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Open Pandora im Test: Handheld für Retrogamer und Linux-Fans

Das Linux-Spielehandheld Open Pandora ist nichts für den Massenmarkt. Das Konzept und die Ausstattung des Projekts richten sich an Retrogamer, Linux-Fans, Admins und Entwickler. Für die Zielgruppe ist das Open Pandora ein gelungenes Spielzeug mit Spaßgarantie.
/ Sebastian Grüner
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Bild: Andreas Sebayang/Golem.de

Das Spielehandheld Open Pandora(öffnet im neuen Fenster) wird von einer Gemeinschaft aus Freiwilligen entwickelt und vertrieben. Die Initiatoren planten mit dem Open Pandora einen inoffiziellen Nachfolger für die Handhelds GP32 und GP2X des südkoreanischen Herstellers Gamepark Holdings. Als Firmware dient eine stark angepasste Version der Linux-Distribution Ångström(öffnet im neuen Fenster) . Die Entwickler nutzten die Version 2010.4, die auf dem Linux-Kernel 2.6.27 basiert. Für das Betriebssystem existieren inzwischen fünf Hotfixes, die Fehler in der Software beseitigen. Das wohl finale Hotfix 6 befindet sich noch im Entwicklungsstadium und soll die Nutzung weiter vereinfachen. In unserem Test nutzten wir die 4. Alphaversion von Hotfix 6.

Open Pandora – Test
Open Pandora – Test (02:48)

Hardware

Das Linux-Handheld verfügt über einen OMAP3530 mit 600 MHz als CPU (ARM Cortex-A8) und TMS320C64x+ mit 430 MHz als DSP. Für die OpenGL-ES-2.0-kompatible 3D-Hardwarebeschleunigung sorgt der Grafikkern PowerVR SGX530 mit 110 MHz. Dazu kommen 256 MByte DDR-333-SDRAM, 512 MByte NAND-Flashspeicher für das Betriebssystem und zwei SDHC-Speicherkartenslots.

Die Bildschirmausgabe erfolgt über einen 4,3 Zoll großen Touchscreen (LCD) mit 800 x 480 Pixeln, die Steuerung über eine QWERTY-Tastatur mit 43 Tasten, Nummerntasten sowie einer Gampad-Kombination aus Steuerkreuz, zwei analogen Nubs, vier Aktionstasten sowie zwei Schultertasten. Zum Schreiben von kurzen Texten ist die Tastatur gut geeignet, jedoch müssen die Tasten mit einigem Druck betätigt werden.

Zu den Schnittstellen zählen WLAN nach IEEE 802.11b/g, Bluetooth, USB 2.0 und ein S-Videoausgang. Für den Sound sorgen Stereolautsprecher, ein Kopfhörerausgang sowie ein integriertes Mikrofon.

Der Minirechner ist 140 mm breit, 82 mm tief, zugeklappt 27,5 mm dick und wiegt samt 4.000-mAh-Lithium-Polymer-Akku rund 330 Gramm. Das Open Pandora ist damit leicht größer als Nintendos 3DS. Die Akkulaufzeit soll unter Volllast mindestens 7 Stunden betragen, bei normaler Nutzung sollen mehr als 10 Stunden erreicht werden.

Zwei Paketsysteme

Das Pandora nutzt das Kommandozeilenwerkzeug opkg als Paketmanager. Damit kann standardmäßig auf das Repository von Ångström Linux(öffnet im neuen Fenster) zugegriffen werden. Das Pandora-Team entwickelte für das Handheld aber auch ein eigenes Paketsystem, welches PND-Pakete nutzt. Die PND-Pakete bestehen aus XML-Dateien sowie einem Archiv, das zurzeit aus einem ISO-Image oder einem Image auf Basis des komprimierten Dateisystems Squashfs besteht. Die PND-Pakete werden entweder auf den integrierten NAND-Flash oder auf einer SD-Karte gespeichert.

Verfügbare Anwendungen in dem Format lassen sich über das Programm PNDStore aus einem Community-Repository(öffnet im neuen Fenster) installieren oder sind über eine spezielle Webseite erhältlich(öffnet im neuen Fenster) , deren Layout der Bildschirmgröße des Handhelds entspricht. Installierte Anwendungen werden vom System erkannt und automatisch ins Menü integriert. Um nicht die gesamte SD-Karte zu scannen, untersucht das Open Pandora den Speicher jedoch nur auf eine bestimmte Ordnerstruktur.

