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Test Deus Ex Human Revolution: Schleichende Evolution

Sonnenbrillen und lange Ledermäntel sind auch 28 Jahre nach dem ersten Matrix-Film noch angesagt: Eidos Montreal lässt Spieler im Neo-Outfit durchs futuristische Jahr 2027 schleichen, ballern und hacken. Entscheidungsfreiheit und Blade-Runner-Atmosphäre machen Human Revolution zu einer würdigen Vorgeschichte für das Ur-Deus-Ex.
/ Daniel Pook
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Deus Ex: Human Revolution (Bild: Square Enix)
Deus Ex: Human Revolution Bild: Square Enix

Mit Genmanipulation und Maschinentechnik modifizierte Menschen. So beschreibt nicht nur Professor Stephen Hawking unsere mögliche Zukunft. Im dritten Deus Ex gehört das bereits 2027 zum Alltag. Nicht allen Menschen gefällt diese Entwicklung. Viele verweigern die künstliche Leistungssteigerung ihrer Körper und protestieren gegen jene, die sich auf den Fortschritt einlassen. Der Konflikt zwischen terroristischer Gegenbewegung auf der einen und führendem Technologiekonzern auf der anderen Seite stellt den Einstieg in die Handlung von Human Revolution dar.

Deus Ex Human Revolution – Test
Deus Ex Human Revolution – Test (04:09)

Spielerfigur Adam Jensen scheint mit seinem komplett augmentierten Körper eigentlich prädestiniert dafür zu sein, als mechanisch verbesserter Vorzeigeagent für das Unternehmen Sarif Industries zu kämpfen. Allerdings ließ man ihm keine andere Wahl als sich künstlich verändern zu lassen. Ein dramatisch verlaufender Einsatz in der ersten Mission des Spiels kostet ihn beinahe das Leben. Der Umbau zur menschlichen Maschine gibt ihm eine zweite Chance und besondere Fähigkeiten, die ihn jedem normalen Menschen gegenüber überlegen machen.

Getreu den beiden Vorgängerspielen dauert es nicht lange, bis sich aus dieser einfachen Ausgangslage ein komplexer Verschwörungsthriller entwickelt. Unerwartete Wendungen halten die Geschichte des Spiels spannend und lassen Protagonisten sowie Fraktionen immer wieder in anderem Licht erscheinen.

Oft können Spieler selbst wählen, wem sie vertrauen und wessen Anweisungen sie befolgen wollen. Dies tun sie anhand ihrer Entscheidungen für bestimmte Missionsziele und in Multiple-Choice-Dialogen. Obwohl ein roter Faden der Handlung jederzeit erkennbar bleibt, nehmen Spieler starken Einfluss auf Verlauf und Ausgang von Human Revolution.

Freiheit in Detroit und Montreal

Nach einem linear aufgebauten Anfangskapitel steht es Spielern in Deus Ex: Human Revolution fast immer frei, ein größeres Gebiet auf eigene Faust zu erkunden. Oft sind das Zukunftsvisionen realer Städte wie Detroit oder Montreal, die mit betretbaren Gebäuden verknüpft sind. Die Ausmaße eines richtigen Open-World-Titels nimmt das Spiel zwar nicht an, optionale Nebenmissionen und mit Waffen oder Hilfsgegenständen belohnte Erkundungstouren heben die Gesamtspielzeit trotzdem deutlich über die durchschnittliche Dauer aktueller Actionspiele.

Ein solches ist Deus Ex: Human Revolution unverkennbar geblieben. Typische Rollenspielelemente wie ein umfangreiches Inventar, plünderbare Gegner oder redebereite NPC-Figuren können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Spieler die meiste Zeit über damit beschäftigt sind, Gegner zu töten, zu betäuben oder zumindest unbeschadet an ihnen vorbeizukommen. Taktisches Vorausdenken und gute Reflexe sind dabei wichtiger als die verbesserbaren Spezialfähigkeiten Jensens. Obgleich die natürlich vieles einfacher machen.

Deus Ex Human Revolution – Gameplay (Stadt, Detroit)
Deus Ex Human Revolution – Gameplay (Stadt, Detroit) (04:42)

Für besiegte Widersacher, gefundene Alternativwege, erfüllte Missionsziele und ähnliche Aktionen verdienen Spieler Erfahrungspunkte, die sie vor allem in Schleich- und Hackerfähigkeiten investieren sollten. Mit gezogener Waffe die direkte Konfrontation zu suchen, ist selbst auf dem einfachsten Schwierigkeitsgrad nicht zu empfehlen. Deckungsfunktion (hier schaltet der Egoshooter in die Third-Person-Perspektive) und automatisch regenerierende Lebensenergie helfen nicht viel, wenn aggressiv agierende Feinde in großen Gruppen heranstürmen.

Deus Ex Human Revolution – Gameplay (Einführung, Action)
Deus Ex Human Revolution – Gameplay (Einführung, Action) (02:16)

Setzen Spieler dagegen dauerhaft auf betäubende Schleichangriffe und spähen die festgelegten Laufwege der KI-Figuren aus, lösen sie erst gar keinen Alarm aus und können ihre Widersacher einen nach dem anderen ausschalten. Das Stealthsystem ist taktisch fordernd und macht Spaß, stützt sich allerdings allzu sehr auf das schwach ausgeprägte Wahrnehmungsfeld der computergesteuerten Kontrahenten.

