Zum Hauptinhalt Zur Navigation

Spieletest The Witcher 2: Verhext gutes Rollenspiel

Er ist Weiberheld, Königsretter, Schwertkämpfer und Hexenmeister: Geralt von Riva, die Hauptfigur im Rollenspiel The Witcher 2 . Das sorgt mit Prachtgrafik, spannend inszenierten Kämpfen und einer interessanten Handlung für viel Spaß – und schlägt Konkurrenten wie Dragon Age 2 um Längen.
/ Peter Steinlechner
52 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
The Witcher 2 (Bild: CD Project)
The Witcher 2 Bild: CD Project

"Wahrlich, nichts ist widerlicher auf Erden als jene Monster, welche da Hexer geheißen, sind sie doch Früchte der verruchtesten zaubrischen Teufeleien. Kreaturen ohne Anstand, Gewissen und Skrupel..." : Diese Worte eines Anonymous eröffnen das Intro von The Witcher 2 . Sonderlich beliebt scheinen Figuren wie der katzenäugige Geralt von Riva, Held des Rollenspiels, also nicht zu sein. Kein Wunder, dass er im Prolog seines jüngsten PC-Abenteuers in Ketten liegt – ihm wird ein Königsmord vorgeworfen. Im Grunde wissen auch nur Geralt selbst und der Spieler zu Beginn, dass ein anderer die Klinge am Hals des Monarchen angelegt hat. Um die Jagd auf diesen mysteriösen Mörder, einen riesigen und in Zwischensequenzen durchaus sympathischen Muskelberg, dreht sich ein Großteil der Handlung.

The Witcher 2 – Die ersten zehn Minuten
The Witcher 2 – Die ersten zehn Minuten (10:50)

Der Anfang von The Witcher 2 besteht aus einem längeren Prolog, der einen Teil der Vorgeschichte erzählt und den Spieler zum anderen mit der Steuerung vertraut macht. Anschließend geht es mit Geralt ins heruntergekommene Fischerdorf Flotsam. Dann führt ihn sein Weg immer weiter in die Fantasywelt hinein. Die meisten erfahrenen Spieler sehen nach rund 25 Stunden den Abspann, der übrigens nicht ganz mit dem teils furios inszenierten Großteil der Handlung mithalten kann – offenbar ist dem polnischen Entwicklerteam CD Project(öffnet im neuen Fenster) auf den letzten Metern die Puste ausgegangen. Ab und zu bezieht sich die Story auf Vorgänge und Figuren aus Teil 1, aber Einsteiger müssen nicht mit ernsthaften Verständnisschwierigkeiten rechnen. Im Laufe der Handlung kann Geralt mit seinen Entscheidungen weitreichenden Einfluss auf den Verlauf der Dinge nehmen, auch am Ende gibt es je nach Spielweise kleinere Unterschiede.

Neben der Haupthandlung gibt es zahlreiche Nebenmissionen, in denen Geralt Erfahrungspunkte sammeln und mehr über Land und Leute erfahren kann. Auch sonst gibt es viel zu tun: Der Spieler kann seine handwerklichen Fähigkeiten etwa bei der Kräuterkunde ausbauen oder Handel mit einer ganzen Reihe von Gegenständen treiben. Außerdem kann Geralt wieder Affären mit zahlreichen Frauen anfangen – wenn er die jeweilige Dame in die Kiste kriegt, sind ein paar erotische Szenen zu sehen, die für ein Computerspiel recht weit gehen. Wenn er nicht im Bett liegt, ist Geralt meist allein unterwegs, also ohne Begleitung durch eine Gruppe.

Kämpfe und Prügel

The Witcher 2 spielt sich vergleichsweise linear, Geralt ist im gerade aktuellen Gebiet sowie ein paar umliegenden Orten unterwegs. Trotzdem fühlt sich die Welt deutlich offener und glaubwürdiger an als zuletzt etwa Dragon Age 2 , zumal Geralt normalerweise zu Fuß statt mit der Schnellreisefunktion unterwegs ist – ein Problem ist das auch langfristig nicht, da die meisten Umgebungen recht kompakt ausgefallen sind.

The Witcher 2 – Assassin of Kings – Trailer
The Witcher 2 – Assassin of Kings – Trailer (02:04)

Das Kampfsystem unterscheidet sich deutlich vom Vorgänger. Jetzt kämpft Geralt in Echtzeit, indem der Spieler möglichst geschickt per Maus das Schwert schwingt und zuschlägt. Der Held kann Schläge abblocken und mit einer Rolle ausweichen. Außerdem kann er natürlich zu einer Reihe von Hexer-Zaubern greifen und Gegner zurückschlagen, einen Flammenball schleudern oder sich mit einer Energieschutzhülle umgeben. Ab und zu muss sich Geralt in Schlägereien ohne Waffen beweisen. Das funktioniert etwas anders und ähnelt eher einem Reaktionstest: Das Spiel blendet am Bildschirm kurz ein, welche der vier Bewegungstasten der Spieler drücken muss, den Rest erledigt das Programm. Nur die niedrigste der vier Schwierigkeitsstufen ist wirklich einfach, auf den höheren ist intensive Beschäftigung mit dem Meditations- und Tränkesystem angesagt, damit Geralt immer bestens vorbereitet in die Schlacht zieht. Der Spielstand lässt sich außerhalb von Kämpfen und Zwischensequenzen jederzeit sichern.