Spiele aus 30 Jahren Zeitgeschichte

Das Open Pandora ist von Spielern für Spieler gemacht. Mittlerweile existiert deshalb eine riesige Anzahl an Emulatoren(öffnet im neuen Fenster) dafür. So stehen dem Nutzer unter anderem Dosbox, ScummVM oder Gnuboy zur Verfügung, aber auch Emulatoren des Atari 2600, Commodore 64, NES, SNES, Nintendo 64, der ersten Playstation, Segas Master System und Megadrive, der Neo Geo oder des Apple 2.

Dank dieser Fülle lässt sich fast jedes Computerspiel der 80er und vor allem der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts wiedererwecken, allen voran Klassiker wie Maniac Mansion, Donkey Kong, die Super-Mario-Reihe, Sonic, Zelda oder auch Silent Hill. Neben Spielen, die im Emulator laufen, sind auch GPL-lizenzierte Spiele wie Freeciv oder Battle For Wesnoth für das Open Pandora erhältlich. Selbst Quake 3 läuft auf dem Handheld , da die Grafik auf OpenGL basiert. Für den kurzen Zeitvertreib sind auch Minigames verfügbar, so zum Beispiel die Sammlung Pandora Panic, die dem Spieler eine hohe Reaktionsfähigkeit abverlangt.

Um flüssig spielen zu können, erfordern aufwendigere Spiele das Übertakten der CPU. Damit das möglichst einfach ist, kann die Taktfrequenz direkt über das GUI gesteuert werden. Die Portierung einiger bekannter freier Spiele wie 0 A.D.(öffnet im neuen Fenster) sind wegen der zu geringen Ressourcen des Pandora aber unwahrscheinlich. Ebenso unwahrscheinlich ist die Portierung kommerzieller Spiele großer Publisher, da der potenzielle Markt schlicht zu klein ist.

Desktopsoftware auf dem Open Pandora

Das Betriebssystem nutzt zwei verschiedene Oberflächen. Zum einen kann XFCE 4.6.1 verwendet werden, zum anderen das sogenannte Minimenü. Letzteres erinnert an die Oberfläche einer Spielekonsole. Damit können installierte Programme und vor allem die Spiele leicht gestartet werden. Allerdings verfügt es über deutlich weniger Funktionen als XFCE.

Dank der XFCE-Oberfläche kann das Open Pandora aber wie ein kleines Netbook genutzt werden. Um Büroarbeit zu erledigen, sind Abiword und Gnumeric vorhanden, ebenso der Dokumentenbetrachter Evince. Für die Multimediaunterstützung sind der VLC-Player und sogar XBMC verfügbar. Mit der freien MP3-Player-Firmware Rockbox(öffnet im neuen Fenster) verwandelt sich das Handheld in eine transportable Jukebox. Selbst Gimp und Inkscape wurden auf das Open Pandora portiert.

Um das Open Pandora auf die persönlichen Bedürfnisse anzupassen, hat das Team auch eigene Anwendungen entwickelt. So lassen sich die als Maus genutzten Nubs und der Touchscreen kalibrieren. In der aktuellen Firmware existiert auch ein Tool, um die Aktion festzulegen, die das Herunterklappen des Displays verursacht.

Allerdings ist die Nutzung einiger Anwendungen wegen des kleinen Bildschirms teils gar nicht oder nur sehr schwer möglich. Dazu gehören die genannten Grafikwerkzeuge. Einige GUIs der verwendeten Programme sind schlicht zu groß für das Open Pandora, so dass Einstellungen nur über Umwege vorgenommen werden können. Vorausgesetzt, der Nutzer kennt zum Beispiel die Position der Buttons einer Anwendung.

WLAN und HSPA

Die WLAN-Funktion des Open Pandora lässt sich per Knopfdruck aktivieren und deaktivieren. Mit dem Network-Manager-Applet lässt sich einfach eine Netzwerkverbindung aufbauen.

