Zum Hauptinhalt Zur Navigation

Charmeoffensive: Google versucht's mit etwas Transparenz

Google wirbt um Vertrauen für seine Suchmaschine und gewährt zumindest kleine Blicke hinter die Kulissen. Wer entscheidet, wie welche Änderungen am Algorithmus vorgenommen werden? Sind Preisvergleiche überflüssig? Und wird manuell in die Suche eingegriffen?
/ Jens Ihlenfeld
25 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Google-Mitarbeiter diskutieren Änderungen am Suchalgorithmus. (Bild: Google)
Google-Mitarbeiter diskutieren Änderungen am Suchalgorithmus. Bild: Google

Googles Suche ist eine Art Black Box. Niemand weiß genau, wie sie funktioniert. Eine ganze Industrie lebt davon, Websitebetreiber darüber zu beraten, wie sie dafür sorgen können, von Google besser gefunden zu werden. Meistens stellen die Kunden dann fest, dass Google den Tricks auf die Schliche kommt und seine Algorithmen anpasst - wie zuletzt mit Panda.

Wie Google den Suchalgorithmus anpasst
Wie Google den Suchalgorithmus anpasst (03:53)

So werden die Vorwürfe lauter, Google habe bei den Änderungen seines Suchalgorithmus nur sein eigenes Wohl im Sinn, sprich: die eigenen Dienste besser zu ranken und Konkurrenten auf die hinteren Plätze zu verweisen(öffnet im neuen Fenster) . Und während "Verlierer" solche Algorithmus-Änderungen sehr deutlich zu spüren bekommen, sind die positiven Effekte, eine höhere Relevanz von Suchergebnissen, nur schwer zu quantifizieren.

Mit der weitgehenden Geheimhaltung seiner Suchtechnik fördert Google Spekulationen und Verschwörungstheorien. Dennoch bemüht sich das Unternehmen seit kurzem um ein klein wenig mehr Transparenz - nicht durch Offenlegung seiner Suchtechnik, sondern durch Erläuterung seiner Methoden zur Entscheidungsfindung.

Streng nach wissenschaftlichen Methoden

Google arbeite bei Änderungen nach streng wissenschaftlichen Methoden, um die objektiv besten Ergebnisse zu liefern, erläuterte Google-Fellow Amit Singhal(öffnet im neuen Fenster) Anfang August in einer Diskussionsrunde(öffnet im neuen Fenster) . Fallen unzulängliche Suchergebnisse auf, suchen Googles Ingenieure demnach nach zusätzlichen Parametern, mit denen sich die Relevanz der Suchergebnisse in diesen Fällen steigern lässt. Glaubt einer der Google-Ingenieure, eine Lösung gefunden zu haben, entwickelt er einen Algorithmus, um seine Hypothese zu beweisen, wie Sinhal erklärte.

Dieser Algorithmus wird anschließend in einer Sandbox getestet. Das aktiviert den neuen Algorithmus für den internen Gebrauch und vergleicht die Ergebnisse mit dem aktuell verwendeten Suchalgorithmus. Diese Ergebnisse werden dann in ausführlichen Regressionstests miteinander verglichen. Schneidet der neue Algorithmus dabei besser ab, geht es in die nächste Stufe, den Live-Test.

Google schaltet dabei den neuen Algorithmus für einen kleinen Teil seiner Nutzer frei und beobachtet deren Verhalten. Nur wenn dabei erkennbar ist, dass die Nutzer schneller die für sie relevanten Ergebnisse finden, sie weniger suchen und weniger Ergebnisse ausprobieren, besteht Singhal zufolge die Chance, dass der neue Algorithmus in die offizielle Suche integriert wird.

500 Änderungen am Suchalgorithmus pro Jahr

Rund 20.000 solcher Tests führt Google jährlich durch und nimmt letztendlich pro Jahr rund 500 Änderungen an seinem Suchalgorithmus vor. Das bedeutet, 97,5 Prozent aller getesteten Änderungen werden verworfen und dennoch wird mehr als eine Änderung pro Tag umgesetzt.

Die Ergebnisse der Tests werden jeweils einem Statistiker vorgelegt, der mit den Entwicklern nicht direkt in Verbindung steht. Anschließend wird in einer größeren Runde entschieden, ob es sinnvoll ist, eine Änderung zu übernehmen. Dabei gehe es dann nicht nur um die nackten Zahlen, sagte Singhal, auch andere Fragen würden diskutiert: "Nützt diese Änderung dem Web-Ökosystem? Ist sie zum Wohle von Autoren? Hilft sie qualitativ hochwertigen Inhalten? Hilft sie, unser System einfach zu halten, damit wir es langfristig pflegen können?"