Grafisch macht The Witcher 2 einen tadellosen Eindruck. Geralt ist in wunderschön lichtdurchfluteten Wäldern unterwegs, er kämpft in imposanten Burgen und Schlössern, in nebelverhangenen Häfen und in düsteren Gefängniskellern. Die Umgebungen wirken abwechslungsreich, eher farbenfroh als düster, und sie sind teils recht spektakulär in Szene gesetzt – da haben die Leveldesigner auch einfach mal ein Loch in eine Wand gehauen, damit Geralt die Fernsicht bewundern kann. Auffallend gut gelungen sind auch unzählige Details: Beispielsweise tragen fast alle wichtigeren Figuren extrem aufwendig gestaltete Kleidung, die mit viel Geschmack und sehr stimmig zusammengestellt wurde.

Da wirkt es fast wie ein kleines Wunder, dass The Witcher 2 trotz der Pracht gerade mal Direct-X 9 verwendet. Um die Grafik an die Rechnerleistung anzupassen, gibt es ein gut gemachtes Auto-Detect-System. Grundsätzlich gibt es vier Grafikgrade, selbst auf dem niedrigsten – mit dem das Programm auch auf etwas älteren Rechner noch gut läuft – sieht das Programm klasse aus, selbst aktuelle Konkurrenztitel wie Dragon Age 2 wirken dagegen veraltet.

Hardware und Kopierschutz

Insgesamt sind die Systemanforderungen aber hoch: Die Entwickler empfehlen mindestens einen Rechner mit einem Prozessor vom Typ Intel Core 2 Duo mit 2,2 GHz oder einen AMD Athlon 64 X2 5000+. An Arbeitsspeicher sollte mindestens 1 GByte unter Windows XP und 2 GByte unter Vista und 7 vorhanden sein, die Grafikkarte muss über 512 MByte RAM und Pixel-Shader-3.0-Unterstützung verfügen – infrage kommt etwa eine Nvidia Geforce 8800 oder eine ATI Radeon HD3850. Wer vollen Spielspaß möchte, braucht einen Intel Core 2 Quad oder AMD Phenom X4, als RAM sollten 3 GByte unter Windows XP und 4 GByte unter Vista und 7 vorhanden sein. Die Grafikkarte sollte über 1 GByte RAM und natürlich ebenfalls Shader-Model-3.0-Unterstützung verfügen, etwa eine Nvidia Geforce GTX260 oder eine ATI Radeon HD4850.

The Witcher 2 ist bislang nur für Windows-PC erhältlich und kostet rund 50 Euro; Versionen für Xbox 360 und Playstation 3 sollen später folgen. Die im Laden erhältliche PC-Fassung verwendet Securom als Kopierschutz, sie muss nach der Installation einmalig online aktiviert werden, dabei wird gleich der erste, rund 50 MByte große Patch installiert. Anschließend ist keine Onlineverbindung nötig, und auch die DVD muss nicht im Laufwerk liegen. Das Spiel kann auf fünf Rechnern gleichzeitig eingerichtet sein, bei einer Deinstallation wird also eine Aktivierung wieder frei. Wer sich – freiwillig – registriert, kann unter anderem andere Sprachpakete und, später, kostenlose Erweiterungen laden. Alternativ kann Witcher 2 auch als Bezahldownload über Steam(öffnet im neuen Fenster) oder – DRM-frei – über GOG.com(öffnet im neuen Fenster) bezogen werden.

Das Programm läuft mit dem Aktivierungspatch ohne allzu große Probleme, beim Test mussten wir mit einem einzigen Vollabsturz leben – wenig im Vergleich zum Vorgänger. Hier und da hätte mehr Feintuning aber gutgetan. So ist das Anvisieren von Gegenständen, etwa zum Öffnen von Türen, übertrieben fummelig, einige Bildschirmschriften sind viel zu klein. Schade auch, dass an 4:3-Monitoren große schwarze Balken zu sehen sind.

Trotz Sexszenen und teils gewalthaltigen Kämpfen enthält die deutsche Version keine Schnitte. Insgesamt ist die Lokalisierung ausgesprochen gut gelungen, auch die Stimmen passen fast durchgehend gut zu den Figuren. Die USK hat eine Freigabe ab 16 Jahren erteilt.

Fazit

Wer sich auch nur ein bisschen für Fantasy-Rollenspiele am PC interessiert, sollte sich The Witcher 2 unbedingt näher anschauen. Die Entwickler von CD Project haben es geschafft, dem Hexer Geralt – eine der interessanteren Figuren der Spielebranche – eine fast von der ersten Minute an packende Handlung auf den Leib zu schneidern. Dazu kommt die teils imposante Grafik mit überwiegend sehr guten Animationen, oft unfassbar viel Liebe zum Detail, etwa bei der Gestaltung der Welt, und ein durchdachtes Rollenspielsystem. The Witcher 2 übertrifft unter anderem das erst vor kurzem veröffentlichte Dragon Age 2, jedenfalls in allen relevanten Punkten.

Ganz perfekt ist auch The Witcher 2 nicht. Wenn die Entwickler noch nachbessern, müssen sie sich noch das ein oder andere Detail vorknöpfen – etwa das fummelige System zum Aufnehmen von Gegenständen oder Öffnen von Türen. Auch ein paar kleinere Bugs verstecken sich noch immer im Code, und der ein oder andere Zauber ist einen Tick zu mächtig. Trotzdem, auch in der jetzt vorliegenden Version ist The Witcher 2 das beste PC-Rollenspiel seit sehr langer Zeit.


Relevante Themen