Apple-Designer Esslinger: "Er führt ehrlich"
Die Zeit : Sie haben lange mit Steve Jobs gearbeitet, mit Ihrer Hilfe wurde Apple zur Kultmarke, und Sie haben Jobs dann, als er vor 13 Jahren zu Apple zurückkehrte, privat beraten. Lassen Sie uns also über die Schönheit von Computertechnik und Design reden.
Hartmut Esslinger : Die Verbindung ist ziemlich jung, und der Trick besteht darin, dass der Designer verstehen muss, wie die Technik in ihrem Innern funktioniert. Erst danach kann man die Philosophie dieser Technik ausdrücken.
Zeit : Was Sie sagen, erinnert an eine deutsche Tradition, das Bauhaus.
Esslinger : Sie denken an den Satz: Form follows function. Aber der ist oft missverstanden und aus dem Zusammenhang gerissen worden. Sie dürfen ihn nicht oberflächlich als Gestaltungsanspruch, sondern müssen ihn als zugrunde legendes Prinzip verstehen. Der Satz ist aus der Beobachtung der Natur abgeleitet und aus der Erkenntnis, dass in der Natur die Form immer der Funktion folgt. Das entscheidet über die Überlebenschance einer Art. Form ever will follow function.
Zeit : Von dort zur Computertechnik und Konsumelektronik ist es ein weiter Weg.
Esslinger : Apple hat den Anspruch, etwas perfekt zu machen, auch dort, wo es keiner sieht. Sie können den Erfolg von Apple nicht ohne diesen Anspruch verstehen.
Zeit : Was unterscheidet hier einen guten von einem schlechten Designer?
Esslinger : Der gute Designer kann sichtbar machen, was Technik im Hier und Jetzt vermag. Er schält heraus, was wirklich möglich ist. Das ist wie bei guter Musik. Ein genialer Musiker kann Dinge hören, die kein anderer hören kann, aber mit dem, was er tut, inspiriert er andere, die weniger kreativ sind.
Zeit : Was heißt das, auf Apple übersetzt?
Esslinger : Apple-Produkte sollen wie ein Lebewesen sein, entweder wie eine andere Person oder wie eine Extension des eigenen Ichs. Das ist seit dem Apple IIc, an dem Steve Jobs und ich in den achtziger Jahren gemeinsam gearbeitet haben, die Philosophie der Firma.
Zeit : Mit dem Apple IIc wurde die Firma 1984 zur Kultmarke. Was genau haben Sie eigentlich bei Apple gemacht?
Esslinger : Apple war damals acht Jahre alt und ein ziemlich wildes Unternehmen. Einige der Leute standen unter Drogen, und mittendrin war Steve Jobs, der die Vision hatte, Personal Computer für jedermann zu bauen. Er wollte damals eine Million Computer im Jahr verkaufen, aber Apple konnte gerade mal 10.000 im Jahr bauen.
Zeit : Was kann da ein Designer beitragen?
Esslinger : Die Aufgabe war es, ein ganzes System der Produktion zu entwickeln. Durch meine Erfahrungen beim Sony-Konzern, für den ich vorher gearbeitet habe, konnte ich viel beitragen. Ich hatte die japanische Perfektion kennengelernt, mit der jedes Detail, auch alles, was man nicht sieht, entwickelt und hergestellt wird. Das haben wir auf Apple übertragen und die Kosten für die Herstellung eines Computers letztlich um 90 Prozent gesenkt. Logistik und Planung waren entscheidend. Und danach haben wir aus Apple eine echte Marke gemacht. Denn ohne eine massenkonsumierbare Marke konnte man nicht hoffen, eine Million Computer zu verkaufen.
Zeit : Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Jobs fortgesetzt?
Esslinger : Nach seinem ersten Ausstieg bei Apple habe ich mit ihm für das Trickfilmstudio Pixar und an dem Computerprojekt NeXT gearbeitet. Aber als er dann vor 14 Jahren wieder zu Apple zurückgegangen ist, habe ich ihn lediglich einige Monate lang privat beraten. Damals war Microsoft ein großer Kunde von mir, und ich hatte mit Frog Design eine eigene Firma aufgebaut. Seither sind die Kontakte privater Natur.
Steve Jobs sieht Dinge, die andere nicht sehen
Zeit : Was haben Sie ihm damals geraten?