Über ein internes HSPA-Modul verfügt das Handheld nicht. Die Entwickler entschieden sich gegen eine Integration, da die Kosten dadurch unnötig stark gestiegen wären. Mit einem UMTS-Stick oder einem Smartphone, das Tethering unterstützt, ist das Open Pandora dennoch für das mobile Internet gerüstet. Allerdings arbeitet das Handheld nicht mit allen Geräten problemlos zusammen(öffnet im neuen Fenster) . Zum Browsen im Web stehen unter anderem Midori, Firefox, Chrome und Links bereit. Als E-Mail-Client kann Claws Mail genutzt werden.

Für Entwickler, Bastler und Frickler

Um direkt auf dem Gerät zu entwickeln und Quellcode zu kompilieren, finden sich im Community-Repository die C/C++-Development-Tools. Das entsprechende PND-Paket enthält unter anderem GCC 4.3.3, GNU Make und einige Bibliotheken. Weitere Build-Werkzeuge befinden sich im Ångström-Repository. Als Editoren sind Vi, Nano oder auch Emacs verfügbar. Um PND-Dateien selbst zu erstellen, kann das grafische Tool PNDBuilder genutzt werden. Der Quellcode des Kernels und des gesamten Betriebssystems sind via Git erreichbar(öffnet im neuen Fenster) .

Der Bootloader erlaubt auch das Starten eines anderen Betriebssystems von einer SD-Karte. Deshalb existieren Portierungen anderer freier Betriebssysteme(öffnet im neuen Fenster) für das Open Pandora. Zurzeit nutzbar sind Debian Squeeze, Arch Linux und Gentoo. In unserem Test lief Debian mit der XFCE-Oberfläche flüssig. Weitere Portierungen sind in Vorbereitung, dazu zählen Versionen von Ubuntu und FreeBSD. Für einen Android-Port haben Communitymitglieder sogar eine Prämie von 400 US-Dollar versprochen(öffnet im neuen Fenster) .

Dank des integrierten Bluetooth können auch die Wiimote und der Six-Axis-Controller der Playstation als Eingabegeräte genutzt werden. Das ist jedoch nur mit Einschränkungen möglich. Für interessierte Hardwarehacker existiert dazu ein Handbuch(öffnet im neuen Fenster) , in dem die Platine des Pandora ausführlich beschrieben wird.

Bezugsquellen

Die Pandora gibt es in keinem Geschäft, die Entwickler vertreiben die Handhelds über die eigens gegründete Firma Open Pandora Ltd. Die erste Produktionscharge mit 4.000 hergestellten Exemplaren konnte per Mail vorbestellt werden oder über die Onlineshops der Entwickler, wie den von Michael Mrozek(öffnet im neuen Fenster) alias Evildragon.

Die Preise der vorbestellten Handhelds wurden im Laufe der Zeit von 249 über 299 auf 330 Euro angepasst. Aufgrund der vielen Verzögerungen geriet das Projekt in eine finanzielle Schieflage. Deshalb können Vorbesteller ihr Pandora zu einem Premiumpreis von 440 Euro innerhalb von sieben Tagen erhalten . Damit sollen die Defizite ausgeglichen werden.

Die geplanten 8.000 Geräte der zweiten Produktionscharge können zum Preis von 440 Euro vorbestellt werden(öffnet im neuen Fenster) .

Fazit

Die von uns getesteten Betriebssysteme liefen auf dem Handheld größtenteils stabil. Die Standardfirmware des Open Pandora hatte in der von uns genutzten Vorabversion noch einige kleine Fehler. So verweigerte der E-Mail-Client Claws Mail seinen Dienst und bei Tastatureingaben kam es zeitweise zu starken Verzögerungen.

Als Retro-Spielehandheld ist das Pandora durchaus empfehlenswert. Die Vielzahl an Emulatoren lässt Erinnerungen der vergangenen Jahrzehnte wieder erwachen. Dank der Übertaktungsfunktion laufen sogar Playstationtitel wie Silent Hill oder OpenGL-Spiele wie Quake 3.

Wegen seiner offenen Struktur und der eingesetzten freien Software ist das Pandora aber auch ein gelungenes Spielzeug für Linux-Fans, Administratoren und Entwickler.


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