In einem aktuellen Video(öffnet im neuen Fenster) fasst Google diesen Ansatz nochmals in drei Minuten zusammen, um seine Botschaft einem breiteren Publikum zu vermitteln. Im Kern lautet sie: Für Google geht es immer um den Nutzer, was im Umkehrschluss heißt, die Belange von Websitebetreibern spielen bestenfalls eine untergeordnete Rolle.

'Es gibt keine perfekte Lösung'

"Es gibt keine perfekte Änderung, die jede Suchanfrage verbessert" , ergänzt Matt Cutts(öffnet im neuen Fenster) , Googles oberster Web-Spam-Bekämpfer, die Ausführungen von Singhal. Es gebe immer einen Tradeoff und es sei Googles Ziel, mit einer Änderung möglichst viele Suchanfragen zu verbessern und möglichst wenige zu verschlechtern.

Manchmal sind die Zahlen dabei trügerisch. Nutzer klicken beispielsweise häufig auf Spam, weil gerade diese Ergebnisse oft eine Lösung versprechen - ein Versprechen, das sie nicht halten können.

Manuelle Eingriffe

Immer wieder hat Google betont, dass in die Suchergebnisse nicht manuell eingegriffen wird. Ganz gleich, wie schlecht die Ergebnisse einer Suchanfrage sind, die Korrektur muss in Form einer Änderung des Algorithmus erfolgen, was manchmal etwas länger dauern kann.

In seltenen Fällen nehme Google aber doch manuelle Eingriffe in die Suchergebnisse vor und sperre Seiten aus dem Index, um gegen Spam vorzugehen, sagte Cutts. In solchen Fällen gebe sein Team dann auch Auskunft über die Sperrung, wenn sich Webmaster mit einem Antrag auf erneute Prüfung (Reevaluation Request) an Google wendeten. Wer hingegen durch eine algorithmische Änderung abgestraft werde, erhalte keine Antwort. Bei 200 Millionen Domains im Web sei es nicht möglich, mit jedem Webmaster direkt in Kontakt zu treten.

Stellt sich Google in den Vordergrund?

Vorwürfe, Google versuche mit den Änderungen, seinen Konkurrenten zu schaden und seinen Adsense-Partnern zu helfen, weisen Singhal und Cutts zurück. Es gebe eine strikte Trennung der Teams innerhalb von Google. Aufgabe des für die Suchqualität verantwortlichen Teams sei es, die Relevanz der Suchergebnisse zu steigern. Umsatz oder Gewinnziele gebe es für das Team nicht.

Es gehe immer darum, dem Nutzer eine relevante Antwort auf seine Suchanfrage zu liefern, sagte Singhal: "Wenn der Nutzer nun 2+2 eingibt, sollten wir dann eine Liste von Seiten anzeigen, die die Zeichenkette 2+2 enthalten, oder sollten wir sagen: 4?" Ein anderes Beispiel seien Adressen: Wenn ein Nutzer ins Suchfeld eine Adresse eingebe, erhoffe er sich in der Regel als Ergebnis eine Karte, in der die eingegebene Adresse eingezeichnet sei.

Zeige Google eine "4" als Antwort auf "2+2" an, spare der Nutzer viel Zeit, ergänzt Google-Ingenieur Ben Gomes.

Preisvergleiche sind überflüssig

Besonders deutlich wird Googles Vorgehensweise bei der Produktsuche: Singhal betont, auch dabei gehe es nur darum, die Anfragen des Nutzers besonders gut und schnell zu beantworten. Er beschreibt Googles Produktsuche als Suchmaschine, die Ergebnisse für eine spezielle Art von Suchanfragen besser aufbereitet. Es gibt Hinweise auf die Qualität des Händlers und Preise für Produkte. Jeder Händler kann Google laut Singhal seine Daten anliefern und so in die Produktsuche aufgenommen werden - ohne dass dafür Kosten entstehen.

Was Singhal damit aber auch sagt: Preisvergleichsseiten, die darauf ausgelegt sind, Traffic von Google zu monetarisieren, sind langfristig überflüssig. Ihre Funktionen werden künftig Suchmaschinen direkt übernehmen.

Googles Bemühen um mehr Transparenz hat bereits im Mai 2011 begonnen. Damals öffnete Google das Blog " Inside Search(öffnet im neuen Fenster) ", um über Änderungen seiner Suchmaschine zu informieren. Während Google für andere Themen seit Jahren Blogs für viele andere seiner Dienste betreibt, startete das Blog zu Googles Hauptprodukt vergleichsweise spät. Allzu wichtige Interna darf man auch hier nicht erwarten.


Relevante Themen