Deus Ex Human Revolution – Gameplay (Erste Mission, Stealth)
Deus Ex Human Revolution – Gameplay (Erste Mission, Stealth) (09:48)

Ein hochtechnologisiertes Raubtier zu sein, das macht in Human Revolution nichtsdestotrotz mehr Spaß als in Crysis 2. Nicht zuletzt dank freier Speichermöglichkeiten und dem Verzicht der Designer, feindliche Verstärkungstruppen aus dem Nirgendwo erscheinen zu lassen. Nimmt man jeden Umweg durch Lüftungssysteme und Kanäle, ist es mit Geduld sogar tatsächlich möglich, im laufenden Spielgeschehen nicht einen einzigen Menschen töten zu müssen.

Human Revolution lässt Spieler tief in seine fiktive Zukunftswelt eintauchen. Tabletähnliche Zeitungen, Bücher, Datenspeicher, Fernsehsendungen und andere optional nutzbare Informationsquellen sind großzügig in den Levels verteilt. Zusätzlich lassen sich viele Computer im Spiel hacken, was den Zugriff auf E-Mails erlaubt. PC-Sicherheitssysteme werden anhand eines Minispiels geknackt, das auch beim Manipulieren von Überwachungskameras und automatischen Waffensystemen erscheint. Die Mischung aus Reaktions- und Denkspiel ist einfach zu erlernen, wird aber nicht so schnell langweilig wie beispielsweise der Pipe-Mania-Klon in Bioshock.

Kühle Hightech-Zukunft

Die beklemmende Atmosphäre einer kühlen Zukunft des technologischen Fortschritts ist dem Entwicklerteam Eidos Montreal(öffnet im neuen Fenster) insgesamt hervorragend gelungen. Den Grundstein dafür legt auch der Soundtrack des Spiels. Im Einklang mit dem düster-futuristischen Grafikdesign erinnert die Stimmung von Human Revolution besonders an Ridley Scotts Science-Fiction-Film Blade Runner. Details wie individuell gestaltete Leuchtreklame und plaudernde Passanten in den Straßen lassen die Kulissen glaubwürdig wirken.

Angesichts des stimmigen künstlerischen Designs fällt kaum störend auf, dass die Grafikengine von Human Revolution weit von High-End-Optik entfernt ist. Viele Räume und Objekte bestehen aus einfachen, glatten Flächen ohne aufwendige Texturen. Konsolenspieler sehen nur wenige richtig auffällige Unterschiede im Vergleich zur PC-Version mit Direct-X-11-Unterstützung, ärgern sich dafür aber über viel längere Ladezeiten. Ob nun beim Start eines abgespeicherten Spielstandes oder beim Betreten des nächsten Gebietes – Ladezeiten von einer Minute sind auf Xbox 360 und Playstation 3 nicht selten. Es lohnt sich also, vorsichtig zu agieren, um nicht allzu oft zum Neuladen gezwungen zu sein.

Deus Ex Human Revolution – Trailer (Story, Verschwörung)
Deus Ex Human Revolution – Trailer (Story, Verschwörung) (01:55)

Als weitere große Schwäche von Deus Ex: Human Revolution stellt sich die unbeholfene Präsentation der Gespräche im Spiel heraus. Die virtuellen Protagonisten bewegen ihre steifen Körper oft unpassend zum gesprochenen Text. Ihr puppenhaftes Auftreten erinnert eher an elektronische Figuren aus Freizeitparkattraktionen als an echte Menschen. Spieler wundern sich während der Gespräche auch über die sprunghaft wechselnde Kamera, die willkürlich und abrupt zwischen Nahaufnahme und Halbtotale hin- und herwechselt.

Die grundsätzlich überzeugenden Stimmen der deutschen Version sind im Spiel zu allem Überfluss überhaupt nicht lippensynchron.

Deus Ex: Human Revolution erscheint über Square Enix am 26. August 2011 für Windows-PC, Xbox 360 und Playstation 3. Es kostet als Standardausgabe auf allen Systemen rund 50 Euro und hat ohne inhaltliche Schnitte eine USK-Freigabe ab 18 Jahren erhalten. Mehrspielermodi hat es keine zu bieten.

Fazit

Es geht also auch ohne Serienschöpfer Warren Spector, der ja selbst für das schwächere Deus Ex 2 mitverantwortlich war. Dass die Präsentation der Serie in manchen Bereichen durchwachsen ist, hat Fans schon beim Erstling im Jahr 2000 kaum gestört. Glücklicherweise hat Human Revolution auch dessen Stärken erfolgreich reproduziert. Es erzählt eine wendungsreiche Neo-Noir-Story in einer beklemmenden Science-Fiction-Umgebung und bietet dem Spieler dabei mehr Freiheit als er es von anderen Genretiteln gewohnt ist. Mit dieser Kombination stellt sich das neue Deus Ex gegen den Trend der linearen Fast-Food-Action mit ausufernden Mehrspielerfunktionen. Abseits vollwertiger Rollenspiele einen vergleichbaren Titel mit derart packend erzählter Geschichte zu finden, dürfte in der aktuellen Spielegeneration äußerst schwierig sein.

Nachtrag vom 22. August, 21:23 Uhr

Der Artikel wurde um ein ausführliches Testvideo auf der ersten Seite ergänzt.


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