Hartmut Esslinger : Ich habe ein zehnseitiges Konzept entwickelt. Darauf stand unter anderem, er solle sich mit Bill Gates aussöhnen und ins Geschäft mit Konsumelektronik einsteigen.
Zeit : Haben Sie das Papier noch?
Esslinger : Sicher, aber das kann ich Ihnen leider nicht zeigen. Im Übrigen sind noch ein paar meiner Ideen nicht verwirklicht. Eine dreht sich um bewegliche Objekte. Roboter. Und wenn Sie sich ansehen, was für einen schrecklich schlechten Job die Hersteller von Robotern für den privaten Gebrauch machen, dann denke ich umso mehr: Apple muss in diesen Markt.
Zeit : Es gibt wahrscheinlich nur wenige Menschen, die nach einer so langen Zeit noch so gut über Steve Jobs reden wie Sie. Wie ist es, mit ihm zusammenzuarbeiten?
Esslinger : Steve Jobs ist ein Mann, der Dinge sieht, die andere nicht sehen. Und er ist mutig. Ich behaupte, es wäre für jedes Unternehmen ein Leichtes, sehr erfolgreich zu sein. Aber die entscheidenden Leute haben Angst. Und in den meisten Unternehmen passen sich die Mitarbeiter an die Inkompetenz ihrer Chefs an.
Zeit : Erfolg zu haben wäre also ganz einfach?
Esslinger : Sie brauchen Mut, Intelligenz und, ja, auch Intuition. Steve Jobs hat sich immer mit guten Leuten umgeben, oftmals mit den besten. Und er führt sie auf ehrliche Weise, was allerdings viele Menschen erschreckt. Er sagt ihnen, wenn er etwas genial und wenn er etwas grauenhaft findet. Ich finde das normal, und alle, die es anders halten, sind abnorm.
Zeit : Viele Bücher und ehemalige Mitarbeiter beschreiben ihn als Despoten.
Esslinger : Steve Jobs lässt die Leute machen. Er gibt guten Leuten erst mal Raum. Aber er hat es geschafft, sich ein freies Urteil zu bewahren. Nehmen Sie nur den Fall von Cordell Ratzlaff. Der Designer hat die Oberfläche des iPhone entwickelt, die Sie heute kennen, also die kastenförmig angeordneten Apps und die Logik dahinter. Aber mit dieser Idee ist er bei seinen Vorgesetzten nicht durchgedrungen. Also hat er gekündigt, aber bevor er seine Sachen gepackt hat, ist er zu Jobs gegangen, um ihm zu sagen, warum er kündigt. Und Jobs hat sich die Zeit dafür genommen. Als Steve gesehen hat, was für eine geniale Idee unterzugehen drohte, hat er Ratzlaff gebeten zu bleiben und einen mehrere Millionen Dollar teuren Prototyp zu entwickeln. Danach ist Jobs vor seine Mitarbeiter getreten und hat gesagt: Das ist genial. So machen wir es.
Zeit : Wieso haben elektronische Konsumprodukte mit genialem Design heute eine so kulturell prägende Kraft?
Esslinger : Sie wirken im humanistischen Sinne.
Zeit : Inwiefern?
Esslinger : Jeder Mensch strebt nach Qualität. Menschen wollen das Gute. Sie ziehen das Schöne dem Schlechten vor. Denn sie spüren, dass schlechte Produkte ein Relikt primitiven Denkens sind.
Zeit : Sie haben zunächst gesagt, der geniale Designer schäle das wahre Vermögen der Technologie heraus. Er inspiriere andere Menschen. Und nun erweitern Sie diesen Gedanken, indem Sie sagen, genial gestaltete Technik führe zu Herzens- und Geistesbildung?
Esslinger : Das sehe ich so.
Zeit : Wohin führt dann die Allgegenwart von Apple-Produkten die Menschen?
Esslinger : Noch vor 50 Jahren war es in der westlichen Welt in Ordnung, wenn ein Produkt schlecht oder mittelmäßig war, Hauptsache, es existierte und befriedigte einen Mangel. Heute leben wir in einer Welt des Überflusses. Und wir haben den Anspruch, dass Produkte uns verändern. Dass sie uns ein Stück weit zu dem machen, was die Produkte transportieren. Die nächste Stufe wird sein, dass technische Produkte unsere Identität künstlich erweitern. Know me, be me. Das ist der Anspruch, dem sie künftig genügen müssen.
[von Götz Hamann/ Die Zeit(öffnet im neuen Fenster) ]
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