Denkern, unbotmäßigen Forschern und digitalen Robin Hoods. "Der CCC hat recht schnell den neuralgischen Punkt beim Verhältnis unserer Gesellschaft zur Technik getroffen - die Sicherheit", sagt der Technikphilosoph Klaus Kornwachs.

Hacken als Verführung: Sicherheitslücken ermöglichten es 1986 und 1987 Hackern aus dem Umkreis des Clubs auch, in Großrechner der Raumfahrtbehörden Esa und Nasa einzudringen, ebenso in Computer des Kernforschungszentrums Cern und der französischen Atomenergiekommission. Das war heikel - und ehrenhaft. Die Getroffenen waren von dieser Art der Aufklärung nicht immer begeistert. 1988 geriet der CCC-Sprecher Steffen Wernéry in Frankreich sogar in Untersuchungshaft.

Ein Jahr später wurde dann der Sündenfall einiger Mitglieder offenbar, die mit denselben Methoden wie die Nasa-Hacker gezielt in westliche Rechenzentren eingedrungen waren, um Daten zu kopieren und dem sowjetischen Geheimdienst KGB zu verkaufen. Drei von ihnen wurden 1989 verhaftet und verurteilt. Einer stellte sich - Karl Koch, der kurz darauf unter mysteriösen Umständen starb.

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Der CCC wäre an seinen schwarzen Schafen fast zerbrochen. Was jahrelang als Gemeinschaft Gleichgesinnter funktioniert hatte, zersplitterte nun. Misstrauen herrschte, gar Verfolgungswahn. Anfang der neunziger Jahre gründeten sich in der Folge in mehreren Städten eigenständige Ableger und schufen eine regionale Struktur, die bis heute erhalten ist. Genauso wie das Bekenntnis zur Aufklärung: Die meisten Mitglieder sind bemüht, als gute white hat hacker (die Bösen heißen black hats) zu agieren, die nichts zerstören und nur auf Datenlecks aufmerksam machen.

Hacken als Entzauberung: Dabei geht es nie ausschließlich um Elektronik und Programmieren. Als die Bundesregierung in den Nullerjahren biometrische Pässe einführte, auf denen unter anderem Fingerabdrücke gespeichert werden, lautete die Begründung, Fingerabdrücke seien praktisch unfälschbar. Der CCC zeigte nicht nur, dass sich Abdrücke problemlos kopieren lassen. Er verbreitete auch per Internetvideo eine Anleitung, wie sich handelsübliche Fingerscanner mit Fälschungen täuschen ließen. Lediglich Sekundenkleber war nötig, eine Digitalkamera, ein PC mit Bildbearbeitungsprogramm und Drucker sowie Holzleim. Mit dem ihm eigenen Sinn für Humor nahm der Club von einem benutzten Wasserglas just den Abdruck vom Zeigefinger des damaligen Innenministers Wolfgang Schäuble, eines eifrigen Biometrie-Verfechters. Das Clubmagazin Datenschleuder veröffentlichte Kopien.

Immer professioneller versuchten die Hacker im vergangenen Jahrzehnt, öffentliche Debatten, ja politische Entscheidungen zu beeinflussen. Als es im Jahr 2006 dem Holländer Rop Gonggrijp gelang, einen Wahlcomputer des Herstellers Nedap zu manipulieren, erkannte der CCC sofort die politische Brisanz, denn die Wahlmaschinen wurden auch in mehreren deutschen Bundesländern eingesetzt. Mit einem Video von Gonggrijps Hack machte der Club Stimmung gegen diese Geräte. Mit einer erfolgreichen Wahlprüfungsbeschwerde wurde der Einsatz gestoppt.

Hacken als Lobbyarbeit: Im Jahr 2008 war ein Vertreter des CCC zum ersten Mal als Gutachter vor Deutschlands höchstes Gericht geladen worden. Und auch das Karlsruher Verbot der Vorratsdatenspeicherung im März 2010 kann der CCC als Sieg verbuchen. Maßgeblich hatte er die Proteste unterstützt, seine Mitglieder traten als Experten vor Gericht auf und lieferten politische Argumente. Im vergangenen Jahr wurden gleich mehrere CCCler als Sachverständige in die Digital-Enquêtekommision des Bundestags berufen.

So sei der Club längst eine Interessenvertretung "für digitale Bürgerrechte", umschreibt seine Sprecherin Constanze Kurz das neue Selbstverständnis. Für den Technikphilosophen Kornwachs ist der CCC heute eine Nichtregierungsorganisation und "im World Wide Web und in der Computerwelt so wichtig wie Greenpeace, Amnesty International oder Attac".

Von angefeindeten Chaoten zu umworbenen Experten - für die Hacker war es ein 30 Jahre langer Marsch durch die Institutionen. Man könnte auch sagen: Sie haben das System gehackt, einfach indem sie an der Welt von morgen gebastelt haben.

Da klingt jenes Credo rückblickend prophetisch, das Twiddlebit und Holland 1981 in ihren Aufruf packten: "Dass sich mit Kleincomputern sinnvolle Sachen machen lassen, glauben wir." [von Kai Biermann und Stefan Schmitt/Zeit Online]

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 Chaos Computer Club: Die guten Hacker werden 30
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knusperkopf 12. Sep 2011

Interessant ist auch der Inhalt von heise.de zu dem CCC-Geburtstag. Dort steht nichts von...

Turd 11. Sep 2011

Wohl eher Pitotröhrchen, oder?

monettenom 10. Sep 2011

Die Zeit des CCC ist vorbei.

Schiwi 09. Sep 2011

lol xD



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